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Der Freude Flug war gehemmt; aber auch die Sorge wandte sich für einen Augenblick von dem eigenen Schmerze ab, die letzten Ehrbezeigungen zu beschauen, die dem erwiesen würden, welcher während seines Lebens der Vater und Beschützer seiner Untergebenen war.

Die traurige Prozession zog sich langsam durch die Ebene, welche in wenigen Stunden der Schauplatz so ganz verschiedener Ereignisse war; nun hielt sie still vor dem äußern Tore der Barriere und lud durch einen langgedehnten feierlichen Trompetenstoß die Festung ein, die Ueberbleibsel ihres tapfern Verteidigers aufzunehmen. Die Aufforderung wurde von des Turmwächters Horn beantwortet – die Zugbrücke sank – das Fallgitter stieg – und Pater Aldrovand erschien in der Mitte des Einganges, angetan mit seinem priesterlichen Gewande, und wenige Schritt hinter ihm stand das verwaiste Fräulein, in solchen Trauerkleidern, als die kurze Zeit es zuließ, unterstützt von ihrer Dienerin Rosa, und umgeben von dem weiblichen Teil ihres Haushalts. Der Connetable von Chester machte Halt auf der Schwelle des äußern Tores, und auf das Kreuz von weißem Zeuge auf seiner linken Schulter zeigend, verneigte er sich tief und übergab seinem Neffen Damian den Auftrag, die Ueberbleibsel von Raymond Berenger zur Schloßkapelle zu begleiten. Die Krieger Hugo de Lacys, von welchen die meisten dasselbe Gelübde mit ihm getan hatten, hielten auch außerhalb des Burgtores und blieben unter den Waffen, während das Totengeläute der Schloßglocke das innere Fortschreiten des Zuges verkündigte.

Er wand sich durch die engen Eingänge, welche kunstgemäß angelegt waren, das Fortschreiten des Feindes, dem es gelungen sein sollte, das Außentor zu erstürmen, zu unterbrechen – und gelangte endlich in den großen Schloßhof, wo die meisten von den Bewohnern der Festung und die, welche unter den letzten Umständen ihre Zuflucht hierher genommen, sich aufgestellt hatten, um zum letzten Male ihren dahingeschiedenen Herrn zu sehen. Unter diese hatten sich auch viele von dem bunten Haufen draußen gemischt, welche Neugierde oder die Hoffnung einer Austeilung zum Schloßtor geführt hatte, und welche durch eine oder die andere Vorstellung von der Wache die Erlaubnis erhalten hatten, ins Innere hineinzugehen.

Die Leiche wurde vor der Tür der Kapelle, deren alter gotischer Giebel die eine Seite des Schloßhofes bildete, niedergesetzt, so lange gewisse Gebete von den Priestern hergesagt wurden, von denen man voraussetzte, daß die Menge umher mit geziemender Ehrerbietung einstimmte.

In diesem Zwischenraume geschah es, daß ein Mann, dessen Spitzbart, gestickter Gürtel und hoher grauer Filzhut ihm das Aussehen eines lombardischen Kaufmannes gaben, sich an Margery, die Amme Evelinens, wandte und ihr in einer fremden Aussprache zuflüsterte: »Ich bin ein reisender Kaufmann, gute Schwester, ich bin hierher gekommen, einen guten Handel zu machen – könnt Ihr mir nicht sagen, wo ich hier im Schlosse einen guten Kunden finde?«

»Ihr seid zu einer schlechten Zeit gekommen, Herr Fremder – Ihr könnt es ja selbst sehen, daß hier ein Ort zum Trauern und nicht zum Handeln ist.«

»Doch haben Trauerzeiten ihren eigenen Handel,« sagte der Fremde, sich noch näher an Margery andrängend und seine Stimme zu einem noch vertraulicheren Ton hinabstimmend: »ich habe schwarze Schleier aus persischer Seide – schwarze Korallen, womit eine Prinzessin einen verstorbenen Monarchen betrauern könnte – Trauerflor, wie er noch selten aus dem Morgenlande herkam – schwarzes Zeug aus Trauertapeten – alles, was Kummer, was Verehrung ausdrückte in Mode und Anzug – und ich weiß denen dankbar zu sein, die mir zu Kunden verhelfen, – Kommt, besinnt Euch, gute Dame – solche Dinge muß man ja haben. – Ich verkaufe gute Ware und so wohlfeil, wie ein andrer – und ein Mieder für Euch selbst oder, wenn's Euch lieber ist, ein Beutelchen mit fünf Florin soll der Lohn für Eure Gefälligkeit sein.«

