Selbst in diesem Uebermaß des Kummers die Fassung, welche die Sitte jener Zeit erheischte, behauptend oder wenigstens zu behaupten strebend–denn der Rittergeist hatte seinen Stoizismus so gut wie die Philosophie–entgegnete Eveline mit einer Stimme, der sie gerne Festigkeit erteilt hätte, aber welche trotz dessen zitternd wurde: »Ja, Vater, Ihr habt recht, hier ist nichts mehr für Mädchen zu schauen, der Preis, des Krieges ehrenvolle Tat, alles versank, als jener weiße Federbusch den Boden berührte. Kommt, Mädchen, hier gibt es nichts mehr für uns zu schauen, – zur Messe – zur Messe! das Turnier ist beendigt!«
Etwas Wildes lag in ihrem Tone, und als sie sich erhob, als wolle sie sich an die Spitze einer Prozession stellen, wankte sie und würde ohne die Stütze des Beichtigers niedergesunken sein. Hastig hüllte sie ihr Haupt in ihren Mantel, als schämte sie sich, den maßlosen Schmerz zu zeigen, den sie nicht unterdrücken konnte, dessen Uebermaß jedoch ihr Schluchzen und die leise wimmernden Töne verrieten, welche aus den ihr Gesicht verhüllenden Falten hervordrangen, und überließ es dem Pater Aldrovald, sie zu führen, wohin er wollte.
»Unser Gold,« sagte er, »hat sich in Kupfer verwandelt, unser Silber in Schlacken, unsre Weisheit in Torheit – sein Wille ist es, der den Rat der Weisen zu schanden macht, und den Arm des Mächtigen verkürzt! – Zur Kapelle! zur Kapelle, Lady Eveline! und statt unnützen Jammers laßt uns Gott und die Heiligen bitten, ihren Zorn von uns zu wenden, und die schwachen Ueberbleibsel vor den Zähnen des zerreißenden Wolfes zu schützen!«
Mit diesen Worten führte er halb, halb trug er Eveline, welche in diesem Augenblicke gleich unfähig zum Denken und Handeln war, nach der Schloßkapelle, wo, vor dem Altar niedersinkend, sie wenigstens die Stellung der Andacht annahm, wiewohl ihre Gedanken trotz der frommen Worte, welche ihre Zunge mechanisch stammelte, draußen auf dem Schlachtfelde neben dem Leichnam ihres erschlagenen Vaters waren. Die übrigen Leidtragenden ahmten ihrer jungen Herrin nach in der andächtigen Stellung sowohl wie in der Abwesenheit ihrer Gedanken. Da sie überdies wußten, daß so viele von der Besatzung durch Raymonds unvorsichtigen Ausfall aufgerieben waren, so trat zu ihren Sorgen noch das Gefühl der persönlichen Unsicherheit, vergrößert durch die Grausamkeiten, welche nur zu oft der Feind auszuüben pflegte, der wie es hieß, in der Hitze des Sieges weder Geschlecht noch Alter verschone.
Der Mönch bediente sich indessen unter ihnen des Ansehens, das seine Würde ihm gab, und machte ihnen Vorwürfe über ihr Wehklagen und nutzloses Gewimmer, und als er glaubte, daß er in ihrem Gemüte die Stimmung hervorgebracht hatte, die sich besser für ihre Lage geziemte, überließ er sie ihren Andachtsübungen, um einer ängstlichen Besorgnis nachzugehen und zu erforschen, wie es mit der Verteidigung der Burg stehe. Auf den äußern Wällen fand er den Wilkin Flammock, der, nachdem er den Dienst eines guten und geschickten Befehlshabers besonders im Gebrauch der Artillerie erfüllt und, wie wir gesehen haben, den vorgerückten Feind zurückgeschlagen hatte, nun mit eigener Hand der kleinen Besatzung erstaunliche Rheinweinrationen austeilte.
