Der Jüngling ward von dem Beichtiger und Flammock eingeführt, da die geistliche Würde des einen und das Amt, welches ihr verstorbener Vater dem andern anvertraut hatte, sie berechtigte, bei dieser Gelegenheit gegenwärtig zu sein. Sehr natürlich errötete Eveline, als sie zwei Schritt vortrat, den schönen jugendlichen Abgesandten zu empfangen; und ansteckend schien ihre Beschämtheit, denn auch bei Damian geschah es nicht ohne Verwirrung, bah er nach Gebrauch ihre Hand küßte, welche sie als Zeichen des Willkommens ihm entgegenstreckte. Es war notwendig, daß Eveline zuerst sprach.
»Wir kommen Euch so weit entgegen, als unsere Grenzen es erlauben,« sagte sie, »mit unserm Dank den Boten zu begrüßen, welcher uns die Kunde von unserer Rettung bringt. Wir sprechen, wenn wir uns nicht irren, zu dem edlen Damian von Lacy?«
»Zu den demütigsten unter Euren Dienern,« antwortete Damian, nur mit Mühe den höfischen Ton annehmend, den sein Auftrag und jetziges Amt erforderte, »der sich Euch nahet im Auftrag seines edlen Oheims, Hugo de Lacy, Connetable von Chester.«
»Wird unser edler Befreier nicht in Person mit seiner Gegenwart den armen Ort beehren, den er gerettet hat?«
»Mein edler Verwandter,« antwortete Damian, »ist jetzt Gottes Söldner und ist jetzt durch ein Gelübde verpflichtet, nicht unter ein Dach zu kommen, bevor er sich zum heiligen Lande einschifft. Durch meine Stimme wünscht er Euch Glück zur Niederlage Eurer wilden Feinde, und sendet Euch diese Zeichen, daß die Gefährten und Freunde Eures edlen Vaters seinen beklagenswerten Tod nicht viele Stunden ungerächt gelassen.« Mit diesen Worten zog er die goldenen Armbänder und den Endorchawy oder die Kette von goldenen Ringen hervor, welche den Rang des Walliser Fürsten bezeichnet hatte, und legte sie vor Evelinen hin.
»So ist Gwenwyn gefallen?« sagte Eveline und ein natürlicher Schauder kämpfte mit ihr mit dem Gefühl der befriedigten Rache, als sie bemerkte, daß diese Trophäen mit Blut bespritzt waren – »der Mörder meines Vaters ist nicht mehr!«
»Meines Verwandten Lanze durchbohrte den Briten, als er bemüht war, sein fliehendes Volk zu sammeln. – Er starb gräßlich unter der Waffe, welche mehr als eines Armes Länge durch seinen Körper gedrungen war, und wandte noch seine letzte Kraft Zu einem wütenden, aber wirksamen Streich mit seiner Keule an.«
»Der Himmel ist gerecht,« sagte Eveline, »mögen die Sünden dem Manne des Bluts vergeben sein, da er gefallen ist durch einen so blutigen Tod, – Eine Frage möchte ich Euch vorlegen, edler Herr! – Meines Vaters Gebeine –-« Sie hielt inne, unfähig, fortzufahren.
»Die nächste Stunde wird sie Eurer Verfügung anheimstellen, sehr verehrte Lady,« sagte der Squire in dem Tone des innigen Mitgefühls, welchen der Kummer einer so jungen und schönen Waise unwiderstehlich in ihm hervorrief – »Vorbereitungen, wie sie die Zeit erlaubt, wurden eben, als ich das Heer verließ, gemacht, das was sterblich ist von dem edlen Berenger, von dem Felde hierher zu bringen, wo wir ihn fanden, mitten auf einem Monument von Erschlagenen, welches sein eigenes Schwert sich errichtet hatte. Meines Verwandten Gelübde erlaubt ihm nicht, durch Euer Fallgatter zu gehen, aber mit Eurer Erlaubnis werde ich, wenn Ihr es vergönnt, seine Stelle bei dieser ehrenvollen Bestattung vertreten, wie ich von ihm dazu den Auftrag erhielt,«
»Mein tapferer und edler Vater,« sagte Eveline und bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten, »wird am besten durch den tapfern Squire betrauert werden.« Sie wollte fortfahren, aber die Stimme versagte ihr, und sie sah sich genötigt, sich plötzlich hinweg zu begeben, sowohl ihrem Schmerze freien Lauf zu gewähren, als auch für das Begräbnis soviel Feierlichkeiten anzuordnen, als die Umstände erlauben würden. Damian verbeugte sich vor der davonschreitenden Trauernden so demütig, als er es vor einer Gottheit getan haben würde; nun bestieg er sein Pferd und kehrte zu seines Oheims Heer, welches auf dem Schlachtfelde schnell ein Lager aufgeschlagen hatte.
