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Der Führer hörte ihm mit einer Gleichgültigkeit zu, die dem Schotten, da er die Umstände kannte, ganz unverständlich blieb. »Wenn Ihr Euer Vorhaben ausführt,« sagte der Zigeuner, »so geht die Gefahr von Euch auf mich über.«

»Sagtest Du nicht eben, Du könntest Dein eigenes Schicksal nicht vorhersagen?« entgegnete Quentin.

»Nicht in der Art, wie ich Euch das Eurige vorhergesagt habe,« antwortete Hayraddin; »allein man darf Ludwig von Valois nur wenig kennen, um vorauszusagen, daß er Euern Führer hängen lassen wird, weil es Euch gefiel, von dem Wege, den er empfohlen, abzugehen.«

»Wenn wir das Ziel unserer Reise glücklich erreichen, so wird er uns auch eine kleine, den Zweck der Reise fördernde und sichernde Abweichung von der vorgeschriebenen Reiseroute nicht verübeln.«

»Ja,« antwortete der Zigeuner, »wenn Ihr der Absicht des Königs gewiß seid, daß die Pilgerfahrt so enden sollte, wie er Euch glauben ließ.«

»Und wie konnte er etwas anderes dabei gewollt haben, als er in seinen Instruktionen aussprach?« fragte Quentin.

»Ganz einfach deswegen,« versetzte der Zigeuner, »weil denen, welche den allerchristlichsten König nur etwas kennen, bekannt sein muß, daß er das, was ihm am Herzen liegt, am wenigsten laut werden läßt. Laßt unsern gnädigen König zwölf Gesandtschaften schicken, und ich verschreibe meinen Hals dem Galgen ein Jahr früher, als er ihm anheimfällt, wenn nicht elfe derselben anders instruiert sind, als ihr Beglaubigungsschreiben ausweist.«

»Was gehen mich Eure schändlichen Vermutungen an?« erwiderte Quentin; »mein Auftrag lautet klar und einfach dahin, die Damen sicher nach Lüttich zu geleiten, und ich nahm mir heraus, zu glauben, daß ich mich dessen am besten entledige, wenn ich von der vorgeschriebenen Reiseroute abgehe und den Weg auf dem linken Ufer der Maas einschlage. Es ist auch die gerade Straße nach Lüttich. Wenn wir über den Fluß gehen, verlieren wir unnützerweise Zeit und ermüden uns ohne Zweck – und wozu das?«

»Einzig deswegen, weil Pilgrime, die nach Köln wallfahrten, – und dafür wollen sie doch gelten,« entgegnete Hayraddin, »gewöhnlich nicht so weit an der Maas hinabgehen; und weil man so den Weg, den die Damen nehmen, mit ihrer angeblichen Bestimmung im Widerspruch finden wird.«

»Werden wir darüber zur Rede gestellt,« sagte Quentin, »so sagen wir, daß uns beunruhigende Gerüchte von dem gottlosen Herzog von Geldern oder von Wilhelm von der Mark oder von den Ecorcheurs und Landsknechten auf dem rechten Ufer des Flusses vermocht hätten, uns lieber auf dem linken zu halten.«

»Wie Ihr wollt, guter Herr,« antwortete der Zigeuner. – »Ich für mein Teil führe Euch ebenso gern an der linken, als an der rechten Seite der Maas hinab – bei Eurem Herrn mögt Ihr Euch dann selbst entschuldigen.«

Quentin, obgleich hierüber sehr erstaunt, freute sich indessen sehr über Hayraddins bereitwilliges Einverständnis; denn er bedurfte seiner als Führer und hatte gefürchtet, daß die Vereitelung seines beabsichtigten Verrats ihn aufs äußerste treiben würde. Ihn aus ihrer Gesellschaft zu entfernen, wäre der geradeste Weg gewesen, Wilhelm von der Mark, mit dem er in Verbindung stand, auf ihre Spur zu bringen; dahingegen Quentin, wenn er bei ihnen blieb, es wohl so einrichten zu können glaubte, daß Hayraddin mit niemand Gemeinschaft pflegen konnte.

Man gab daher jeden Gedanken an ihre ursprüngliche Reiseroute auf, und der kleine Zug verfolgte jetzt den Weg auf dem linken Ufer der Maas so eilig und so glücklich, daß sie schon am nächsten Morgen frühzeitig das Ziel ihrer Reise erreichten.

Schluß des ersten Bandes.

Zweiter Band

Erstes Kapitel

Der Bischof von Lüttich befand sich seiner Gesundheit wegen, wie er sagte, oder, was wahrscheinlicher war, um einen Ueberfall von seiten der zahlreichen und aufrührerischen Volksmenge der Stadt zu vermeiden, auf seinem anmutigen Schlosse Schönwald, etwa eine Meile von Lüttich.

Gerade als sie sich dem Schlosse näherten, sahen sie den Prätaten in einer langen Prozession aus der nahen Stadt zurückkehren, wo er ein feierliches Hochamt gehalten hatte. Er befand sich an der Spitze eines glänzenden Zugs von Geistlichen, Beamten und Kriegern. Als aber unsere Reisenden näher kamen, fanden sie, daß rings um das Schloß her Sicherheitsmaßregeln getroffen waren, die dem Pompe und der Macht sehr widersprachen, von deren Entfaltung sie soeben Zeugen gewesen waren. Starke Wachen bischöflicher Soldaten waren rings um die Wohnung und in ihrer nächsten Umgebung aufgestellt, und das kriegerische Ansehen dieses geistlichen Hofes verkündigte, daß der ehrwürdige Prälat Gefahren fürchtete, die es notwendig machten, sich mit allen kriegerischen Verteidigungsmaßregeln zu umgeben. Die Gräfinnen von Croye wurden, nachdem sie von Quentin angemeldet worden, ehrerbietig in die große Halle geführt, wo der Bischof an der Spitze seines kleinen Hofes ihnen entgegentrat und sie aufs herzlichste empfing.

