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Die gegenseitige Bewillkommnung der beiden Herrscher war, wie es sich von selbst versteht, ebenso voll von angenommenem Wohlwollen, als ihr alle Aufrichtigkeit abging. Die Gemütsart des Herzogs machte es diesem schwer, in Stimme, Rede und Benehmen den nötigen äußern Anstand zu beobachten, während bei dem Könige jede Art von Verstellung und Heuchelei so sehr in seiner Natur zu liegen schien, daß auch die, welche ihn am genauesten kannten, Schein und Wahrheit nicht unterscheiden konnten.

An der unsicheren Stimme, dem gezwungenen Benehmen und den abgebrochenen Gebärden des Herzogs mochte der König wohl gewahren, daß er ein bedenkliches Spiel spiele, und bereute es wahrscheinlich mehr als einmal, auf diesen Gedanken gekommen zu sein; allein die Reue kam zu spät, und alles, was ihm übrig blieb, war jene unnachahmliche Gewandtheit im Benehmen, die vielleicht nie jemand im höheren Grade besaß, als er. Sein Benehmen gegen den Herzog war von der Art, daß es der Ueberwallung eines wohlwollenden Herzens im Augenblicke aufrichtiger Versöhnung mit einem wertgehaltenen, aber von Prüfungen heimgesuchten Freunde glich, von dem er durch Umstände, die ebenso bald vergessen als hinweggeräumt worden, entfremdet worden war. Er machte sich selbst Vorwürfe, daß er nicht früher schon diesen entscheidenden Schritt getan und seinen guten, lieben Vetter durch einen solchen Beweis des Vertrauens, wie er ihm jetzt gebe, überzeugt habe, daß die Mißhelligkeiten, die zwischen ihnen stattgefunden, in seiner Erinnerung nichts wären im Vergleich mit der Liebe, die er, während seiner Verbannung aus Frankreich und mit der Ungnade seines königlichen Vaters belastet, von ihm und seinem Vater, dem »guten« Herzog Philipp, empfangen habe. Die Gesichtszüge des Herzogs von Burgund waren von Natur rauh und streng; und als er versuchte, zu lächeln, zum Beweise, daß er glaube, was der König erzähle, so war die Gebärde, die er machte, wahrhaft teuflisch zu nennen. »O, Du Erzheuchler,« sprach er bei sich selbst, »ich wollte, ich könnte Dir schicklicherweise zu Gemüte führen, wie Du alle die Wohltaten unseres Hauses vergolten hast!« – »Wenn aber auch,« fuhr der König fort, »die Bande der Blutsfreundschaft und der Dankbarkeit nicht hinreichend wären, uns aneinander zu knüpfen, lieber Vetter, so haben wir noch die der geistlichen Verwandtschaft; denn ich bin der Pate Eurer schönen Tochter Maria, die mir so teuer ist, als eins meiner eigenen Mädchen; und als die Heiligen – (gebenedeiet sei ihr Name!) – mir einen kleinen Sprößling schenkten, der innerhalb dreier Monate wieder verwelkte, da war es Euer fürstlicher Vater, der ihn zur Taufe hielt, und die Feierlichkeit mit größerer, stolzerer Pracht beging, als es in Paris selbst hätte geschehen können. Nie werde ich den tiefen, unauslöschlichen Eindruck vergessen, den die Großmut Herzog Philipps, sowie die Eurige, mein teuerster Vetter, auf das halbgebrochene Herz eines armen Verbannten machte.« – »Ew. Majestät,« entgegnete der Herzog, indem er sich zwang, etwas zu erwidern, »erkennt diese geringe Verbindlichkeit in Ausdrücken an, welche alles, was Burgund tun konnte, um sich für die Ehre erkenntlich zu zeigen, die Ihr seinem Beherrscher bewieset, weit übertreffen.« – »Ich entsinne mich wohl der Worte, die Ihr meint, guter Vetter,« sagte der König lächelnd, »ich denke, sie lauteten also: Daß ich zur Vergeltung der mir an diesem Tage erwiesenen Wohltaten, als ein armer Wandersmann, nichts anzubieten hätte, als mich selbst, mein Weib und mein Kind. Nun, ich denke, ich habe mein Pfand ziemlich gut eingelöst.« – »Ich will, was Ew. Majestät zu behaupten geruht, nicht in Abrede ziehen,« versetzte der Herzog, »aber –« – »Aber Ihr fragt,« unterbrach ihn der König, »wie denn meine Handlungen mit meinen Worten übereingestimmt, haben? – Offenbar so: Die Gebeine meines Kindes Joachim ruhen in burgundischer Erde – meine eigene Person habe ich heute morgen unbedingt in Eure Gewalt gegeben, – und was meine Gemahlin betrifft, so denke ich, lieber Vetter, Ihr werdet in Betracht der vielen indessen verflossenen Jahre nicht so streng darauf bestehen, daß ich auch in diesem Punkte mein Wort halten soll. Sie ist an Maria Verkündigung« (hier bekreuzte er sich und murmelte ein Gebet, »fünfzig Jahre alt, allein befindet sich nicht weiter von hier als Rheims, und wenn Ihr auf der buchstäblichen Erfüllung meines Wortes besteht, so soll auch sie Euch hier unverweilt ihre Aufwartung machen.« So ergrimmt auch der Herzog von Burgund darüber war, daß der König auf solch schamlose Weise einen Ton der Freundschaft und Vertraulichkeit gegen ihn annahm, so konnte er sich doch über diese sonderbare Aeußerung des Königs des Lachens nicht wehren, und sein Lachen war ebenso schneidend, als die abgebrochenen, leidenschaftlichen Laute, in denen er oft zu sprechen pflegte. Nachdem er länger und lauter gelacht, als es damals oder jetzt für Zeit und Ort schicklich erachtet werden mochte, antwortete er in demselben Tone, indem er geradezu die Ehre des Besuchs der Königin ablehnte und dagegen erklärte, daß er sich den der ältesten Tochter des Königs (sie war wegen ihrer Schönheit weit und breit berühmt) gern würde gefallen lassen.

