»Ich habe Ew, Majestät mit allem bekannt gemacht, worauf er zu bestehen jetzt willens ist. Allein Ew. Majestät weiß, daß des Herzogs Stimmung einem brausenden Gießbach gleichkommt, der nur dann in seinem Bette bleibt, wenn er keinen Widerstand findet; was aber noch sich zeigen könnte, ihn aufs neue in Wut zu bringen, läßt sich schwer berechnen. Würden sich noch nähere Beweise für Ew. Majestät Intriguen – verzeiht mir diesen Ausdruck, da jetzt so wenig Zeit für Zeremonien ist – mit den Lüttichern und Wilhelm von der Mark herausstellen, dann könnte es allerdings noch schlimmer werden. Es sind seltsame Nachrichten aus jener Gegend hier eingelaufen, – man erzählt sich, Wilhelm von der Mark habe Hameline, die ältere Gräfin von Croye, geheiratet.« – »Die alte Törin war ja so heiratslustig, daß sie des Satans Hand nicht ausgeschlagen hätte,« versetzte der König, »aber daß der von der Mark, so roh er auch ist, sie geheiratet haben sollte, würde mich noch mehr in Erstaunen setzen.« – »Ferner geht die Sage,« fuhr Comines fort, »daß ein Abgesandter oder Herold von seiten Wilhelms von der Mark unterwegs nach Peronne sei; – ein Umstand, der schon allein hinreichend wäre, den Herzog zur Raserei zu bringen – hoffentlich hat er nicht Briefe oder dergleichen von Ew. Majestät aufzuweisen?« – »Ich sollte an den wilden Eber schreiben?« antwortete der König. »Nein, nein, Herr Philipp, solcher Tor, Perlen vor die Schweine zu werfen, war ich nie; – mein geringer Verkehr mit dem wilden Tiere wurde durch Landstreicher und gemeines Gesindel gefühlt, deren Zeugnis nicht einmal bei einem Hühnerdiebstahl gelten möchte.« – »So kann ich denn Ew. Majestät nur noch empfehlen,« sagte Argenton, sich beurlaubend, »auf der Hut zu sein und vor allen Dingen Worte oder Beweise zu meiden, die mehr Eurer Würde, als Eurer jetzigen Lage angemessen sein dürften.«
»Wenn meine Würde,« versetzte der König, »mir einen Spuk machen will – was selten der Fall ist, wenn ich an höhere Interessen zu denken habe, – so habe ich ein sicheres Mittel, zu verhindern, daß sie mir nicht das Herz aufbläht. – Ich brauche dann nur in das zerstörte Kabinett einen Blick zu werfen, Herr von Comines, und an den Tod Karls des Einfältigen zu denken; dies heilt mich, wie ein kaltes Bad das Fieber, – Und jetzt, mein Freund und Warner, mußt Du gehen? Wohl denn, Herr Philipp, es wird ja eine Zeit kommen, wo Du es müde werden wirst, dem Stier von Burgund Vorlesungen über Staatspolitik zu halten. – Wenn Ludwig von Valois dann noch lebt, so findest Du einen Freund an Frankreichs Hofe. Ich sage Dir, es wäre ein Segen für mein ganzes Reich, wenn ich Dich gewinnen könnte, denn bei aller tiefen Einsicht in die Politik hast Du noch ein Gewissen, Recht und Unrecht zu fühlen und zu unterscheiden. So wahr mir Gott helfe, Oliver und Balue haben Herzen so hart, wie Mühlsteine, und mein Leben ist mir durch Gewissensbisse und Reue über Verbrechen verbittert worden, zu denen sie mir rieten. Du aber, Philipp, vereinigst die Weisheit der Gegenwart und der Vergangenheit, Du kannst mich lehren, wie man groß wird, ohne Tugend zu verabsäumen!«
