Quentin Durward seufzte; aber welche andere Wahl blieb übrig? Bald erreichten sie Crevecoeurs Fähnlein, und die Gräfin verlangte den Anführer zu sprechen, der seinen Trupp Halt machen ließ, um die schwarzen Reiter zu rekognoszieren. Als er sie zweifelnd und ungewiß anblickte, sprach sie: Edler Graf, Isabelle von Croye, die Tochter Eures alten Waffengefährten, des Grafen Reinhold von Croye, ergibt sich Euch und fordert von Eurer Tapferkeit Schutz für sich und die Ihrigen.« – »Den sollst Du haben, meine schöne Cousine, und wäre es gegen ein ganzes Heer – meinen Oberlehnsherrn von Burgund ausgenommen. Aber jetzt ist nicht Zeit, davon zu sprechen! Diese schmutzigen Teufelskinder haben Halt gemacht, als wollten sie es auf eine Probe mit mir ankommen lassen. – Beim heiligen Georg von Burgund, sie rücken wohl gar gegen Crevecoeurs Banner an! – Wie? sind die Kerle verrückt – Damian, meine Lanze – das Banner vor – legt Eure Speere ein, – Crevecoeur zur Befreiung!« Mit diesem Feldgeschrei sprengte er an der Spitze seiner Bewaffneten rasch vorwärts, den schwarzen Reitern entgegen.
Sechstes Kapitel
Das Scharmützel hatte kaum fünf Minuten gedauert, da waren die schwarzen Reiter von den burgundischen Mannen, die ihnen an Bewaffnung, Pferden und kriegerischem Geiste bei weitem überlegen waren, in die Flucht geschlagen worden. In noch kürzerer Zeit kam Graf Crevecoeur, sein blutiges Schwert, bevor er es in die Scheide steckte, an der Mähne seines Pferdes abwischend, nach dem Saume des Waldes zurück, wo Gräfin Isabelle zurückgeblieben war.
»Eine Schande ist's,« sprach der Graf, »daß sich die Waffen von Rittern und Adelingen mit dem Blute dieser rohen Schweine beflecken müssen.« Mit diesen Worten steckte er sein Schwert in die Scheide und setzte hinzu: »Ein ziemlich rauhes Willkommen in Eurer Heimat, mein schönste Cousine; aber irrende Prinzessinnen müssen schon auf solche Abenteuer gefaßt sein, und ich bin noch zur rechten Zeit gekommen, denn glaubt mir, die schwarzen Reiter haben vor einer Grafenkrone so wenig Respekt, wie vor der Haube eines Bauernmädchens; und Euer Gefolge scheint mir zu großem Widerstande nicht sonderlich geeignet?« – »Herr Graf,« sprach Fräulein Isabelle, »laßt mich ohne weitere Vorrede wissen, ob ich eine Gefangene bin, und wohin Ihr mich zu führen gedenkt.« – »Ihr wißt, einfältiges Kind,« antwortete der Graf, »wie ich diese Frage beantworten würde, wenn es auf mich ankäme. Allein Ihr habt samt Eurer törichten Muhme mit ihren Eheprojekten und Heiratsjägereien kürzlich einen so freien Gebrauch von Euern Flügeln gemacht, daß ich fürchte, Ihr müßt Euch schon gefallen lassen, sie eine kleine Weile lang in einem Käfige zu schwingen; was mich betrifft, so ist es meine traurige Pflicht, Euch an den Hof des Herzogs nach Peronne zu geleiten, denn ich vermute, daß Euch ein bißchen warme Fürsprache dort nichts schaden dürfte. Drum mag den Befehl über diese kleine Streife lieber mein Neffe Stephan übernehmen. Hoffentlich wird der junge Wildfang seine Pflicht mit Klugheit erfüllen.« – »Lieber Oheim,« versetzte Graf Stephan, »wenn Ihr an meiner Fähigkeit zweifelt, die Krieger anzuführen, so bleibt nur selbst bei ihnen, und ich will Diener und Beschützer der Gräfin Isabelle von Croye sein.« – »Ohne Zweifel, lieber Neffe,« antwortete der Oheim, »wäre das eine schöne Verbesserung meines Plans; aber ich denke, er gefällt mir doch am besten, wie ich ihn ursprünglich entworfen habe. Merke Dir daher fürs erste nur, daß es hier nicht Dein einziges Geschäft ist, jene schwarzen Säue zu hetzen und abzustechen, wozu Du soeben eine ganz besondere Vorliebe empfunden zu haben scheinst, sondern mir zuverlässige Nachricht von all dem zu bringen, was im Lütticher Lande vorgeht. Ein paar Dutzend Lanzen sollen mir folgen, die übrigen mit einem Banner unter Deinen Befehlen zurückbleiben.« – »Noch einen Augenblick, Vetter Crevecoeur,« sprach Gräfin Isabelle, »laßt mich, indem ich mich Euch selbst als Gefangene ergebe, wenigstens für die Sicherheit derjenigen sorgen, die sich meiner in meinem Unglück als Freunde angenommen haben. Erlaubt diesem guten Menschen, meinem treuen Führer, ungehindert nach seiner Vaterstadt Lüttich zurückzukehren.« – »Mein Neffe,« sagte Crevecoeur, indem er einen scharfen Blick auf Glovers breites Gesicht warf, »soll diesen guten Burschen, soweit er in das Lütticher Land vorrücken wird, mit sich nehmen und ihn dann gehen lassen, wohin er will.« – »Grüßet die gute Gertrud von mir,« sprach die Gräfin zu ihrem Wegweiser, und eine Perlenschnur unter ihrem Schleier hervorziehend, setzte sie hinzu: »Bitte sie, dies zum Andenken an ihre unglückliche Freundin zu tragen.« Der ehrliche Glover nahm die Perlenschnur und küßte mit linkischer Gebärde, aber mit aufrichtiger Gutmütigkeit die schöne Hand, die auf eine so zarte Weise seine eigenen Bemühungen und Gefahren zu belohnen wußte.
