»Die Walliser liegen nicht in jener Gegend, Lady,« sagte Wilkin, »und überdies tragen sie keine Rüstung.«
»Ich höre es – ich höre es,« sagte Pater Aldrovand, der schon eine Zeitlang gelauscht hatte. »Gelobt sei St. Benedikt! – Unsere Frau von Douloureuse ist gnädig ihren Knechten gewesen wie immer. – Es ist Getrappel von Pferden – es ist Geklirr von Waffen – die Ritterschaft der Marken kommt uns zu Hilfe! – Kyrie eleison!«
»Auch ich höre nun etwas,« sagte Flammock, »etwas wie das hohle Getöse der Nordsee, als sie in das Warenlager meines Nachbars Klinkermanns einbrach und seine Töpfe und Pfannen gegeneinander stieß. – Aber es wäre doch ein böser Mißgriff, Vater, wenn wir Feinde für Freunde hielten, – besser also, wir jagen die Leute auf.«
»St! mir hier von Pfannen und Kesseln reden! – War ich nicht Leibknappe des Grafen Stephan Maleverer zwanzig Jahre lang, und kenne nicht das Getrampel von Streitrossen oder das Rasseln eines Panzers? – aber ruft die Leute auf die Mauer auf jeden Fall und laßt mich die besten vom Hofe zusammenziehen – wir können sie unterstützen durch einen Ausfall.«
»Mit meinem Willen läßt sich das nicht so rasch tun,« murmelte der Flamländer, »aber zum Wall, wenn Ihr wollt, je eher je lieber. Haltet nur Eure Normänner und Englischen zum Schweigen an, Herr Geistlicher; ihre ungezähmte und lärmende Freude könnte das wälsche Lager aufwecken und sie auf ihre unwillkommenen Gäste vorbereiten.« Der Mönch legte die Finger an die Lippen zum Zeichen seiner Uebereinstimmung, und sie gingen in verschiedenen Richtungen davon, die Verteidigung des Schlosses aufzuwecken, die man sehr bald von allen Seiten hinziehen hörte, in einer ganz andern Stimmung, als sie dieselben am vergangenen Abend verlassen hatten. Da die äußerste Vorsicht angewandt war, Lärm zu verhüten, so wurden die Wälle ganz schweigend besetzt, und die Besatzung harrte in atemloser Erwartung auf den Ausgang, da die Truppen jetzt schnell sich zu ihrem Beistand näherten.
Die Bedeutung der Töne, welche jetzt laut das Schweigen der still schwängern Nacht verscheuchten, konnte nicht länger mißverstanden werden. Sie waren sehr zu unterscheiden von dem Rauschen eines mächtigen Stromes oder von dem Gemurmel eines entfernten Donners, durch die scharfen und gellenden Töne, welche das Rasseln von den Rüstungen der Reiter, vermischt mit dem tiefen Baß der schnellen Roßtritte, hervorbrachte. Aus der langen Fortsetzung dieser Töne, ihrem lauten Schalle und der Ausdehnung ihres Landstriches, von welchem sie zu kommen schienen, wurden alle im Schlosse zu ihrer Zufriedenheit überzeugt, daß die herannahende Hilfe aus mehreren sehr starken Scharen zu Pferde bestehe. Plötzlich hörte der gewaltige Schall auf, als ob der Boden, auf welchem sie dahintrabten, die Geschwader verschlungen hätte, oder unfähig geworden wäre, das Stampfen der Rosse zu widerhallen. Die Verteidiger von Garde Doulourense schlossen also, daß ihre Freunde einen plötzlichen Halt gemacht hätten, etwa ihren Pferden Zeit zum Verschnaufen zu geben, das Lager ihrer Feinde auszukundschaften, und die Weise des Angriffs zu ordnen. Doch dauerte die Pause nur einen Augenblick.
Die Briten, so schnell und behende, den Feind zu überfallen, befanden sich doch vielfältig selbst in der Lage, überfallen zu werden. Ihre Leute standen nicht unter strenger Zucht und waren oft sehr nachlässig in der Geduld fordernden Pflicht der Schildwachen: überdies hatten ihre Fouragiere und Streifpartien, welche den Tag zuvor die Gegend durchschwärmt hatten, dem Hauptkorps solche Nachrichten gebracht, welche sie in eine unglückliche Sicherheit einschläferten. Ihr Lager war daher sehr nachlässig bewacht, und sie hatten ganz und gar die militärische Pflicht verabsäumt, Patrouillen und Vorposten in angemessener Entfernung vom Hauptkorps anzuordnen. So hatte sich die Reiterei der Lords von den Marken, ungeachtet des Geräusches bei ihrem Vorrücken, sehr nahe dem britischen Lager genähert, ohne den geringsten Alarm zu erwecken. Aber während sie ihre Macht in abgesonderten Kolonnen verteilten, um den Angriff zu beginnen, verkündigte ein lautes und immer näher kommendes Getöse unter den Wallisern, daß sie endlich ihrer Gefahr inne geworden waren. Das gellende, mißtönende Geschrei, womit sie ihre Leute zusammen riefen, jeden unter das Banner seines Hauptes, hallte aus ihrem Lager wider. Aber dieses Rufen sich zu sammeln, verwandelte sich bald in wildes Geheul des Schreckens und des Verderbens, als der donnernde Angriff der gepanzerten Rosse und der schwer bewaffneten Reiterei der Anglo-Normannen ihr unverteidigtes Lager überfiel.
