Der Wälsche, mit dem seinem Volke eigentümlichen Scharfsinn, vermutete, daß hier etwas im Spiele sei, was er nicht begreifen konnte; doch indem er sich vornahm, wohl auf seiner Hut zu sein, fuhr er folgendermaßen fort: »Sei dem, wie ihm wolle, ich bekümmere mich nicht darum, wer die Sendung meines Souverains vernimmt, weil sie Vergebung und Gnade den Bewohnern von Castel on Cary bringt, welches Ihr Garde Douloureuse nennt, um die gewaltsame Besitznahme dieser Gegend durch die Veränderung des Namens zu verdecken. Wird diese Burg dem Fürsten von Powys nebst ihren Ländereien, mit den Waffen, welche sie enthält, und mit der Jungfrau Eveline Berenger übergeben, so sollen alle im Schlosse sich unangetastet entfernen und sicheres Geleit haben, wohin sie sich außerhalb der Grenzen der Kymerier begeben wollen.«
»Und was, wenn wir diesen Anforderungen nicht Genüge leisten?« sagte der sich immer gleich bleibende Flammock.
»Dann soll Euer Teil sein mit Raymond Berenger, Eurem letzten Anführer,« erwiderte Jorworth, dessen Augen, wie er sprach, mit der rachsüchtigen Wildheit funkelten, welche ihm seine Antwort eingab. »So viele Fremde hier unter Euch sind, so viele Leichen den Raben, so viele Häupter den Galgen! Lang ist es her, daß die Geier nicht einen solchen Schmaus von nichtswürdigen Flämingern und falschen Sachsen gehabt haben.«
»Freund Jorworth,« sagte Wilkin, »wenn das Dein ganzer Auftrag ist, so bringe diese meine Antwort Deinem Gebieter zurück, daß kluge Leute nicht den Worten andrer die Sicherheit vertrauen, die sie sich selbst durch ihre eigenen Taten verschaffen können. Wir haben Mauern hoch und stark genug, tiefe Graben, vollauf Munition und Bogen und Armbrust. Wir wollen das Schloß halten in der Hoffnung, daß es uns halten wird, bis Gott uns Hilfe sendet,«
»Setzt nicht Euer Leben an solch eine Erwartung,« sagte der Walliser Abgesandte und begann Flämisch zu reden, welches er gelegentlich durch Umgang mit Leuten dieser Nation in Pembrokeshire gelernt hatte und fließend sprach, und dessen er sich jetzt bediente, um den Inhalt seiner Rede den vermeintlichen Engländern im Zimmer zu verbergen. »Höre mich an, guter Flamländer,« fuhr er fort, »weißt Du nicht, daß der, auf den Ihr Euch verlaßt, der Connetable de Lucy, durch sein Gelübde gebunden ist, sich in keine Fehde einzulassen, bis er das Meer durchkreuzt hat, und daß er, ohne meineidig zu werden, Euch nicht zu Hilfe kommen kann. Er und die andern Herrn von den Grenzen haben ihr Angesicht weit gegen den Norden [so die Weltgegend im Original bezeichnet] gekehrt, sich mit den Heeren der Kreuzfahrer zu vereinigen. Was wird es Euch helfen, uns Mühe und Arbeit einer langen Belagerung zu verursachen, wenn Ihr keinen Entsatz zu erhoffen habt?«
»Und was würde es mir mehr helfen,« erwiderte Wilkin auch in seiner Landessprache, und blickte scharf auf den Wälschen hin, doch mit einem Gesicht, aus welchem aller Ausdruck absichtlich verbannt schien, und dessen sonst leidliche Züge jetzt eine merkwürdige Mischung von Einfalt und Dummheit zu Schau trugen. »Was soll es mir helfen, ob Eure Mühe groß oder klein ist?«
»Komm, Freund Flammock,« sagte der Walliser, »stelle Dich selbst nicht ungelehriger, als die Natur Dich schuf. Eine Schlucht ist finster, aber ein Sonnenstrahl kann doch ein Ende derselben erleuchten. Deine größten Anstrengungen können nicht dem Fall des Schlosses vorbeugen; aber Du kannst ihn beschleunigen, und das soll Dir viel einbringen.« Mit diesen Worten trat er dicht zu Wilkin hinan, und zu einem leisen Flüstern ward seine Stimme, als er sagte: »Nie wird das Wegschieben eines Riegels oder das Hinaufziehen eines Fallgitters einem Flamländer so viel Vorteil gebracht haben, als es Dir gewähren kann, wenn Du es willst.«
»Ich weiß nur,« sagte Wilkin, »daß das Vorschieben des einen und das Hinablassen des andern mir mein ganzes irdisches Gut gekostet.«
»Flamländer! Es soll Dir im vollen Ueberfluß ersetzt werden. Die Freigebigkeit Gwenwyns ist wie der Sommerregen.«
»Aber meine Mühlen und Gebäude sind diesen Morgen bis auf den Grund niedergebrannt worden.«
»Du sollst tausend Mark Silber zum Ersatz für Deine Güter haben,« sagte der Walliser; aber der Flamländer fuhr fort, als ob er ihn nicht hörte, seine Verluste aufzuzählen.
