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Die letzte Frage wurde mit so ängstlicher Besorgnis gestellt, daß Quentin ihr wohl oder übel berichten mußte, was ihm von den Schicksalen der Gräfin bekannt war: auf ihre Flucht von Lüttich die Entdeckung, als er mit ihr den Wald erreicht hatte, daß sich Gräfin Isabelle nicht bei ihr befinde; wie er ins Schloß zurückgekehrt sei und unter welchen Umständen er sie gefunden habe. Doch verschwieg er die unverkennbare Absicht, womit Gräfin Hameline das Schloß Schönwald verlassen habe, sowie auch das Gerücht, daß sie in die Hände Wilhelms von der Mark gefallen sei. Sie ritt lange still neben ihm her, dann sagte sie kalt und verdrossen: »So habt Ihr meine unglückliche Muhme in einem öden Walde verlassen, wenn nicht der Willkür eines schändlichen Zigeuners und eines verräterischen Dienstboten preisgegeben? Arme Muhme! und Du sprachst immer nur Gutes von diesem Jüngling und seiner Treue!«

»Hätte ich nicht so gehandelt, Fräulein,« entgegnete Quentin, mit Recht beleidigt, daß man seine Ritterlichkeit so falsch deuten konnte, »was wäre dann das Schicksal derjenigen gewesen, zu deren Dienst ich weit mehr verpflichtet war? Hätte ich Gräfin Hameline v. Croye nicht der Fürsorge und Obhut derjenigen überlassen, welche sie sich selbst zu ihren Leitern und Ratgebern erwählte, so würde Gräfin Isabelle wahrscheinlich die Braut Wilhelms von der Mark, des wilden Ebers der Ardennen, sein.« – »Ihr habt recht,« versetzte Isabelle in ihrem gewöhnlichen Tone; »und ich habe mich schwarzen Undanks gegen Euch schuldig gemacht. Aber ach! meine unglückliche Muhme! und die elende Marthon, die ihr volles Vertrauen besaß, und es so wenig verdiente! wie wird ihr es gehen? was wird ihr Schicksal sein?«

Um Isabellens Gedanken von diesem traurigen Gegenstande abzulenken, erzählte ihr Quentin offen die ganze Verräterei Maugrabins, die er in dem Nachtquartier bei Namur entdeckt hatte und die auf sein Abkommen zwischen dem Könige und Wilhelm von der Mark schließen ließ. Isabelle schauderte vor Schrecken; bald aber erholte sie sich und sagte: »Ich bin beschämt und habe mich an den Heiligen versündigt, daß ich nur einen Augenblick an ihrem Schutze zweifeln und glauben konnte, ein so grausamer, unaussprechlich niederträchtiger und schändlicher Plan könnte gelingen, solange noch das Auge des Himmels erbarmungsvoll auf das menschliche Elend herniederschaut. Nun sehe ich deutlich ein, warum diese heuchlerische Marthon den Samen kleiner Mißverständnisse zwischen meiner armen Muhme und mir zu nähren suchte; warum sie immer diejenige von uns beiden, die gerade anwesend war, mit Schmeicheleien überhäufte und alles vorbrachte, was sie gegen die andere einnehmen konnte. Nie hätte ich mir aber träumen lassen, daß sie soweit gehen könnte, meine sonst so liebevolle Muhme zu bereden, mich allein in Schönwald zurückzulassen, als sie selbst zu entkommen suchte.« – »Sagte Euch denn Eure Muhme Hameline nichts von ihrer beabsichtigten Flucht?« fragte Quentin. – »Nein,« erwiderte die Gräfin, »sie spielte bloß auf eine Mitteilung an, die Marthon mir machen würde. Meiner armen Muhme war durch die geheimnisvollen Reden des elenden Hahraddin, mit dem sie an diesem Tage eine lange und geheime Unterredung gehabt hatte, der Kopf dergestalt verdreht, daß – kurz – daß ich in dieser Stimmung nicht weiter in sie dringen mochte, mir eine nähere Erklärung zu geben. Aber es war grausam von ihr, daß sie mich zurückließ.« – »Ich muß Gräfin Hameline gegen solche Lieblosigkeit in Schutz nehmen,« entgegnete Quentin; »denn die Unruhe des Augenblicks und die Dunkelheit der Nacht waren so groß, daß ich glaubte, Gräfin Hameline war ebenso sicher davon überzeugt, daß ihre Nichte sie begleite, als ich zu derselben Zeit, getäuscht durch Marthons Anzug und Benehmen, voraussetzte, daß ich mich in Gesellschaft beider Damen von Croye befände; – und besonders derjenigen,« setzte er mit leiser, aber entschiedener Stimme hinzu, »ohne welche alle Schätze der Welt mich nicht vermocht hätten, Schönwald zu verlassen.«

