Dies war vielleicht bei Cadwallon, dem vornehmsten Barden Gwenwyns, der Fall, von welchem man es doch hätte erwarten sollen, daß er in der gastlichen Halle seines Fürsten vorzüglich den Strom des Gesanges dahin fließen lasse. Aber weder die bange, atemlose gespannte Erwartung der versammelten Häuptlinge und Ritter, – weder die Totenstille, welche die lärmende Halle verstummen ließ, als die Harfe ehrerbietig von seinem Diener vor ihm gestellt ward, ja weder die Befehle noch die Bitte des Fürsten selbst – vermochten Cadwallon, mehr als ein kurzes und abgebrochenes Vorspiel auf dem Instrumente abzuschwingen, dessen Töne sich von selbst in eine unaussprechlich traurige Weisen fügten, und dann hinabstarben in tiefes Schweigen, Finster blickte der Fürst auf den Barden hin, der selbst zu tief in düstere Gedanken versunken war, um irgend eine Entschuldigung hervorzubringen, ja nur dessen Unwillen zu merken. Von neuem entlockte Cadwallon einige wilde Töne, und den Blick aufwärts richtend, schien er nun recht im Begriff, in einen Strom des Gesanges auszubrechen, ähnlich denen, mit welchem die Meister in seiner Kunst gewöhnt waren, die Zuhörer zu bezaubern: aber umsonst war seine Anstrengung; er erklärte, seine rechte Hand sei gelähmt, und stieß das Instrument von sich.
Ein Murmeln ging durch die Versammlung; Gwenwyn las es in ihren Gesichtern, daß sie das ungewöhnliche Stillschweigen Cadwallons bei dieser hochwichtigen Gelegenheit für eine böse Vorbedeutung hielten. Er rief einen jungen und ehrgeizigen Barden, Caradox von Menwygent, dessen immer steigender Ruf ihn bald schon mit dem gegründeten Ruf Cadwallons gleichzustellen schien, und forderte ihn auf, einen Gesang anzustimmen, welcher ihm den Beifall seines Herrn und den Dank der Gesellschaft erwerbe. Der junge Mann war ehrgeizig und in der Kunst eines Höflings wohl bewandert; er begann ein Gedicht, in welchem er, unter erdichtetem Namen, ein hochpoetisches Gemälde von Evelinen von Berenger entwarf, daß Gwenwyn ganz davon hingerissen ward; und während alle die, welche das schöne Original gesehen hatten, sogleich die Ähnlichkeit erkannten, sprachen die Augen des Fürsten sowohl seine Leidenschaft für den Gegenstand als seine Bewunderung des Dichters aus. Die Bilder der keltischen Dichtkunst, schon selbst voll hoher Phantasie, genügten kaum dem ehrgeizigen Enthusiasmus des ehrgeizigen Barden, der immer höher stieg, je mehr er die Gefühle bemerkte, welche er erregte. Das Lob des Fürsten vermischte sich mit dem Lobe der normannischen Schönheit, »und,« sang der Dichter, »wie der Löwe sich nur leiten läßt von der Hand einer keuschen und schönen Jungfrau, so kann ein Fürst nur die Herrschaft der tugendhaftesten und liebenswürdigsten ihres Geschlechts über sich erkennen. Wer fragt die Mittagssonne, in welcher Gegend der Welt sie geboren ist? Und wie sollte man solche Reize, wie die ihrigen, befragen, welchem Lande sie ihre Geburt verdanken.?«
Begeistert für das Vergnügen wie für den Krieg und mit einer Einbildungskraft begabt, welche dem Anklange ihrer Dichter so leicht entgegenkam, vereinten sich alle welschen Häupter und Führer in lauten Beifallsrufen; und rascher gelang es dem Gesange des Barden, die geplante Verbindung des Fürsten dem Volke gefällig zu machen, als alle ernstern Gründe des geistlichen Unterhändlers bewirkt hatten.
