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Die Garnison war, mit militärischer Einsicht, in verschiedenen Haufen auf den Punkten verteilt, die sich am besten zum Angriff eigneten, oder von welchen dem angreifenden Feinde am meisten geschadet werden konnte. Und gerade diese unvermeidliche Zertrennung ihrer Macht in kleine Abteilungen war es, welche die Ausdehnung der Mauer im Vergleich mit der Zahl ihrer Verteidiger in ein so nachteiliges Licht setzte.

Wiewohl nun Wilkin Flammock mancherlei Mittel ersonnen hatte, diesen Mangel an Macht dem Feinde zu verbergen, so konnte er doch die Verteidiger der Burg damit nicht täuschen, welche traurige Blicke auf die langen Zinnen hinabwarfen, die, einige Schildwachen ausgenommen, unbesetzt blieben, und dann auf das unglückliche Schlachtfeld, angefüllt mit den Leichnamen derer, welche ihre Kameraden in dieser Stunde der Gefahr hätten sein sollen.

Evelinens Gegenwart trug viel dazu bei, die Besatzung aus dieser niedergeschlagenen Stimmung zu erwecken. Von Posten zu Posten, von Turm zu Turm der alten Feste glitt sie dahin, wie ein Lichtstrahl über die von Wolken beschattete Landschaft, der, sie nach und nach auf verschiedenen Strichen berührend, sie in ihrer Schönheit und wahren Gestalt hervortreten läßt. Sorgen und Furcht machen oft die Leidenden beredt. Sie führte gegen jede der verschiedenen Nationen, aus welchen die kleine Garnison zusammengesetzt war, die ihnen angemessene Sprache. Zu den Engländern sprach sie als Kindern des Bodens – zu den Flamländern als Männern, welche durch Gastfreiheit Angebürgerte geworden waren – zu den Normännern als Abkömmlingen des siegreichen Stammes, dessen Schwert sie zu Edlen und Oberherrn jedes Landes gemacht hatte, wo seine Schärfe verursacht worden war. Gegen sie brauchte sie die Sprache des Rittertums, nach dessen Gesetzen der kleinste von dieser Nation seine Handlungen regelte oder zu regeln sich stellte. Die Engländer erinnerte sie an die feste Treue und Redlichkeit ihres Herzens; zu den Flamländern sprach sie von der Zerstörung ihres Besitztums, den Früchten ihrer ehrbaren Betriebsamkeit. Alle munterte sie auf, den Tod ihres Führers und seiner Getreuen zu rächen – allen empfahl sie Vertrauen auf Gott und unsere Frau von Garde Douloureuse; und sie wagte es, allen die Versicherung zu geben, daß starke und siegreiche Scharen schon zu ihrem Entsatze herbeirückten.

»Werden die wackern Kreuzesritter,« sagte sie, »daran denken, ihr Vaterland zu verlassen, während die Wehklagen der Weiber und Waisen sie erfüllen? Das hieße ihren frommen Vorsatz in eine Todsünde verwandeln, und verunglimpfen den hohen Ruhm, den sie so herrlich gewonnen. – Ja, fechtet brav, und vielleicht, ehe eben diese Sonne, welche jetzt langsam emporsteigt, ins Meer sinkt, werdet Ihr ihre Strahlen von Shrewsbury und Chester leuchten sehen. – Wann wartete der Walliser es ab, den Klang ihrer Trompeten, das Rauschen ihrer seidenen Banner zu hören? – Fechtet tapfer – fechtet rühmlich, nur eine Weile. – Unser Schloß ist fest – unsere Munition im Ueberfluß – Eure Herzen sind gut – Eure Arme kraftvoll – Gott ist uns nahe – und unsere Freunde sind nicht fern! So fechtet denn im Namen von allem, was gut und heilig ist. – Fechtet für Euch selbst, für Eure Weiber, für Eure Kinder, für Euer Eigentum – und ach! fechtet für eine verwaiste Jungfrau, welche keine andern Verteidiger hat, als die, welche die Mitempfindung ihres Kummers, die Erinnerung an ihren Vater, in Euch erwecken kann!« –

