Doch es gab eine solche Hoffnung, wie denn oft etwas Selbstsüchtiges sich in unsre reinsten und edelsten Empfindungen mischt; unbewußt enstand solche Hoffnung in Evelinen; wenngleich sie in der Ueberzeugung des unbedingten Glaubens, auf das Bild ihrer Heiligen das Auge heftend, in welchem das dringendste Flehen, das demütigste Vertrauen mit unwillkürlichen Tränen kämpften, jetzt vielleicht schöner erschien als damals, da sie, als sie jung war, auserkoren wurde, den Preis der Ritterschaft in den Schranken von Chester zu verteilen. So war es kein Wunder, daß in einem solchen Augenblicke der höchsten Begeisterung, in Andacht hingeworfen vor einem Wesen, dessen Macht sie zu beschützen, und ihr diesen Schutz durch ein sichtbares Zeichen zu versichern, sie nicht bezweifelte, Lady Eveline sich wirklich einbildete, sie sähe mit ihren eigenen Augen die Annahme ihres Gelübdes. Als sie auf das Bild hinsah mit einem Auge, in Tränen gebadet, und einer durch Enthusiasmus erhitzten Einbildungskraft, schien sich der Ausdruck der groben Umrisse des griechischen Malers zu verändern; die Augen schienen beseelt zu werden und mit Blicken des Mitleids das Flehen der Gelobenden zu erwidern; der Mund gestaltete sich sichtbar zu einem unaussprechlich süßen Lächeln! ja es schien ihr sogar, als ob das Haupt sich freundlich neigte.
Von übernatürlicher Scheu ergriffen bei einer Erscheinung, an deren Wahrheit ihr Glaube keinen Zweifel gestattete, kreuzte Lady Eveline die Arme über der Brust und warf sich mit der Stirn zur Erde, als die geziemendste Stellung, eine göttliche Mitteilung zu empfangen.
Aber so weit erstreckte sich die Vision nicht – da war kein Ton, keine Stimme; und als sie nach einigen furchtsamen Blicken in der Kapelle umher, wieder zu dem Bilde unserer Frauen ihr Auge erhob, so schienen die Züge wieder genau die Gestalt angenommen zu haben, die der Maler ihnen gegeben hatte, ausgenommen, daß in Evelinens Einbildung sie noch immer einen erhabenen, selbst huldreichen Ausdruck behielten, den sie zuvor nie darin bemerkt hatte. Mit scheuer, fast zur Furcht gesteigerter Ehrerbietung, doch getröstet, und selbst durch die Erscheinung, deren sie gewürdigt worden war, erhoben, wiederholte die Jungfrau wieder und immer wieder die Gebete, welche sie dem Ohre ihrer Wohltäterin am angenehmsten erachtete; endlich stand sie auf, zog sich rückwärts zurück, wie aus der Gegenwart eines Herrschers, bis sie die äußere Kapelle erreicht hatte.
Hier knieten noch einige Frauen vor den Heiligen, welche an den Wänden und in den Nischen zur Anbetung aufgestellt waren; aber die andern von den in Furcht gejagten Andächtigen, zu beunruhigt, ihre Gebete zu verlängern, hatten sich durch die Burg zerstreut, Kunde von ihren Angehörigen einzuziehen, sich einige Erfrischung oder wenigstens irgend einen Ruheplatz für sich und die ihrigen zu schaffen.
