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»Du kennst mein Herzensgeheimnis, Mathilde, denn Du weißt, wie teuer Brown mir ist. Ich sage nicht, sein Andenken; denn ich bin überzeugt, er lebt und ist mir treu. Er wurde in seinen Bewerbungen um mich durch meine verstorbene Mutter ermuntert, vielleicht unvorsichtigerweise, da sie meines Vaters Vorurteile über Herkunft und Rang kennen mußte. Aber gewiß konnte man von mir – ich war zu jener Zeit fast noch ein Kind – keine größere Portion Klugheit erwarten, als von derjenigen, unter deren Obhut die Natur mich gestellt. Meinen Vater, der fast immer von seiner Soldatenpflicht festgehalten wurde, sah ich nur selten, und man lehrte mich, mehr mit scheuer Ehrfurcht als Vertrauen auf ihn blicken. Wollte Gott, es wäre anders gewesen! Vielleicht würde es jetzt besser um uns alle stehen.«

»Du fragst mich, warum ich es meinem Vater nicht sage, daß Brown noch am Leben ist? warum ich wenigstens nicht entdecke, daß er die Wunde, die er in jenem unglücklichen Zweikampfe empfing, überlebt und in seinem letzten Briefe an meine Mutter seine Genesung gemeldet und der Hoffnung Ausdruck gegeben hat, bald aus seiner Gefangenschaft befreit zu werden? Ein Krieger, der im blutigen Waffengewerbe so manchen Feind erschlug, findet sich wahrscheinlich mit dem Gedanken an vermutetes Unglück leichter ab als Menschen wie ich, die darüber vor Grauen schier vergehen. Und wollte ich ihm nun jenen Brief zeigen, was würde die Folge sein? Würde nicht Brown, wenn er lebte und die Ansprüche, um derenwillen mein Vater ihm einst nach dem Leben getrachtet, wieder geltend machen und von neuem verfolgen wollte, die Gemütsruhe meines Vaters furchtbarer stören, als jetzt, da er für tot gehalten wird? Ist er jenen Räubern entronnen, so wird er gewiß bald nach England kommen, und es wird dann Zeit sein, zu überlegen, wie ich meinem Vater das Geheimnis entdecken könne. Aber ach! sollte meine zuversichtliche Hoffnung getäuscht werden, was möchte es helfen, ein Geheimnis zu enthüllen, an das sich so viele schmerzliche Erinnerungen knüpfen? Meine gute Mutter hatte vor dieser Entdeckung so große Bange, daß ich glaubte, sie wollte meinen Vater lieber in dem Argwohn lassen, daß Browns Bewerbungen ihr gegolten hätten, als ihm den wahren Sachverhalt zu verraten. O Mathilde, wie viel Achtung ich auch dem Andenken meiner Mutter schuldig bin, laß mich gerecht gegen meinen Vater sein! Ich muß das zweideutige Betragen, das sie beobachtete, verdammen, weil es ungerecht gegen meinen Vater und höchst gefährlich für sie selbst und für mich war. Doch Friede sei mit ihrem Staube! Sie ließ sich mehr von ihrem Herzen als ihrem Verstande leiten, und sollte ich, die Erbin ihrer Schwäche, zuerst den Schleier von ihren Mängeln ziehen?«

Mervyn-Hall »Indien ist ein Wunderland, liebe Mathilde, hier aber lebe ich im romantischen Lande. Die Landschaft vereinigt die erhabensten Gebilde der Natur: donnernde Wasserfälle, Berge, die mit ihren Häuptern den Himmel berühren, Seen, die, durch schattige Täler sich windend, bei jeder Krümmung ihrer Ufer in wilde Einsamkeit führen, Felsen, deren Gipfel über die Wolken ragen. Hier Salvator Rosas Wildheit, dort ein Feenland von Claude Lorrain! Es freut mich, daß ich wenigstens einen Gegenstand finde, der meinen Vater nicht weniger begeistert als mich. Er ist ein maßloser Naturfreund, als bildender Künstler sowohl wie als Dichter, und ich habe ihm mit dem innigsten Vergnügen zugehört, wenn er über Wesen und Wirkungen dieser phänomenalen Schöpferkraft sprach. Ach, wenn er sich doch in dieser bezaubernden Gegend niederließe! Aber seine Absichten sind weiter nach Norden gerichtet, und eben jetzt ist er nach Schottland gereist, um sich, wie ich vermute, dort anzukaufen. Erinnerungen aus seinem früheren Leben haben ihm eine Vorliebe für jenes Land eingeflößt. Ich werde Dir also noch weiter entrückt werden, teure Mathilde, ehe ich eine Heimat habe, O, wie froh werde ich sein, wenn ich einst sagen kann: Komm, Mathilde, und sei der Gast Deiner Julie.

