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Das helle Tageslicht ließ ihn nichts weiter entdecken. Die Echtheit des Billetts war nun erhoben – es fragte sich bloß, was darauf folgen sollte, und darüber hatte ihm die schöne Briefstellerin keinen Wink gegeben. Indessen drohte keine unmittelbare Gefahr; die Gräfin befand sich in einem festen Schlosse unter dem Schutze eines Fürsten, dessen weltliche Macht ebenso bedeutend wie sein geistliches Ansehen war.

Auch bot sich weder Veranlassung noch Gelegenheit für den unternehmenden Schildknappen, in die Angelegenheit selbst einzugreifen; es war hinreichend für ihn, wenn er sich bereit hielt, Befehle zu vollziehen, sobald ihm solche zukamen. Allein das Schicksal hatte beschlossen, ihn früher als er glaubte, in Tätigkeit zu setzen.

Es war die vierte Nacht nach seiner Ankunft in Schönwald, als Quentin Maßregeln getroffen hatte, am folgenden Morgen den Reitknecht, der ihn auf der Reise begleitete, an den Hof Ludwigs zurückzusenden, und zwar mit den Briefen von ihm an seinen Oheim und Lord Crawford, worin er den französischen Dienst aufsagte; denn der Verrat, dem er durch Hayraddins geheime Instruktionen ausgesetzt worden war, rechtfertigte diesen Schritt aus Gründen sowohl der Ehre als der Klugheit. Und nun legte er sich zu Bette, mit allen den rosenfarbenen Gedanken, die das Lager eines innig liebenden Jünglings umgaukeln, der seine Liebe aufrichtig erwidert glaubt.

Allein Quentins Träume, welche anfangs die Farbe der lieblichen Bilder hatten, unter denen er eingeschlafen war, begannen allmählich einen furchtbaren Charakter anzunehmen. Er wandelte nämlich mit Gräfin Isabelle das Gestade eines spiegelglatten Landsees entlang, dem ähnlich, der eine Haupteigentümlichkeit in der Landschaft seines heimatlichen Bergtales ausmachte, und sprach mit ihr von seiner Liebe, ohne an die vielen Hindernisse zu denken, die sich derselben entgegenstellten. Sie errötete und lächelte, indem sie ihm zuhörte, gerade wie er es nach dem Inhalte des Briefes erwarten konnte, der ihm Tag und Nacht am Herzen ruhte. Allein plötzlich ging die Szene vom Sommer in den Winter über, von der Ruhe und Stille zum Sturme; Winde und Wellen erhoben sich mit solchem Ungestüm, als ob die Geister des Wassers und der Luft um ihre Herrschaft stritten. Schwellende Gewässer schienen sie weder vorwärts noch rückwärts lassen zu wollen, der wachsende Sturm, der sie gegeneinander warf, ihr längeres Verweilen an diesem Orte unmöglich zu machen, und die stürmischen Gefühle, durch die anscheinend dringende Gefahr erregt, erweckten endlich den Träumer.

Er erwachte; allein obgleich das Traumgesicht verschwunden war und der Wirklichkeit Raum gegeben hatte, ertönte dennoch das Geräusch, welches wahrscheinlich den Traum veranlaßt hatte, noch immer an seinen Ohren fort. Quentins erste Bewegung war, sich im Bette aufzurichten und mit Verwunderung auf die Töne zu horchen, die einen furchtbaren Sturm verkündeten. Einen Augenblick darauf überzeugte er sich, daß der Aufruhr nicht von der Wut der Elemente, sondern der Menschen hervorgebracht wurde. Er sprang vom Bette auf und schaute zum Fenster seines Zimmers hinaus; allein es ging auf den Garten, und auf dieser Seite war alles ruhig. Da wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich auf ein Pochen an der Tür seines Zimmer gerichtet. Als er nicht sogleich antwortete, wurde die Tür, die nicht besonders stark war, gesprengt, und herein trat ein Mann, den er an seiner besonderen Sprache sogleich als den Zigeuner Hayraddin Maugrabin erkannte. Eine Pistole, die er in der Hand hielt und mit einer Lunte berührte, brachte sogleich eine düsterrote Flamme hervor, an der er eine Lampe, die er aus dem Busen zog, anzündete.

