Der, an den er sich vorzüglich wandte, war ein kleiner munterer Mann mit lebendigem Auge, dessen Feuer aber durch einen gewissen Zug von Ernst und Nachdenken um den Mund und die Oberlippe gemildert wurde, so daß das Ganze seiner Gesichtsbildung einen Mann verkündigte, der mehr zum Rat als zur Tat geschaffen war, der alles schnell durchschaute und beurteilte, aber mit weiser Bedachtsamkeit seine Entschlüsse faßte und seine Meinung aussprach. Dies war der berühmte Herr von Argenton, mehr bekannt unter den Geschichtsschreibern unter dem ehrwürdigen Namen Philipp des Comines, der damals am Hofe Herzogs Karls des Kühnen sich aufhielt und einer seiner angesehensten Räte war. Er beantwortete Crevecoeurs Frage inbetreff der Beschaffenheit der Neuigkeiten, in deren Besitz er und sein Begleiter, der Freiherr v. Hymbercourt, waren, indem er sagte: »Sie gleichen den Farben des Regenbogens und wechseln in ihrem Schimmer, je nach dem Standpunkte, von dem aus man sie betrachtet; sie stehen zwischen der schwarzen Wolke und dem blauen Himmel; solch ein Regenbogen ist nie in Frankreich oder Flandern seit Noahs Arche gesehen worden.« – »Meine Neuigkeiten,« entgegnete Crevecoeur, »sind, wie ein Komet, düster und furchtbar an sich, und man mag sie als Vorläufer von noch größeren und noch schrecklicheren Nebeln ansehen, die da kommen sollen.« – »Wir müssen unsern Ballen öffnen,« sagte Argenton zu seinem Begleiter, »oder unser Markt wird uns durch Neuankommende verdorben, denn unsere Nachrichten sind eigentlich öffentliches Gut; mit einem Worte, hört und verwundert Euch, König Ludwig ist in Peronne.« – »Wie!« fragte der Graf voll Erstaunen, »hat sich der Herzog ohne eine Schlacht zurückgezogen, und bleibt Ihr hier in Friedenskleidern, während die Stadt von den Franzosen belagert wird? Denn ich kann nicht glauben, daß sie genommen ist.« – »O nein,« versetzte Hymbercourt, »Burgunds Fahnen sind keinen Fuß breit gewichen, und dennoch ist der König Ludwig hier.« – »Nun, so ist offenbar Eduard von England mit seinen Bogenschützen über die See gekommen,« meinte Crevecoeur, »und hat, wie sein Vorfahre, eine zweite Schlacht bei Poitièrs gewonnen.« – »Auch das nicht,« versetzte Argenton, – »kein französisches Banner hat sich sehen lassen, und kein Segel ist von England herübergekommen, wo sich Eduard viel zu sehr mit Londner Bürgersfrauen belustigt, als daß er daran denken sollte, die Rolle des schwarzen Prinzen zu spielen. So vernehmt denn die außerordentliche Neuigkeit! Als Ihr uns verließet, waren, wie Euch bekannt ist, die Unterhandlungen zwischen Frankreich und Burgund ohne allen Anschein einer Wiederaufnahme abgebrochen worden.« – »Ja; und wir träumten von nichts denn Krieg.« – »Was nun erfolgt ist, sieht einem Traume so ähnlich,« versetzte Argenton, »daß ich immer glaube, ich müsse erwachen und es so finden. Es ist kaum einen Tag her, daß sich der Herzog so entschieden gegen allen ferneren Aufschub erklärte, daß beschlossen ward, dem Könige eine förmliche Kriegserklärung zuzusenden und sogleich nach Frankreich zu marschieren; als der französische Herold, Montjoie, in unser Lager einritt. Wir glaubten nicht anders, als daß Ludwig uns mit einer Kriegserklärung zuvorkomme, und fingen schon an zu überlegen, wie der Herzog diejenigen seinen Zorn fühlen lassen würde, die ihm abgeraten hatten, den Krieg zuerst zu erklären. Aber wie groß war unsere Verwunderung, als der Herold uns meldete, daß Ludwig, König von Frankreich, kaum eine Stunde hinter ihm sei und in der Absicht komme, den Herzog mit einem kleinen Gefolge zu besuchen, um die obwaltenden Mißverständnisse in einer persönlichen Zusammenkunft auszugleichen.«
