»Hört mich, Wilhelm von der Mark,« sprach er, »und ihr, Bürger und Einwohner von Lüttich! – und Ihr, junger Herr, verhaltet Euch ruhig,« (der junge Eberssohn hatte einen Versuch gemacht, seinen Händen zu entschlüpfen)! »Euch soll kein Leid geschehen, wofern nicht wieder einer von diesen gefährlichen Scherzen aufgetischt wird.« – »Wer bist Du, ins Teufels Namen?« fragte von der Mark erstaunt, »der Du hierher kommst, uns Bedingungen vorzuschreiben, und von uns in unserem eigenen Wildlager Geißeln nimmst?« – »Ich bin ein Diener König Ludwigs von Frankreich,« sprach Quentin mit Kühnheit, »ein Bogenschütze aus seiner schottischen Leibwache, wie Ihr aus meiner Sprache und meiner Kleidung ersehen könnt. Ich bin hier, um Euer Verfahren zu beobachten und darüber zu berichten, und sehe mit Verwunderung, daß es eher Heiden als Christen, eher Tollhäuslern als Menschen, die ihrer Vernunft mächtig sind, gleicht. Die Heere Karls von Burgund werden sogleich gegen Euch in Bewegung sein, und wenn Ihr Frankreichs Beistand wünscht, so müßt Ihr Euch anders benehmen. – Euch aber, ihr Männer von Lüttich, rate ich, sogleich in eure Stadt zurückzukehren, und wollte jemand eurem Abzug ein Hindernis in den Weg legen, so erkläre ich diejenigen, die dieses tun, für Feinde meines Herrn, des allerchristlichsten Königs von Frankreich.« – »Frankreich und Lüttich! Frankreich und Lüttich!« riefen Pavillons Begleiter und mehrere andere Bürger, deren Mut bei Quentins kühner Sprache zu wachsen begann. »Frankreich und Lüttich! lange lebe der tapfere Bogenschütze! wir wollen leben und sterben mit ihm!«
Die Augen Wilhelms von der Mark funkelten. Er griff nach seinem Dolch, um ihn dem kühnen Sprecher ins Herz zu stoßen; als er aber seine Blicke umherwarf, las er in denen seiner Soldaten etwas, was er selbst zu achten genötigt war. Manche von ihnen waren Franzosen, und alle wußten, daß Wilhelm aus diesem Reiche insgeheim an Geld und Leuten Unterstützung erhielt; ja einige von ihnen waren über den soeben verübten Mord aufs äußerste entsetzt. Der Name Karl von Burgund, von dem man erwarten konnte, daß er die Taten dieser Nacht aufs blutigste rächen würde, und die große Unklugheit von der Marks, zu gleicher Zeit mit den Lüttichern Händel anzufangen und den Monarchen von Frankreich herauszufordern, machten einen höchst niederschlagenden Eindruck auf ihre Gemüter, so wenig sie auch im Augenblicke des Gebrauchs ihrer Verstandskräfte mächtig waren. Kurz, von der Mark sah, daß er auch von seiner eigenen Bande bei weiterer Gewalttätigkeit nicht unterstützt werden würde; er mäßigte sich daher und erklärte, daß er nicht im geringsten Schlimmes gegen seine guten Freunde, die Lütticher, im Schilde führe, und daß es allen frei stehe, Schönwald nach Belieben zu verlassen, obgleich er gehofft hätte, sie würden zu Ehren ihres Sieges wenigstens eine Nacht mit ihm verschmausen. Mit mehr als gewöhnlicher Ruhe setzte er hinzu: er sei bereit, entweder am nächsten Tage, oder sobald sie es wünschten, wegen der Teilung der Beute und der zu ergreifenden Verteidigungsmaßregeln sich mit ihnen zu verständigen; indessen hoffe er, der schottische Herr werde sein Fest dadurch ehren, daß er die Nacht über noch in Schönwald bleibe.
Der junge Schotte dankte und sagte: er habe sich nach Pavillon zu richten, an den er, seiner Weisung gemäß, sich hauptsächlich anschließen müsse; unfehlbar aber werde er diesen bei der Rückkehr in das Hauptquartier des tapferen Wilhelm von der Mark begleiten. – »Wenn Ihr Euch nach mir zu richten habt,« versetzte Pavillon hastig, »so werdet Ihr Schönwald wahrscheinlich ohne Verzug verlassen, und wenn Ihr nur in meiner Gesellschaft wieder nach Schönwald kommen wollt, so werdet Ihr es sobald nicht mehr sehen.« Den letzten Teil seiner Rede sprach der ehrliche Bürger still vor sich hin, aus Furcht vor den Folgen, wenn er seine Gesinnungen laut werden ließe, die er jedoch nicht ganz zu unterdrücken imstande war.