Isabelle senkte den Kopf und schien die Worte des jungen Schotten kaum zu hören. Allein sie wandte ihr Auge wieder ihm zu, als er von der Politik Ludwigs zu sprechen begann; und es wurde ihnen durch gegenseitige Mitteilung nicht schwer, herauszubringen, daß die Zigeunerbrüder nebst der mitschuldigen Marthon die Werkzeuge jenes hinterlistigen Fürsten gewesen waren, wenngleich Zamet, der ältere Bruder, mit der seinem Stamme eigenen Treulosigkeit versucht hatte, eine doppelte Rolle zu spielen, und dafür denn auch gehörig bestraft worden war. Unterdessen setzten die Reisenden ihren Weg mehrere Stunden fort und hielten nur an, um ihre Pferde in einem abgelegenen Dorfe oder Weiher füttern zu lassen, wohin sie von Hans Glover geführt wurden, der sich in jeder Hinsicht als ein Mann von Verstand und Bescheidenheit erwies. Die künstliche Scheidewand, die die beiden Liebenden (denn so dürfen wir sie jetzt nennen) voneinander trennte, schien durch die besonderen Umstände, in denen sie sich befanden, gänzlich beseitigt zu sein; denn wenn auch die Gräfin sich eines höheren Ranges rühmen konnte und durch ihre Geburt auf ein ungleich größeres Vermögen Anspruch hatte als der Jüngling, dessen Einkommen bloß auf seinem Schwerte beruhte, so war sie doch im gegenwärtigen Augenblicke ebenso arm als er, und verdankte Sicherheit, Ehre und Leben einzig nur seiner Geistesgegenwart, Tapferkeit und Ergebenheit. Sie sprachen nicht von Liebe, aber an Liebe nicht zu denken, war auf beiden Seiten unmöglich, und so standen sie in einem Verhältnisse zueinander, wo Empfindungen mehr angedeutet als ausgesprochen werden, und wo die Freiheit, die solches Verhältnis gestattet, und die Ungewißheit, wovon es begleitet ist, oft die entzückendsten Stunden menschlichen Daseins herbeiführen; ebenso oft folgen ihnen auch Stunden, die durch getäuschte Erwartungen, Unbeständigkeit und alle Qualen verstörter Hoffnungen und unerwiderter Zuneigung getrübt werden.

Es war um zwei Uhr nachmittags, als die Reisenden durch ihren Führer, der mit bleichem Gesichte voll Entsetzen auf sie zueilte, mit der Nachricht aufgeschreckt wurden, daß sie von einer Abteilung von Wilhelm von der Marks schwarzen Reitern verfolgt würden. Diese Soldaten oder vielmehr Banditen waren in Niederdeutschlands Kreisen geworben und glichen in allen Stücken den Landsknechten. Um ihren Feinden desto größeren Schrecken einzujagen, ritten sie gewöhnlich auf schwarzen Streitrossen und trugen schwarze Waffen und Rüstungen.

Quentin blickte zurück und sah auf der langen ebenen Straße, auf welcher sie dahingeritten kamen, eine dichte Staubwolke sich nahen; ein Paar Reiter sprengten mit rasender Eile voran. »Teuerste Isabelle,« sagte Quentin, »ich habe keine Waffen als mein Schwert; kann ich aber nicht für Euch fechten, so will ich mit Euch entfliehen. Können wir nur das Gehölz, das vor uns liegt, erreichen, bevor sie uns nahe kommen, so finden wir leicht Mittel, ihnen zu entgehen!« – »So sei es, mein einzig mir gebliebener Freund,« sagte Isabelle, ihr Pferd in Galopp setzend; »und Du, braver Bursche,« setzte sie, an Hans Glover sich wendend, hinzu, »schlage einen andern Weg ein, damit Du nicht Gefahr und Unglück mit uns teilen mußt.« – Der ehrliche Flamänder antwortete kopfschüttelnd auf ihre großmütige Aufforderung: »Nein, nein! das geht nicht!« – Alle drei eilten nun so schnell, als es ihre ermüdeten Pferde vermochten, dem schützenden Walde zu, verfolgt von den schwarzen Reitern, die, als sie die Absicht der andern erkannten, um so schneller ritten. Ungeachtet der Ermüdung der Pferde hatten jedoch die Flüchtlinge, da sie unbewaffnet waren und folglich leichter ritten, einen beträchtlichen Vorsprung vor ihren Verfolgern, und waren nur noch eine Viertelmeile von dem Walde entfernt, als ein Trupp Bewaffneter unter dem Banner eines Ritters aus dem Walde hervorbrach und ihnen den Weg zur Flucht abzuschneiden schien. »Sie haben eine glänzende Rüstung,« sprach Isabelle; »es müssen Burgunder sein. Mögen sie aber sein, wer sie wollen, lieber ergeben wir uns ihnen als den schändlichen Bösewichtern, die uns verfolgen.« – Einen Augenblick nachher rief sie, nachdem sie das Banner näher betrachtet hatte, aus: »Ich erkenne das gespaltene Herz darauf! Es ist der Wappenschild des Grafen Crevecoeur, eines edeln Burgunders – ihm will ich mich ergeben.«