»Eine schwere Aufgabe, die nur wenige zu lösen wußten,« sagte Comines; »doch ist sie Fürsten, die nach ihr streben wollen, noch immer erfüllbar. Vor der Hand, Sire, haltet Euch bereit, denn der Herzog wird gleich hier erscheinen, um mit Euch zu unterhandeln.«
Ludwig sah Philipp lange nach, als er das Zimmer verließ, und brach endlich in bitteres Lachen aus. »Er dünkt sich tugendhaft, weil er die Börse nicht nahm, sondern sich mit Schmeicheleien, Versprechungen und dem Genuß abspeisen ließ, für gekränkte Eitelkeit Rache nehmen zu können! Nun, er ist um so viel ärmer, da er das Geld ausgeschlagen hat – und nicht um ein Jota ehrlicher. Gleichviel muß er mein sein, denn er ist der schlaueste Kopf unter allen. – Jetzt geht es an ein edleres Wild! Jetzt hab ich's mit dem Leviathan Karl zu tun. Gleich dem furchtsamen Schiffsmann muß ich ihm eine Tonne zum Spiel über Bord weisen, aber ich werde schon noch eines Tages die Gelegenheit erwischen, ihm eine Harpune in die Eingeweide zu bohren.«
Dreizehntes Kapitel
An dem Vormittag, welcher der wichtigen und nicht minder gefahrvollen Zusammenkunft zwischen den beiden Fürsten im Peronner Schlosse vorausging, war Oliver Le Dain seinem Herrn der geschäftigste, gewandteste Unterhändler, den König Ludwig sich nur irgend wünschen konnte. Er gewann ihm überall Freunde und Förderer, bald durch Geschenke, bald durch Versprechungen; wie schon in der Nacht vorher, schlich er von Zelt zu Zelt, von Behausung zu Behausung, und wie es von andern politischen Agenten geheißen hat, »war sein Finger in jedermanns Hand und sein Mund in jedermanns Ohr« – kurz und gut, er sorgte dafür, daß die Ansicht Oberwasser bekam, daß man nicht allzu lebhaftes Interesse hätte, sich aus dem Regen selbst in die Traufe zu bringen, und daß es der Burgunder Herzog wohl um so weniger an despotischem Gelüst fehlen lassen möchte, wenn er »allein Hahn im Korbe wäre«; daß es also in ihrem eigenen Interesse läge, nicht den einen Herrscher völlig zu ducken, um den andern allein auf den Schild zu heben, sondern daß sie besser dabei fahren würden, wenn sie nach wie vor darauf hielten, einen gegen den andern ausspielen zu können. Und so erreichte denn Oliver von dem Grafen Crevecoeur, wenn auch mit einiger Mühe, die Erlaubnis, in Gegenwart Balafrés und mit Einverständnis Lord Crawfords, des Korpskommandanten, eine Unterredung mit Quentin Durward zu führen, der seit seiner Rückkehr nach Peronne in einer Art von Ehrenhaft gehalten wurde. Um nun diese Erlaubnis zu erhalten, mußten allerdings Privatsachen herhalten; indes ist es doch nicht so unwahrscheinlich, daß sich Graf Crevecoeur, aus Besorgnis, sein Herr und Gebieter mochte sich durch seine Leidenschaftlichkeit zu irgend einer unverantwortlichen Handlung gegen Ludwig hinreißen lassen, ganz gern dafür entschied, Lord Crawford mit dem jungen Schotten verhandeln zu lassen, weil er annehmen durfte, daß es dabei ohne nützliche Verhaltungswinke für den letzteren nicht abgehen werde.