Ich wohne jetzt bei Herrn Mervyn, einem alten Freunde meines Vaters. Seine Gattin ist eine recht wackere Frau, anständig und häuslich, aber nach höheren Vollkommenheiten darfst Du nicht fragen. Mervyn ist ein anderer Mann, als mein Vater, ein ganz anderer Mann, aber ich habe ihn gern, und er ist nachsichtig gegen mich. Ein dickes, munteres Männchen, sehr klug, fast pfiffig und nicht ohne Humor. Es macht mir Spaß, ihn mit mir auf die Gipfel der Berge hinauf- und zu dem Fuße der Berge und zu dem Fuße der Wasserfälle heranzuführen, und ich muß dagegen zum Danke seine Rüben, seinen Klee und sein Gras bewundern. Er mag mich wohl für ein einfältiges, schwärmerisches Ding halten, nicht ohne – das Wort will heraus – Schönheit, nicht ohne Gutmütigkeit, und ich meine, der liebe Herr hat, was die weibliche Außenseite betrifft, einen guten Geschmack, und ich denke nicht, daß er tiefer in mein Inneres zu blicken versteht. So neckt er mich, führt mich an der Hand und humpelt neben mir her – denn der gute Mann hat auch das Podagra – und erzählt alte Geschichten aus der vornehmen Welt, deren er viele in petto hat, und ich höre zu, lächle, und sehe so nett und freundlich dazu, als ob ich kein Wässerlein trüben könnte – und wir kommen recht gut miteinander aus.

Aber ach, teuerste Mathilde, wie könnte ich die Zeit hinbringen, selbst in diesem Paradiese, an der Seite eines Paares, das zu meinen Anschauungen so wenig paßt, wenn Du nicht auf meine kaum interessanten Mitteilungen mit so freundlicher Treue antwortetest. Ich bitte Dich, schreibe mir wenigstens dreimal in der Woche. Du wirst ja immer etwas zu erzählen haben,« 5

»Wie soll ich Dir sagen, was ich Dir jetzt mitzuteilen habe! Hand und Herz zittern noch so heftig, daß ich kaum schreiben kann. Sagte ich Dir nicht, daß er noch lebe? Sagte ich Dir nicht, ich wollte nicht verzweifeln? Wie konntest Du glauben, Mathilde, daß meine Gefühle, da ich in so früher Jugend von ihm getrennt worden, eher einer glühenden Einbildung als meinem Herzen entsprüngen! Nein, wie oft wir uns auch über die Regungen unseres Herzens täuschen mögen, ich war sicher, daß diese Empfindungen echt waren. Doch höre meine Geschichte! Aber sie sei Dir ein heiliges Unterpfand, wie diese Mitteilung die aufrichtigste Freundschaftsprobe ist.

Wir gehen hier früh zu Bette, früher als mein Herz mit seiner Sorgenlast Ruhe finden kann. Ich nehme daher gewöhnlich, sobald ich allein bin, auf ein Paar Stunden ein Buch in die Hand, um vor dem Schlafengehen, wie gewöhnlich, auf den See im Mondschein hinauszusehen. Mein Zimmer hat, wie ich Dir wohl schon gesagt habe, einen kleinen Erker mit einer Aussicht über den See. Mervyn-Hall, zum Teil ein altes, zur Verteidigung eingerichtetes Gebäude, liegt auf dem hohen Ufer des Sees. Ich war ganz vertieft in den schönen Auftritt im Kaufmanne von Venedig, wo zwei Liebende die Reize einer stillen Sommernacht wetteifernd beschreiben, und ganz versunken in die verwandten Erinnerungen und Empfindungen, die in mir erwachten, als ich den Ton einer Flöte auf dem See hörte. Ich habe Dir schon gesagt, die kleine Querflöte war Browns Lieblingsinstrument. Wer konnte sie spielen in einer Nacht, zwar still und heiter, aber doch zu kalt und winterlich, als daß sie einen Wanderer hätte locken können, eine Lustfahrt auf dem See zu machen! Ich ging näher ans Fenster und horchte, kaum aufatmend. Die Töne schwiegen eine Weile, wurden von neuem laut, schwiegen noch einmal, und drangen wieder, immer näher kommend, an mein Ohr. Endlich hörte ich deutlich das kleine Hindu-Lied, das Du mein Leibstückchen nanntest – Du weißt, von wem ich's gelernt habe. Es waren seine Töne. War es irdische Musik, oder wehte der Wind mir diese Töne zu, seinen Tod mir anzukündigen?