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Die burgundischen Edelleute entfernten sich, erfreut über das leutselige Benehmen Ludwigs. Der König blieb nun allein mit einigen persönlichen Begleitern unter dem Bogengänge des Vorhofes zum Schlosse von Peronne und blickte empor zu dem ungeheuren Turme, der eine der Ecken des Gebäudes einnahm und zum Hauptverließe des Platzes diente. Dieses hohe, düstere und schwerfällige Gebäude hatte Mauern von furchtbarer Dicke, die Fenster waren klein und mit Eisengittern versehen, und die ungeheure plumpe Masse warf einen düstern starken Schatten über den ganzen Hofraum hin. »Da soll ich doch nicht wohnen?« sagte der König mit einem Schauder, der etwas Ahnungsvolles hatte. – »Nein!« erwiderte der grauköpfige Seneschall, der ihn mit entblößtem Haupte begleitete, »Gott behüte, Ew. Majestät Gemächer sind in den niedlichen Gebäuden dicht daneben hergerichtet. Es sind dieselben, wo König Johann zwei Nächte vor der Schlacht von Poitiers schlief.« – »Hm, das ist eben keine glückliche Vorbedeutung!« murmelte der König vor sich hin, »aber was hat es denn mit dem Turme für eine Bewandtnis, alter Freund? Warum bittet Ihr den Himmel, daß ich hier nicht wohnen möge?« – »Je nun, gnädiger Herr,« erwiderte der Seneschall, »ich weiß eigentlich nichts Böses von dem Turme zu sagen; nur versichern die Schildwachen, man sehe darin nachts Licht und höre ein sonderbares Geräusch. Der Grund davon ließe sich wohl erklären, denn er diente vor Zeiten zu einem Staatsgefängnisse, und es laufen allerlei Sagen umher, die darin vorgefallen sind.«

Ludwig mochte nicht weiter fragen, denn niemand hatte stärkere Ursache als er, die Geheimnisse eines Gefängnisses zu achten. An der Tür der zu seinem Gebrauche bestimmten Gemächer, die, wenngleich neuer als der Turm, immer noch alt und düster genug waren, stand ein kleiner Posten seiner eignen Leibwache, ihren alten treuen Befehlshaber an der Spitze.

»Crawford!« sprach der König, »wo hast Du denn heute verweilt? Sind die edlen Herren von Burgund so ungastlich, daß sie einen der wackersten und edelsten Ritter, die jemals einen Hof betraten, so sehr vernachlässigen konnten? Ich sah Euch ja nicht bei dem Bankett.«

»Ich vermied es absichtlich, mein Gebieter,« sagte Crawford. »Es gab eine Zeit, wo ich es wagen durfte, mit dem besten Manne von Burgund um die Wette zu zechen, aber jetzt steigen mir schon vier Pinten zu Kopfe, und ich glaube, Ew. Majestät Dienste erfordern es, daß ich meinen Leuten ein Beispiel gebe.« – »Du bist immer sehr vorsichtig,« sagte der König. »Hier hast Du jedoch nicht viel zu tun, da Du nur so wenige Leute zu befehligen hast, und dann sind wir doch hier, um zu feiern, nicht aber zu kämpfen.« – »Je weniger Leute ich zu befehligen habe,« entgegnete Crawford, »desto mehr hab' ich es nötig, die Burschen in gehöriger Ordnung zu erhalten, und ob dies alles am Ende auf Festlichkeiten oder auf ernsthaften Kampf hinauslaufen wird, das weiß Gott und Ew. Majestät besser als der alte Johann Crawford.« – »Ihr fürchtet doch nicht etwa Gefahr?« fragte der König hastig, aber leise. – »Das eben nicht,« antwortete Crawford, »aber ich wollte, ich tät's; denn gegen Gefahren, die man ahnt, kann man sich schützen. Die Parole für die Nacht, wenn Ew. Majestät geruhen wollen.« – »Burgund! zur Ehre unseres Wirtes und eines Trunks, dem Ihr nicht abhold seid, Crawford!« – »Ich habe weder gegen den Herzog noch gegen seinen Wein was einzuwenden,« sagte Crawford, »vorausgesetzt, daß beide echt und rein sind. Ich wünsche Ew. Majestät eine gute Nacht.« – »Gute Nacht, mein ehrlicher Schotte,« sagte der König und begab sich in seine Gemächer. An der Tür seines Schlafzimmers stand Balafré Schildwache. »Folgt mir,« sagte der König im Vorübergehen, und der Bogenschütze schritt gleich einer Maschine, die der Künstler in Bewegung setzt, hinter ihm in das Zimmer und harrte dort schweigend und bewegungslos der Befehle des Königs.

