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Dennoch aber herrschte in dem Lager der Walliser Fröhlichkeit und Triumph, denn der Verlust des Tages wurde vergessen bei der Erinnerung an den ausgezeichneten Sieg, welcher der Belagerung vorangegangen war, und die entmutigte Besatzung konnte von ihren Mauern das Lachen und das Singen, das Harfenspiel und Lustigleben derer vernehmen, die im voraus den Triumph der anscheinend unausbleiblichen Uebergabe der Burg feierten.

Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinabgesunken, die Dämmerung verlor sich schon, und leise schloß sich die Nacht mit dem blauen wolkenlosen Himmel, an welchem die tausend Funken, die das Firmament schmückten, einen doppelten Schimmer von einem Frosthauch empfingen, indessen der blassere Planet, ihre Gebieterin, im ersten Viertel stand. Die Not der Besatzung wurde dadurch bedeutend erschwert, daß zu einer Zeit, die zu einem plötzlichen nächtlichen Anfall so günstig war, sehr strenge und sorgfältige Wache gehalten werden mußte, welches zu der schwachen Anzahl der Mannschaft so wenig paßte; und diese Pflicht war so dringend, daß selbst die am Tage nur leicht Verwundeten gezwungen waren, trotz ihrer Wunden daran teilzunehmen.

Der Mönch und der Flamländer, die sich nun vollkommen einander verstanden, machten zusammen um Mitternacht die Runde, ermahnten die Schildwachen gut aufzumerken, und untersuchten mit eigenen Augen den Zustand der Festung. Als sie bei dieser Runde eine höhere Terrasse auf einer engen und ungleichen Treppe bestiegen, die dem Mönch etwas sauer ward, bemerkten sie auf der Höhe, zu welcher sie stiegen, statt des schwarzen Panzers der flämischen Schildwachen, welche hier ihren Posten hatten, zwei weiße Gestalten, deren Anblick Wilkin Flammock mit größerem Schrecken erfüllte, als er während aller zweifelhaften Ereignisse des Kampfes am vergangenen Tage gezeigt hatte.

»Vater,« sagte er, »nehmt Euer Werkzeug zur Hand – es spukt – da gibt's Gespenster.«

Der gute Vater hatte als Priester nicht gelernt, dem bösen Feinde zu trotzen, den er als Soldat mehr als den sterblichen Feind gefürchtet hatte. Aber er begann mit klappernden Zähnen die Beschwörung der Kirche: »Conjure vos omnes, spiritus maligni, magni atque parvi,« als er durch die Stimme Evelinens unterbrochen wurde, welche ihm zurief: »Seid Ihr es, Pater Aldrovand?«

Mit leichterem Herzen, da sie fanden, daß sie nicht mit einem Geiste zu tun hatten, traten Wilkin Flammock und der Priester schnell auf die Terrasse, wo sie die Lady mit ihrer getreuen Rose fanden, die erste mit einer Halbpike in ihrer Hand, wie eine Schildwache auf dem Posten.

»Was bedeutet das, Tochter?« sagte der Mönch. »Wie kommt Ihr hierher, und so bewaffnet? Und wo ist die Schildwache, der träge flämische Hund, der dessen Posten versehen sollte?«

»Kann er nicht ein fauler Hund sein, ohne darum ein Flamländer zu sein, Vater?« sagte Rose, die jedes Wort aufregte, welches eine Bemerkung gegen ihr Vaterland enthielt; »mich dünkt, ich habe auch von solchen Kötern englischer Gattung gehört.«

»So gehe doch, Rose, Du bist zu ungezogen für ein junges Mädchen,« sagte ihr Vater. »Noch einmal, wo ist Peterkin Vorst, der auf diesem Posten stehen soll?«

»Lasset ihn meinen Fehler nicht entgelten,« sagte Eveline, indem sie auf einen Fleck deutete, wo die flämische Wache hinter den Zinnen fest eingeschlafen war, – »die Ermüdung hatte ihn überwältigt – er hatte tüchtig den Tag über gefochten, und als ich ihn hier schlafend fand, da ich hierherkam, einem wandernden Geiste gleich, der nicht Rast noch Nutze findet, da wollt ich ihm seine Ruhe nicht stören, die ich beneidete. So wie er für mich gefochten hatte, so, dachte ich, könnte ich wohl eine Stunde für ihn wachen. Ich nahm also seine Waffe in der Absicht, hier zu bleiben, bis ein anderer ihn ablösen käme.«

»Ich will den Schelm ablösen, und zwar nachdrücklich,« sagte Wilkin Flammock und begrüßte den schlafenden und hingestreckten Wächter mit zwei Fußstößen, daß sein Küraß rasselte. Der Mann sprang auf seine Füße, nicht wenig erschreckt, und er würde die nächsten Schildwachen und dazu die ganze Besatzung durch das Geschrei, das die Walliser auf den Mauern wären, aufgebracht haben, hätte nicht der Mönch seinen breiten Mund mit der Hand bedeckt, eben als das Gebrüll hervorbrechen wollte. – »Schweig und mache, daß Du in den untersten Kerker kommst! Du verdienst nach alten Kriegsgesetzen den Tod, aber schau auf, Du Taugenichts, sieh, wer Dir Deinen nichtswürdigen Hals gerettet hat und Wache hielt, während Du von Schweinefleisch und Bierkrug träumtest.«

Wiewohl noch im Schlafe, fühlte der Flamländer seine ganze Lage genugsam, so daß er ohne Antwort davonschlich, nach einigen linkischen Abschiedsverbeugungen gegen Eveline, wie gegen die, durch welche seine Ruhe so ohne alle Zeremonie unterbrochen worden war.