»Ich bitte Euch, laßt mich zufrieden, Freund,« sagte Margery, »und wählt eine bessere Zeit, Eure Waren anzupreisen – Ihr überseht hier Ort und Zeit, und hört Ihr nicht auf. Euch aufzudringen, so muß ich mit denen reden, die Euch zeigen werden, wie es draußen vor dem Tore aussieht. Ich wundere mich, daß die Wächter an einem solchen Tage Hausierer einlassen. Sie würden noch an dem Sterbebette ihrer Mutter Handel treiben, glaube ich.« – Mit diesen Worten wandte sie sich verächtlich von ihm.

Während der Kaufmann so auf der einen Seite zornig abgewiesen war, fühlte er auf der andern, daß an seinem Rocke einmal über das andere Mal gezupft wurde, und als er auf dieses Zeichen sich umsah, ward er eine Frau gewahr, deren schwarzes Schleiertuch so künstlich geordnet war, einen Schein von feierlichem Ernst, leichtfertigen, lachenden Gesichtszügen zu geben, die in jüngern Jahren sehr einnehmend gewesen sein mußten, da sie noch, seitdem wenigstens vierzig Jahre über sie weggezogen sein mochten, noch manchen Reiz besaßen. Sie gab dem Kaufmanne einen Wink und berührte zugleich ihre Lippe mit dem Zeigefinger, ihm Stillschweigen und Geheimnis anzudeuten; dann schlüpfte sie aus dem großen Haufen, zog sich in einen kleinen Winkel zurück, den ein vorspringender Strebepfeiler der Kapelle bildete, gleichsam das Gedränge zu vermeiden, welches zu erwarten war, wenn die Bahre wieder aufgehoben wurde. Der Kaufmann verfehlte nicht, ihrem Beispiel zu folgen, und war bald an ihrer Seite, wo sie ihm nicht weiter Mühe machte, ihr sein Anliegen zu eröffnen, sondern die Unterredung selbst begann. »Ich habe gehört, was Ihr der Dame Margery gesagt habt – die manierliche Margery, wie ich sie nenne – wenigstens so viel gehört, daß ich das übrige erraten kann; denn ich habe ein Auge im Kopfe – dafür sage ich Euch gut.«

»Sogar ihrer zwei, meine schöne Frau, und so glänzend wie die Tautropfen eines Maimorgens.« »Ach! Ihr sagt das, weil ich geweint habe,« sagte die scharlachbestrumpfte Gillian, denn sie war die Redende. »Und ganz gewiß, ich habe auch gute Ursache dazu; denn unser Herr war immer ein sehr guter Herr, und er faßte mich zuweilen unter das Kinn und nannte mich die schelmische Gillian von Croydon – nicht, daß der gute Herr je unhöflich gewesen wäre, er warf mir wohl dabei ein paar Silberpfennige in die Hand – o, was habe ich für einen Freund verloren, und ich habe auch oft Aerger seinetwegen gehabt. Ich habe den alten Raoul sauer wie Essig gesehen, und zu keiner Stelle besser geschickt, als in den Hundestall auf den ganzen Tag; aber, wie ich es ihm auch sagte, es geziemte doch nicht, unsern Herrn und einen großen Baron anzufahren, bloß eines Griffs an das Kinn oder eines Kusses oder etwas dem Aehnlichen wegen.«

»Es ist kein Wunder, daß Ihr eines so freundlichen Herrn wegen traurig seid, Dame,« sagte der Kaufmann.

»Kein Wunder, in der Tat,« erwiderte die Dame mit einem Seufzer, »und dann, was soll nun aus uns werden? Es ist sehr wahrscheinlich, daß unsere junge Gebieterin zu ihrer Tante geht – oder sie heiratet einen von diesen Lacys, wovon sie so viel reden – oder auf jeden Fall, sie wird das Schloß verlassen. Dann ist es sehr wahrscheinlich, daß der alte Raoul und ich mit des Lords alten Pferden auf die Weide gehen können. – Der Herr weiß es, sie mögen meinetwegen den Raoul mit den alten Hunden aufhängen, denn er ist weder zum Laufen mehr, noch zum Greifen zu gebrauchen, kurz, er taugt nichts mehr auf der Erde, so viel ich weiß.«

»Eure junge Herrin ist die Lady da im Trauermantel,« sagte der Kaufmann, »welche soeben beinahe auf den Leichnam hingesunken war?«