Die beiden Landsleute waren äußerst erfreut über dieses Wiedersehen, und Lord Crawford strich dem jüngern Freunde zärtlich mit der Hand durch das lange, blonde Haar. »Du bist doch wirklich ein wunderlicher Jüngling,« hub er an, »Du hast ja bei allem, was Du unternimmst, mehr Glück, als wenn Du mit einer Glückshaube zur Welt gekommen wärest,« – »Das kommt doch einfach bloß daher,« bemerkte Balafré zur Sache, . . »weil er als solch junger Grünschnabel schon in unser Korps eingestellt worden ist. Von mir ist nicht halb soviel die Rede, trotzdem ich schon über ein Vierteljahrhundert dabei bin.« – »Du warst aber auch das richtige Ungeheuer von Page, meiner lieber Ludwig,« erwiderte Crawford, »hattest einen Bart wie ein Jude, der sich drei Jahre lang nicht hat scheren lassen, und einen Rücken so breit wie ein Keiler.« – »Leider werde ich wohl nicht mehr lange Anspruch auf diese Ehre, Bogenschütze Seiner allerchristlichsten Majestät zu sein, erheben dürfen,« erwiderte Quentin mit zu Boden gesenktem Blicke .. »denn ich werde mich wohl entschließen müssen, diesen Dienst zu quittieren.«
Der Oheim Balafré war außer sich vor Erstaunen, und aus den Zügen des alten Lords sprach das tiefste Mißfallen... »Was fällt Dir ein,« rief endlich Balafré, »Du willst Deinen Dienst quittieren? wer hätte sich dergleichen träumen lassen? mir könnte das nicht passieren, und wenn ich Aussicht hätte, Großkonnetable von Frankreich zu werden,« – »Ruhig, Ludwig!« sprach Lord Crawford, »der Jüngling weiß besser als wir, wie man nach dem Winde steuern muß, denn ihm ist mehr Wind um die Ohren gestrichen, und wir fangen an, zum alten Register zu gehören. Auf seiner Tour wird er wohl manches über König Ludwig vernommen haben, was ihm nicht recht behagt; und wenn er daraufhin burgundisch wird und der Meinung ist, mehr herausschlagen zu können, wenn er den Herzog davon in Kenntnis setzt, nun, so läßt sich unsererseits doch nichts dagegen tun.« – »Wenn das seine Gedanken wären, Lord Crawford,« rief Balafré, »so schnitte ich ihm selber die Kehle durch, gleichviel ob er meiner Schwester Kind ist.« »Aber ohne zuvor zu untersuchen, ob ich solche Behandlung auch verdiene,« sagte Quentin Durward, »würdet Ihr mich solcher Prozedur doch Wohl nicht unterziehen, Ohm? Und Ihr, Mylord, wißt wohl, daß sich die Rolle eines Zuträgers für mich nicht schickt. Möchte mir während meines Dienstes bei König Ludwig auch das Schlimmste zu Ohren gekommen sein, so könnt's doch keine Folter über meine Lippen zerren! Insoweit weiß ich, was ich meinem Diensteide schuldig bin. Aber ich habe keine Lust, in einem Dienste zu verbleiben, in welchem ich nicht bloß den Streichen meiner Feinde im offenen Kampfe, sondern auch den verräterischen Tücken meiner Freunde ausgesetzt bin.« – »Wenn das der Fall sein sollte,« nahm Valafré das Wort, indem er auf seinen Kommandanten einen kummervollen Blick heftete, »dann muß ich freilich fürchten, Mylord, daß kein Rat mehr mit ihm sein wird. Ich hab ja selbst ein paar Dutzend Male gegen solche Hinterlist ankämpfen wollen, die leider unserm König nicht abzugewöhnen ist, denn sie bildet nun einmal seine beliebteste Kriegsmanier.« – »Freilich, Ludwig, freilich!« pflichtete ihm Lord Crawford bei, »aber schweigen wir lieber, kommt es mir doch so vor, als ob Du der Sache mehr auf den Grund blicktest als ich.« – »Aber trotzdem kann ich's nur schwer verwinden, Mylord,« sagte Balafré, »daß ich mir sagen muß, meiner Schwester Sohn habe Dampf vor Türken und Hinterhalten.«