»So wird es nicht lange bleiben,« antwortete Flammock, »wir werden Lärm genug haben, und das näher unsern Ohren als gestern.«
»In welcher Gegend liegt der Feind?« sagte Eveline; »mich dünkt, ich kann weder Zelte noch Pavillons gewahr werden.«
»Sie brauchen keine, Lady,« antwortete Wilkin Flammock, »der Himmel hat ihnen die Gnade und das Wissen versagt, genug Linnen zu solchem Behufe zu weben. – Dort liegen sie auf beiden Seiten des Flusses, nur mit ihren weißen Mänteln bedeckt. Sollte man denken, daß eine Schar von Dieben und Halsabschneidern dem lieblichsten Dinge in der Natur so ähnlich sehen könnte – einer schön bedeckten Bleiche? – Horch! horch! die Wespen beginnen zu summen; bald werden sie ihren Stachel ausrecken.«
In der Tat hörte man in dem wälschen Heere ein leises und undeutliches Murmeln, wie Bienen aufgeregt im Stock sich waffnen. Entsetzt über den hohlen drohenden Ton, welcher mit jedem Augenblicke lauter wurde, hängte sich Rose, die alle Reizbarkeit eines gefühlvollen Temperaments besaß, in ihres Vaters Arm und flüsterte erschrocken: »Es gleicht dem Getöse des Meeres, die Nacht vor der großen Überschwemmung.«
»Und es zeigt rauhes Wetter an, daß die Frauen nicht draußen bleiben können,« sagte Flammock. »Geht in Euer Zimmer, Lady Eveline! wenn es Euch gefällig ist – und auch Du gehe, Röschen – Gott sei mit Dir – Ihr macht nur, daß wir hier faul sind.«
Und Eveline, sich bewußt, daß sie alles getan hatte, was ihr oblag, und voll Furcht, der kalte Schauer, der ihr Herz überlief, könnte auch andere anstecken, befolgte ihres Vasallen Rat und zog sich langsam nach ihrem Gemach zurück, oft ihre Augen auf den Platz zurückwerfend, wo die Walliser jetzt hervortraten und unter Waffen ihre Schlachthaufen vorrückten, gleich den Wogen der herannahenden Flut.
Der Fürst von Powys hatte mit großer Kriegskenntnis einen Plan zum Angriff entworfen, der dem feurigen Geiste seiner Krieger am angemessensten war, und gedachte, die schwache Besatzung auf jedem Punkte zu beruhigen. Die drei Seiten der Burg, welche der Strom verteidigte, wurden von einer zahlreichen Schar Briten beobachtet, die Befehl hatten, sich nur auf den Gebrauch ihres Bogens zu beschränken, bis daß ein günstiger Augenblick zum nähern Angriff sich darbieten würde. Aber der bei weitem größere Teil von Gwenwyns Macht, aus drei sehr starken Kolonnen bestehend, rückte längs der Ebene auf die Westseite der Burg an und bedrohte mit einem verzweifelten Sturm die Mauern, welche auf dieser Seite des Schutzes vom Flusse beraubt worden waren. Die erste dieser furchtbaren Massen bestand einzig aus Bogenschützen, welche sich dicht vor dem belagerten Platze zerstreuten, und jeden Busch oder jede Erhöhung des Bodens, die sie decken konnte, benützten; dann spannten sie ihre Bogen und sandten einen Regenschauer von Pfeilen auf die Zinnen und Schießscharten, obgleich sie bei weitem mehr Schaden erlitten, als anrichteten, da die Besatzung in verhältnismäßig größerer Sicherheit und ruhigerer Ueberlegung ihre Schüsse erwiderte. Indessen versuchten, unter der Bedeckung ihrer Pfeile, zwei andere sehr starke Korps, die äußersten Werke der Burg mit Sturm wegzunehmen. Sie führten Aexte mit sich, die Palissaden, damals Barrieren genannt, zu zerstören, Reisigbündel, die äußern Graben auszufüllen, Fackeln, alles Brennbare, worauf sie stießen, in Feuer zu setzen, und vor allem Leitern, die Mauern zu besteigen.
Diese Abteilungen stürzten mit einer unglaublichen Wut gegen den Angriffspunkt, trotz des hartnäckigen Widerstandes und trotz des großen Verlustes, den sie durch Wurfgeschütze aller Art erlitten; sie setzten den Sturm fast eine ganze Stunde fort, durch Verstärkungen unterstützt, die mehr als hinlänglich waren, ihre verminderte Anzahl zu ersetzen. Als sie endlich zum Rückzug gezwungen waren, schienen sie eine neue und doch mehr ermüdende Art von Angriff zu erwählen. Ein starkes Korps stürzte auf einen besonders ausgesetzten Punkt der Festung mit solcher Wut, daß so viele von den Belagerten, als an andern Orten gespart werden konnten, hierher gezogen werden mußten; sobald sich nun aber eine andere Stelle schwächer bemannt zeigte, als zu ihrer Verteidigung nötig war, so kam an diese die Reihe, wütend von einem besondern Korps angefallen zu werden.