Ihr Haupt beugend und ein Ave vor jedem Heiligen flüsternd, so wie sie an seinem Bild vorbeiging (denn drohende Gefahr macht aufmerksam auf die Pflichten der Andacht) hatte Lady Eveline fast die Tür der Kapelle erreicht, als ein Reisiger, wie er es zu sein schien, hastig hereintrat und mit einer lautern Stimme als sich für den heiligen Ort schickte, wenn nicht die dringendste Not es erheischte, nach Lady Evelinen fragte. Noch voll von den frommen Empfindungen, welche der letzte Auftritt in ihr erregt hatte, wollte sie ihm eben einen Verweis über seine militärische Rauheit geben, als er wieder sprach und zwar mit ängstlicher Eile:
»Tochter, wir sind verraten!« – und wiewohl die Gestalt und die Rüstung, welche sie einhüllte, die eines Kriegers war, so war es doch nur die Stimme nach Pater Aldrovand, der, hitzig und ängstlich zugleich, seine eiserne Kopfbedeckung abriß und sein Angesicht zeigte. »Vater,« sagte sie, »was soll das? Habt Ihr das Vertrauen auf den Himmel vergessen, welches Ihr sonst zu empfehlen pflegt, daß Ihr andre Waffen tragt, als Euer Orden Euch anweist?« »Dahin kann es kommen in kurzem,« sagte Pater Aldrovand, »denn ich war eher Soldat als Mönch. Aber jetzt habe ich diesen Harnisch abgetan, Verräterei zu entdecken – nicht Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Ach! meine geliebte Tochter – wir sind traurig daran – Fremde draußen – Verräter drinnen! der falsche Flamländer Wilkin Flammock unterhandelt wegen Uebergabe der Burg.«
»Wer wagt das zu sagen?« rief eine Verschleierte, welche unbemerkt in einem abgesonderten Winkel der Kapelle kniete, aber jäh aufsprang und kühn zwischen Eveline und den Mönch trat.
»Mach Dich fort, Du naseweises Ding,« sagte der Mönch, erschrocken über die kühne Unterbrechung. »Es geht Dich nichts an!«
»Aber es geht mich wohl an,« sagte das Mädchen, indem sie ihren Schleier wegwarf und das jugendliche Gesicht Roses zeigte, der Tochter des Wilkin Flammock. Ihre Augen blitzten, ihre Wangen glühten vor Zorn, dessen Heftigkeit einen sonderbaren Kontrast zu dem recht hübschen Gesicht und den fast noch kindischen Zügen der Redenden bildete, deren ganze Gestalt und Größe die eines Mädchens war, welches kaum der Kindheit erwachsen, deren sonstiges Benehmen ebenso anmutig und schüchtern war, als sie jetzt kühn, leidenschaftlich und unerschrocken sich zeigte. – »Geht es mich nicht an,« sagte sie, »daß meines Vaters ehrlicher Name mit Verrat befleckt wird? Geht es den Fluß nicht an, wenn seine Quelle getrübt ist? Es geht mich an, und ich will den Urheber dieser Verleumdung wissen.«
»Mädchen,« sagte Eveline, »bezähme Deine unnütze Heftigkeit, der gute Pater kann doch nicht absichtlich Deinen Vater verleumden wollen, er spricht vielleicht, weil ihm falsch berichtet worden.«
»So wahr ich ein unwürdiger Priester bin,« sagte der Pater, »ich spreche nach dem Bericht meiner eigenen Ohren. Bei dem Eide meines Ordens! Ich habe selbst gehört, wie dieser Wilkin Flammock mit dem Wälschmann gehandelt hat wegen der Uebergabe von Garde Douloureuse. Mit Hilfe dieser Halsberge und eisernen Kappe schaffte ich mir Zutritt zu der Unterredung, wobei er keine englischen Ohren vermutete. Zwar sprachen sie flamländisch zusammen, aber ich kenne jenes Kauderwelsch seit Alters her.«
»Das Flämische,« sagte das zornige Mädchen, deren aufbrausende Heftigkeit sie antrieb, zuerst auf die letzte Beleidigung zu antworten, »ist kein Kauderwelsch, wie Euer buntscheckiges Englisch, halb normannisch, halb englisch, sondern eine edle gotische Sprache, gesprochen von den braven Kriegern, welche gegen die römischen Kaiser fochten, als die Britannier ihnen ihren Nacken beugten – und was er da sagt von Wilkin Flammock,« fuhr sie fort, als sie ihre Gedanken besser sammelte, »glaubt es nicht, meine teuerste Lady, sondern so wahr Euch die Ehre Eures edlen Vaters lieb ist, vertraut auf die Rechtlichkeit des meinigen wie aufs Evangelium!« Dieses sprach sie mit einem flehenden Tone, untermischt mit Schluchzen, als wollte ihr Herz brechen.
Eveline gab sich Mühe, ihre Dienerin zu besänftigen, »Rose,« sagte sie, »in dieser bösen Zeit kann Verdacht auch den besten Mann treffen, und Mißverständnisse können unter den besten Freunden entstehen. Lasset uns hören, was der gute Pater gegen Deinen Vater vorzubringen hat. Fürchte nicht, daß wir nicht seine Verteidigung anhören werden, Du bist ja sonst gewohnt, ruhig und vernünftig zu sein.«