»Nein, die Flasche! die Flasche, Freund Reinold! Ich muß einen tiefen, recht feierlichen Zug tun, wenn wichtige Sachen vor sind,« sagte Wilkin. Demzufolge ergriff er die Flasche, nahm erst einen vorläufigen Schluck, und hielt dann inne, als wollte er die Kraft und den Geruch des edlen Trankes erproben. Wahrscheinlich genügte ihm beides, denn er nickte beifällig dem Kellerer zu. Nun führte er noch einmal die Flasche zum Munde, langsam und nach und nach brachte er den Boden des Gefäßes parallel mit der Decke des Zimmers, ohne einen einzigen Tropfen seines Inhalts sich entwischen zu lassen.
»Das schmeckt, Herr Kellermaster,« sagte er, indem er inzwischen Luft schöpfte, nach einem so langen Anhalten des Atems, »aber vergebe es Euch der Himmel, daß Ihr wähnt, es sei das Beste, was ich je gekostet habe. Ihr kennt nicht die Keller von Gent Ypern.«
»Was kümmern die mich,« sagte Reinold, »die Leute von edlem normannischen Blute ziehen die Weine von Gascogne und Frankreich, so edel und leicht und herzstärkend, weit vor dem sauren Getränke vom Rhein und Neckar.«
»Das ist Geschmackssache,« sagte drauf der Flamländer, »aber hör an, gibt's noch viel von diesem Wein im Keller?«
»Mir kam es vor, er hätte Eurem leckern Gaumen nicht geschmeckt,« sagte Reinold.
»Nicht doch, nicht doch,« erwiderte Wilkin, »ich sagte, er schmeckt. – »Ich habe wohl einmal etwas Besseres getrunken, aber dieser ist recht gut, wo man Besseres nicht haben kann. – Noch einmal, wieviel hast Du davon?«
»Ein ganzes Faß,« erwiderte Reinold, »ich zapfte ein frisches für Euch.« »Gut,« sagte Flammock, »bringt ein Quartmaß herbei, christlich gemessen! windet das Faß hier in das Speisegewölbe hinauf, und laßt jedem Krieger in dem Schlosse hier einen Becher, wie ich ihn geleert, empfangen. Ich fühle, es hat mir recht gut getan. Das Herz sank mir, als ich den schwarzen Rauch vor meiner Walkmühle da aufsteigen sah. – Laßt jeden Mann da ein völlig Quart erhalten, Schlösser verteidigt man nicht bei dünnem Getränke.«
»Ich muß tun, was Ihr verlangt, guter Wilkin Flammock,« sagte der Kellerer, »aber bedenkt, daß nicht alle Leute gleich sind. Was Eure flamländischen Herzen nur erwärmt, setzte normannisches Gehirn in Feuer und Flammen, und was Euren Landsleuten nur den Mut gibt, den Wall zu verteidigen, würde die unsrigen über die Zinnen hinüberschleudern,«
»Gut, Ihr kennt die Beschaffenheit Eurer Landsleute am besten, gebt Ihnen nach Eurem Gutdünken Wein und Maß – nur laßt jeden Flamländer ein volles Quart Rheinwein erhalten. – Aber was wollt Ihr mit den englischen Knollen anfangen, von denen eine gute Menge uns zurückgelassen ist?«
Der alte Kellerer schwieg und rieb seine Stirne. »Das wird eine arge Menge Wein kosten,« sagte er, »und doch kann ich nicht leugnen, die Not rechfertigt den Aufwand. Aber was die Englischen anbetrifft, die sind, wie Ihr wißt, eine gemischte Art, sie haben viel von Eurer deutschen Schläfrigkeit, aber auch zugleich ein gutes Maß von dem heißen Blut jener wälschen Furien da. Leichte Weine setzen sie nicht in Bewegung, und starkes, schweres Getränke würde sie tot machen. Was meint Ihr zum Bier, ein kraftgebendes, stärkendes Getränke, welches das Herz erwärmt, ohne das Gehirn zu erhitzen?«
»Bier!« sagte der Flamländer, »Hm – Ha! Ist Euer Bier kräftig, Herr Kellner? – ist es Doppelbier?«
»Zweifelt Ihr an meine Kunst,« sagte Reinold, »März und Oktober sind meine Zeugen, so wie sie herankommen, seit dreißig Jahren, wie ich mit der besten Gerste in Shrosphire umzugehen weiß – urteilt selbst!«
Er füllte aus einem großen Oxhoft in der Nähe des Spießgewölbes die Flasche, welche der Flamländer eben geleert hatte, und kaum war sie voll, so hatte sie auch schon Wilkin bis auf den Boden geleert.