So glichen die Verteidiger von Garde Douloureuse dem verlegenen Reisenden, welcher bemüht ist, einen Schwarm von Hornissen zu verjagen, der, wenn er ihn von einer Seite hinwegtreibt, sich auf einer andern haufenweise fortsetzt, und ihn durch ihre Anzahl, Kühnheit und vervielfachten Angriffe in Verzweiflung bringt. Da das äußere Tor demzufolge der hauptsächlichste Angriffspunkt und der Gefahr am meisten ausgesetzt war, begab sich Pater Aldrovand, dessen Besorgnis ihm nicht gestattete, von den Mauern entfernt zu bleiben, und welcher, wo es nur die Schicklichkeit erlaubte, an der Verteidigung tätigen Anteil nahm, dorthin.
Hier fand er den Flamländer gleich einem zweiten Ajax, gräßlich mit Staub und Blut bedeckt, mit eigener Hand die große Maschine dirigierend, welche er kurz zuvor aufrichten half, indem er zugleich ein wachsames Auge auf alles Erforderliche umher warf.
»Was denkst Du von dem heutigen Tagewerk?« fragte flüsternd der Mönch.
»Was nützte es, darüber zu schwatzen,« entgegnete Wilkin, »Ihr seid kein Kriegsmann und ich habe nicht Zeit zu Worten.«
»Nicht doch! Schöpfe einmal Atem!« sagte der Mönch und schlug die Aermel seines Rockes in die Höhe; »ich will versuchen, Dir etwas zu helfen, – obwohl, unsere Frau erbarme sich meiner! ich nichts von diesen fremden Erfindungen, nicht einmal die Namen kenne. Aber unsere Regel befiehlt uns, zu arbeiten, es kann nichts Unrechtes sein, die Winde zu drehen, oder dieses Stück Holz mit dem stählernen Knopf gegen den Strick zu stemmen,« – (er tat immer zugleich, was er sagte) – auch sehe ich nichts Unkanonisches, darin, so den Hebebaum anzulegen, so diese Springfeder zu berühren.«
Der gewaltige Bolzen zischte durch die Luft, als er sprach, und so erfolgreich ward er gezielt worden, daß er einen Walliser Häuptling von hohem Rang niederstreckte, dem Gwenwyn eben im Begriffe war, irgend einen wichtigen Auftrag zu geben.
»Gut geworfen, Trebuchet – gut geflogen, Quarel, [Sollen normannische Benennungen von Steinschleuder und Bolzen sein.] schrie der Mönch, unfähig, sein Entzücken zu mäßigen, und er gab in seinem Triumph dem Werkzeuge und dem Wurfspieß die technischen Benennungen.
»Und gut gezielt, Mönch,« setzte Flammock hinzu, »ich glaube, Du weißt mehr, als in Deinem Breviarium steht.«
»Darum kümmere Du Dich nicht,« sagte der Vater, »und nun, da Du siehst, ich kann mit einem Geschütz umgehen, und da auch jene Schufte etwas abgekühlt sind, was denkst Du von unserer Lage?«
»Gut genug für eine schlechte, wenn wir nur eiligst Succurs bekämen; aber der Mensch ist von Fleisch und nicht von Eisen, und wir können doch zuletzt durch die Menge mürbe werden. Ein Soldat auf zwölf Fuß Wall, das ist eine fürchterliche Ungleichheit, und die Schurken da merken es und setzen uns scharf zu.« – Hier ward die Unterredung durch die Erneuerung des Sturmes unterbrochen. Auch gestattete ihnen der tätige Feind bis zum Sonnenuntergange nicht viel Ruhe; denn sie auf diesen Punkten mit wiederholten Drohungen des Angriffs beunruhigend, indes sie auf andern Punkten wirklich furchtbare und wütende Stürme wagten, ließen sie ihnen keine Zeit, Atem zu schöpfen oder einen Augenblick sich zu erholen. Dennoch mußten aber auch die Walliser für ihre Kühnheit teuer büßen; denn, wenn auch nichts die Tapferkeit übertreffen konnte, mit welcher ihre Leute wiederholt zum Angriff schritten, so zeigten doch die, welche sie gegen das Ende des Tages versuchten, weniger von der erhitzten Tollkühnheit des ersten Anrückens; und es ist wahrscheinlich, daß das Gefühl des erlittenen großen Verlustes, wie die Furcht vor der Wirkung davon auf den Geist des Volks, den Einbruch der Nacht und die Unterbrechung des Kampfes, Gwenwyn ebenso willkommen machte wie der erschöpften Besatzung von Garde Douloureuse.