»Meine Aecker sind abgemäht, zwanzig Kühe fortgetrieben, und –«
»Sechzig sollen sie Dir ersetzen,« unterbrach ihn Jorworth, »die glattesten von der Beute.«
»Aber meine Tochter – aber Lady Eveline,« sagte der Flamländer mit einer kleinen Abänderung seiner monotonen Stimme, welche Zweifel und Verlegenheit auszudrücken schien – »Ihr seid grausame Eroberer, und« –
»Nur denen, die uns Widerstand leisten, sind wir furchtbar,« sagte Jorworth, »nicht denen, welche durch Uebergabe Gnade verdienen. Gwenwyn wird die Beschimpfungen Raymonds vergessen und seine Tochter zur höchsten Ehre unter den Töchtern der Kymerier hinaufheben. Was Dein eigenes Kind anbetrifft, sprich nur einen Wunsch für sie aus, und er soll im größesten Maße erfüllt werden. – Nun, Flamländer, wir verstehen uns einander.«
»Ich mindestens verstehe Dich,« antwortete Flammock.
»Und ich Dich, hoffe ich,« sagte Jorworth, indem er sein scharfes, wildes blaues Auge auf das dumme, ausdruckslose Antlitz des Niederländers heftete, wie ein lernbegieriger Student irgend einen geheimen und verborgenen Sinn in einer Stelle sucht, deren gerader Sinn gemein und trivial erscheint.
»Ihr denkt, daß Ihr mich versteht,« sagte Wilkin, »aber daran liegt eben die Schwierigkeit – wer von uns soll dem andern trauen?«
»Wagst Du das zu sagen?« entgegnete Jorworth, »ziemt es Dir oder Deinesgleichen, die Anträge des Fürsten von Powys in Zweifel zu ziehen?«
»Ich kenne sie nicht anders, guter Jorworth, als durch Dich; aber wohl weiß ich, Du bist nicht der Mann danach, Deinen Handel scheitern zu lassen, weil es Dir an ein wenig Hauch aus Deinem Munde fehlt.«
»So wahr ich ein Christenmensch bin,« sagte Jorworth, Beteuerung auf Beteuerung häufend, – »bei der Seele meines Vaters – bei dem Glauben meiner Mutter – bei dem schwarzen Kreuze von –«
»Halt, guter Jorworth, Du häufst Deine Eide zu dicht aufeinander, als daß man ihren Wert recht beurteilen könnte,« sagte Flammock, »das, was so leicht verpfändet wird, ist oft nicht des Auslösens wert. Ein Teil von dem versprochenen Lohne schon in der Hand, wäre hundert Eide wert.«
»Du argwöhnischer Schuft, wagst Du es, mein Wort in Zweifel zu ziehen?«
»Nein, auf keine Weise,« antwortete Wilkin, »doch würde ich Deiner Tat viel lieber glauben.«
»Zur Sache, Flamländer,« sagte Jorworth, »was verlangst Du von mir?«
»Laßt mich gleich etwas von dem Gelde, das Du mir versprochen hast, erblicken; und ich will Deinen übrigen Vorschlägen nachdenken.«
»Elender Geldmäkler!« antwortete Jorworth, »denkst Du, der Fürst von Powys habe soviel Geldsäcke, als die Kaufleute in Deinem Tausch- und Handelslande? Er sammelt Schätze durch seine Eroberungen ein, wie die Wasserhose das Wasser durch ihre Kraft aufsaugt, aber nur, um sie unter seinen Anhängern zu verbreiten, wie die Wolkensäule ihren Inhalt der Erde und dem Ozean wiedergibt. – Das Silber, welches ich Dir verspreche, muß noch erst aus den Kasten der Sachsen zusammengebracht werden, ja die Schatulle Berengers muß erst durchwühlt werden, um die Zahl voll zu machen.«
»Das, dächte ich, könnte ich selbst tun, da ich volle Gewalt im Schlosse habe, und Euch eine Mühe ersparen,« sagte der Flamländer.
»Allerdings,« antwortete Jorworth, »es käme dabei nur auf die Kosten von einem Strick oder einer Schlinge an; die Walliser mögen die Burg nehmen und die Normannen sie entsetzen, – die ersten würden ihre Beute ganz erwarten, die andern, daß ihres Landmanns Schätze ihnen unvermindert überliefert werden.«