Anfangs beobachtete Pater Adlrovand ihre Bewegungen ohne große Sorge, ja mit dem verächtlichen Lächeln, womit man den Feind im Begriffe sieht, in die Falle zu gehen, welche höheres Wissen ihm legte, Raymond Berenger mit seinem kleinen Häuflein zu Fuß und zu Pferde war auf der Anhöhe zwischen der Burg und der Ebene, welche von der ersten zur letzteren sanft emporstieg, aufgestellt. Ganz klar schien es dem Dominikaner, welcher im Kloster seine früheren Kriegskenntnisse noch nicht ganz vergessen hatte, es sei des Ritters Vorsatz, den noch untergeordneten Feind anzugreifen, sobald eine gewisse Anzahl den Strom überschritten habe, und die andern noch in dem langsam und gefährlichen Uebergang begriffen seien. Als aber große Massen der weißbemäntelten Walliser ohne Störung eine solche Stellung auf der Ebene einnehmen durften, als ihre Art zu kämpfen es mit sich brachte, da begannen die Züge des Mönches, obgleich er noch immer die erschreckte Jungfrau aufzumuntern strebte, sich zu ändern und ängstlicher zu werden, und mächtig kämpfte die ihm sonst schon zur Gewohnheit gewordene Resignation mit dem alten militärischen Feuer. »Fasse Geduld, meine Tochter,« sagte er. »Sei guten Mutes! Deine Augen sollen die Niederlage jenes barbarischen Feindes schauen. Laß nur noch eine Minute verlaufen, und Du sollst sie zerstreut sehen, wie der Staub. – Heiliger Georg! Gewiß werden sie gleich, gleich Deinen Namen ausrufen, jetzt oder nie!«
Des Mönchs Rosenkranz glitt währenddessen schnell durch seine Finger, aber mancher Ausdruck kriegerischer Ungeduld mischte sich von selbst unter seine Gebete. Er konnte die Ursachen nicht finden, warum es einem Zuge der Bergbewohner nach dem andern, mit ihren verschiedenen Bannern unter Anführung ihrer Häupter, gestattet wurde, ohne Störung den schwierigen Paß zu überschreiten und sich in Schlachtordnung auf dieser Seite der Brücke aufzustellen, während die englische oder vielmehr anglonormannische Reiterei auf dem Flecke blieb, selbst ohne einmal die Lanzen einzulegen. Noch, dachte er, blieb eine Hoffnung übrig – nur die eine vernünftige Erklärung dieser sonst unbegreiflichen Untätigkeit dieses freiwilligen Aufgebens solches Terrainvorteils, da das Uebergewicht der Anzahl so entsetzlich von seiten des Feindes war. Pater Aldrovand schloß nämlich, der Succurs des Connetable von Chester und anderer Lords der Marken müsse unmittelbar in der Nähe sein, und den Wälschen würde darum ohne Widerstand der Weg über den Fluß gestattet, damit ihre Rückkehr um desto sicherer abgeschnitten, und ihre Niederlage, den tiefen Fluß im Rücken, um so verderblicher werden müßte.
Aber während er sich dieser Hoffnung ganz hingab, sank ihm doch das Herz, als er nach jener Richtung, woher die erwartete Hilfe kommen sollte, das Auge wendend, auch nicht das geringste Zeichen ihrer Annäherung sehen, noch hören konnte. In einer Gemütsstimmung, die näher der Verzweiflung als der Hoffnung war, fuhr der alte Mann fort, abwechselnd seinen Rosenkranz abzubeten, sorgenvoll um sich herzuschauen und einige Worte des Trostes in abgerissenen Redensarten seiner jungen Lady zuzurufen, bis das allgemeine Kriegsgeschrei der Wälschen, von den Ufern des Flusses bis zu den Zinnen der Burg hinübertönend, eben durch diesen Jubel es ihm ankündigte, daß der Letzte der Briten den Paß überschritten habe, und daß ihre ganze furchtbare Reihe, zum Angriff bereit, diesseits des Flusses sei.
Dieses gellende und grausenerregende Geschrei, zu welchem jeder Wälsche seine Stimme hergab mit herausfordernder Wut, mit Kampfdurst und Siegeshoffnung, ward endlich von dem Ton der normannischen Trompeten erwidert, dem ersten Zeichen der Anwesenheit Raymond Berengers. Aber so mutig sie schmetterten, dennoch klangen die Trompeten im Vergleich mit dem Schlachtgebrüll, das sie beantworteten, nur gleich dem Pfeifen des kräftigen Seemanns mitten im Geheule des Sturmes.
Im gleichen Augenblick als die Trompeten erklangen, gab Berenger den Schützen das Zeichen, ihre Pfeile abzuschießen, und den Reisigen unter einem Hagelschauer von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen, geschossen, geworfen, geschleudert von den Wälschen, gegen ihre stahlbedeckten Angreifer vorzurücken.