»Das Horoskop Eurer Schicksale,« sprach er zu Durward mit Nachdruck, ohne ihn weiter zu begrüßen, »hängt jetzt von der Entscheidung eines Augenblicks ab.« – »Schurke!« sprach Quentin hierauf, »hier ist Verrat; und wo Verrat ist, mußt Du immer die Hand im Spiele haben.« – »Ihr seid toll,« antwortete Maugrabin; »ich habe nie jemand verraten, wenn es mir keinen Nutzen brachte; und warum sollt' ich Euch verraten, da für mich bei Eurer Rettung mehr als bei Eurem Untergange zu gewinnen ist? Gebt nur für einen Augenblick, wenn es Euch möglich ist, der Vernunft Gehör, ehe sie durch den Todesklang des Verderbens in Euer Ohr gerufen wird. Die Lütticher sind im Aufstande und Wilhelm von der Mark führt sie an; gäbe es auch Mittel zum Widerstande, ihre Zahl und ihre Wut würden sie besiegen! Allein es sind keine vorhanden. Wollt Ihr die Gräfin und Eure eigene Hoffnung retten, so folgt mir im Namen derjenigen, die Euch den Tafeldiamant mit den drei Leoparden darauf sandte!« – »Zeigt mir den Weg,« sagte Quentin eilig – »auf diesen Namen hin trotze ich jeglicher Gefahr.« – »Wie ich Euch leiten werde,« sagte der Zigeuner, »ist keine Gefahr dabei, wenn anders Ihr Eure Hand von einem Kampfe, der Euch nichts angeht, zurückhalten könnt, denn was geht es Euch im Grunde an, ob der Bischof, wie sie ihn heißen, seine Herde, oder die Herde den Schäfer schlachtet! Ha! ha! ha! – Folgt mir, aber mit Vorsicht und Geduld; bändigt Euren Mut, und überlaßt Euch meiner Klugheit – meine Schuld der Dankbarkeit ist dann bezahlt, und Ihr habt eine Gräfin zur Gemahlin – folgt mir.« – »Ich folge,« versetzte Quentin, sein Schwert ziehend; »aber in dem Augenblick, wo ich das geringste Zeichen von Verrat entdecke, liegen Dein Haupt und Dein Rumpf drei Ellen voneinander.«

Ohne weiter ein Wort zu wechseln, eilte der Zigeuner, da er sah, daß Quentin nun ganz bewaffnet und gerüstet war, die Treppen vor ihm hinab und wandte sich schnell durch verschiedene Seitengänge, bis sie endlich den kleinen Garten erreichten. Kaum ein Licht war auf dieser Seite zu sehen, kaum hörte man im Hause ein Geräusch, aber Quentin war nicht sobald ins Freie getreten, als das Getöse an der entgegengesetzten Seite des Schlosses zehnmal furchtbarer sich vernehmen ließ und er deutlich die verschiedenen Losungsworte: »Lüttich! der Eber! der Eber!« von den Stürmenden rufen hörte, indes der schwächere Ruf: »Die heilige Jungfrau für den Fürstbischof!« mit matter und sinkender Stimme von seiten derer erklang, die, obwohl überfallen und im Nachteil, zur Verteidigung auf die Mauern geeilt waren.

Ungeachtet des kriegerischen Charakters, den Quentin Durward besaß, war ihm doch der Ausgang des Gefechts gleichgültig, wenn er an das Schicksal der Gräfin Isabelle von Croye dachte, das, wie er allen Grund zu fürchten hatte, schrecklich sein mußte, wenn sie nicht aus der Gewalt dieses ausschweifenden und grausamen Freibeuters, der eben, wie es schien, im Begriff war, die Schloßtore zu sprengen, befreit wurde. Er versöhnte sich mit dem Gedanken an die Hilfe des Zigeuners und folgte ihm durch den Garten hin, in der Absicht, sich solange von ihm leiten zu lassen, bis er Spuren von Verrat entdeckte; dann aber wollte er ihm das Herz durchbohren oder den Kopf vom Leibe hauen. Hayraddin schien selbst einzusehen, daß seine Sicherheit an einem Haare hänge; denn er vergaß, sobald sie ins Freie kamen, aller seiner gewohnten Scherze und Schwänke und schien ein Gelübde getan zu haben, sich mit Bescheidenheit, Mut und Tüchtigkeit zu benehmen.

An der zu den Gemächern der Damen führenden Tür erschienen auf ein leises Zeichen Hayraddins zwei Frauen, in schwarze seidene Schleier gehüllt, wie sie schon damals, wie noch heute, von den niederländischen Frauen getragen wurden. Quentin bot einer von ihnen den Arm an, und sie faßte ihn mit so zitternder Heftigkeit und hing sich so fest daran, daß, wäre ihr Gewicht größer gewesen, ihre Flucht dadurch sehr hätte gehindert werden müssen. Der Zigeuner, der die andere führte, nahm den Weg gerade auf die Hinterpforte der Gartenmauer zu, bei der dicht das kleine Boot lag, worin Quentin ihn schon einmal hatte vom Schlosse abfahren sehen. Während sie übersetzten, schien das Geschrei der Stürmenden und der Sieger anzudeuten, daß sie im Begriff waren, das Schloß zu erstürmen, und so widrig drang dieser Ton in Quentins Ohren, daß er sich nicht enthalten konnte, laut zu beteuern: »Wäre nicht mein Blut unwiderruflich der Erfüllung meiner gegenwärtigen Pflicht geweiht, ich wollte auf die Mauer zurückeilen, dem gastfreundlichen Bischof treulich Beistand leisten und einige dieser Schurken in die Hölle befördern, deren Mund so voll von Meuterei und Raublust ist.«