»Hm! Zeichen und Freundschaftspfänder!« sagte der Graf, »habt Ihr noch andere Anliegen, meine schöne Cousine? – Es ist Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.« – »Ich wünsche bloß noch,« begann die Gräfin mit Anstrengung, »daß Ihr diesem – diesem jungen Manne da Euer Wohlwollen schenken möget.« – »Hm!« versetzte Crevecoeur, indem er denselben durchdringenden Blick auf Quentin, wie früher auf Glover, warf, jedoch, wie es schien, mit minder günstigem Erfolge, »ja das ist schon eine Klinge von anderem Stahl. Darf man wissen, meine schöne Cousine, was dieser – dieses junge Blut getan hat, um in Euch eine solche Fürbitterin zu finden?« – »Er hat mein Leben und meine Ehre gerettet,« sagte die Gräfin, vor Scham und Unwillen zugleich errötend. Auch Quentin errötete vor Zorn, allein er sah ein, daß er an sich halten müsse, wenn er die Sache nicht noch schlimmer machen wollte.
»Leben und Ehre? – Hm!« sagte Graf Crevecoeur wiederum, »mich dünkt, es wäre doch wohl besser gewesen, meine schöne Cousine, wenn Ihr Euch nicht in die Notwendigkeit solcher Verpflichtungen gegen den jungen Mann gesetzt hättet. – Doch laßt das gut sein! der junge Mensch kann in unserem Gefolge mitreiten, wenn es ihm sein Stand erlaubt, und ich will darauf sehen, daß ihm nichts zuleide getan wird, – nur will ich jetzt selbst die Pflicht übernehmen, der Beschützer Eures Lebens und Eurer Ehre zu sein, und werde vielleicht für ihn ein passenderes Geschäft finden, als – hm! den Leibknappen irrender Damen abzugeben.« – »Herr Graf,« sagte Durward, unfähig länger zu schweigen, »damit Ihr nicht etwa von einem Fremden auf eine geringschätzigere Weise sprecht, als Ihr in der Folge für schicklich halten möchtet, nehme ich mir die Freiheit, Euch zu sagen, daß ich Quentin Durward heiße und ein Bogenschütze von der schottischen Leibwache bin, in welche, wie Euch bekannt sein wird, nur Edelleute und Männer von Ehre aufgenommen werden.« – »Ich danke Euch für Eure Belehrung und küsse Euch die Hände, Herr Bogenschütze,« sagte Graf Crevecoeur, noch immer im Tone des Spottes. »Habt die Güte, mit mir an die Spitze des Haufens zu reiten.«
Als Quentin auf den Befehl des Grafen, der jetzt, wenn auch nicht das Recht, doch die Macht über ihn hatte, sich in Bewegung setzte, gewahrte er, daß Gräfin Isabelle ihm einen Blick voll besorgter, schüchterner Teilnahme zuwarf, der ihm fast Tränen in die Augen lockte. Er bedachte jedoch, daß er sich vor Crevecoeur als Mann betragen müsse, da dieser unter allen französischen und burgundischen Rittern vielleicht am wenigsten sich eignete, die Darlegung des Kummers treuer Liebe anders aufzunehmen, als mit Spott und Hohn. Er entschloß sich daher, nicht dessen Anrede abzuwarten, sondern das Gespräch in einem Tone zu eröffnen, der seine Ansprüche auf gute Behandlung und größere Achtung rechtfertigen möchte, als der Graf, der sich vielleicht beleidigt fand, daß ein Mann von so untergeordnetem Range in so hohem Grade das Vertrauen seiner vornehmen und reichen Muhme besaß, ihm beweisen zu wollen schien.