»Ich bin erfreut, lieber Vetter,« sagte der König mit jenem zweideutigen Lächeln, das man sehr oft an ihm bemerkte, »daß Euer Wohlgefallen nicht meine jüngere Tochter Johanna sich ausersehen hat; denn in diesem Falle hättet Ihr mit meinem Vetter Orleans eine Lanze zu brechen gehabt, und wäre ein Unglück daraus entstanden, so müßt ich auf der einen oder andern Seite einen wohlwollenden Freund und geliebten Verwandten verlieren.« – »Nein! nein! mein königlicher Herr,« sprach Herzog Karl, »der Herzog von Orleans soll von meiner Seite keine Hindernisse auf dem Wege finden, den er par amour eingeschlagen hat. Wenn ich je eine Lanze mit Orleans brechen soll, so muß es in einer schöneren und geraderen Sache geschehen.«

Ludwig war weit entfernt, diese rohe Anspielung auf die Mißgestalt und Häßlichkeit der Prinzessin Johanna übel zu nehmen; es machte ihm im Gegenteil Vergnügen, daß der Herzog an solch derben Späßen Gefallen fand, in denen er selbst Meister war. Er bemühte sich, die Unterhaltung in einem solchen Tone zu führen, daß Karl, obgleich er sich unfähig fühlte, die Rolle eines versöhnten Freundes gegen einen Monarchen zu spielen, der ihm schon soviel Uebles zugefügt hatte, es nicht schwer fand, den herzlichen Wirt gegen einen witzigen Gast zu spielen. So wurde denn der Mangel wechselseitiger, aufrichtiger Zuneigung und Liebe durch den beiden sympatischen Ton eines vertraulichen Gesprächs zwischen zwei lustigen Zechbrüdern ersetzt. Glücklicherweise waren beide Fürsten imstande, während eines Banketts auf dem Stadthause zu Peronne den nämlichen Ton der Unterhaltung beizubehalten, wobei sie sich wie auf neutralem Boden begegneten. Indessen bemerkte Ludwig doch mit großer Unruhe, daß der Herzog mehrere jener vornehmen, französischen Edelleute, die seine eigene Strenge oder Ungerechtigkeit aus Frankreich vertrieben hatte, in ansehnlichen und wichtigen Aemtern um sich hatte; und es geschah bloß, um sich vor den möglichen Folgen ihres Unwillens und ihrer Rache zu sichern, daß er, wie schon bemerkt worden, sich ausbat, in dem Schlosse oder der Zitadelle von Peronne und nicht in der Stadt wohnen zu dürfen, worein der Herzog ohne Bedenken willigte.

Als aber der König behutsam die Frage stellte, ob die schottischen Bogenschützen seiner Leibwache während seines Aufenthalts in dem Schlosse zu Peronne, statt des Stadttores, wie der Herzog selbst, angeboten hatte, das Schloß bewachen könnten, versetzte Karl in seinem gewohnten ernsten Tone und auf die absprechende Weise, die noch beunruhigender wurde durch seine Gewohnheit, während des Sprechens entweder seinen Knebelbart zu streichen oder mit seinem Schwerte und Dolche zu spielen: »Heiliger Martin! nein, mein Lehnsherr, das geht nicht an, Ihr seid im Lager und in der Stadt Euers Vasallen – so nennen mich die Leute in Beziehung auf Ew. Majestät – mein Schloß, meine Stadt und meine Leute sind Euer; es ist also gleichgültig, ob sie oder Eure schottischen Bogenschützen das Stadttor oder die Verteidigungswerke des Schlosses bewachen.