Solche Reden machten einen gewaltigen Eindruck auf die Männer, an welche sie gerichtet waren, welche ohnedies durch Gewohnheit und Sinnesart gegen das Gefühl der Gefahr abgehärtet waren. Die ritterhaften Normannen schworen auf das Kreuz ihres Schwertes, bis auf den letzten Mann zu streiten, ehe sie ihren Posten übergäben. – Die derberen Angelsachsen schrien: »Schande über den, welcher ein solches Lamm, wie Eveline, den wälschen Wölfen überlassen wollte, so lange er seinen Körper zu ihrem Bollwerk machen kann!« – Selbst die kalten Flamländer fingen einen Funken von dem Enthusiasmus auf, der die andern belebte, und flüsterten sich einander Lobsprüche über der jungen Lady Schönheit zu, und kurze aber redliche Entschlüsse, ihre Verteidigung aufs beste zu bewirken.

Rose Flammock, welche ihre Lady mit einigen Dienerinnen auf ihrer Runde begleitete, schien aus dem überreizten Zustande, in welchen sie der Verdacht gegen ihres Vaters Charakter gestürzt, in den milderen eines furchtsamen Mädchens zurückgekehrt zu sein. Sie trippelte dicht, aber ehrfurchtsvoll hinter Evelinen her und horchte auf alles, was sie von Zeit zu Zeit sagte, mit jener Achtung und Bewunderung, mit der ein Kind auf seinen Aufseher horcht, indem bloß ihr feuchtes Auge ausdrückte, wie sie die Größe der Gefahr und die Kraft der Ermahnungen fühlte. Doch gab es einen Augenblick, in welchem des jungen Mädchens Auge glänzender, ihr Schritt zuversichtlicher, ihre Blicke stolzer wurden. Dies geschah, als sie sich der Stelle näherten, wo ihr Vater, nachdem er den Pflichten eines Befehlshabers Genüge geleistet, jetzt die eines Ingenieurs erfüllte, und große Geschicklichkeit sowohl als wundervolle persönliche Stärke entwickelte bei der Aufstellung und Richtung einer gewaltigen Steinschleuder auf einer Stelle, welche ein sehr ausgesetztes Tor beherrschte, das von der westlichen Seite der Burg in die Ebene führte, und wo natürlich ein ernstlicher Angriff zu erwarten war. Der größte Teil seiner Rüstung lag ihm zur Seite, aber bedeckt von seinem Rocke, um sie vor dem Morgentau zu schützen, während er in seinem ledernen Wams, mit den Armen entblößt bis zu den Schultern, und einen ungeheuren Schmiedehammer in der Hand, den Handwerkern, welche nach seiner Anordnung arbeiteten, ein treffliches Beispiel gab.

Bei langsamen und ernsten Naturen findet man gewöhnlich einen Anflug von Blödigkeit und Empfindlichkeit bei der Verletzung kleiner Sitten. Wilkin Flammock war fast bis zur Unempfindlichkeit ruhig gewesen bei der kürzlich ihm widerfahrenen Beschuldigung des Verrates; aber er wurde rot und ward verlegen, während er schnell seinen Rock über sich warf und sich bemühte, die nachlässige Kleidung zu verbergen, in welcher Lady Eveline ihn überraschte. Nicht so seine Tochter. Stolz auf ihres Vaters Eifer, strahlte ihr Auge von ihm zu ihrer Herrin mit einem Blick voll Triumph, welcher zu sagen schien: »Und dieser treue Diener ist der, welchen man des Verrats verdächtig hielt!«

Eveline machte sich in ihrem eigenen Herzen denselben Vorwurf, und sorglich bemüht, den einen Augenblick gehegten Zweifel an seiner Treue wieder gut zu machen, bot sie ihm einen Ring von Wert an: »eine kleine Buße,« sagte sie, »für ein Mißverständnis eines Augenblicks.«

»Das ist nicht nötig,« sagte Flammock mit seiner gewöhnlichen Derbheit, »es müßte mir denn erlaubt sein, meinem Mädel den Flitter zu geben, denn ich denke, sie hat sich genug über das betrübt, was mich wenig rührte. – Und weshalb sollte es auch?«

»Gebiete darüber, wie Du willst,« sagte Eveline; »der Stein darin ist so echt wie Deine Treue.«

Eveline schwieg, und den Blick auf die weit ausgedehnte Ebene zwischen der Burg und dem Strome richtend, machte sie die Bemerkung, wie schweigend und still der Morgen über dem Schauplatz aufgehe, der kurz zuvor weit und breit mit Moor erfüllt gewesen wäre.