Ludwig von Bourbon war in der Tat ein edelmütiger, gutherziger Fürst, dessen Leben sich freilich nicht immer innerhalb der Grenzen seiner geistlichen Würden gehalten, der aber nichtsdestoweniger den offenen und ehrenwerten Charakter des Hauses Bourbon, von welchem er abstammte, jederzeit behauptet hatte.

Er war beliebt unter den benachbarten Fürsten als ein edler geistlicher Herr, freisinnig und prachtliebend. Doch regierte er mit einer bequemen Sorglosigkeit, welche seine wohlhabenden und aufrührerischen Untertanen in ihren rebellischen Anschlägen mehr anspornte als zügelte. Der Bischof war mit dem Herzog von Burgund intim befreundet, so daß letzterer in dem Bistume desselben beinahe ebenso unumschränkt waltete; der Herzog pflegte zu sagen, er betrachte Lüttich als sein Eigentum und den Bischof als seinen Bruder (wofür er auch wirklich gelten konnte, weil der Herzog des Bischofs Schwester auch in erster Ehe zur Gemahlin gehabt hatte) und daß, wer Ludwig von Bourbon etwas zuleide tue, es mit Karl von Burgund zu tun habe.

Der Prälat versicherte, wie schon bemerkt, die Gräfinnen von Croye seines ganzen Einflusses am Hofe zu Burgund. Er versprach ihnen auch allen Schutz, der in seiner Macht stehen würde; allein ein Seufzer, der diese Zusicherung begleitete, schien zu gestehen, daß seine Macht weit unbedeutender sei, als er füglich mit Worten eingestehen dürfe.

Getrennt von der Gräfin Isabelle, deren Blicke so viele Tage sein Leitstern gewesen waren, fühlte Quentin eine seltsame Leere und Beklommenheit des Herzens, die er in allen seinen bisherigen Lebensverhältnissen noch nie empfunden hatte; und sein stolzes Herz empörte sich bei dem Gedanken, daß man ihn gleich einem gewöhnlichen Postillon oder einem Geleitsmann, der sich nun seiner Obliegenheit entledigt habe, verabschiedete; der Gram hierüber entlockte seinen Augen insgeheim eine Träne über die Trümmer von Luftschlössern, die seine Einbildungskraft ihm während dieser so interessanten Reife vor sein geistiges Auge gezaubert hatte. Er machte einen männlichen, obwohl anfangs vergeblichen Versuch, diese Niedergeschlagenheit des Geistes zu überwinden; und unter der Last von Empfindungen, die er nicht unterdrücken konnte, setzte er sich nieder in eine der Fenstervertiefungen der großen, gotischen Halle von Schönwald und sann hier über das harte Schicksal nach, das ihm weder Rang noch Reichtum genug verliehen hatte, um seine kühne Bewerbung durchzuführen. Da wurde er durch einen leichten Schlag auf die Schulter in seinem Sinnen unterbrochen, und als er sich umsah, sah er den Zigeuner hinter sich stehen.

Hayraddin, nie ein willkommener Anblick für ihn, hatte sich ihm seit seiner letzten Verräterei vollends verhaßt gemacht, und Quentin fragte ihn deshalb in ernstem Tone, »wie er dazu komme, einen Christen von Stand und Ehre zu berühren?« – »Bloß deshalb,« erwiderte der Zigeuner, »weil ich wissen wollte, ob der christliche Edelmann sein Gefühl ebenso verloren habe, wie seine Augen und Ohren. Ich stehe nun schon fünf Minuten hier und spreche zu Euch, und Ihr habt immer auf das Blatt gelben Pergaments hingestarrt, als hätte es die Zauberkraft, Euch in eine Bildsäule zu verwandeln, und schon halb seine Wirkung vollendet.« – »Nun, was begehrst Du? sprich und geh Deiner Wege!« – »Ich begehre, was alle Leute begehren, obgleich wenige damit zufrieden sind,« sagte Hayraddin; »ich begehre meinen Lohn, meine zehn Goldkronen, dafür, daß ich die Damen hierher geleitet habe.« – »Mit welcher Stirn willst Du noch einen Lohn verlangen, außer dem, daß ich Deines unwürdigen Lebens geschont habe?« fragte Quentin entrüstet; »Du weißt, daß es Deine Absicht war, sie auf dem Wege zu verraten.« – »Aber ich habe sie doch nicht verraten,« sagte Hayraddin; »hätt ich's getan, so wollt ich weder Euch noch sie um den Lohn angegangen haben, sondern den, dem ich dadurch, daß wir auf dem rechten Ufer gereist wären, einen Dienst geleistet hätte. Diejenigen, denen ich gedient habe, müssen auch bezahlen.« – »So fahre denn Dein Lohn samt Dir dahin, Verräter!« sagte Quentin, indem er das Geld hinzählte; denn er hatte als Haushofmeister eine Summe zur Bestreitung solcher Ausgaben erhalten. »Geh nun zum Eber der Ardennen oder zum Teufel; nur komm mir nimmer unter die Augen, damit ich Dich nicht vor Deiner Zeit zu ihm befördere.«