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»Das will ich nicht bestreiten,« sagte der Flamländer. »Gut, wenn ich nun aber sage, ich will zufrieden sein und Euch trauen, wenn Ihr mir mein Vieh wiedergebt, das Ihr in Händen habt, und worüber Ihr schalten könnt? Wenn Ihr mir nicht zum voraus in etwas gefällig sein wollt, was kann ich hinterher von Euch verlangen?«

»Ich wollte Euch noch in größern Dingen gefällig sein,« antwortete der gleichfalls argwöhnische Walliser. »Doch was kann es Dir helfen, Dein Vieh innerhalb der Festung zu haben? Es kann besser für dasselbe in der Ebene unten gesorgt werden.«

»Wahrlich,« erwiderte der Flamländer. »Du hast wieder recht; es würde uns hier zur Last sein, da wir schon so vieles Vieh für die Besatzung im Vorrat haben. – Aber doch, wenn ich es genauer betrachte, so haben wir auch wieder Courage genug, alles was wir haben, und noch mehr, zu halten. – Dann sind meine Kühe von ganz besonderer Rasse von den reichen Weiden in Flandern hergebracht, und ich wünsche mich wohl in ihrem Besitz zu sehen, ehe Eure Aexte und Beile sich über ihr Fell gemacht haben.«

»Ihr sollt sie haben, diese Nacht mit Fell und Horn,« sagte Jorworth, »es ist nur ein kleines Handgeld; der große Lohn folgt nach.«

»Vielen Dank für Eure Freigebigkeit,« sagte der Flamländer. »Ich bin ein einfältiger Mann und beschränke meine Wünsche auf die Wiedererlangung meines Eigentums.«

»Du wirst also bereit sein, dann die Burg zu übergeben?« sagte Jorworth.

»Davon wollen wir morgen mehr sprechen,« sagte Wilkin Flammock. »Wenn diese Engländer und Normannen auch nur den Gedanken ahnen sollten, da würden wir böses Spiel haben. – Die müssen erst alle voneinander sein, ehe ich über diese Sache ferner unterhandeln kann. – Indessen bitte ich Dich, mach, daß Du schnell wegkommst, und zwar, als seiest Du tief beleidigt durch den Inhalt unseres Gespräches.«

»Doch möchte ich gern etwas Festeres und Bestimmteres wünschen,« sagte Jorworth.

»Unmöglich, unmöglich!« sagte der Flamländer, »seht Ihr nicht, wie jener große Bursche dort schon anfängt mit seinem Dolch zu spielen? – Geh fort in Eile und ärgerlich, – und vergiß nicht die Kühe.«

»Ich werde sie nicht vergessen,« sagte Jorworth, »aber wenn Du nicht Wort hältst –«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer mit drohender Gebärde, die teils in allem Ernst Wilkin galt, teils auf dessen Rat angenommen ward. Flammock antwortete in englischer Sprache, als ob alle rings umher verstehen sollten, was er sagte:

»Tue Dein Aergstes, Herr Wälschmann, ich bin ein ehrlicher Kerl, ich trotze allen Vorschlägen zur Uebergabe, und will dieses Schloß halten, zu Deiner und Deines Gebieters Schimpf und Schande! – Her da! verbindet ihm wieder die Augen, und laßt ihn in Sicherheit zu seinen Begleitern draußen zurückkehren. Der nächste Wälsche, welcher vor den Toren der Garde Douloureuse erscheint, soll schärfer empfangen werden.«

Dem Walliser wurden die Augen verbunden, und er wurde abgeführt; als aber Wilkin Flammock selbst die Wachstube verließ, trat einer von den scheinbaren Reisigen, welche der Unterredung beiwohnten, zu ihm, und flüsterten ihm auf englisch ins Ohr: »Ihr seid ein falscher Verräter, Flammock, und sollt eines Verräters Tod sterben.«

Ueberrascht hätte der Flamländer den Mann gern weiter befragt, aber er war verschwunden, sowie er die Worte geäußert hatte. Dieser Umstand setzte Flammock in große Verlegenheit, da er ihm bewies, seine Unterredung mit Jorworth sei beobachtet, sein Vorsatz erkannt oder vermutet, und zwar von jemanden, der, nicht in sein Vertrauen eingeweiht, leicht seine Absichten durchkreuzen konnte. Sehr bald erfuhr er, daß dieses der Fall war.

Sechstes Kapitel

Die Tochter des erschlagenen Raymond war von der Höhe, von welcher sie das Schlachtfeld überschaut hatte, hinabgestiegen, im Herzen den tödlichen Schmerz, der einem Kinde natürlich ist, dessen Augen den Tod eines geehrten und geliebten Vaters gesehen hatten. Aber ihre Stellung und die Grundsätze des Rittertums, worin sie aufgewachsen war, gestatteten ihr nicht, sich einem fortdauernden, unnützen Kummer hinzugeben. Wenn der Geist dieser sonderbaren Verfassung die Jungen und Schönen des weiblichen Geschlechts zu dem Range von Prinzessinnen oder besser Göttinnen erhob, so verlangte er von ihnen, als Erwiderung, einen Charakter und ein Benehmen, höher als das natürliche menschliche Gefühl gestattet, ja demselben einigermaßen widersprechend. Die Heldinnen glichen oft Bildern, in einem künstlichen Lichte gezeigt, welches, sehr hell strahlend, die Gegenstände, auf welche hin es gerichtet wird, sehr hervorgehoben darstellt; aber sie haben dann immer etwas von einem fremdartigen Glanze, welcher, verglichen mit dem des Tageslichts, zu blendend und übertrieben erscheint.

