»Alles ist vorbei, Mathilde. Ich werde den Mut, mit meinem Vater zu reden, nie finden. Ja, ich fürchte, er hat schon auf anderm Weg mein Geheimnis erfahren. Ich käme also mit meiner Mitteilung zu spät, wenigstens würde ihr der Reiz der Unbefangenheit fehlen; kurz, ich sehe alle Hoffnungen schwinden, auf die ich gebaut hatte. Gestern nacht kam Brown wie gewöhnlich, und seine Flöte kündigte seine Nähe. Wir hatten verabredet, daß er sich durch dieses Zeichen kenntlich mache. Die herrlichen Seen unserer Gegend locken viele Wanderer zu allen Stunden herbei; wir hofften also, Brown werde, wenn ihn jemand aus dem Hause bemerken sollte, für einen solchen Naturschwärmer gehalten werden; auch konnte Flötenspiel meinen Aufenthalt auf dem Erker entschuldigen. Gestern nacht aber, als ich mich lebhaft mit dem Gedanken, meinem Vater alles zu gestehen, befaßte und Brown eben so lebhaft dagegen sprach, wurde das Fenster in Mervyns Bücherzimmer, das gerade unter meiner Wohnstube ist, leise geöffnet. Ich gab Brown ein Zeichen, sich zu entfernen, und trat schnell vom Erker, noch von der Hoffnung erfüllt, unbemerkt geblieben zu sein.
Sie schwand aber in dem Augenblicke, als ich Herrn Mervyn beim Frühstücke ansah. Sein Blick schien mir zu sagen, er wisse alles, ja mir kam es vor, als wollte er mich geradezu herausfordern, daß ich recht böse hätte werden können, wenn ich es hätte wagen dürfen. Aber ich muß schon höflich und artig bleiben. Meine Spaziergänge beschränken sich nun auf den Umkreis des Guts, wohin mich der gute Herr Mervyn ohne Scheu und ohne Störung gehen lassen darf. Zweimal habe ich ihn wohl bei dem Versuche ertappt, in meinen Gedanken und auf meinem Gesichte zu lesen. Er hat schon mehr als einmal von der Flöte gesprochen, hat die Wachsamkeit und Wildheit seiner Hunde gerühmt und vor der Gewissenhaftigkeit seines Wildhüters gewarnt, der nie anders als mit geladener Flinte die Runde mache. Auch ließ er Andeutungen auf Fußangeln und Selbstschüsse fallen. Es sollte mir wehe tun, meines Vaters alten Freund in seinem Hause zu kränken; aber zeigen möchte ich ihm doch, daß ich meines Vaters Tochter bin, und daß Herrn Mervyn in dieser Hinsicht keine Zweifel bleiben sollen, wenn ich mich zu einer Antwort auf diese Winke hinreißen ließe, weiß ich jetzt bestimmt. Wofür ich ihm aber herzlich dankbar bin: er hat seiner Frau nichts gesagt! Lieber Himmel, was für Vorlesungen hätte ich sonst hören müssen über die Fährlichkeiten der Liebe und der Abendluft auf dem See, über die Möglichkeit, durch Glücksjäger in leibliche und seelische Not zu geraten, über Erkältungsgefahr einerseits und verschlossene Fenster anderseits. – Du siehst, Mathilde, Scherz und Posse kann ich nicht lassen, so weh mir ums Herz ist. Was Brown anfangen wird, weiß ich nicht. Die Furcht vor der Entdeckung wird ihn wohl abhalten, seine nächtlichen Besuche fortzusetzen. Er wohnt in einem Wirtshause am jenseitigen Ufer des Sees, unter dem Namen Dawson – er ist recht unglücklich in der Namenwahl, das läßt sich nicht in Abrede stellen. Er dient, glaube ich, nicht mehr im Heere, spricht aber nichts davon, wie er sein Leben zu gestalten denkt.
Die plötzliche Rückkehr meines Vaters hat meine Besorgnis erhöht. Er schien sehr verdrießlich zu sein. Unsere Wirtin rechnete erst in acht Tagen auf seinen Besuch, wie ich aus einer lebhaften Erörterung zwischen ihr und der Haushälterin erraten habe; aber seinen Freund Mervyn scheint sein Besuch nicht überrascht zu haben. Sein Benehmen gegen mich war so auffallend kalt und gezwungen, daß ich allen Mut verloren habe, mich ihm zu offenbaren und seiner Großmut anzuvertrauen. Seine Mißlaune soll, wie er sagt, daher rühren, daß ihm ein Gut im südwestlichen Schottland, an dem durch Zusammentreffen verschiedener Umstände sein Herz hing, verloren gegangen; aber ich glaube nicht, daß ihn solche Kleinigkeit so aus der Ruhe hat bringen können. Bald nach der Ankunft machte er in Mervyns Kahn eine Fahrt über den See, zu dem Wirtshaus hin, von dem ich Dir geschrieben. Du kannst Dir denken, mit welcher Angst ich seine Rückkehr erwartete. Wer könnte die Folgen ahnen, wenn er Brown wiedergesehen hätte! Er kehrte aber zurück, ohne etwas entdeckt zu haben. Er will nun, wie ich höre, eine Wohnung mieten, dem Anscheine nach in der Nachbarschaft von jenem Ellangowan, wovon ich mir so viel sagen lassen muß, denn er vermutet, daß das Gut, das er zu besitzen wünscht, bald wieder unter den Hammer kommen werde. Ich will diesen Brief erst absenden, wenn ich über seine Absichten genau unterrichtet bin.