Und Raymonds Veteranen, von manchen siegreichen Erinnerungen gespornt, dem Talent ihres ausgezeichnet erfahrenen Führers trauend, und durch ihre verzweifelte Lage noch nicht entmutigt, warfen sich auf die Masse der Walliser, mit ihrer gewöhnlichen entschlossenen Tapferkeit. Es war ein schöner Anblick, die kleine Reiterschar zum Angriff hinstürzen zu sehen, die Federn über den Helmen wogend, mit eingelegten Lanzen, die sechs Fuß vor der Brust ihrer Feinde hervorragten; die Schilder von ihrem Nacken hängend, damit die linke Hand frei sei, das Pferd zu lenken, und die ganze Schar hinsprengend in einer Linie, und zwar mit einer Schnelligkeit, die mit jedem Augenblick zunahm. Ein solcher Angriff hätte solche nackten Menschen – (denn als solche waren die Walliser gegenüber den fest eingepanzerten Normännern anzusehen) über den Haufen werfen müssen; aber den alten Briten erregte es keinen Schrecken, welche schon lange ihren Ruhm darein setzten, ihre bloße Brust im weißen Leibrock den Lanzen und Schwertern der Gewappneten mit solchem Vertrauen entgegenzustellen, als wären sie unverwundbar geboren. Zwar vermochten sie es nicht, dem Gewicht des ersten Anlaufs zu widerstehen, welches ihre Linie durchbrach, so dicht wie sie aufeinander standen, und die gewappneten Rosse mitten in das Zentrum des Heeres trieb, ganz nahe dem verhängnisvollen Banner, welchem Raymond Berenger, von seinem unseligen Gelübde gebunden, heute einen so vorteilhaften Boden eingeräumt hatte. Aber sie wichen wie die Wellen, welche zwar dem kühnen Schiffe Platz machen, aber nur, um dessen Seiten zu bestürmen, und sich hinten auf dessen Spur wieder zu vereinigen. Mit wildem, gräßlichem Geschrei schlossen sie ihre Reihen rings um Berenger und seine hingebungsvollen Treuen, und der Todesauftritt des heftigsten Kampfes und Gegenkampfes erfolgte.
Die besten Krieger von Wales stießen jetzt zur Standarte Gwenwyns; die Pfeile der Männer von Gwentland, deren Geschicklichkeit im Bogenschießen fast der normannischen gleichkam, rasselten auf den Helmen der Reisigen; und die Speere des Volkes von Delenbarth, berühmt durch die Schärfe und Härte ihrer Stahlspitzen, wurden gegen die Kürasse gebraucht nicht ohne nachteilige Wirkung, trotz des Schutzes, den diese dem Reiter gewährten.
Umsonst war es, daß die Bogenschützen in der kleinen Truppe Raymonds, wackere Einsassen, welche größtenteils ihre Ländereien auf Bedingung von Kriegsdiensten besaßen, ihre Köcher auf das breite Ziel leerten, das ihnen das wälsche Heer darbot. Es ist wahrscheinlich, daß jeder Pfeil eines Walliser Leben auf der Spitze davon trug; aber um der Reiterei, welche jetzt enge und ohne Ausgang eingeschlossen war, entscheidende Hilfe zu gewähren, hätte das Gemetzel wenigstens zwanzigmal größer sein müssen. Die Walliser indessen, voll Aerger über das unaufhörliche Schießen, erwiderten es mit einem Pfeilregen ihrer Schützen, deren größere Zahl ihre geringere Geschicklichkeit ersetzte, und die noch durch eine Menge von Lanzenwerfern und Schleuderern unterstützt wurden. So waren die normannischen Schützen, welche mehr als einmal versucht hatten, aus ihrer Stellung hinabzusteigen, um eine Diversion zugunsten Raymonds und seiner geopferten Schar zu machen, so gedrängt auf ihrer eigenen Fronte beschäftigt, daß sie alle Gedanken an eine solche Bewegung aufgeben mußten.
Indessen trachtete nun der ritterliche Anführer, welcher anfangs nur auf einen ehrenvollen Tod gehofft hatte, mit allen seinen Kräften danach, sein schlimmes Schicksal dadurch weit zu machen, daß er in dasselbe den wälschen Fürsten als Urheber des Krieges mit verwickelte. Sorgsam vermied er daher die Erschöpfung seiner Kraft durch Einhauen in die Briten; aber mit dem Stoß des wohlabgerichteten Rosses trieb er die Menge, die ihn drängte, auseinander und, den großen Haufen dem Schwerte seiner Leute überlassend, erhob er laut sein Kriegsgeschrei und brach sich Bahn zu der verhängnisvollen Standarte Gwenwyns, neben welcher der Fürst selbst, zugleich die Pflicht eines geschickten Anführers und eines wackern Soldaten erfüllend, Stand genommen hatte. Raymond, wohlbekannt mit dem Charakter der Wälschen, in welchem die Leidenschaft bald in der höchsten Flut, bald wieder in plötzlicher Ebbe sich zeigte, hatte einige Hoffnung, daß ein glücklicher Angriff auf diesen Punkt, der den Tod oder die Gefangenschaft des Fürsten und den Sturz des Banners zur Folge hätte, einen solchen panischen Schrecken verbreiten würde, daß er leicht das fast verzweifelte Schicksal des Tages umändern könnte. Der greise Krieger ermunterte demnach seine Kameraden zum Angriffe durch Wort und Beispiel, und trotz allen Widerstandes erzwang er sich Schritt für Schritt seinen Weg vorwärts. Aber Gwenwyn, umgeben von seinen besten und edelsten Kämpen, bot ihm, so unerschrocken der Angriff war, in Person einen ebenso hartnäckigen Widerstand. Umsonst wurden sie von den gepanzerten Rossen niedergetreten oder von den unverwundbaren Reitern niedergehauen, verwundet, übergeritten, umsonst setzten die Britischen ihren Widerstand fort, klammerten sich um die Füße der normannischen Rosse, um ihr Fortschreiten zu verhindern, während andere mit dem Stock der Pike jede Fuge und Ritze der Rüstung zu treffen suchten, oder, sich anhängend an die Reiter, sich bemühten, mit all ihrer Kraft sie vom Pferde zu reißen oder sie mit ihren Aexten und wälschen Krummhacken niederzuschlagen. Wehe denen, welche durch diese verschiedenen Mittel aus dem Sattel gehoben wurden, denn die langen scharfen Messer der Walliser durchbohrten sie zugleich mit hundert Wunden und schonten nur, wenn die erste schon tödlich war.