So stand der Kampf und hatte schon mehr als eine halbe Stunde gewährt, als Berenger mit seinem Pferde bis auf zwei Speerlängen von dem britischen Banner vorgedrungen war. Jetzt waren er und Gwenwyn so nahe aneinander, daß sie sich schon Zeichen einer gegenseitigen Aufforderung geben konnten.
»Hierher wende Dich, Wolf von Wales,« rief Berenger, »und erwarte, wenn Du es wagst, den Hieb von eines guten Ritters Schwerte! Raymond Berenger speiet Dich und Deine Banner an!«
»Falscher, normannischer Schuft!« rief Gwenwyn, eine Keule von ungeheurem Gewicht, schon mit Blut befleckt, um sein Haupt schwingend. »Dein eisernes Kopfstück soll Dir schlecht Deine Zunge decken, mit welcher ich heute die Raben füttern will,«
Raymond gab ferner keine Antwort, sondern spornte sein Pferd gegen den Fürsten, welcher mit gleicher Bereitwilligkeit ihm entgegentrat. Aber ehe ihre Waffen sich erreichen konnten, weihte sich ein wälscher Krieger, gleich jenen Römern, die so dem Elefanten des Pyrrhus Einhalt taten, dem Tode. Da er merkte, daß die Rüstung von Raymonds Pferde den wiederholten Stößen seines Speers widerstand, warf er sich selbst unter das Tier und stieß ihm sein langes Messer in den Bauch. Das edle Tier bäumte sich und stürzte und erdrückte mit seinem Gewicht den Briten, der es verwundet hatte. Der Helm des Ritters, dessen Spangen im Sturz sich lösten, rollte von seinem Haupte hinweg und ließ seine edlen Züge und seine grauen Haare sehen. Wiederholt strengte er sich an, sich von dem gefallenen Pferde heraufzuarbeiten, aber ehe es ihm gelang, empfing er den Todesstreich von der Hand Gwenwyns, der nicht anstand, ihn in dem Augenblick, da er sich aufrichten wollte, mit seiner Keule niederzuschmettern.
Während der ganzen Zeit dieses blutigen Tages hatte Dennis Morolts Pferd Schritt für Schritt und sein Arm Schlag für Schlag neben seinem Gebieter gehalten. Es schien, als ob zwei verschiedene Körper durch einen Willen bewegt würden. Er zügelte seine Kraft oder ließ sie los, gerade wie er sah, daß es sein Ritter tat, und bei seiner letzten tödlichen Anstrengung war er dicht an seiner Seite. In jenem entscheidenden Augenblick, als Raymond Berenger auf den Häuptling hinstürzte, bahnte der brave Knappe sich den Weg zu dem Banner, und es fest fassend, rang er um den Besitz mit einem gigantischen Briten, dessen Sorge es anvertraut ward, und der nun seine äußerste Kraft brauchte, es zu verteidigen. Aber selbst in diesem tödlichen Handgemenge verließ das Auge Morolts kaum seinen Herrn, und als er ihn fallen sah, schien sympathetisch auch ihn die Kraft zu verlassen, und der britische Kämpfer hatte nun keine Mühe mehr, auch ihn unter die Erschlagenen niederzustrecken.
Der Sieg der Briten war jetzt vollständig. Nach dem Falle ihres Anführers wären die Krieger Raymonds gern geflohen oder hätten sich ergeben; aber das erste war unmöglich, so enge waren sie eingeschlossen, und in den grausamen Kriegen der Walliser auf ihren Grenzen war für die Ueberwundenen von Pardon gar keine Rede. Nur wenige von den Reitern waren glücklich genug, sich aus dem Getümmel herauszuwickeln, und ohne den geringsten Versuch, sich in die Burg zu werfen, flohen sie in verschiedenen Richtungen, ihre eigene Furcht unter die Grenzbewohner zu bringen, indem sie den Verlust der Schlacht und das Schicksal des weitberühmten Berenger verkündeten.
