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Der Herzog hörte diese Vernunftgründe mit gesenkten Blicken an, seine Augenbrauen zogen sich so fest zusammen, daß sie zu einer buschigen Masse wurden. Als aber Crevecoeur behauptete, er glaube nicht, daß Ludwig Teilnehmer oder auch nur Mitwisser der in Schönwald verübten Greueltat sei, erhob Karl sein Haupt, warf einen stolzen Blick auf seinen Rat und rief: »Habt auch Ihr, Crevecoeur, französisches Geld klimpern hören?« – »Mein gnädigster Herr,« entgegnete Crevecoeur, »meine Hand ist immer mit Stahl, selten mit Gold vertraut gewesen; und daß Ludwig die Unruhen in Flandern veranlaßt hat, steht so fest bei mir, daß ich ihn noch vor kurzem in Gegenwart von seinem ganzen Hofe des Treubruchs beschuldigte und ihn in Eurem Namen in die Schranken forderte. Allein ich glaube keineswegs, daß er die Ermordung des Erzbischofs gutgeheißen, denn ich weiß, daß sogar einer seiner Abgesandten förmlich sich dagegen erklärte, und könnte Euch den Mann zur Stelle schaffen, wenn es Ew. Gnaden gefällig ist.« – »Wir wollen Ludwig von Frankreich selbst sprechen,« erklärte der Herzog, »und selbst die Genugtuung namhaft machen, die wir erwarten und verlangen. Wird er als unschuldig an diesem Morde befunden, so wird die Buße für andere Unbilden leichter werden. Ist er aber schuldig, wer sollte dann nicht behaupten, daß ein Leben, der Buße in einem abgelegenen Kloster gewidmet, eine wohlverdiente und dabei gnädige Strafe sei? Wir wollen uns vormittags auf das Schloß begeben. Einige Artikel sollen aufgesetzt werden, die er annehmen muß, oder wehe seinem Haupte! Die Sitzung ist aufgehoben, und Ihr seid entlassen. Euer Zeuge, Crevecoeur, soll vor uns erscheinen.« Darauf stand er auf und verließ das Gemach.

»Ludwigs Sicherheit, und, was noch schlimmer ist, die Ehre Burgunds hängt an einem Haare,« sagte Hymbercourt zu Crevecoeur und Argenton. »Eile auf das Schloß, Argenton – Du kannst besser reden als Crevecoeur oder ich. Sage Ludwig, welch ein Sturm gegen ihn im Anzuge ist – er wird am besten zu steuern wissen. Hoffentlich sagt sein Leibgardist nichts aus, was ihm zum Schaden gereicht.« – »Der junge Mann,« sagte Crevecoeur, »scheint zwar keck, aber klüger und besonnener, als sich von seinen Jahren erwarten läßt. In allem, was er mir sagte, schonte er den Charakter des Königs, als des Herrn, dem er dient. Ich bin überzeugt, er wird in Gegenwart des Königs ebenso handeln. Ich muß fort, um ihn, wie auch die junge Gräfin von Croye, aufzusuchen.« – »Die Gräfin! Sagtet Ihr uns nicht, Ihr hättet sie in dem St. Brigittenkloster gelassen?« – »Ja, aber ich mußte sie,« sagte der Graf, »auf des Herzogs ausdrücklichen Befehl durch einen Eilboten hierher entbieten lassen; und man hat sie, da sie nicht anders reisen konnte, auf einer Sänfte hergebracht. Sie war äußerst bekümmert, sowohl wegen der Ungewißheit über das Schicksal ihrer Verwandten, der Gräfin Hameline, als auch über das, was ihr bevorsteht, da sie sich dem Schutze ihres Lehnsherrn, des Herzogs Karl, entzogen hat, der unter allen Leuten auf der Welt eine Beeinträchtigung seiner oberherrlichen Rechte am wenigsten nachsieht.«

Die Nachricht, daß sich die junge Gräfin in Karls Händen befinde, gab Ludwigs Betrachtungen einen neuen Dorn. Er besprach sich über die Gegenstände mit großem Ernst mit Herrn von Argenton, dessen Scharfsinn und politische Talente dem Könige weit mehr zusagten, als der offene, militärische Freisinn Crevecoeurs oder der Vasallenhochmut Hymbercourts.

Argenton, ein hellsehender Mann, fühlte sich durch den Beifall des scharfsinnigsten Fürsten in Europa geschmeichelt und konnte sein innerlichstes Wohlgefallen nicht so verbergen, daß nicht Ludwig den auf ihn gemachten Eindruck hätte wahrnehmen sollen ... »Einen solchen Diener wünscht' ich zu haben,« sagte Ludwig, »dann wäre ich nicht in dieser unglücklichen Lage.«

Argenton erwiderte, daß die Fähigkeiten, die er besitze, Sr. allerchristlichsten Majestät zu Diensten ständen, soweit er nicht seine Pflichttreue gegen den Herzog Karl von Burgund, seinen rechtmäßigen Herrn, dadurch verletze.

