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Es dauerte einige Augenblicke, ehe ich mich faßte, auf den Erker zu treten; aber nichts hätte mich hierzu vermocht, als die feste Ueberzeugung, daß er noch lebe und daß wir uns wiedersehen würden. Mein Herz klopfte ungestüm. Ich sah einen kleinen Kahn mit einem einzigen Menschen. O Mathilde, er war's! Ich erkannte ihn nach so langer Trennung und selbst im Schatten der Nacht so genau, als ob wir erst gestern uns getrennt hätten und im vollen Sonnenschein uns wiedersähen. Er kam mit seinem Kahn unter den Erker und sprach mit mir. Ich weiß kaum, was er sagte, noch was ich antwortete. Ich konnte kaum reden vor Weinen, aber es waren wonnevolle Tränen. Hundegebell, das in einiger Entfernung laut wurde, störte uns, und wir schieden, als er mich beschworen hatte, ihm heute abend am selbigen Orte und zur selbigen Stunde eine neue Zusammenkunft zu bewilligen. Aber was soll daraus werden? Kann ich's wissen? nein, ich kann's nicht. Der Himmel, der ihn vom Tode rettete und ihn aus der Gefangenschaft befreite, der meinen Vater behütete, einen Mann zu ermorden, der ihm nicht ein Haar auf dem Haupte gekrümmt hätte, er muß auch mich aus dem Irrgange führen. Für jetzt genügt mir der feste Entschluß, daß Mathilde nicht über ihre Freundin, mein Vater nicht über seine Tochter, mein Freund nicht über diejenige erröten soll, der er seine Zuneigung gewährt hat.«

Achtzehntes Kapitel

Julie hatte Verstand, Grundsätze und ein gefühlvolles Herz; aber es machte sich bei ihr auch der Einfluß einer mangelhaften Erziehung durch eine irregeleitete Mutter geltend, die ihren Mann im Herzen so lange einen Tyrannen schalt, bis sie ihn als solchen fürchten lernte, und so lange Romane über Romane las, bis sie sich in die darin geschilderten Irrungen und Verwirrungen so verstrickte, daß sie nicht mehr anders konnte, als selbst einen kleinen Familienroman anlegen, in welchem ihre Tochter, ein sechzehnjähriges Mädchen, die Hauptheldin spielen sollte. Sie fand ihr Vergnügen an kleinen Geheimnissen und Ränken und zitterte vor dem Unwillen, wozu diese unwürdigen Schritte ihren Mann reizten. So faßte sie bloß aus Uebermut oder Hang zum Widerspruche den Plan zu einem Anschlag, verwickelte sich unmerklich tiefer, suchte sich durch neue Künste herauszuziehen oder ihren Fehler durch Verstellung zu beschönigen, verstrickte sich in ihren eigenen Schlingen und sah sich, um sich aus der Situation zu helfen, in die Mutwille sie gestürzt hatte, zu Ränken und Intrigen gezwungen.

Der junge Mann, den sie so unvorsichtigerweise zu ihrem Vertrauten machte und ermunterte, seine Blicke auf ihre Tochter zu richten, besaß zum Glück strenge Grundsätze und edlen Stolz, und sie hatte einen minder gefährlichen Hausfreund in ihm gefunden, als sie wohl hätte rechnen dürfen. Ein anderer Einwand als zweifelhafte Herkunft ließ sich nicht gegen ihn machen; aber Edelmut und Ruhmbegier eröffneten ihm glänzende Aussichten, und jeder, der den wackern Jüngling im Auge hielt, sagte ihm eine glückliche Laufbahn voraus. Daß er Lockungen, wie sie ihm durch Juliens unvorsichtige Mutter bereitet wurden, hätte widerstehen oder gegen ein Mädchen, dessen Schönheit und Anmut zur Liebe aufmunterten, hätte gleichgiltig bleiben sollen, ließ sich nun freilich nicht erwarten, zumal auf einem Schauplatz nicht, wie dem einer indischen Festung, wo an weiblichen Reizen wahrlich kein Ueberfluß zu herrschen pflegt. Ueber die unglücklichen Folgen dieses Ehelebens hat uns Mannering schon unterrichtet, und es würde überflüssig sein, darüber weitere Worte zu verlieren. Wir fahren daher in den Auszügen aus Juliens Briefen fort.

