Die rings umher herrschende Ruhe schien einer Last gleich auf den Busen der unglückseligen Eveline zu drücken, und in ihm ein tieferes Gefühl des gegenwärtigen Kummers, eine angreifendere Furcht vor den künftigen Greueln zu erwecken, als während des Getöses, des Bluts und der Verwirrung am vergangenen Tage in demselben geherrscht hatten. Sie stand auf – sie setzte sich nieder – sie ging hin und her auf der Plattform, – sie blieb fest gebannt wie eine Bildsäule auf einer Stelle stehen – als ob sie durch die Abänderung ihrer Stellungen ihr inneres Gefühl von Furcht und Sorge zu zerstreuen suchte.
Endlich auf den Mönch und den Flamländer hinblickend, wie sie fest schliefen hinter den Zinnen, konnte sie nicht umhin, ihr Stillschweigen zu brechen. »Die Männer sind glücklich,« sagte sie, »meine geliebte Rose! Ihre drückendsten Sorgen werden entweder durch angestrengte Arbeit zerstreut oder in der Abspannung, die darauf erfolgt, erstickt ... Wunden und Tod können sie treffen, aber wir sind es, die in ihrem Geiste eine schneidendere Qual empfinden, als der Körper kennt, und in der nagenden Empfindung des gegenwärtigen Nebels und der Furcht vor künftigem Elende, lebend einen Tod sterben, grausamer als der, welcher all unsern Schmerzen mit einmal ein Ende macht.«
»Laßt Euch nicht so niederbeugen, meine edle Gebieterin,« sagte Rose, »seid lieber, was Ihr gestern waret, die hilfreich Sorgende für die Verwundeten, für die Betagten, für einen jeden, außer für Euch selbst – und dabei Euer teures Leben aussetzend unter dem Pfeilregen der wälschen Bogen, weil Ihr dadurch den anderen Mut einflößt; während ich zu meiner Scham nichts konnte, als zittern, schluchzen, und all das bißchen Verstand, das ich besitze, anstrengen mußte, nicht mein Geschrei mit dem wilden Geheul der Walliser zu vereinigen, oder mit denen unserer Freunde, welche um mich hinsanken, zu jammern und zu winseln.«
»Ach, Rose!« antwortete ihre Gebieterin, »Ihr könnt nach Herzenslust Eurer Furcht nachhängen bis zum Gipfel der Verzweiflung – Ihr habt einen Vater, für Euch zu fechten, für Euch zu wachen. Der meinige, – mein zärtlicher, edler, verehrter Vater liegt auf jenem Feld, und alles was mir übrig bleibt, ist so zu handeln, als es sich für sein Andenken am besten schickt. Aber dieser Augenblick gehört wenigstens mir, an ihn zu denken und um ihn zu trauern.«
Mit diesen Worten, überwältigt von dem langen unterdrückten Ausbruch ihres kindlichen Schmerzes, sank sie auf die Bank hin, welche längs der innern Seite der Brustwehr von der Plattform ablief und mit dem leisen Ausruf: »Er ist dahingegangen auf immer!« überließ sie sich dem ganzen Uebermaß ihres Grams. Eine ihrer Hände hielt unwillkürlich die Waffe, welche sie ergriffen hatte, und sie stützte ihre Stirn darauf, während die Tränen, die jetzt zuerst ihr Herz erleichterten, in Strömen von ihren Augen flossen, und ihr Schluchzen so krampfhaft schien, daß Rose fürchtete, ihr Herz werde brechen. Ihre Liebe und ihr Mitgefühl lehrte sie auch zugleich die mildeste Behandlung, welche Evelinens Zustand erlaubte. Ohne zu versuchen, den Strom ihres Schmerzes in seinem vollen Laufe aufzuhalten, setzte sie sich leise an die Seite der Trauernden, bemächtigte sich der einen Hand, welche bewegungslos ihr zur Seite hinabgesunken war, abwechselnd drückte sie sie an ihre Lippen, an ihren Busen, an ihre Stirn – jetzt bedeckten sie ihre Küsse, jetzt betauten sie ihre Tränen, und mitten unter diesen Zeichen der demütigst hingebungsvollen Teilnahme, wartete sie einen ruhigeren Augenblick