Es war der Waise von Garde Douloureuse, der Tochter einer Reihe von Helden, deren Ursprung aus dem Geschlechte der Tor, Balder, Odin und anderer zu Götter erhobner Krieger des Nordens sich herleiteten, deren Schönheit das Thema von hundert Minstrels geworden, und deren Augen der Leitstern der halben Ritterschaft auf den kriegerischen Marken von Wallis war, – es war ihr nicht erlaubt, ihren Vater zu betrauern mit den unwirksamen Tränen eines Landmädchens. So jung, wie sie war, und so schrecklich das Ereignis, wovon sie in diesem Augenblicke Zeugin gewesen, so war es doch auf keine Weise so voll Entsetzens für sie, als es für ein Mädchen gewesen wäre, dessen Auge nicht oft an die rauhen und tödlichen Spiele der Ritter gewöhnt, und dessen Wohnsitz nicht zwischen Helden und Männern gewesen, dessen Einbildungskraft nicht vertraut geworden mit wilden und blutigen Erscheinungen, oder das endlich nicht erzogen war, einen »ehrenvollen Tod unter dem Schilde«, wie man den Tod auf dem Schlachtfelde nannte, für ein wünschenswerteres Ende von dem Leben eines Kriegers zu halten, als das zögernde und unrühmliche Schicksal, welches langsam herbeischleicht, die unlustige und hilflose Untätigkeit des hohen Alters zu enden. Während Eveline um ihren Vater weinte, fühlte sie ihren Busen glühen, wenn sie sich erinnerte, daß er in dem höchsten Glanze seines Ruhmes, mitten unter Haufen von ihm erschlagener Feinde starb; dachte sie aber an das, was ihre Lage jetzt heischte, so geschah es mit dem festen Entschluß, durch jedes Mittel, welches der Himmel in ihrer Macht ihr gelassen hatte, die eigene Freiheit zu verteidigen und ihres Vaters Tod zu rächen.

Die Hilfe der Religion wurde nicht vergessen, und der Sitte der Zeit und der Lehre der römischen Kirche gemäß strebte sie die Gunst des Himmels sowohl durch Gelübde als durch Gebete zu gewinnen. In einer kleinen Betkapelle, welche an die größere stieß, hing über dem Altarstück, auf welchem beständig eine Lampe brannte, ein kleines Gemälde der Jungfrau Maria, verehrt als eine besondere Schutzgöttin und Hausheilige der Familie Berenger; einer ihrer Ahnherren hatte es von einer Pilgerfahrt aus dem gelobten Lande mitgebracht. Es war aus den letzten Zeiten des römischen Kaisertums, eine griechische Malerei, nicht ungleich denen, welche in katholischen Ländern dem Evangelisten Lucas zugeschrieben werden. Die Betkapelle, in welcher es aufgestellt war, wurde für ungemein heilig gehalten, ja es wurde behauptet, es hätten sich hier wunderbare Kräfte geäußert; und Eveline hatte sich durch die Blumenkränze, welche sie hier täglich darbrachte, und die frommen Gebete, womit sie sie begleitete, als eine »unseren Frauen von Garde Douloureuse,« so war das Bild genannt, besonders Geweihte dargestellt.

Jetzt von den andern abgesondert, allein und insgeheim, sank sie in der Tiefe ihres Schmerzes von der Blende ihrer Patronin nieder, erflehte den Schutz der ihr verwandten Göttlich-Reinen zur Verteidigung ihrer Freiheit und Ehre und rief sie um Rache an gegen den wilden, verräterischen Häuptling, der ihren Vater erschlagen hatte und jetzt ihre Feste belagerte. Sie gelobte nicht nur dem Heiligtum ihrer Beschützerin, deren Hilfe sie anflehte, ein reiches Geschenk an Ländereien, sondern selbst der Eid entfloh ihren Lippen (wiewohl sie bebten und etwas in diesem Gelübde ihr sich widersetzte), daß, welchen begünstigten Ritter unsere Frau von Garde Douloureuse auch zu ihrer Rettung brauchen möchte, dieser von ihr zum Lohn jeden Preis erhalten sollte, den sie nur mit Ehren reichen können, wäre es auch ihre jungfräuliche Hand am heiligen Altar. Durch die Beteuerungen so vieler Ritter, daß eine solche Hingabe der höchste Preis sei, welchen der Himmel verleihen könne, gewöhnt, solches auch zu glauben, schien es ihr, als entrichte sie eine Dankespflicht, wenn sie sich ganz der Willkür der reinen und gesegneten Schutzpatronin, auf deren Hilfe sie baute, hingab. Vielleicht lauerte in dieser Hingebung auch wohl eine irdische Hoffnung, deren sie sich kaum selbst bewußt war, was sie aber mit dem so ganz unbedingten Opfer versöhnte, welches sie freiwillig gebracht hatte. Die heilige Jungfrau, diese schmeichelnde Hoffnung mochte sich eingeschlichen haben, diese gütigste und wohlwollendste unter allen Patroninnen, werde mitleidig sich der Macht bedienen, die sich ihr überließ, und er werde der begünstigtste Marienritter sein, dem ihre Geweihte am willigsten ihre Gunst schenken werde.