»Sieh Dich wohl vor, guter Wilkin,« sagte der Pater, »daß Du darin nicht zu viel tust. Wein ist, wie Du weißt, wie Feuer und Wasser, ein vortrefflicher Diener, aber ein schlechter Herr.«
»Das hat wohl eine Weile, ehe die dicken und starken Schädel meiner Landsleute davon überfließen,« sagte Wilkin Flammock. »Unser flamländischer Mut ist wie unsere flandrischen Pferde – diese bedürfen des Spornes, und jener muß einen Zug aus dem Weinkruge tun. Aber glaubt mir, Vater, es ist eine ausdauernde Zucht, die nicht einläuft in der Wäsche. Und wahrlich, wenn ich auch den Burschen einen Becher zuviel geben sollte, so wäre es auch noch kein Unglück, da sie wahrscheinlich bald eine Schüssel weniger bekommen.«
»Wie meint Ihr das?« rief erschrocken der Mönch, »ich hoffe doch zu allen Heiligen, für Vorrat ist gesorgt,«
»Nicht so gut wie in Eurem Kloster, guter Vater,« erwiderte Wilkin mit dem immer unbeweglichen Ernst im Gesicht. »Wir haben, wie Ihr wißt, zu lustig über Weihnachten gelebt, um fette Ostern zu haben. Jene wälschen Hunde, die uns halfen unsern Vorrat verzehren, können nun leicht, infolge des Mangels hier, in unser Versteck hineinkommen.«
»Du sprichst lauter Unsinn,« antwortete der Mönch, »noch gestern abend erteilte unser Herr (dessen Seele Gott gnädig sein möge) den Befehl, von den Ländereien umher die nötigen Vorräte herbeizuschaffen.«
»Jawohl, aber die Walliser rückten zu flink heran, als daß wir gemächlich heute morgen das vollführen konnten, was seit Wochen und Monaten hätte geschehen sollen. Unser hingeschiedener Herr, wenn er wirklich hingeschieden ist, war einer von denen, welcher sich ganz auf die Schärfe ihres Schwertes verlassen, – und so hat es denn so kommen müssen, wie wirs nun haben! zu Armut, statt zu einem wohlverproviantierten Schloß! – Ihr seht blaß aus, mein guter Vater. Ein Becher Wein würde Euch stärken.«
Der Mönch wies unberührt den Becher zurück, den Wilkin ihm mit etwas plumper Höflichkeit aufdringen wollte. »Wir haben nun in der Tat,« setzte er hinzu, »keine weitere Zuflucht als das Gebet.«
»Wohl wahr, guter Vater,« erwiderte der Flamländer ganz gelassen, »betet daher so viel, als Ihr wollt. Ich will mich mit dem Fasten begnügen, das kommen wird, ich mag wollen oder nicht.« – In dem Augenblick ward ein Horn vor dem Tore vernommen. – »Gebt acht auf das Fallgitter und das Tor, Ihr Burschen! – Was gibts Neues, Neil Hansen?«
»Ein Bote von den Wälschen hält auf dem Mühlenberge, gerade in Armbrust-Schußweite. Er hat eine weiße Fahne und begehrt Einlaß.«
»Laß ihn nicht ein, bei Deinem Leben! bis wir uns zu seinem Empfange bereitet haben,« sagte Wilkin. »Richte die dicke Steinschleuder nach dem Orte hin und schießet auf ihn, wenn er sich von der Stelle wagt, wo er steht, bis wir alles bereitet haben, ihn zu empfangen,« sagte Flammock in seiner Landessprache. – »Und Neil, Du Hundsfott [so im Original Houndsfoot], rühre Dich, laß jede Pike, Lanze und Spieß in der Burg auf die Zinnen stecken und durch die Schießscharten hervorgucken – zerschneide irgend eine Tapete in die Form von Fahnen, und laß sie von den höchsten Türmen wehen. – Halte Dich bereit, wenn ich das Signal gebe, die Racker [so im Original für Trommel, engl. drum] zu schlagen, und Trompeten zu blasen, wenn wir welche haben, wo nicht, so einige Kuhhörner, – was es ist, nur Lärm zu machen. – Und horch auf, Neil Hansen, geht Ihr oder vier oder fünf von Euren Kameraden in die Rüstkammer und werft Euch da in Panzer: unsere niederländischen Kürasse erschrecken nicht so. Dann laßt dem wälschen Dieb die Augen binden und bringt ihn unter uns – Ihr haltet Euch gerade und schweigt – laßt mich allein mit ihm reden – nur sorgt dafür, daß kein englischer bei uns sei!«
Der Mönch, der auf seinen Reisen einiges von der flamländischen Sprache aufgefaßt hatte, war nahe dabei aufzufahren, als er den letzten Punkt in den Aufträgen Wilkins an seinen Landsmann vernahm. Doch faßte er sich, obwohl nicht wenig erstaunt, sowohl über diesen verdachterregenden Umstand, als über die Fertigkeit und Geschicklichkeit, womit der ungehobelte Flamländer seine Anordnungen nach den Regeln der Kriegskunst und einer gesunden Umsicht einzurichten wußte.