»Und ich sollte der Mann sein, der Euch von dieser Pflicht verlockt?« sprach Ludwig pathetisch. »Droht mir nicht eben jetzt Gefahr, weil ich zu großes Vertrauen auf meinen Vasallen gesetzt habe? Nein, Philipp von Comines, fahrt fort, Karl von Burgund zu dienen, und am besten tun werdet Ihr es, wenn Ihr ihn zu einem billigen Vergleich mit Ludwig von Frankreich bewegt. Bewirkt Ihr dies, so leistet Ihr uns beiden einen Dienst, und einer wenigstens wird dafür dankbar sein. Ich bin ein schlichter Mann, Herr von Argenton, und ich bitte Euch, mir zu sagen, was erwartet Euer Herzog von mir?« – »Ich bin kein Ueberbringer von Vorschlägen, Sire,« sagte Comines; »der Herzog wird Euch bald seine Willensmeinung selbst eröffnen; indes fallen mir einige Punkte bei, die den Vorschlägen wohl zugrunde gelegt werden dürften. So zum Beispiel, die gänzliche Abtretung der Städte hier an der Somme.« – »Das erwartete ich,« versetzte Ludwig. – »Daß Ihr Euch lossagt von den Lüttichern und Wilhelm von der Mark.« – »Ebenso gern, als von der Hölle und dem Satan,« sagte Ludwig. – »Man wird hinlängliche Sicherheit durch Geißeln, Besetzung von Festungen oder auch andere Weise verlangen, damit Frankreich sich in Zukunft enthalte, unter den Flamändern Aufruhr und Empörung anzustiften.« – »Es ist etwas neues,« antwortete der König, »daß ein Vasall von seinem Lehnsherrn Unterpfänder fordert; doch sei es drum. Ist das Verzeichnis Eurer Winke nun zu Ende?« – »Noch nicht ganz,« antwortete der Ratgeber; »es wird auf jeden Fall gefordert, daß Ew. Majestät dem Herzog von Bretagne, wie dies erst kürzlich geschah, nicht länger beschwerlich falle und ihm nicht länger das Recht streitig mache, das ihm, wie allen großen Lehensträgern, zusteht, Münzen zu schlagen und sich Herzog und Fürst von Gottes Gnaden zu nennen.« – »Mit einem Wort, Könige aus meinem Vasallen zu machen! Wollt Ihr, Herr Philipp, daß ich ein Brudermörder werden soll? – Ihr erinnert Euch wohl noch meines Bruders Karl – kaum war er Herzog von Guyenne, als er starb. Was bleibt den Nachkommen Karls des Großen übrig, wenn sie diese reichen Provinzen weggegeben haben, als sich zu Rheims mit Oel salben zu lassen und unter einem Thronhimmel ihr Mittagsmahl einzunehmen?« – »Wir wollen Ew. Majestät Besorgnis hierüber mindern, indem wir Euch einen Genossen bei dieser einsamen Erhöhung geben,« sprach Philipp von Comines. »Obgleich der Herzog von Burgund jetzt noch nicht auf den Titel eines unabhängigen Königs Anspruch macht, so wünscht er dennoch, für die Zukunft von den herabwürdigenden Zeichen der Unterwürfigkeit gegen die Krone Frankreichs befreit zu sein.« – »Und wie kann der Herzog von Burgund, laut seinem Eide Vasall Frankreichs,« rief der König in ungewöhnlicher Gemütsbewegung aufspringend – »seinem Oberherrn Bedingungen vorzuschlagen wagen, die nach allen Gesetzen in Europa die Verwirkung seines Lehens zur Folge haben müssen?«

»Die Strafe der Verwirkung möchte im vorliegenden Falle schwer vollstreckbar sein,« antwortete Argenton ruhig; »denn Ew. Majestät weiß, daß die buchstäbliche Auslegung des Lehensrechtes, selbst im heiligen römischen Reiche, außer Brauch zu kommen anfängt, und daß Lehnsherr und Vasall ihre Lage gegenseitig zu verbessern suchen, sowie sich Macht und Gelegenheit dazu bieten. Ew. Majestät Verbindungen mit des Herzogs Vasallen in Flandern werden das Verhalten meines Herrn entschuldigen, wenn er darauf bestehen sollte, daß durch Erweiterung seiner Unabhängigkeit Frankreich für die Zukunft eines jeden Vorwands, sich auf gleiche Weise gegen ihn zu verhalten, überhoben werde.« – »Argenton!« rief Ludwig aus, indem er abermals aufstand und gedankenvoll im Zimmer auf und ab schritt, »Ihr haltet mir eine furchtbare Vorlesung über den Text: Wehe den Besiegten! Es kann doch wohl nicht Eure Meinung sein, daß der Herzog auf allen diesen harten Bedingungen bestehen sollte?« – »Wenigstens wünschte ich, Ew. Majestät hielte sich bereit, solche sämtlich zu erörtern.« – »Aber Mäßigung, Argenton, Mäßigung im Glück, ist – niemand weiß es besser, als Ihr – notwendig, um alle Vorteile sich zu sichern.« – »Mit Ew. Majestät Erlaubnis, das Verdienst der Mäßigung wird, wie ich schon oft zu bemerken Gelegenheit hatte, stets am meisten von dem verlierenden Teile hervorgehoben. Der gewinnende Teil achtet die Klugheit höher, die ihn auffordert, keine Gelegenheit unbenützt zu lassen.« – »Nun, wir wollen's überlegen,« erwiderte der König; »aber nun bist Du doch wohl mit Deines Herzogs unvernünftigen Forderungen zu Ende? Es kann nichts mehr übrig sein – oder wenn es der Fall ist, wie ich in Deinen Blicken lese – was ist es – was kann es sein – wenn es nicht meine Krone ist, die, wenn ich alle diese Forderungen bewilligte, all ihren Glanz verlöre?« – »Was ich Euch, Sire, noch sagen wollte,« versetzte Argenton, »steht zum Teil – und zwar zum größten Teil – in des Herzogs eigener Macht, allein er wünscht doch, Ew. Majestät Einwilligung dafür zu haben, denn es geht Euch in Wahrheit sehr nahe an.«