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Da er sich Schönwald auf der nämlichen Seite näherte, auf der er es verlassen hatte, traf der Jüngling auf mehrere Flüchtlinge, die dem Walde zueilten und ihm als einem Feinde auswichen, da er aus einer, der ihrigen entgegengesetzten Richtung daherkam. Als er sich nun noch mehr näherte, sah er Leute von der Gartenmauer in den Schloßgraben springen, und erblickte andere, die von den Zinnen durch die Angreifenden hinabgestürzt wurden. Sein Mut wurde auch nicht einen Augenblick erschüttert. Es war jetzt keine Zeit, sich nach dem Boote umzusehen, und wenn es auch möglich gewesen wäre, sich seiner zu bedienen, so wäre es vergeblich gewesen, der Hintertür zu dem Garten sich zu nähern, da sie immer von Flüchtlingen angefüllt war, die, sowie sie von innen herausgedrängt wurden, in den Schloßgraben stürzten, über den sie nicht entkommen konnten ... Da warf sich Quentin selbst in den Graben, in der Nähe des sogenannten kleinen Schloßtors, wo sich eine noch aufgezogene Zugbrücke befand. Nur mit Mühe vermochte er den nach ihm gerichteten Griffen der Sinkenden zu entgehen, und indem er nach der Zugbrücke schwamm, faßte er eine der herabhängenden Ketten, schwang sich mit der größten Anstrengung aus dem Wasser und erreichte so glücklich die Plattform, wo die Brücke befestigt war. Als er nun mit Händen und Knien sich bestrebte, festen Fuß zu gewinnen, kam ein Landsknecht mit blutigem Schwert in der Hand auf ihn zu und erhob seine Waffe zu einem Hiebe, der ihm wohl das Leben gekostet hätte. »Was soll das?« rief Quentin in einem gebieterischen Ton, »ist das die Art, einem Kameraden beizuspringen? – Reich mir die Hand.«

Schweigend und nicht ohne Zögern reichte ihm der Soldat die Hand und half ihm auf die Plattform. Der Schotte aber fuhr, ohne ihm Zeit zum Nachdenken zu lassen, in dem nämlichen Tone fort: »Nach dem westlichen Turme, wenn Ihr reich werden wollt! – Des Priesters Schätze liegen dort.«

»Nach dem westlichen Turme, nach dem westlichen Turme!« hallte es rund umher von Mund zu Mund, und alle, welche dies Geschrei vernahmen, schlugen gleich einer Herde wütender Wölfe die Richtung ein, die dem Orte entgegengesetzt war, den Quentin auf Tod und Leben zu verfolgen beschlossen hatte. Als wäre er nicht einer der Besiegten, sondern der Sieger, bahnte er sich einen Weg in den Garten, eilte mit schnellen Schritten und klopfendem Herzen hin und empfahl sich den himmlischen Mächten, die ihn in den zahllosen Gefahren seines Lebens beschützt hatten, mit dem kühnen Entschlusse, sein Ziel zu erreichen, oder sein Leben in dieser verzweifelten Unternehmung zu lassen. Ehe er indes das Ende des Gartens erreichte, drangen drei Männer mit eingelegten Lanzen auf ihn ein und riefen: »Lüttich, Lüttich!« – »Frankreich, Frankreich, Lüttichs Freund!« antwortete er, sich zur Wehr setzend. »Es lebe Frankreich!« riefen die Bürger von Lüttich und zogen weiter. Eben dieses Losungswort bewährte sich als ein Talisman, der die Waffen von vier bis fünf Kriegern Wilhelms von der Mark von ihm abwandte, die in dem Garten umherstreiften und ihn mit dem Rufe: »Der Eber!« anfielen.