Im Uebermaß des Vergnügens riß Gwenwyn seine goldne Armbänder ab, um sie einem Barden zu erteilen, dessen Gesang eine so ernst erwünschte Wirkung gehabt hatte, und sprach, auf den schweigenden, finstern Cadwallon blickend: »die schweigende Harfe ward nie mit goldenen Saiten bezogen,«
»Fürst,« entgegnete der Barde, dessen Stolz mindestens dem Gwenwyns gleichkam: »Ihr verdreht das Sprichwort des Talissin – die schmeichelnde Harfe ist es, der es nie an goldenen Saiten mangelt.«
Sich mit strengem Blick gegen ihn wendend, war Gwenwyn eben im Begriff, ihm eine zornige Antwort zu geben, als die plötzliche Erscheinung Jorworths, des Boten, den er an Raymond geschickt hatte, ihn zurückhielt. Dieser rohe Abgesandte trat in die Halle, mit bloßen Beinen, nur Sandalen von Ziegenleder an den Füßen, einen Mantel von gleichen Fellen über der Schulter, und einen kurzen Wurfspieß in seiner Hand. Der Staub auf seiner Kleidung und die Glut im Gesichte zeigten, mit welcher hastigen Eile er seinen Auftrag ausgeführt hatte, Gwenwyn fragte ihn begierig: »Was für Nachrichten von Garde Doloureuse, Jorworth ap Jevan?«
»Ich trage sie in meinem Busen,« sagte der Sohn des Jevan, und mit einer tiefen Verbeugung übergab er dem Fürsten ein Päckchen, welches mit Seide zugebunden war und mit einem Siegel, worauf ein Schwan zu sehen als altes Anzeichen des Hauses von Berenger, Gwenwyn, selbst des Schreibens und Lesens unkundig, reichte mit ängstlicher Eile den Brief Cadwallon, welcher gewöhnlich den Sekretär machte, wenn der Kaplan, wie jetzt eben, nicht gegenwärtig war, Cadwallon sah auf den Brief und entgegnete kurz: »Ich lese kein Latein! – Schlecht gehe es dem Normann, der an einen Fürsten von Powys in einer andern Sprache als in der der Briten schreibt. Das war wohl eine glückliche Zeit, als diese allein von Tintadgel bis Cairloil gesprochen wurde!«
Gwenwyn antwortete nur mit einem zornigen Blicke.
»Wo ist Pater Hugo?« fragte der ungeduldige Fürst.
»Er hat den Dienst in der Kirche,« sagte einer der Dienenden, »denn es ist das Fest des heiligen –«
»Und wäre es das Fest des heiligen Davids selbst,« sagte Gwenwyn, »und wäre die Monstranz in seiner Hand, er muß hierherkommen, augenblicklich!«
Einer der ersten Diener sprang auf, ihn herbeizurufen. Gwenwyn heftete indessen die Augen auf den Brief, welcher das Geheimnis seines Schicksals enthielt und nur eines Dolmetschers bedurfte, so sehnsüchtig und begierig, daß Caradoc, von dem früheren Erfolg ermutigt, einige wenige Akkorde dazwischenwarf, um womöglich seines Gebieters Gedanken in der Zwischenzeit zu beschäftigen. Eine leichte und heitere Weise, mit einer scheinbar zitternden Hand den Saiten entlockt, wie die demütige Stimme einer Untergebenen fürchtet, des Herrn Gedanken zu unterbrechen, begleitete einige wenige auf den Gegenstand sich beziehende Stanzen.
»Was ist es, o Blatt?« so sang er, die Worte an den Brief richtend, der auf dem Tisch vor seinem Gebieter lag, »daß Du in der Sprache der Fremden sprichst? Hat nicht der Kukuck einen rauhen Ton, und doch kündet er uns die grünenden Knospen und die hervorsprossenden Blumen? Wie? Ist auch Deine Sprache die des Priesters in der Stola, ist es nicht auch dieselbe, welche Herzen und Hände zusammenknüpft vor dem Altar? Und wie? Obwohl Du zögerst, Deine Schätze mitzuteilen, werden nicht alle Freuden am süßesten erhöht durch die Erwartung? Was wäre die Jagd, wenn das Tier zu unsern Füßen niederstürzt in dem Augenblick, da es von seinem Lager aufgeschreckt wird? Oder welchen Wert hätte die Liebe der Jungfrau, wäre sie ohne schüchterne Zögerung gewährt?«
Der Gesang des Barden wurde hier durch den Eintritt des Priesters unterbrochen, der, in Eile, dem Befehle seines ungeduldigen Herrn nachzukommen, sich nicht einmal Zeit gelassen hatte, die Stola abzulegen, welche er beim Gottesdienst getragen hatte; und viele der Aeltesten sahen es nicht für ein gutes Zeichen an, daß ein Priester in diesem Gewand bei einem Festgelage und unter weltlicher Sängerschaft erscheinen mußte.