»Gute Ware, Herr Kellermeister,« sagte er, »starke aufregende Ware. Die englischen Kerle werden wie die Teufel danach fechten. – So laß ihnen bei ihrem Rindfleisch und schwarzem Brot reichlich Bier reichen. Und nun, nachdem ich für Euer Amt Euch die gehörigen Aufträge gegeben habe, lieber Reinold, ist es Zeit, daß ich auf mein eigenes Amt sehe.«
Wilkin Flammock verließ das Gewölbe, und Gesicht und Verstand gleich ungestört von den tiefen Zügen, in welchen er eben geschwelgt hatte, wie von den verschiedenen Gerüchten von dem, was außerhalb vorging, machte er die Runde in der Burg und den Außenwerken, musterte die kleine Besatzung, wies jedem seinen Posten an, doch überließ er seinen eigenen Landsleuten den Dienst mit der Armbrust und die Handhabung der Kriegsmaschinen, welche die stolzen Normänner erfunden hatten, und deren Art die unwissenden Engländer oder eigentlich Angelsachsen nicht begreifen konnten, während sie seine geschickteren Landsleute mit der größten Gewandtheit behandelten. Die Eifersucht, sowohl der Engländer als der Normannen, darüber, daß sie zu dieser Zeit einem Flamländer untergeordnet wären, verlor sich allmählich vor der kriegerischen und selbst mechanischen Geschicklichkeit, die er entfaltete, und selbst vor dem Gefühl der dringenden Not, die mit jedem Augenblick größer wurde.
Viertes Kapitel
Die Tochter Raymond Berengers verweilte noch immer mit ihren Begleitern, deren wir erwähnten, auf den Zinnen von Garde Doloureuse, trotz der Ermahnungen des Geistlichen, daß sie besser tun würde, den Ausgang dieser furchtbaren Stunde in der Kapelle bei gottesdienstlicher Feier abzuwarten. Er bemerkte endlich, daß sie aus Gram und Furcht nicht imstande war, seinen Rat zu hören oder zu verstehen. Er setzte sich also zu ihr, indessen der Jäger und Rose Flammock ihr zur Seite standen, und bestrebte sich, ihr Trostgründe vorzutragen, da er wohl kaum selbst Trost fühlte.
»Es ist wohl nur ein Ausfall Eures edlen Vaters,« sagte er, »und wenn er auch den Anschein eines großen Wagestückes hat, wer hat es je in Zweifel gezogen, daß Raymond Berenger wisse, was im Kriege geraten sei? Er ist immer geheimnisvoll und entschlossen bei seinen Entwürfen. Ich merkte es wohl, er wäre nicht ausgerückt, hätte er nicht gewußt, daß der edle Graf von Arundal oder der mächtige Connetable von Chester schon in der Nähe seien.« »Glaubt Ihr das gewiß, guter Vater? – Geh, Raoul – geh, meine liebe Rose – schaue nach Osten, gebt acht, ob Ihr nicht Fahnen oder Staubwolken gewahr werden könnt, – Horch! Horch! Hört Ihr nicht Trompeten von jener Seite her?«
»Ach, Mylady,« sagte Raoul, »selbst den Donner des Himmels würde man nicht vernehmen können vor dem Geheul jener Walliser Wölfe.« Bei diesen Worten wandte sich Eveline um, und als sie zur Brücke hinsah, bot sich ihr ein schreckenerregendes Schauspiel dar.
Der Fluß, der von drei Seiten den Fuß der stolzen Anhöhe umspült, auf welchem das Schloß lag, krümmt sich von der Burg und dem damit zusammenhängenden Dorfe auf der Westseite hinaus, und der Hügel sinkt hier zu einer ausgedehnten Höhe hinab, welche so außerordentlich flach ist, daß sie gar deutlich eine ursprüngliche Anschwemmung anzeigt. Ganz unten, am äußersten Ende der Ebene, wo wieder die Ufer des Flusses sich zeigen, befanden sich die Häuser der wackern, gewerbtreibenden Flamländer, welche jetzt in hellen Flammen aufloderten. Die Brücke, von hohen, enge verbundenen ungleichen Bogen errichtet, lag ungefähr eine halbe Meile (engl.) von der Burg rechts im Mittelpunkt der Ebene. Der Strom selbst nahm seinen Lauf in einem tiefen, felsigen Bette, er war oft gar nicht und stets sehr schwer zu passieren; daher er einen beträchtlichen Vorteil den Verteidigern der Burg gewährte, welche bei andern Gelegenheiten manch teuren Tropfen Blutes zur Verteidigung dieses Passes verspritzt hatten, den jetzt zu verlassen, sich Raymond Berenger durch seine phantastischen Skrupel verleiten ließ. Die Walliser ergriffen diesen Vorteil mit der Gier, mit welcher man eine unerwartete Gabe zu erfassen sucht; sie ballten sich fest zusammen auf den hohen steilen Bogen, während neue Rotten von verschiedenen Punkten her auf dem jenseitigen Ufer sich versammelten, den fortgesetzten Strom der Krieger anschwellend, welche, nachdem sie in guter Muße ungestört hinübergegangen waren, nun ihre Schlachtlinie der Burg gegenüber aufstellten.