»Spart doch Eure Kehle für die nächste Predigt, guter Vater!« sagte der Niederländer, »oder Ihr müßt auf gut Flämisch rufen, da Ihr es ja versteht, denn auf keine andere Sprache werden die da in der Nähe antworten.«
Er näherte sich darauf der Lady Eveline mit einer wahren oder angenommenen plumpen Freundlichkeit, und einem Benehmen, das der Höflichkeit so nahe kam, als seine Züge und Manieren nur vermochten. Er wünschte ihr gute Nacht, und mit der Versicherung, daß er schon alles aufs beste machen würde, verließ er die Kapelle. Der Mönch wollte von neuem in Schelten ausbrechen, aber Eveline, klüger als er, tat seinem Eifer Einhalt.
»Ich kann nicht anders,« sagte sie, »als hoffen, daß dieses Mannes Absichten rechtlich sind.« »Nun, Gottes Segen über Euch, Lady, allein für dieses Wort!« sagte Rose, sie feurig unterbrechend und ihre Hand küssend.
»Aber sollten die Absichten trotzdem verdächtig sein,« fuhr Eveline fort, »so werden wir ihn nicht durch Vorwürfe zu einem bessern Entschluß bringen. Guter Vater! habt ein wachsames Auge auf die Vorbereitungen zum Widerstande und seht darauf, daß nichts vergessen werde, was unsere Kräfte zur Verteidigung der Burg erlauben!«
»Fürchte nicht, meine teure Tochter,« sagte Aldrovand, »es gibt noch immer unter uns englische Herzen, und wir wollen eher diese Flamländer totschlagen und aufessen, als die Burg übergeben.«
»Das Futter wäre gefährlicher zu erlangen als Bärenwildbret,« antwortete Rose bitter, noch immer in Hitze darüber, daß der Mönch ihre Nation mit Argwohn und Schimpf behandelte.
Jetzt trennte sich alles. Die Frauen gingen, ihrer geheimen Sorge und Furcht nachzuhängen, oder sie in stiller Andacht zu erleichtern; der Mönch, die wahren Absichten Wilkin Flammocks zu ergründen, und wenn sie Verrat anzeigen sollten, ihnen womöglich entgegenzuhandeln. Aber obwohl sein Auge durch einen starken Argwohn geschärft war, so sah es doch nichts, was seine Furcht verstärken konnte, außer daß der Flamländer mit großer militärischer Einsicht die Hauptposten der Burg seinen eigenen Landsleuten übergeben hatte; weshalb ein jeder Versuch, ihn seiner gegenwärtigen Macht zu berauben, schwer und gefährlich gewesen sein würde. Endlich zog sich der Mönch zurück, weil sein Amt ihn rief, den Abendgottesdienst zu halten, doch mit dem Vorsatz, morgen, mit Anbruch des Tages, wieder da zu sein.
Siebentes Kapitel
Treu seinem Entschlüsse und, um nicht Zeit zu verlieren, seinen Rosenkranz im Gehen betend, begann Aldrovand seine Runde in der Burg, sobald der erste Schimmer des Tageslichtes am östlichen Horizont sich zeigte. – Ein natürlicher Instinkt führte ihn zuerst zu den Ställen, welche, wäre die Festung hinlänglich für eine Belagerung verproviantiert worden, mit Vieh hätten gefüllt sein sollen. Und wie groß war sein Erstaunen, als er mehr wie zwanzig fette Kühe und junge Ochsen an dem Platze fand, der in der vorigen Nacht ganz leer war. Eins dieser Tiere war bereits zur Schlachtbank abgeführt, und einige Flamländer, welche bei dieser Gelegenheit die Schlächter spielten, waren beschäftigt, für den Koch das Tier zu zerlegen. Der gute Pater war nahe daran, laut Wunder umher zu schreien; aber um nicht voreilig zu sein, schränkte er sein Entzücken auf einen stillen Ausruf ein zum Preise unserer Frauen von Garde Douloureuse.
