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Der Geistliche öffnete den Brief des normannischen Barons, und höchst erstaunt über den Inhalt, hob er den Kopf schweigend empor.

»Leset ihn!« rief der ungestüme Gwenwyn.

»Wenn es Euch gefällt,« erwiderte der vorsichtige Kaplan, »es wäre wohl schicklich, keinen Kreis von Zuhörern zu haben.«

»Leset ihn laut,« rief der Fürst in gesteigertem Tone, »hier sitzt keiner, der nicht die Ehre seines Fürsten achtet oder der nicht sein Vertrauen verdient. Leset ihn, sage ich, laut! und beim heiligen David, wenn Raymond der Normann es gewagt hat« –

Er brach kurz ab, und auf seinen Sitz sich zurücklehnend, warf er sich in eine aufmerksame Stellung; leicht aber konnten seine Anhänger den Ausruf vollenden, den seine Klugheit abgebrochen hatte. Die Stimme des Kaplans ward leise und unsicher, als er den folgenden Brief las:

»Raymond Berenger, der edle normannische Ritter, Seneschall von den Garde Doloureuse, sendet an Gwenwyn, Fürsten von Powys (möge Frieden zwischen ihnen sein!) Glück und Heil!

Euer Brief, welcher die Hand meiner Tochter Eveline erbittet, ward uns wohlbehalten durch Euren Diener Jorworth ap Jevan überliefert, und wir sind Euch herzlich verbunden für die guten Gesinnungen, welche darin gegen uns und die Unsrigen an den Tag gelegt sind. Aber bei uns die Verschiedenheit des Bluts und der Abkunft, verbunden mit den Hindernissen und dem Unheil, das oft schon in dergleichen Fällen entstanden ist, erwägend, halten wir es für geratener, unsere Tochter mit einem Gatten ihres Volkes zu vermählen. Dieses soll aber auf keinen Fall eine Beleidigung für Euch sein, sondern nur allein zu Eurem Wohl, dem unsrigen, und unsrer Umgebung dienen, welche um desto sichrer vor der Gefahr eines Zwistes, unter uns sein werden, wenn wir nicht versuchen, die Bande unserer Freundschaft enger zu ziehen, als es sich geziemt. Schafe und Ziegen weiden zusammen in Frieden auf gleicher Weide; aber sie vermischen sich nicht an Blut und Geschlecht miteinander. Überdies ist unsrer Tochter Eveline Hand von einem edlen und mächtigen Lord der Marken, Hugo de Lacy, Connetable von Chester, begehrt worden, dessen ehrenvoller Werbung wir eine günstige Antwort erteilt haben. Demnach ist es uns unmöglich, Euch das Geschenk zu gewähren, um welches Ihr uns ersucht; sonst aber sollt Ihr uns zu allen Zeiten, bei andern Veranlassungen, willig finden, Euch gefällig zu sein. Des nehmen wir zu Zeugen Gott und die heilige Jungfrau, und St. Maria Magdalene zu Quotford, deren Schutze wir Euch von Herzen empfehlen.

Geschrieben auf unsern Befehl in unsrem Schlosse von Garde Doloureuse, in den Marken von Wales durch einen wohlehrwürdigen Geistlichen, den Vater Aldrovand, schwarzen Mönch aus dem Kloster von Wenlock; welchem wir unser Siegel beigefügt haben, am heiligen Abend des gesegneten Märtyrers St. Alphegius, welchem sei Ruhm und Ehre!«

Die Stimme des Paters Hugo stockte, und das Blatt, das er in seiner Hand hielt, zitterte, als er am Schlusse des Briefes war, denn wohl wußte er, daß viel geringere Beleidigungen, als das kleinste Wort in diesem Briefe Gwenwyn erscheinen mußte, sicher jeden Tropfen seines britischen Blutes in die heftigste Bewegung setzten. Auch unterblieb das nicht. Der Fürst hatte sich nach und nach aus der ruhenden Stellung aufgerichtet, in welcher er den Brief anhören mußte; aber als er zu Ende war, sprang er auf die Füße wie ein aufgeschreckter Löwe und schleuderte im Aufstehen den Fußträger von sich, daß er weit auf den Boden hinrollte. »Pfaffe!« sagte er, »hast Du die verfluchte Schrift treu gelesen? Denn hast Du nur ein Wort, einen Buchstaben hinzugesetzt oder abgenommen, so will ich Deine Augen so handhaben, daß sie nie mehr einen Brief lesen sollen!«

Der Mönch antwortete zitternd, denn er wußte wohl, daß die geistliche Würde nicht allgemein von den leicht zu reizenden Walisern geachtet wurde: Bei dem Eide meines Ordens, mächtiger Fürst, ich las Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe.«