»Er verdient, bei Kopf und Füßen aufgehängt zu werden, der Hundsfott,« sagte Wilkin, »aber etwas wollt Ihr dazu sagen, Lady? Meine Landsleute können nicht leben ohne Ruhe und Schlaf.« Bei diesen Worten gähnte er selbst mit so weitem Munde, als wollte er eins von den Türmchen verschlucken, womit die Ecken der Plattform, wo er stand, besetzt waren.

»So ist es, guter Wilkin,« sagte Eveline. »Gönnt Euch daher selbst auch einige Ruhe und verlaßt Euch auf meine Wachsamkeit, wenigstens bis die Wachen abgelöst werden Ich kann nicht schlafen, wenn ich auch wollte; und ich will nicht, wenn ich es auch könnte.«

»Schönen Dank, Lady,« sagte Flammock, »in Wahrheit, da dieser Platz so ziemlich in der Mitte ist und die Runde spätestens in einer Stunde hier vorbeikommen muß, so will ich denn wirklich mein Auge bis dahin schließen, denn meine Augenlider sind mir schon schwer wie eine Schleuse.« »O Vater, Vater!« rief Rose aus, ihres Vaters unschickliche Vernachlässigung alles Anstandes tief fühlend, – »bedenkt, wo und in wessen Gegenwart Ihr Euch befindet.«

»Ja, ja, guter Flammock,« sagte der Mönch, »bemerkt, in Gegenwart eines edlen normannischen Fräulein geziemt es sich nicht, sich in den Mantel zu wickeln und die Nachtmütze aufzusetzen.«

»So laßt ihn doch, Vater,« sagte Eveline, welche zu einer andern Zeit die Schnelligkeit belächelt haben würde, mit welcher Flammock sich in seinen großen Mantel hüllte, seine wohlbeleibte Gestalt auf der steinernen Bank ausstreckte und schon die sichersten Zeichen eines tiefen Schlafes hören ließ, als der Mönch noch nicht ausgesprochen hatte. – »Die äußern Sitten und Formen der Achtung,« fuhr sie fort, »gehören nur für Zeiten des Wohlseins, und wo man alles sehr genau nimmt; – aber in der Gefahr ist des Soldaten Schlafgemach da, wo er Muße zu einer Stunde Ruhe finden kann, und sein Speisezimmer, wo er etwas zu essen erhaschen kann. Setze Dich zu Rosen und mir, guter Vater, und halte uns irgend einen heiligen Vortrag, wobei uns diese Stunden des Kummers und der Ermüdung leichter verfließen werden.«

Der Pater gehorchte, aber wiewohl willig, Trost mitzuteilen, gab ihm sein Geist und sein theologisches Wissen doch nichts Besseres ein, als das Hersagen der Bußpsalmen, worin er so lange fortfuhr, bis die Müdigkeit ihn überwältigte, indem er sich eben der Sünde wider das Decorum schuldig machte, worüber er den Wilkin Flammock gescholten hatte, und in der Mitte seiner frommen Beschäftigung fest einschlief.

Neuntes Kapitel

Die Ermüdung, welche Flammock und den Mönch erschöpft hatten, fand bei den beiden angstvollen Mädchen nicht statt, welche bald ihr Auge auf die dunkle Landschaft hinwendeten, bald auf die Sterne, welche sie schwach beleuchteten, als ob sie darin die Ereignisse lesen könnten, die der Morgen bringen würde. Es war ein stilles und melancholisches Schauspiel, Baum und Feld, Hügel und Ebene lag vor ihnen im zweifelhaften Lichte. In großer Entfernung konnte das Auge nur mit Mühe eine Paar Punkte unterscheiden, wo der Strom, den sonst überall Ufer und Bäume verbargen, seine mehr ausgedehnte Fläche vor den Sternen und der silbernen Mondsichel ausbreitete. Alles war still, nur das feierliche Rauschen des Wassers war zu hören und dann und wann ein schneidendes Harfengeklimper, welches aus einiger Entfernung durch die Stille der Mitternacht drang und anzeigte, daß einige der Walliser noch immer ihr Lieblingsvergnügen fortsetzten. Die wilden Töne, nur teilweise vernommen, glichen der Stimme vorübergehender Geister, und verbunden mit dem Gedanken an die stolze, unerbittliche Feindseligkeit, klangen sie in Evelinens Ohr, als weissagten sie Krieg und Wehe, Gefangenschaft und Tod. Die andern Töne, welche allein noch die tiefe Stille der Nacht unterbrachen, waren zuweilen das Hin- und Herschreiten einer Schildwache auf ihrem Posten, oder das Geheul der Eulen, welche den herannahenden Sturz der mondbeleuchteten Türme, in welchen sie ihre alternde Wohnung hatten, zu bejammern schienen.