Mit einem Worte, Quentin begann zu hoffen, daß er in der Eigenschaft eines Abgesandten Ludwigs, des geheimen Anstifters der Lütticher Empörungen und des verborgenen Beschützers Wilhelms von der Mark, vielleicht glücklich die Gefahren dieser Schreckensnacht überstehen würde. Als er an dem Türmchen ankam, schauderte er, da er fand, daß die kleine Seitentür, aus der Gräfin Hameline und Marthon kurz vorher zu ihm geeilt waren, jetzt durch mehr als einen toten Körper versperrt war. Zwei derselben zog er eiligst auf die Seite und war im Begriff, über den dritten hinwegzuschreiten, um in die Tür zu treten, als ihn der vermeintliche Tote an seinem Mantel faßte und bat, ihm aufzuhelfen. Quentin war schon im Begriff, wie er so zur Unzeit in seinen Fortschritten gehemmt wurde, unsanfte Mittel anzuwenden, um sich loszumachen, als der zu Boden Gefallene ihm zurief: »Ich ersticke hier in meiner eigenen Rüstung! Ich bin der Syndikus Pavillon von Lüttich! Seid Ihr auf unserer Seite, so will ich Euch reich machen – seid Ihr auf der andern, so will ich Euch beschützen; aber laßt mich nur nicht ersticken wie ein Schwein.« Mitten in dieser Szene des Blutvergießens und der Verwirrung hatte Quentin noch Geistesgegenwart genug, um zu bedenken, daß dieser Beamte wohl Mittel besitzen könnte, seinen Rückzug zu erleichtern. Er half ihm auf die Füße und fragte ihn, ob er verwundet wäre. – »Nein, ich bin nicht verwundet, wenigstens glaub ich's nicht, aber ich kann nicht zu Atem kommen,« antwortete der Bürger. – »So setzt Euch auf diesen Stein und erholt Euch,« sagte Quentin, »ich werde gleich wieder bei Euch sein.« – »Für wen seid Ihr?« fragte der Bürger, ihn immer noch zurückhaltend. – »Für Frankreich, für Frankreich!« antwortete Quentin, indem er sich loszumachen suchte. – »Wie, mein muntrer junger Bogenschütze?« sagte der würdige Syndikus. »Nun wenn ich in dieser furchtbaren Nacht das Glück hatte, einen Freund zu finden, so will ich ihn auch nicht verlassen, das versprech' ich Euch. Geht, wohin Ihr wollt, und ich folge Euch; kann ich nur einige von den wackern Burschen unserer Gilde zusammenbringen, so werde ich vielleicht imstande sein, Euch Gegendienste zu leisten; aber sie sind alle umher zerstreut wie die Erbsen. – O! es ist eine furchtbare Nacht.« Unterdessen schleppte er sich hinter Quentin her, der, die Wichtigkeit des Beistandes eines Mannes von solchem Einflusse erkennend, langsamer ging, um ihn zu stützen, obgleich er im Herzen das Hindernis verwünschte, das seine Schritte verzögerte.

Auf der obersten Treppe befand sich ein Vorgemach voll von erbrochenen Kisten und Truhen. Eine verglimmende Lampe, die auf dem Kamin stand, warf einen dürftigen Schein auf einen toten oder besinnungslosen Menschen, der quer über dem Herde lag. Wie ein Windhund von der Leine des Jägers, riß sich Quentin von Pavillon los, und zwar mit solch heftigem Ruck, daß er ihn beinahe über den Haufen geworfen hätte, rannte durch ein zweites und drittes Zimmer, von denen das letzte das Schlafzimmer der Gräfinnen von Croye gewesen zu sein schien, und rief, da keine lebende Seele darin zu sehen war, den Namen der Gräfin Isabelle, erst leise, dann lauter, und endlich mit dem Tone der Verzweiflung; aber keine Antwort erfolgte. Er rang die Hände, zerraufte sein Haar und stampfte verzweiflungsvoll auf den Boden. Endlich gewahrte er einen schwachen Lichtschimmer, der durch eine Spalte in der getäfelten Holzbekleidung des Schlafgemachs drang und hinter dem Tapetenumhang irgend einen Schlupfwinkel vermuten ließ. Quentin untersuchte genauer, und fand wirklich eine verborgene Tür, die jedoch jeder Anstrengung, sie zu öffnen, widerstand. Nicht achtend die vielleicht ihm drohende Gefahr, rannte er endlich mit der ganzen Kraft und dem ganzen Gewichte seines Körpers gegen die Tür und bahnte sich beinahe über Kopf und Hals den Weg in ein kleines Betzimmer, wo eine weibliche Gestalt in verzweiflungsvoller, bittender Stellung vor dem Heiligenbilde gelegen hatte und nun durch das nahende Getöse vor Schrecken zu Boden sank. Schnell hob er sie vom Boden auf, und Wonne über Wonne! sie war es, die er zu retten kam; es war Gräfin Isabelle. Er drückte sie an seine Brust, beschwor sie, zu erwachen, und hieß sie guten Mutes sein, da sie sich jetzt unter dem Schutze eines Mannes befinde, der Herz und einen Arm besitze, um sie gegen die ganze Herde zu verteidigen.