»Schließt euch dicht an mich an, meine wackern Kürschnergesellen,« sagte er zu seiner Leibgarde, »damit wir so schnell wie möglich aus dieser Diebeshöhle entkommen.«
Die meisten Lütticher der besseren Klasse schienen gleicher Meinung mit ihrem Syndikus zu sein und hatten sich nicht so sehr über die Einnahme von Schönwald gefreut, als sie über die Aussicht frohlockten, dasselbe wieder mit heiler Haut zu verlassen. Sie zogen aus dem Schloß, ohne daß man ihnen irgend ein Hindernis in den Weg legte, und Quentin war herzlich froh, als er diese furchtbaren Mauern hinter sich hatte. Jetzt fragte er die junge Gräfin zum erstenmal, seitdem sie diese schreckliche Halle betreten hatten, wie sie sich befinde. – »Recht wohl,« antwortete sie in fieberischer Hast. »Verliert keine Zeit mit Fragen! Laßt uns fliehen, laßt uns fliehen!« Während sie sprach, versuchte sie ihre Schritte zu beschleunigen; aber es gelang ihr so wenig, daß sie vor Erschöpfung zu Boden gesunken wäre, hätte nicht Durward sie gehalten. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter, die ihr Kind einer Gefahr entreißt, nahm der junge Schotte die kostbare Bürde auf seine Arme, und indes sie seinen Nacken mit einem der ihrigen umschlang, keinem andern Gedanken Raum gebend, als dem Verlangen nach Rettung – da sagte er sich, daß er um keinen Preis die im Laufe dieser Nacht bestandenen Gefahren missen möchte, da sie ein solches Ende nahmen.
Der ehrliche Bürgermeister wurde seinerseits von seinem treuen Ratgeber Peterkin und einem seiner Gesellen unterstützt und vorwärts gezogen; und so gelangten sie in atemloser Hast an das Ufer des Flusses, indem sie manchem Haufen von Bürgern begegneten, die begierig waren, den Ausgang der Belagerung zu erfahren, und ob das Gerücht begründet sei, daß die Sieger unter sich selbst uneinig geworden seien. Sie suchten ihnen, so gut sie konnten, auszuweichen, und den Bemühungen Peters und anderer Begleiter gelang es endlich, ein Boot für die Gesellschaft aufzutreiben, das sie zum Garten des Bürgermeisters trug. Als sie dort landeten, verwandelte sich der mißvergnügte, verdüsterte Demagoge von Bürgermeister im Nu in einen wackern, gütigen, freundlichen und gastfreien Wirt um. Er rief laut nach seinem Trudchen, die auch sogleich erschien; denn Furcht und Angst ließen nur wenige während dieser verhängnisvollen Nacht in Lüttichs Mauern eines ruhigen Schlafes genießen. Trudchen erhielt den Auftrag, für die schöne, halb ohnmächtige Fremde aufs beste Sorge zu tragen, und entledigte sich der jungen Dame gegenüber aller Pflichten edler Gastfreundschaft mit dem Eifer und der Liebe einer Schwester.
Fünftes Kapitel
Trotz der Mischung von Freude und Furcht, von Zweifel und Angst, und andern sein Gemüt bewegenden Leidenschaften, waren doch die erschöpfenden Anstrengungen des verflossenen Tages mächtig genug, den jungen Schotten in einen tiefen Schlaf zu versenken, aus dem er erst am andern Morgen erwachte, als sein würdiger Wirt in sein Schlafgemach trat.
Mit besorgten Blicken setzte sich derselbe neben seinen Gast auf das Bett und begann nun eine lange und verworrene Rede über die Pflichten des ehelichen Lebens, besonders aber über das Uebergewicht und den Vorrang, welchen verheiratete Männer überall behaupten müßten, wenn sie verschiedener Meinung mit ihren Weibern wären. Quentin hörte ihm mit einiger Aengstlichkeit zu. Er wußte, daß Ehemänner gleich andern kriegführenden Mächten zuweilen geneigt sind, mehr zur Verheimlichung einer Niederlage, als zur Feier eines Sieges ein Te Deum zu singen, und eilte daher, der Sache näher auf den Grund zu kommen, indem er äußerte, er wolle nicht annehmen, daß ihre Ankunft der guten Hausfrau irgend eine Unbequemlichkeit verursacht habe.