Die Bogenschützen des gefallenen Führers, welche zuvor nicht so tief in den Kampf verwickelt waren, den hauptsächlich die Reiterei geführt hatte, traf jetzt die Reihe, der einzige Gegenstand für den Angriff des Feindes zu sein. Aber als sie die Menge gleich einem brüllenden Meer mit all seinen Wellen eindringen sahen, so verließen sie die Anhöhe, welche sie bisher trefflich gehalten hatten, und begannen einen regelmäßigen Rückzug zum Kastell in so guter Ordnung, wie sie konnten, als das einzige Mittel, welches ihnen blieb, ihr Leben zu sichern. Einige wenige der Feinde, die leicht zu Fuß waren, versuchten, während dieses klugen Manövers sie abzuschneiden, indem sie ihnen in ihrem Marsche zuvoreilten und sich in den Hohlweg warfen, der zum Kastell führte, um sich dort ihrem Rückzuge zu widersetzen. Aber die Kaltblütigkeit der englischen Bogenschützen, gewohnt an Gefahren jederzeit, unterstützte sie auch bei dieser Gelegenheit; während ein Teil von ihnen die Walliser mit Schwertern und Aexten aus dem Hohlwege verjagte, machten die andern in der entgegengesetzten Richtung Front, und in Stellungen, wechselweise Halt machend und retirierend, behaupteten sie sich so, daß sie die Verfolgung zurückwiesen und jedes Pfeilgeschoß den Wälschen zurückgaben, wodurch von beiden Seiten viele litten.
Endlich, nachdem sie mehr als zwei Drittel ihrer tapferen Gefährten zurückgelassen hatten, erreichten die Freisassen den Punkt, der, beherrscht von den Bogen und Maschinen auf den Zinnen, jetzt verhältnismäßig sicher genannt werden konnte. Ein Regen von großen Steinen und viereckigen Bolzen von mächtiger Größe und Härte tat auch der ferneren Verfolgung wirksamen Einhalt: die Anführer zogen ihre flüchtige Schar zurück in die Ebene, wo unter Jubeln und Jauchzen ihre Landsleute beschäftigt waren, die Beute des Schlachtfeldes in Sicherheit zu bringen, während einige, getrieben durch Haß und Rache, die Glieder der erschlagenen Normannen, auf eine ihrer Sache und ihres eigenen Mutes unwürdige Weise zerhieben und zerstückelten. Das furchtbare Geheul, mit welchem dieses gräßliche Werk vollbracht ward, erfüllte das Gemüt der kleinen Besatzung von Garde Douloureuse mit Grausen, flößte ihnen auch zugleich den Entschluß ein, lieber die Festung bis aufs äußerste zu verteidigen, als sich der Gnade dieses so rachsüchtigen Feindes zu unterwerfen.
Fünftes Kapitel
Der unglückliche Ausgang der Schlacht ward bald den angsterfüllten Zuschauern auf den Wachtürmen von Garde Douloureuse klar, welchen Namen die Burg an diesem Tage gar Wohl verdiente. Mit Mühe vermochte der Beichtiger seiner eigenen Bewegung Meister zu werden, um die der Frauen, welchen er beistehen sollte, zu beherrschen, wozu noch mit ihrem Jammergeschrei mehrere andere kamen – Frauen, Kinder, schwache Greise, die Angehörigen der in den unglücklichen Kampf verwickelten Krieger. Diese hilflosen Wesen waren in der Burg zu ihrer Sicherheit aufgenommen worden und hatten sich jetzt zu den Zinnen hingedrängt, von welchen Pater Aldrovand sie vergebens zu entfernen suchte, in der Besorgnis, daß ihr Anblick auf den Türmen, wo sich nur Bewaffnete aufgestellt zeigen sollten, den Belagerern nur eine Aufmunterung mehr zu ihren Anstrengungen sein würde. So drang er also in Lady Eveline, diesen Haufen von hilflosen Trauernden, mit denen sich doch nichts anfangen ließe, ein Beispiel zu geben.