»Ich erstaune, meine Herren,« sagte Crevecoeur, »wieviel weniger, als Ihr vielleicht erwarten möchtet; denn als ich zum letztenmal in Plessis les Tours war, gab mir der in alles eingeweihte Kardinal Balue, aufgebracht gegen seinen Herrn und im Herzen den Burgundern zugetan, einen Wink, daß er Ludwigs schwache Seite benützen wolle, um ihn in eine Stellung gegen Burgund zu bringen, so daß der Herzog die Friedensbedingungen in seiner Hand haben solle. Allein ich hätte es doch nie gedacht, daß ein so alter Fuchs wie Ludwig sich verleiten lassen sollte, in eine solche Falle zu gehen. Was sagte denn der geheime Rat dazu?« – »Wie Ihr leicht denken könnt,« versetzte Hymbercourt, »wurde viel gesprochen von Treu und Glauben, die man halten müsse, und nur wenig von den Vorteilen, die dadurch erreicht werden könnten. Indessen war es klar, daß man größtenteils an das letztere dachte und sich bloß Mühe gab, einen Weg ausfindig zu machen, bei dem man den besten Schein beobachten könne.« – »Und Ihr gingt dem König entgegen?« fragte Graf Crevecoeur. »Es geschehen wirklich Wunder auf Erden! Wer war in seinem Gefolge?« – »Bloß ein paar Dutzend von seiner schottischen Leibwache,« antwortete Hymbercourt; »und ein paar Ritter und Edle seines Hofes, unter denen sein Sterndeuter Galeotti noch die glänzendste Rolle spielte.« – »Dieser Mensch,« versetzte Crevecoeur, »hält es mit dem Kardinal Balue; es sollte mich daher nicht wundern, wenn er auch Anteil daran hätte, daß der König diesen Schritt zweifelhafter Politik tut. Ist kein höherer Adel dabei?« – »Der Herzog von Orleans und Dunois,« erwiderte Argenton. – »Aber man sagte ja, sie wären im Gefängnis?« – »Sie saßen auch beide gefangen im Schlosse von Loches, jenem herrlichen Ruheplätzchen für den französischen Adel,« sagte Hymbercourt; »aber Ludwig hat sie freigelassen, um sie mit hierher zu nehmen, vielleicht weil er Orleans nicht gern zurücklassen wollte. Unter seinen andern Begleitern sind, glaub' ich, sein Gevatter, der Henkermarschall und sein Barbier Oliver, die bedeutendsten Personen. Das Ganze sieht so ärmlich aus, daß der König auf Ehre eher einem alten Wucherer gleicht, der, begleitet von einem Trupp Häscher, schlimme Ausstände eintreiben will.« – »Und wo ist er abgestiegen?« fragte Crevecoeur. – »Ja, das ist,« erwiderte Argenton, »noch das Wunderbarste von allem. Unser Herzog erbot sich, ein Stadttor und eine Schiffbrücke über die Somme mit seiner schottischen Wache besetzen zu lassen, Ludwig selbst aber das daranstoßende Haus, das einem reichen Bürger, Giles Orthen, gehört, zur Wohnung anzuweisen. Als indes der König sich dahin begeben wollte, bemerkte er die Paniere von de Lau und Pencil de Rivière, die er aus Frankreich verbannt hatte, und erschreckt, wie es schien, durch den Gedanken, Flüchtlingen und Unzufriedenen aus seinen eigenen Landen so nahe zu sein, verlangte er, im Schlosse von Peronne selbst einquartiert zu werden, und dort hat er nun jetzt seinen Aufenthalt.« – »Nun wahrhaftig!« rief Crevecoeur aus, »das heißt nicht allein sich in des Löwen Höhle wagen, sondern ihm noch den Kopf in den Rachen stecken. Freunde, edle Ritter, reitet dicht zu mir heran: und wenn ich nun Euch erzähle, was sich im Bistum Lüttich zugetragen hat, so werdet Ihr mit mir der Meinung sein, daß König Ludwig ebensogut eine Wallfahrt nach der Unterwelt hätte anstellen können, als diesen unzeitigen Besuch in Peronne zu machen.«
Die beiden Edelleute ritten dicht zu dem Grafen heran und hörten nun mit tiefster Verwunderung und Teilnahme seine Erzählung der Vorgänge in Lüttich und Schönwald an.
Achtes Kapitel
Karl von Burgund, der ungestümste, ungeduldigste, ja der unbesonnenste Fürst seiner Zeit, fühlte sich gleichwohl innerhalb des magischen Kreises gebannt, den die tiefste Ehrerbietung gegen Ludwig, als seinen Souverän und Oberlehnsherrn, um ihn zog, da dieser ihm, seinem Kronvasallen, die ausgezeichnete Ehre eines persönlichen Besuchs erwiesen hatte. Eingehüllt in seinen herzoglichen Mantel und begleitet von den vornehmsten Rittern und Beamten seines Hofes, war er in glänzendem Zuge Ludwig XI. entgegengeritten. Sein Gefolge strotzte von Gold und Silber; denn während der Reichtum des englischen Hofes durch die Kriege zwischen York und Lancaster erschöpft war und die Sparsamkeit des Beherrschers von Frankreich alle Ausgaben gar sehr beschränkte, war der Hof von Burgund damals der prachtvollste in ganz Europa. Ludwigs Gefolge war dagegen sehr klein und von verhältnismäßig ärmlichem Aussehen. Die Erscheinung des Königs selbst in seinem abgetragenen Kleide, mit dem simplen, von Heiligenbildern eingefaßten Hute, bildete einen umso auffallenderen Kontrast. Als nun der Herzog mit Krone und Staatsmantel sich von seinem prächtigen Streitrosse schwang und, auf ein Knie sich niederlassend, den Steigbügel halten wollte, indes Ludwig von seinem kleinen Zelter sprang, grenzte die Wirkung, die das Ganze hervorbrachte, fast ans Groteske.