»Habt Ihr von dem irrenden Paladin, Eurem Neffen, etwas gehört?« fragte der König, »er ist uns verloren gegangen, seitdem er uns wie ein junger Ritter, der auf sein erstes Abenteuer auszieht, zwei Gefangene als die ersten Früchte seiner Ritterlichkeit heimgesandt hat.« – »Ich hörte etwas von der Sache, gnädigster Herr,« sprach Balafré, »und Ew. Majestät wird hoffentlich überzeugt sein, daß, wenn er unrecht gehandelt hat, meine Gebote und Beispiel auf keine Weise daran schuld sind; denn ich bin nie ein so kühner Esel gewesen, irgend ein Mitglied Eures erlauchten Hauses vom Pferde zu stechen; da kannte ich meine Verhältnisse besser – und –«

»Schweigt über diesen Punkt,« versetzte der König; »Euer Neffe hat in der Sache seine Schuldigkeit getan.« – »Das hat er von mir,« fuhr Balafré fort. »Quentin, sagte ich zu ihm, wie es auch kommen mag, bedenke, daß Du zu der schottischen Schützenwache gehörst, und tue Deine Schuldigkeit, es komme, wie es wolle.« – »Ich zweifle nicht, daß er an Euch einen trefflichen Lehrmeister gehabt haben wird,« sprach Ludwig; »aber jetzt beantwortet mir vor allen Dingen meine Frage. Habt Ihr kürzlich von Eurem Neffen etwas gehört? Tretet zurück, meine Herren,« fügte er, an seine Hofleute sich wendend, hinzu, »denn dies gehört nur für meine Ohren.« – »Allerdings, wenn Ew. Majestät zu Gnaden halten wollen,« erwiderte Balafré, »erst diesen Abend noch sprach ich den Reitknecht Charlot, den mein Neffe von Lüttich oder einem nahe dabei gelegenen Schlosse des Bischofs absandte, wohin er die Gräfinnen von Croye in Sicherheit gebracht hatte.«

»Nun, unsere liebe Frau sei dafür gepriesen!« rief der König aus; »bist Du aber auch Deiner Sache gewiß? Sind diese guten Nachrichten auch zuverlässig?« – »So sicher wie nur irgend etwas in der Welt!« sprach Balafré »der Bursche hat, denk' ich, von den Gräfinnen Briefe an Ew. Majestät.« – »Hol' mir sie eilig herbei,« sagte der König. »Gib Dein Gewehr einem von diesen Leuten da, Oliver, oder einem andern. Nun, unsere liebe Frau von Embrun sei gepriesen und der Schrein um ihren Hochaltar soll ganz von Silber werden!«

In dieser Anwandlung von Dankbarkeit und Frömmigkeit nahm Ludwig wie gewöhnlich den Hut ab, wählte aus den Bilderchen, womit dieser besetzt war, sein Lieblingsbild, die heilige Jungfrau, stellte es auf einen Tisch, kniete nieder und wiederholte ehrfurchtsvoll das soeben getane Gelübde.

Der Reitknecht, der erste Bote, den Durward von Schönwald abgesandt hatte, wurde nun mit den Briefen hereingeführt, die von den Damen von Croye an den König gerichtet waren. Sie dankten ihm darin in ziemlich kalten Ausdrücken für die Artigkeit, die er ihnen bewiesen hatte, und etwas wärmer für die Erlaubnis, in Sicherheit sein Gebiet wieder verlassen zu dürfen; – Ausdrücke, über die Ludwig herzlich lachte, statt darüber in Zorn zu geraten. Er fragte darauf Charlot mit sichtbarer Teilnahme, ob sie auf ihrer Reise nicht beunruhigt oder angegriffen worden seien. Charlot, ein einfältiger Mensch, und eben deswegen vom Könige hierzu ausersehen, gab einen sehr verwirrten Bericht über den Kampf, worin sein Gefährte, der Gaskogner, getötet worden war; weiter wußte er nichts. Ludwig fragte ihn nun genau und umständlich über den Weg, den die Reisegesellschaft nach Lüttich genommen, und schien sehr vielen Anteil zu nehmen, als er erfuhr, daß sie in der Nähe von Namur die gerade Straße nach Lüttich am rechten Ufer der Maas, statt auf dem linken, wie ihnen vorgeschrieben war, eingeschlagen hätten. Der König ließ sodann dem Boten ein kleines Geschenk geben und entließ ihn, indem er sich stellte, als habe seine ängstliche Besorgnis bloß die Sicherheit der Gräfinnen von Croye zum Gegenstände gehabt.