Stille ward es auf einen Augenblick, während die Wut Gwenwyns über diesen unerwarteten Schimpf, ihm angetan in der Gegenwart aller seiner Uckelwyr [Edle Häupter, buchstäblich Männer von hoher Gestalt] , zu stark für jeden Ausdruck schien; da ward das Stillschweigen durch einige wenige Klänge von der bisher stummen Harfe Cadwallons unterbrochen. Der Fürst blickte anfangs um sich her, unwillig über die Unterbrechung; denn er war eben im Begriff, zu sprechen. Aber als er sah, wie der Barde mit einer Art von Begeisterung sich über seine Harfe hinneigte, und mit beispielloser Kunst die wildesten und zugleich die erhabensten Töne in einen Eingang verflocht, ward er selbst ein Zuhörer statt Sprecher, Cadwallon, nicht der Fürst, schien jetzt ein Mittelpunkt der Versammlung zu sein, auf den aller Augen gerichtet waren, zu dem jedes Ohr mit atemloser Aufmerksamkeit sich wandte, als ob seine Saiten Aussprüche eines Orakels wären.

»Wir knüpfen nicht Ehen mit Fremden,« so entströmte der Gesang den Lippen des Dichters, »Vortiger [Durch die Ehe dieses Häuptlings der Briten mit der Tochter des Angelsachsen Hengist oder Horst sollen diese beiden Brüder im Jahre 449 zuerst festen Fuß in Britannien gefaßt haben.] schloß die Ehe mit der Fremden; da kam das erste Wehe über Britannien und ein Schwert über seine Edlen und ein Donnerkeil über seinen Palast. Wir vermählen uns nicht mit den Sklaven gewordenen Sachsen der freiförstliche Hirsch sucht sich nicht zur Braut auf die Färse, deren Nacken das Joch getragen hat. Wir vermählen uns nicht mit den räuberischen Normannen – der edele Hund verschmäht es, sich eine Gefährtin aus der Herde gefräßiger Wölfe zu suchen. Seit wann hörte man, daß die Kymerier, die Abkömmlinge des Brute [nach alten, unerwiesenen Sagen] , die echten Kinder des Bodens vom schönen Britannien, geplündert, unterdrückt, ihres Geburtsrechtes beraubt und selbst in ihren letzten Zufluchtsorten beschimpft wurden? Wann, als weil sie ihre Hand freundlich dem Fremden reichten, und die Tochter des Sachsen an ihre Brust schlossen? – Welches von beiden fürchtet man? Das leere Wasserbette im Sommer oder die Tiefe des wild hinstürzenden Winterstroms? Ein Mädchen belächelt den versiegten Sommerbach, indem sie hinüberspringt; aber Roß und Reiter scheuen sich, dem Strom der Winterflut entgegenzuringen. Die Männer von Monthraval und Powys sind die gefürchtete Flut des Winters! Gwenwyn, Sohn des Cyverliok! Dein Federbusch sei die erste ihrer Wogen.«

Alle Gedanken an Frieden, Gedanken, welche an sich dem Herzen der kriegerischen Briten fremde waren, verschwanden vor dem Gesänge Cadwallons wie der Staub vor dem Wirbelwind, und mit einstimmigem Aufruf beschloß die Versammlung augenblicklichen Krieg. Der Fürst aber selbst sprach nicht, sondern sah stolz um sich her, streckte weit seinen Arm aus, als einer, der seine Scharen zum Angriffe treibt.

Der Priester hätte gerne, wenn es zu wagen gewesen wäre, Gwenwyn daran erinnert, daß das Kreuz, welches er auf seine Schulter geheftet, seinen Arm zu dem heiligen Kriege eingeweiht und jede Verwicklung im weltlichen Streit ausgeschlossen hätte. Aber die Aufgabe war zu gefährlich für Pater Hugos Mut, und er schlich sich aus der Halle in die Einsamkeit seines Klosters. Auch Caradoc, dessen kurze Stunde der Volksgunst vorüber gegangen war, zog sich mit demütigen niedergeschlagenen Blicken zurück, doch nicht ohne einen Blitz des Unwillens auf seinen triumphierenden Nebenbuhler zu werfen, der so bedacht die Entfaltung seiner Kunst für das Thema des Krieges aufgespart hatte, welches den Zuhörer immer am meisten ansprach.

Die Häupter nahmen ihren Sitz wieder ein, aber nicht mehr um dem Mahle obzuliegen, sondern auf die gewohnte eilige Weise dieser allzeit fertigen Krieger nur den Ort festzusetzen, wo sie ihre Macht vereinigen wollten, wozu bei solcher Gelegenheit fast alle kampffähigen Männer des Landes gewählt wurden – denn alle, Priester und Barden ausgenommen, waren Krieger; – ferner die Art und Weise ihres Zuges zu bestimmen gegen die zum Angriffe bestimmten Grenze, wo sie sich vornahmen, durch eine allgemeine Verheerung ihren Zorn über den Schimpf, welchen ihr Fürst durch diese zurückgewiesene Bewerbung erlitten hatte, an den Tag zu legen.