Ich habe eine Unterredung mit meinem Vater gehabt, so vertraulich, wie es ihm, scheint es mir, genehm ist. Ich mußte heute nach dem Frühstück mit ihm ins Bücherzimmer gehen. Die Kniee zitterten mir und, ohne zu übertreiben, liebe Mathilde, ich konnte ihm kaum folgen. Ich hatte vor etwas Furcht – wußte aber und weiß auch jetzt nicht, wovor. Seit meiner Kindheit bin ich gewohnt, alles vor seinem Blicke beben zu sehen. Ich mußte mich setzen und habe so schnell wohl noch keinem Befehle gehorcht. Kaum daß ich mich aufrecht halten konnte. Er ging auf und ab im Zimmer. Du hast meinen Vater gesehen, und auch Dir ist, wie ich mich erinnere, der kräftige Ausdruck seiner Züge aufgefallen. Wenn er ergriffen oder unwillig ist, wird sein sonst mattfarbiges Auge dunkler und fängt an zu strahlen; er hat die Gewohnheit, bei heftiger Erschütterung die Lippen einzuziehen, was mir als Zeichen des Kampfes erscheint zwischen der angeborenen Heftigkeit seines Gemüts und der durch Gewohnheit erworbenen Selbstbeherrschung. Ich war zum erstenmal seit seiner Rückkehr aus Schottland mit ihm allein, und als ich jene Merkmale seiner Gemütsbewegung entdeckte, war es mir nicht zweifelhaft, daß er im Begriffe stand, von dem Gegenstande zu sprechen, den ich am meisten fürchtete.
Mir wurde es unbeschreiblich leicht ums Herz, als ich sah, daß ich mich darin geirrt hatte, und daß er, was er auch von Mervyns Argwohn oder Wahrnehmungen wissen mochte, gar nicht die Absicht hatte, über diese Sache mit mir zu sprechen, wiewohl er, wenn er die Gerüchte, die ihm vielleicht Zu Ohren gekommen, untersucht hätte, viel Schlimmeres als sein Argwohn vermutet, erfahren haben möchte. Bei meiner Schüchternheit wurde es mir wirklich unaussprechlich leicht, nichtsdestoweniger fand ich den Mut nicht, die Unterhaltung zu beginnen, sondern erwartete schweigend seine Befehle.
»Julie,« hob er endlich an, »mein Geschäftsführer in Schottland schreibt mir, er habe eine schickliche Wohnung für uns gemietet, die alle Bequemlichkeiten in sich vereine. Sie liegt nur etwa eine Stunde von dem Gute, das ich kaufen wollte.«
Er schwieg und schien Antwort von mir zu erwarten, »Jede neue Wohnung, die Ihnen gefällt,« sagte ich, »muß mir ja recht sein, Vater.« »Hm! aber es will mir nicht gefallen, Julie, daß Du während des Winters allein dort wohnen sollst.«
»Nun, Herr und Frau Mervyn, dachte ich, werden ja da sein, sagte aber nach einer Pause wieder: Jede Gesellschaft, die Ihnen angenehm ist –
»O, fast zu viel von bedingungsloser Unterwürfigkeit!« fiel er ein, »Eine herrliche Tugend ... ohne Frage – aber Deine ewige Wiederholung solcher gehorsamen Reden erinnert mich an die endlosen Selams [Morgenländische Begrüßungen] unserer schwarzen Diener in Indien, Mit einem Worte, ich weiß, daß Du Gesellschaft liebst, und habe die Absicht, ein junges Mädchen, die Tochter eines verstorbenen Freundes, auf einige Monate zu uns zu nehmen.«
»Aber um Himmels willen, Vater, doch keine Hofmeisterin?« rief ich Unglückliche, durch meine Besorgnisse ganz aus der Fassung gebracht.
»Keine Hofmeisterin, Julie,« antwortete mein Vater, ziemlich finster, »aber ein junges Mädchen, in der Schule des Unglücks aufgewachsen, das Du Dir, meine ich, in ein paar Dingen zum Vorbild wirst nehmen können. –