Aber selbst unter so ungünstigen Umständen gaben die Abkömmlinge der alten Britonen ihre Verteidigung nicht auf oder entsagten nicht ihrem alten erblichen Vorrechte, die Tapfersten unter den Sterblichen genannt zu werden. Ihr Geschrei beim Herausfordern und beim Widerstande übertönte das Aechzen der Verwundeten, den Jubelruf der stürmischen Sieger und den allgemeinen Tumult der nächtlichen Schlacht. Erst als der Morgen anbrach, ward die Niederlage und die Zerstreuung der Macht Gwenwyns vollendet, und die »erschütternde Stimme des Sieges« erhob sich in ungestörter, ungemischter Kraft des Jubels.
Jetzt schauten die Belagerten, wenn sie noch so genannt werden konnten, von den Türmen über die ausgebreitete Landschaft unter sich, aber sie wurden nur ein weit ausgedehntes Schauspiel von eiliger Flucht und unermüdeter Verteidigung gewahr. Daß den Wallisern gestattet worden war, sich in eingebildeter Sicherheit auf dem diesseitigen Ufer des Flusses zu lagern, machte jetzt ihre Niederlage um desto schrecklicher. Der einzige Uebergang, über welchen sie auf die andere Seite kommen konnten, war bald vollgepfropft von Flüchtlingen, in deren Rücken die Schwerter der siegreichen Normannen wüteten. Viele warfen sich in den Fluß in der ungewissen Hoffnung, das andere Ufer zu erreichen, kamen aber, einige wenige ausgenommen, die ungewöhnlich stark, gewandt und tätig waren, im Strudel und an den Felsen um; andere glücklichere entkamen durch geheime und versteckte Furchen; viele, einzeln versprengt oder in kleinen Haufen, flohen in besinnungsloser Verzweiflung auf die Burg zu, als ob die Feste, welche sie zurückschlug, da sie noch Sieger waren, ihnen in ihrem jetzigen verlorenen Zustande ein Zufluchtsort sein konnte; während andere wild auf der Ebene hin und her schwenkten, um nur der unmittelbaren augenblicklichen Gefahr zu entgehen, ohne zu wissen, wohin sie sollten. Die Normannen indessen, verteilt in kleine Haufen, verfolgten und erschlugen sie nach Lust, während, als zu einem Sammelplatze für die Sieger der Banner von Hugo de Lacy von dem kleinen Hügel wehte, auf welchem kurz zuvor Gwenwyn das seinige gepflanzt hatte, umgeben von einer zulänglichen Bedeckung zu Fuß und zu Pferde, welcher der erfahrene Baron auf keine Weise gestattet hatte, sich weit davon zu entfernen.
Die übrigen, wie wir schon gesagt haben, verfolgten ihre Jagd mit dem Rufe des Jubels und der Rache, und die Zinnen hallten das Kriegsgeschrei wider: »Ha! St, Eduard – Ha! St. Dennis! – Schlagt! – Tötet! – Kein Pardon den wälschen Wölfen! – Denkt an Raymond Berenger!«
Die Krieger auf den Mauern stimmten diesen rachvollen und siegreichen Ausrufen bei und schossen viele Bündel von Pfeilen auf jeden Flüchtling, der in seiner äußersten Not zu nahe der Burg kam. Gerne hätten sie einen Ausfall getan, um tätigen Anteil an dieser vernichtenden Arbeit zu nehmen, aber da nun die Verbindung mit dem Heere des Connetable von Chester offen war, so betrachtete Wilkin Flammock sich und die Besatzung unter den Befehl des berühmten Feldherrn gestellt, und wollte durchaus nicht auf die dringenden Vorstellungen des Paters Aldrovand hören, welcher so gern, trotz seiner priesterlichen Würde, selbst die Anführung des Ausfalls, den er in Vorschlag brachte, übernommen hätte.
Endlich schien das Schauspiel des Mordens geschlossen zu sein, – zum Rückzuge wurde von vielen Hörnern geblasen, und Ritter hielten auf der Ebene, ihr persönliches Geleite um sich zu sammeln, sie unter ihrem eigenen Fähnlein zu mustern, und sie dann langsam zu dem großen Banner ihres Feldherrn zu führen, um welches sich wieder das Hauptkorps versammelte, wie die Wolken sich lagern um die Abendsonne, – ein phantastisches Gleichnis, welches sich jedoch weiter ausmalen ließe, in Hinsicht auf die langen Streifen eines düstern Lichtes, welche von diesen dunklen Scharen hinflossen, sowie die Strahlen von ihren glänzenden Harnischen abprallten.