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»Sie kennen nun meine Geschichte und werden mich wohl nicht mehr fragen, was mich zur Schwermut stimmte. Lassen Sie mich immer diesem Trübsinne nachhangen! In der Erzählung, die ich Ihnen soeben mitteilte, liegt gewiß genug, um den Kelch, welchen Glück und Ruhm, wie Sie oft sagten, mir zur Erheiterung der einsamen Lebensjahre bereitet haben, wenn auch nicht zu vergiften, doch zu verbittern.

»Ich könnte noch manche Umstände hinzufügen, die unser alter Lehrer als Beweise für Unglückstage angeführt hätte; aber Sie möchten wohl lachen, wenn ich davon reden wollte, zumal da Sie wissen, daß ich selbst nicht daran glaube. Indes seit ich in dem Hause bin, woher ich Ihnen jetzt schreibe, habe ich ein seltsames Zusammentreffen von Umständen entdeckt, das uns künftig, wenn es sich wirklich bestätigen sollte, zu einer anziehenden Erörterung Stoff geben wird. Aber ich nehme Abschied von Ihnen, da ich eben jemand erwarte, mit dem ich über den Ankauf eines Gutes in dieser Gegend, das feil ist, sprechen will. Ich habe eine törichte Vorliebe für den Ort und hoffe, durch die Erwerbung des Gutes denjenigen, die es aufgeben müssen, nützlich zu werden, da man damit umgeht, es unter dem Werte zu verkaufen. Empfehlen Sie mich Ihrer Gemahlin, und obgleich Sie noch gern für einen lebhaften jungen Mann gelten wollen, so wage ich's doch, Ihnen den Auftrag zu geben, meine Tochter für mich zu küssen. Leben Sie wohl, lieber Mervyn.«

»Der Ihrige Mannering.«

Mac Morlan trat herein, als der Brief vollendet war. Dem verständigen und rechtlichen Manne war Oberst Mannering dem Rufe nach so vorteilhaft bekannt, daß er sich sogleich zu vertraulichen Mitteilungen bereit zeigte und die Vorteile und Nachteile des Kaufes auseinandersetzte. »Die Besitzung kann, wenigstens dem größten Teile nach, nur auf männliche Erben übergehen,« sprach er, »und der Käufer würde den Vorteil haben, einen ansehnlichen Teil des Kaufgeldes an sich zu behalten für den Fall, daß der Sohn, der in seiner Kindheit verschwunden ist, zurückkommen sollte.«

»Aber warum soll denn der Verkauf beschleunigt werden?« fragte Mannering.

»Angeblich,« antwortete Mac Morlan lächelnd, »um von dem Gelde Zinsen zu ziehen, statt unregelmäßig eingehenden Pachtgeldes von schlecht angebauten Ländereien; eigentlich aber, um die Wünsche und Absichten eines gewissen Mannes zu befriedigen, der als Hauptgläubiger das Gut zu erstehen denkt, und durch Mittel, die er selbst am besten kennen wird, die Sache so weit getrieben hat. Man meint, es werde ihm sehr gelegen kommen, das Gut zu kaufen, ohne den Kaufpreis zu bezahlen.«

Mannering überlegte mit Mac Morlan, wie diese unredlichen Absichten vereitelt werden könnten. Darauf sprachen sie lange über das seltsame Verschwinden des jungen Harry Bertram an demselben Tage, wo er fünf Jahre alt geworden, wodurch Mannerings Prophezeiung so merkwürdig in Erfüllung gegangen war. Mac Morlan, der zu jener Zeit noch nicht angestellt gewesen war, aber alle Umstände genau kannte, versprach dem Obersten, ihm von dem Unter-Sheriff selbst, der die Verhandlungen über jenes Ereignis geführt hatte, die umständlichste Nachricht zu verschaffen, und beide schieden, äußerst zufrieden miteinander.

Mannering wohnte am folgenden Tage dem Gottesdienste bei. Von Ellangowan war niemand in der Kirche, und man erzählte, das Befinden des alten Lairds sei eher schlimmer als besser geworden.