ab, ihren kleinen Vorrat von Trost anzubieten. So schweigend und still saßen beide, daß das blasse Mondlicht, so wie es auf die beiden schönen Frauen fiel, mehr eine Gruppe von Bildhauerarbeit, das Werk eines ausgezeichneten Meisters zu beleuchten schien als Wesen, deren Augen noch weinten, und deren Herzen noch schlugen. Der glänzende Küraß des Flamländers, das schwarze Gewand des Paters Aldrovand, wie sie in einiger Entfernung auf den Steinen hingestreckt lagen, konnten dabei die Leichname derer darstellen, um welche die Hauptfiguren trauerten. Nach dem schweren Kampfe weniger Minuten schien es, daß der Gram Evelinens einen ruhigeren Charakter annahm; ihr krampfhaftes Schluchzen veränderte sich in lange, leisere, tiefere Seufzer, und der Strom ihrer Tränen, noch immer fließend, war milder und weniger heftig. Ihre freundliche Dienerin, diese milderen Zeichen benützend, suchte sanft den Speer aus ihrer Gebieterin Hand zu winden. »Laßt mich auf eine kleine Weile Schildwacht sein, meine süße Lady,« sagte sie. »Ich will gewiß lauter als Ihr aufschreien, wenn sich irgend eine Gefahr nähert!« – Sie wagte es, während sie sprach, ihre Wange zu küssen und ihre Arme um den Nacken Evelinens zu legen; aber eine stumme Liebkosung, welche nur ihr Gefühl der liebevollen Absicht des treuen Mädchens, ihrer Ruhe womöglich behilflich zu sein, aussprach, war ihre einzige Antwort. Sie blieben auf einige Minuten schweigend und in derselben Stellung – Eveline gleich einer hochaufstrebenden und schlanken Pappel – Rose, wie sie ihre Herrin mit ihren Armen umschlungen hielt, gleich der Waldweide, welche um sie her rankt.
Endlich fühlte Rose plötzlich ihre junge Gebieterin in ihren Armen zusammenschaudern, und dann, wie Evelinens Hand ihren eigenen Arm hart anfaßte, mit dem leisen Flüstern: »Hörst Du nichts?«
»Nein – nichts als das Geheul der Eule,« antwortete Rose zaghaft.
»Ich hörte ein entferntes Geräusch,« sagte Eveline – »ich glaube, ich hörte es – horch! es kommt wieder – Blick' über die Zinnen hinaus, Rose, während ich den Priester und Deinen Vater aufwecke.«
»Teuerste Lady,« sagte Rose, »ich wage das nicht – was kann das für ein Ton sein, den nur eines vernimmt? Euch täuscht das Rauschen des Flusses.«
»Ich möchte nicht unnötigerweise die Burg aufschrecken,« sagte Eveline innehaltend, »oder, weil ich mir etwas einbilde, den so nötigen Schlummer Eures Vaters unterbrechen. – Aber, horch! – horch! – ich höre es wieder – es unterscheidet sich deutlich von den Tönen des rauschenden Wassers – ein leise zitternder Ton, vermischt mit einem Klimpern, wie Schmiede auf ihrem Amboß arbeiten.«
Jetzt war Rose auf die Bank gesprungen, und ihre schönen Haarlocken zurückwerfend, hielt sie die Hand hinter das Ohr, um den entfernten Ton aufzufangen. – »Ich höre es,« rief sie, »und es nimmt zu – wecket sie auf, um Himmels willen – und das den Augenblick.«
Eveline berührte demnach mit dem umgekehrten Ende ihrer Lanze die Schläfer, und als diese heftig auf ihre Füße sprangen, flüsterte sie ihnen schnell, aber vorsichtig zu: »Zu den Waffen! die Walliser rücken an,«
»Was? – Wo?« sagte Wilkin Flammock – »wo sind sie?«
»Lauscht nur, und Ihr werdet sie sich waffnen hören,« erwiderte sie.
»Das Geräusch ist nur in Eurer Einbildung, Lady!« sagte der Flamländer, dessen Organe eben so schwerfällig wie seine Gestalt und seine Weise waren. »Ich wollte, ich hätte mich gar nicht zum Schlafen gelegt, wenn ich so früh aufgeweckt werden sollte.«
»Horcht doch – horcht nur auf, guter Flammock, das Waffengeklirr kommt von Nordosten her.«