»Ich habe ihn wiedergesehen, Mathilde; ich habe ihn zweimal gesehen. Aber nach den Gründen habe ich nicht gesucht, die ihn überzeugen, daß unser geheimes Verständnis für uns beide gefährlich ist, ja ich habe in ihn gedrungen, er möge seinem Glück nachgehen, ohne weitere Rücksicht auf mich, und Beruhigung in dem Gedanken suchen, daß ich den Frieden meines Gemüts wiedergefunden, seit ich weiß, daß er nicht von meines Vaters Hand gefallen sei. Er antwortete – aber wie könnte ich Dir alles sagen, was er zu antworten hat? Die Hoffnungen, die meine Mutter ihm gemacht, wolle er als sein Eigentum fest halten, ja, er möchte mich zu dem wahnsinnigen Gedanken verleiten, mich ohne meines Vaters Willen mit ihm ehelich zu verbinden. Nein, Mathilde, dazu soll er mich nicht bringen. Ich habe ihm widerstanden, ich habe das wilde Gefühl gemeistert, das für ihn sprach; aber wie soll ich mich aus diesem unglücklichen Irrgang zurecht finden, in den Verhängnis und Torheit uns verwickelt haben!

Ich habe lange, lange darüber nachgedacht, so lange, daß mir fast der Kopf schwindelt. Ich finde keinen andern Ausweg, als meinem Vater alles zu gestehen. Er verdient es; denn seine Güte währet immer, und seit ich seine Gemütsart genauer studiert habe, scheint es mir, als ob er nur dann zur Härte sich wende, wenn er Arglist oder Täuschung argwohnt, und in dieser Hinsicht hat meine Mutter sein Gefühl wohl verkannt. Auch ist ein leiser Anklang von Schwärmerei in seinem Wesen: ich habe gesehen, wie die Erzählung einer edlen Tat, ein Zug von Heldenmut, oder tugendhafter Selbstverleugnung Tränen aus seinen Augen lockten, die alltägliches Herzeleid nicht hervorrufen konnte.

Aber Brown wendet ein, mein Vater habe eine persönliche Abneigung gegen ihn. Und seine dunkle Herkunft – freilich, das wird ein Stein des Anstoßes sein! Ich denke mir, liebe Mathilde, auch keiner von Deinen Vorfahren habe bei Poitiers [1356, wo die Franzosen von Eduard, dem schwarzen Prinzen, geschlagen wurden.] und Azincourt [1415, wo Heinrich V. von England die Franzosen besiegte.] gefochten. Hielte mein Vater nicht das Andenken des gestrengen Miles Mannering so unendlich hoch, so würde ich nicht halb so viel Angst davor empfinden, mich ihm zu offenbaren.«

»Ich habe soeben Deinen lieben so sehr willkommenen Brief erhalten. Dank Dir, teuerste Freundin, für Deine Teilnahme und Deine Ratschläge, Ich kann es Dir nur mit unbegrenztem Vertrauen vergelten.

Du fragst mich, woher denn Brown stamme, da seine Herkunft meinem Vater so anstößig sei. Seine Geschichte läßt sich kurz erzählen. Er stammt aus Schottland, ist aber früh verwaist und wurde von seinen Verwandten in Holland erzogen. Man bestimmte ihn zum Kaufmannsstande und schickte ihn in seinen ersten Jünglingsjahren in eine unserer ostindischen Niederlassungen, zu einem Handelsfreund seines Pflegevaters. Als Brown aber in Indien ankam, war dieser Freund gestorben, und es blieb ihm nichts übrig, als sich in einem Kontor als Schreiber zu verdingen. Da brach der Krieg aus. Die bedrängte Lage, in der wir uns anfangs befanden, gab jedem jungen Manne, der zu den Waffen greifen wollte, Gelegenheit zu einer günstigen Laufbahn, und Brown, von seiner Neigung dazu getrieben, gab sofort eine Laufbahn auf, die zum Reichtum führen konnte, um der Bahn des Ruhmes zu folgen. Seine übrige Geschichte kennst Du. Denke Dir nun den Unwillen meines Vaters, dem der Kaufmannsstand zuwider ist, trotzdem er sein Vermögen hauptsächlich von meinem Großoheim her besitzt, der diesem ehrenvollen Stande angehörte. Erwäge nun, wie er sich, zumal er feindselig gegen alles Holländische gesinnt ist, zu einem Antrage Vanbeest Browns stellen würde, der von dem Hause Vanbeest und Vanbrüggen aus Barmherzigkeit erzogen wurde! Nein, Mathilde, es geht nicht! Ja sieh, so kindisch bin ich selbst, daß ich mich kaum enthalten kann, seine aristokratischen Gesinnungen zu teilen. Frau Vanbeest Brown – der Name hat wahrlich wenig Klang, – ach, Mathilde! was sind wir Menschen doch für Kinder!«