»Wer spricht von Mangel an Vorrat? – Wer spricht jetzt von Uebergabe?« sagte er, – »Hier ist genug, uns zu halten, bis Hugo de Lacy anlangt, und sollte er auch von Cypern herbeisegeln, uns zu befreien. Ich nahm mir vor, diesen Morgen zu fasten, sowohl um Lebensmittel zu sparen als aus Andacht; aber der Segen der Heiligen soll nicht verschmäht werden.– Herr Koch, laßt mir ein tüchtiges Stück gekochtes Rindfleisch zukommen; laßt den Bäcker mir ein Semmelbrot und den Kellerer mir ein Glas Wein schicken. Ich will im Herumgehen ein Frühstück auf den Zinnen zu mir nehmen.«
An diesem Orte, welcher ungezweifelt der schlechteste Punkt von Garde Douloureuse war, fand der gute Vater nun Wilkin Flammock, der recht angelegentlich hier die notwendigsten Verteidigungsanstalten übersah. Er grüßte ihn höflich, wünschte ihm Glück zu dem Vorrat an Lebensmitteln, womit die Burg während der Nacht versehen worden war, und fragte nach, wie es möglich gewesen sei, sie so glücklich mitten durch die wälschen Belagerer hereinzubringen, als Wilkin ihn unterbrach:
»Von allem diesen ein andermal, Vater, ein andermal. Jetzt aber wünsche ich, ehe wir etwas anders reden, Dich über eine Sache zu fragen, die mein Gewissen drückt und zugleich gar sehr mein irdisches Wohl betrifft.«
»Sag an, mein vortrefflicher Sohn!« sagte der Pater, welcher hoffte, so den Schlüssel zu Wilkins wahren Gesinnungen zu erhalten, »O, ein zartes Gewissen ist ein Juwel und dem, welcher nicht darauf hören will, wenn gesagt wird: »Schütte aus Deine Zweifel in das Ohr des Priesters!« wird dereinst sein schmerzliches Angstgeschrei Feuer und Schwefel ersticken. Du hattest immer ein zartes Gewissen, Sohn Wilkin, obwohl Dein Benehmen rauh und gemein ist,«
»Nun gut denn,« sagte Wilkin, »Ihr müßt wissen, guter Vater, ich habe da ein Geschäft gehabt mit meinem Nachbarn, Jan Vanwelt, meine Tochter Rose betreffend, und er hat mir einige Gulden gezahlt unter der Bedingung, daß ich sie ihm zur Frau gebe.«
»Pah, pah, mein guter Sohn,« sagte der getäuschte Beichtvater, »der Spaß kann beiseite gelegt werden. Jetzt ist nicht Zeit, zu freien oder freien Zu lassen, wenn wir alle in Gefahr sind, ermordet zu werden.«
»Gut, aber doch hört mich an, guter Vater,« sagte der Flamländer, »diese Gewissenssache betrifft den gegenwärtigen Fall mehr, als Ihr glaubt, Ihr müßt wissen, ich habe gar nicht Lust, Rose diesem Vanwelt zu geben, der alt und von kränklicher Konstitution ist, und nun wollte ich von Euch wissen, ob ich gewissenhaft meine Einwilligung verweigern kann.«
»Wahrlich,« sagte Aldrovand, »Rose ist ein nettes Mädchen, wiewohl etwas zu heftig, und ich denke. Ihr könnt mit allen Ehren Eure Einwilligung zurücknehmen, aber in alle Wege nur, wenn Ihr die Gulden zurückzahlt, die Ihr empfangen habt.«
»Aber da liegt eben die Klemme, guter Vater,« sagte der Flamländer, »die Zurückzahlung dieses Geldes wird mich in die größte Armut stürzen. Die Walliser haben meinen Wohlstand zerstört, und diese Handvoll Geld ist alles, Gott helf mir! womit ich mein Leben von neuem anfangen muß.«
»Nichtsdestoweniger, Sohn Wilkin,« sagte Aldrovand, »Du mußt Dein Wort halten, – denn was sagt die Schrift? Quis habitatit in tabernacolo, quis requiescet in monte sancto? – Zu, zu, mein Sohn! brich nicht Dein verpfändetes Wort eines kleinen schmutzigen Gewinnes wegen. Besser ist ein leerer Magen und ein hungriges Herz mit einem reinen Gewissen, als ein fetter Ochs mit Ungerechtigkeit und Wortbruch. – Sahst Du nicht unsern verstorbenen edlen Herrn – (Seiner Seele gehe es ewig wohl!) – welcher lieber den Tod wählte im ungleichen Kampf, wie ein wackrer Ritter ihn einem Leben als Meineidiger vorzog, obgleich er nur ein rasches Wort zu einem Wälschen bei der Weinflasche gesprochen hatte.«
»Ach, das ist's,« sagte der Flamländer, »das habe ich eben gefürchtet. So müssen wir also das Schloß übergeben oder dem Wälschmann Jorworth das Vieh zurückstellen, vermittels dessen ich mir das Plänchen gemacht hatte, das Schloß zu verproviantieren und zu verteidigen.«
»Wie? Weshalb? Was meinst Du?« rief der Mönch voll Erstaunen. »Ich spreche mit Dir von Rose Flammock und Jan Van – Teufel, oder wie Ihr ihn da nennt, und Du erwiderst mir ein Geschwätz von Vieh und Feste [die Alliteration Annäherung zu dem englischen Wortspiel cattle und castle] und ich weiß nicht was.«
»Mit Eurer Erlaubnis, heiliger Vater! Ich sprach nur in Parabeln. Diese Burg war die Tochter, deren Uebergabe ich versprochen hatte – der Walliser ist Jan Vanwelt – und die Gulden waren das Vieh, das er hereingeschickt hat, vor der Hand als Zahlung auf Abschlag meines Lohnes.«