Mit diesem Entschlusse trat Quentin zum Haupttor ein, wo er in der großen Halle den Hofhalt des Bischofs mit Einschluß seiner geistlichen Diener, der Hausbeamten und Fremden, die nicht zum hohen Adel gehörten, bereits an der Tafel fand. Am obern Ende des Tisches war jedoch neben dem Hauskaplane des Bischofs ein Platz freigelassen, der den Fremden mit dem alten Scherze: »Wer zu spät kommt, erhält die Knochen« bewillkommnete, zugleich aber Sorge trug, seinen Teller mit Leckerbissen zu beladen, die seinen gutmütigen Spaß würzen sollten.
Um sich von dem Verdachte schlechter Lebensart zu reinigen, beschrieb Quentin kurz den Auflauf, den seine schottische Mütze verursacht, und suchte seiner Erzählung dadurch eine scherzhafte Wendung zu geben, daß er sagte, mit Mühe habe er sich von dem Gewirr vermittelst eines wohlbeleibten Bürgers und dessen schöner Tochter losgemacht.
Allein die Gesellschaft nahm zu großen Anteil an der Erzählung, als daß der Scherz an seinem Orte gewesen wäre. Alle Bewegungen am Tische waren gehemmt, als Quentin zu erzählen begann, und als er geendet hatte, erfolgte eine feierliche Pause, die nur durch den Haushofmeister unterbrochen wurde: »Wollte Gott, wir hätten schon hundert Lanzen von Burgund!«
»Was sollte Euch denn gerade an ihnen soviel gelegen sein?« fragte Quentin, – »Ihr habt soviele Soldaten hier, denen das Kriegshandwerk Beruf ist, während Eure Gegner aus dem Pöbel einer meuterischen Stadt bestehen, der bei dem ersten Wehen des Banners von Bewaffneten die Flucht ergreifen wird.«
»Da kennt Ihr die Lütticher Bürger nicht,« versetzte der Kaplan, »von denen man wohl behaupten darf, daß sie die ungestümsten und unbändigsten Leute in ganz Europa sind. Möge nur Gott alles zum besten wenden! Allein ich fürchte, es wird einen blutigen Kampf setzen; ich wollte lieber, mein trefflicher, gütiger Herr hätte einen sicheren, wenn auch minder ehrenvollen Sitz; denn seine Bischofsmütze ist, statt mit Hermelin, mit Dornen gefüttert. Dies alles sage ich Euch, Herr Fremder, um Euch aufmerksam zu machen, daß Schönwald, wenn Eure Geschäfte Euch nicht drin festhalten, ein Ort ist, den jeder vernünftige Mann sobald als möglich verläßt. Ich glaube, Eure Damen sind derselben Meinung, denn sie haben einen der Reitknechte, die sie bisher begleiteten, mit Briefen an den Hof von Frankreich zurückgeschickt, ohne Zweifel, um melden zu lassen, daß sie die Absicht haben, einen sichreren Aufenthaltsort aufzusuchen.«
Zweites Kapitel
Nach aufgehobener Tafel führte der Kaplan den jungen Schotten, an dessen Gesellschaft er ein besonderes Interesse gefunden zu haben schien, in ein Nebengemach, dessen Fenster auf einer Seite in den Garten gingen. Als er sah, daß sein Begleiter verlangende Blicke dahin warf, schlug er ihm vor, hinunter zu gehen und die merkwürdigen Gewächse in Augenschein zu nehmen, mit denen der Bischof seine Blumenbeete bereichert hatte. Quentin entschuldigte sich, daß er wegen der ihm am Morgen widerfahrenen Unbill die Einladung ablehnen müßte. Der Kaplan lächelte und fügte: »es bestehe allerdings ein altes Verbot hinsichtlich des bischöflichen Gartens, allein,« setzte er lächelnd hinzu, »dies galt nur damals, als unser ehrwürdiger Vater ein fürstlicher, junger Prälat von nicht mehr denn dreißig Jahren war, und viele schöne Damen, um geistliche Tröstung zu suchen, auf das Schloß kamen; und da war es,« schloß er mit niedergeschlagenen Augen und einem halb einfältigen, halb klugen Lächeln, »allerdings notwendig, daß diese schönen Büßerinnen, die sich bei uns aufhielten, einen Raum hatten, wo sie Luft schnappen konnten, ohne von der Zudringlichkeit profaner Blicke belästigt zu werden; allein in spätern Jahren wurde dieses Verbot, wenngleich nicht förmlich zurückgenommen, doch ganz und gar nicht beachtet und spuckt nur noch in dem Gehirn des alten Zeremonienmeisters. Wenn es Euch gefällt, so gehen wir sogleich hinab und sehen, ob der Ort geheuer ist oder nicht.«
Nichts konnte Quentin angenehmer sein als die Aussicht, mit dem Gegenstande seiner Zärtlichkeit in Verbindung zu treten oder ihn wenigstens zu Gesicht zu bekommen, sei es nun von einem Turmfenster oder Balkon oder einem ähnlichen vorteilhaften Plätzchen aus, wie es in dem Gasthof zur Lilie bei Plessis oder in dem Dauphinsturme des Schlosses Plessis selbst der Fall war. Isabelle schien nun einmal bestimmt, allenthalben, wo sie sich aufhielt, die Dame vom Turme zu sein.