Dreizehntes Kapitel

Früh am nächsten Tage stieg Mannering zu Pferde und nahm, von seinem Diener begleitet, den Weg nach Ellangowan. Er brauchte keinen Führer; denn von allen Seiten strömten Kauflustige oder Neugierige zu dem Schlosse. Als er ungefähr eine Stunde geritten war, erblickte er die alten Türme der verfallenen Burg. Die Erinnerung an die ganz andern Empfindungen, womit er vor vielen Jahren den letzten Blick auf diese Trümmer geworfen, ergriffen sein Gemüt tief. Die Landschaft war noch die gleiche; aber wie so ganz anders waren die Gefühle, Hoffnungen, Erwartungen des Beschauers! Leben und Liebe waren für ihn zu jener Zeit neu, und ihre Strahlen vergoldeten die ganze Aussicht. Aber jetzt, getäuscht in der Liebe, gesättigt mit Ruhm und mit dem, was die Welt Glück nennt, trug er bittere, reuige Erinnerungen in der Seele, und seine beste Hoffnung war, eine einsame Zuflucht zu finden, wo er seiner Schwermut bis zum Grabe leben konnte ... »Warum klagen,« sprach er zu sich selbst, »über getäuschte Hoffnungen und verschwundene Aussichten? Hätten die alten Häuptlinge, die diese ungeheuren Türme erbauten, um der Macht ihres Hauses einen festen Sitz zu geben, – hätten sie es sich träumen lassen, daß einst der Tag kommen sollte, wo der letzte ihres Stammes aus seinem Eigentume wandern muß? Aber die Natur spendet ihre Wohltaten immer gleich! Mögen diese Trümmer Eigentum eines Fremden oder eines niederträchtigen Rechtsverdrehers sein, die Sonne wird sie so schön bescheinen, wie zu jener Zeit, wo das Banner ihres Erbauers auf ihren Zinnen wehte.«

Unter diesen Betrachtungen kam Mannering vor die Tür des Hauses, das für jedermann offen stand. Er ging mit andern hinein, die durch die Zimmer wanderten, um sich Gegenstände zum Kauf auszusuchen oder ihre Neugier zu befriedigen. Es liegt etwas Trauriges in solchem Schauspiele, selbst wenn die Umstände am günstigsten liegen. Der Wirrwarr unter dem Hausgeräte, das, um die Kauflust zu wecken und den Transport zu erleichtern, gruppenweise zusammengestellt ist, wirkt auf das Auge unangenehm. Dinge, die sich an den ihnen zukommenden Plätzen nett und gut ausnehmen, sehen dann schlecht und armselig aus, und die Zimmer, von allem entblößt, was sie bequem und angenehm macht, zeigen ein wüstes, ödes Bild, wie auch jetzt in Ellangowan, hier aber doppelt peinlich, weil alles mit auf den Untergang eines alten Geschlechtes des Landes, auf den Verfall eines seiner Ursitze deutete.

Es dauerte lange, ehe Mannering jemand fand, der auf seine wiederholten Fragen nach dem alten Laird von Ellangowan Antwort zu geben Lust hatte. Eine bejahrte Magd erzählte ihm endlich, indem sie sich die Tränen aus dem Auge wischte, mit dem Laird ginge es kaum besser, man hoffe aber, er werde das Haus noch heute verlassen können. Fräulein Lucy, setzte sie hinzu, erwarte jeden Augenblick die Kutsche, und da das Wetter für die Jahreszeit mild und freundlich sei, habe man den alten Herrn in seinem Lehnstuhle auf den grünen Platz vor dem alten Schlosse getragen, damit er das traurige Schauspiel nicht mit ansehen müsse.

Mannering begab sich dorthin und erblickte bald die kleine Gruppe. Da der Weg steil hinanging, hatte er Zeit, die Gestalten zu betrachten und zu überlegen, wie er ihnen entgegenträte. Bertram, gelähmt, fast außerstande, sich zu bewegen, saß in seinem Armstuhl, eine Zipfelmütze auf dem Kopfe, in einem weiten Kamelottrock, die Füße mit Tüchern umwickelt. Hinter ihm stand, die Hände auf dem stützenden Stocke kreuzend, Sampson, den Mannering sogleich wiedererkannte. Die Zeit hatte ihn gar nicht verwandelt, außer daß sein schwarzer Rock brauner geworden war und seine magern Wangen noch schlaffer herabhingen als zu der Zeit, da Mannering ihn zum erstenmal gesehen. Auf der einen Seite des alten Mannes stand eine holde Gestalt, ein Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren, die Mannering für die Tochter halten zu sollen glaubte. Sie blickte von Zeit zu Zeit kummervoll nach dem Fahrwege, der zu der Burg führte, als ob sie der Kutsche entgegensähe, zupfte zuweilen die Tücher um des Vaters Füße zurecht, oder beugte sich zu ihm herab, um Fragen zu beantworten, die er ungeduldig und verdrießlich zu stellen schien. Sie getraute sich nicht, nach dem Wohnhause zu sehen, obgleich das Gemurmel der dort versammelten Menge ihre Blicke dahin ziehen mußte. Die vierte Gestalt in der Gruppe war ein schöner junger Mann, der des Mädchens Bekümmernis und ihre Sorgfalt, des Vaters Zustand zu lindern, zu teilen schien.