Die Sonne stand nun schon hoch, und die ganze Gefahr zeigte ein Getümmel, gleich verschieden von der Einsamkeit des frühen Morgens und dem Geheul und der Wut des darauffolgenden Gefechtes. Die Nachricht von Hugo de Lacys Sieg hatte sich allenthalben mit der Schnelligkeit des Triumphes verbreitet und hatte viele von den Bewohnern der Gegend, die vor der Wut des Wolfes von Plinlimmon geflohen waren, bewogen, zu ihren verwüsteten Wohnungen zurückzukehren. Auch eine Menge von den liederlichen Herumtreibern, welche in einem Lande, das öfter Kriegeswechsel unterworfen wird, gewöhnlich im Ueberfluß vorhanden sind, hatten sich hier gesammelt, teils Beute zu machen, teils ihre rastlose Neugierde zu befriedigen. Die Juden und die Lombarden, welche Gefahr nicht achteten, wo etwas zu gewinnen war, konnte man sehen, wie sie Getränke und Waren unter den siegreichen Kriegern mit den blutgefleckten goldenen Zieraten vertauschten, die noch kurz zuvor erschlagene Briten getragen hatten. Andere machten die Mäkler zwischen den wälschen Gefangenen und denen, welche sie gefangen genommen hatten, und wo sie auf die Mittel und die Ehrlichkeit der ersten sich verlassen konnten, sagten sie gut für sie oder schossen ihnen die zu ihrer Auslösung nötigen Summen in barem Gelde vor; während ein noch größerer Teil dieser Klasse von Menschen, selbst Käufer solcher Gefangenen wurden, die sich nicht gleich imstande sahen, sich mit ihren Siegern abzufinden.
Damit ein so erworbenes Geld den Krieger nicht lange beschwerte und ihm den Mut zu ferneren Unternehmungen lähmte, waren die gewöhnlichen Mittel zur Verschwendung des im Kriege Erbeuteten auch zugleich zur Hand. Leichtfertige Dirnen, Gaukler, Taschenspieler, Minstrels, Volkssänger jeder Gattung, hatten den nächtlichen Zug begleitet, und auf den kriegerischen Ruf des weltberühmten de Lacy sich verlassend, waren sie ohne Furcht in einer kleinen Entfernung zurückgeblieben, bis die Schlacht gefochten und gewonnen war. Diese nahten sich jetzt in verschiedenen fröhlichen Gruppen, den Siegern Glück zu wünschen. Dicht an diesen Haufen, welche zum Tanze, zum Gesange, zur Erzählung auf dem noch immer blutigen Felde Anstalt machten, waren die Landleute zu der Absicht herbeigerufen, lange Gräben zu ziehen, um die Toten hineinzulegen. Aerzte sah man die Verwundeten verbinden – Mönche und Priester der Sterbenden Beichte hören – Soldaten die Körper der geehrteren Krieger unter den Erschlagenen davontragen – Landleute über ihre zerstampften Saaten und ihre ausgeplünderte Wohnung trauern – Witwen und Waisen unter den gemischten Leichnamen zweier Schlachten die Körper ihrer Männer und Väter suchen. – So mischte der Schmerz seine wildesten Töne mit denen des Jubels und Triumphes, und die Ebene von Garde Douloureuse lieferte ein wahres Bild von dem wechselvollen Labyrinth des menschlichen Lebens, wo Freude und Traurigkeit so wunderbar untereinander gemischt sind, und wo die Grenzen der Fröhlichkeit und des Vergnügens so oft die der Sorge und des Todes berühren.
Um die Mittagszeit schwieg mit einemmale alles dieses Geräusch, und die Aufmerksamkeit der Fröhlichen wie der Trauernden wurde durch den lauten und trauervollen Ton von sechs Trompeten festgehalten, welche, weitschallend, ihre durchbohrenden Tone in eine graue, melancholisch dahinsterbende Note vereinigend, allen verkündigten, die Leichenfeier des tapfern Raymond Berenger beginne nunmehr. Aus einem Zelte, welches eilig zur Aufnahme des Körpers errichtet worden war, schritten zwölf schwarze Mönche, die Bewohner eines benachbarten Klosters, paarweise hervor, angeführt von ihrem Abte, welcher ein großes Kreuz trug und die erhabenen Töne des katholischen misere me Domine! donnernd erschallen ließ. Dann erschien eine auserwählte Schar Bewaffneter, ihre Lanzen mit zur Erde gekehrter Spitze nach sich schleppend; ihnen folgte die Leiche des tapfern Berenger, gewickelt in sein eigenes ritterliches Banner, welches, aus der Hand der Wälschen wiedergewonnen, nun dem edlen Eigentümer statt des Leichentuches diente. Die tapfersten Ritter aus dem Haushalt des Connetable (denn gleich andern Großen vom Adel in dieser Periode hatte er diesen auf einen Fuß eingerichtet, der dem königlichen sich näherte) schritten als Leidtragende oder als Stützen der Leiche, welche auf Lanzen getragen wurde, einher; und der Connetable selbst, allein und in völliger Rüstung das Haupt ausgenommen, folgte als Hauptleidtragender. Eine auserwählte Schar von Schildknappen, Reisigen und Pagen edler Abkunft machte den Schluß der Prozession; während die Trommeln und Trompeten von Zeit zu Zeit den melancholischen Gesang der Mönche mit ebensolchen Trauerklängen wiederholten.