Der geistliche Herr entschuldigte sich jedoch, kaum daß sie im Garten waren, bei seinem neuen Freunde, daß ihn sein Dienst anderswohin rufe, gab ihm aber von neuem die Versicherung, daß er sich bis zum Abendessen ungestört in dem Garten ergehen könnte.
Man kann sich leicht vorstellen, daß Quentin den Garten recht aufmerksam musterte, und daß ihm ein Fenster in der Nähe der kleinen Haustür nicht entging, durch die seiner Meinung nach Hayraddin von Marthon in die Gemächer der Gräfinnen geführt worden war; allein nichts regte oder zeigte sich, was die Erzählung des Zigeuners zu widerlegen oder zu bestätigen schien, bis es endlich dunkel wurde. Quentin beschlich allmählich, er wußte selbst nicht warum, die Furcht, daß sein langes Verweilen im Garten Mißfallen oder Verdacht erregen möchte. Gerade als er beschlossen hatte, sich zu entfernen, und zum letztenmale unter den Fenstern, die eine so große Anziehungskraft für ihn hatten, umher ging, hörte er über sich ein leises, behutsames Gähnen, als ob seine Aufmerksamkeit, von andern unbemerkt, erregt werden solle. Wie er in freudiger Ueberraschung aufblickte, öffnete sich das Fenster und eine weibliche Hand ließ ein Billett herabfallen, das in einen Rosmarinstock am Fuße der Mauer fiel. Es aufraffen, in den Busen stecken und in einer Felsgrotte verschwinden, die in der Nähe lag, war das Werk eines Augenblicks. »Lest dies insgeheim,« begann das Briefchen, und der Inhalt war folgender: »Was Eure Augen zu kühn ausgesprochen haben, haben die meinigen vielleicht zu schnell verstanden, aber ungerechte Verfolgung macht ihre Opfer kühn, und besser ist's, mich der Dankbarkeit eines hinzugeben, als der Gegenstand der Nachstellung für viele zu sein. Das Glück thront auf einem Felsen, aber der Tapfere scheut sich nicht, ihn zu erklimmen; getraut Ihr Euch, etwas für ein weibliches Wesen, das in Gefahr ist, zu wagen, so kommt morgen früh zur Stunde der Frühmesse in diesen Garten und tragt auf Eurer Mütze eine blaue und weiße Feder; erwartet aber keine andere Mitteilung. Euer Stern hat Euch, sagt man, zur Größe bestimmt, und Euer Herz der Dankbarkeit geöffnet. – Lebt wohl, seid treu, pünktlich und entschlossen, und zweifelt nicht an Euerm Glücke.« In diesem Briefe lag ein Ring mit einem Tafeldiamant, in den das altertümliche Wappen des Hauses Croye geschnitten war.
Die erste Empfindung Quentins bei dieser Gelegenheit war ungemischtes Entzücken, ein Stolz und eine Wonne, die ihn zu den Sternen zu erheben schienen, ein Entschluß zu siegen oder zu sterben, der ihn alle die tausend Hindernisse verachten ließ, die sich zwischen ihn und das Ziel seiner Wünsche stellten. In diesem Zustande des Entzückens unfähig, eine, wenn auch nur augenblickliche Zerstreuung zu ertragen, die seine Gedanken von einem so beglückenden Gefühle abwenden konnte, zog sich Durward sogleich in das Innere des Schlosses zurück, schützte wie früher Kopfschmerzen vor, um nicht mit dem Hofstaate des Bischofs sich beim Abendessen einfinden zu müssen, zündete seine Lampe an und begab sich auf das ihm angewiesene Zimmer, um das kostbare Billett zu lesen und wieder zu lesen und den nicht minder köstlichen Ring tausendmal zu küssen.
Zur Stunde der Frühmette, ja eine Stunde früher schon, trotzdem er eine sehr unruhige Nacht gehabt, war er in dem Schloßgarten, wo sich jetzt niemand seinem Eingang oder Verweilen widersetzte, mit einem Federbusch von der bezeichneten Farbe auf der Mütze, so gut er ihn in der Eile verschaffen konnte. Zwei ganze Stunden ward von seiner Anwesenheit keine Kenntnis genommen; endlich hörte er einige Lautentöne, und sogleich öffnete sich das Fenster gerade über dem kleinen Pförtchen, durch das Hayraddin eingelassen worden, und Isabelle erschien in jungfräulicher Schönheit, halb schüchtern, errötete hoch bei der tiefen, bedeutungsvollen Verbeugung, mit der er ihren Gruß erwiderte – verschloß das Fenster wieder und verschwand.