»Gewiß,« sagte das Mädchen errötend, »es kann nicht wider jungfräuliche Zucht sein, daß ich den edlen Connetable sehe, sobald es ihm Vergnügen macht.«
»Aber sein Gelübde,« erwiderte Damian, »verpflichtet meinen Verwandten, unter kein Dach zu treten, bis er nach Palästina unter Segel gegangen ist. Um mit ihm zusammenzukommen, müßt Ihr so gnädig sein, ihn in seinem Pavillon zu besuchen – eine Herablassung, die er als Ritter und normannischer Edler kaum von einem Fräulein so hohen Ranges begehren kann.«
»Und ist das alles?« sagte Eveline, die, in einem etwas entfernten Orte erzogen, nicht mit der Etikette bekannt war, die die Edelfräulein jener Zeit in Rücksicht auf das andere Geschlecht beobachteten. »Soll ich,« sagte sie, »meinen Dank nicht meinem Befreier zubringen dürfen, da er nicht herkommen kann, ihn entgegenzunehmen? Sagt dem edlen Hugo de Lacy, daß meine Dankbarkeit neben dem Segen des Himmels ihm und seinen braven Kriegsgefährten gebührt. Ich will zu seinem Zelt kommen wie zu einer Heiligenkapelle, ja, sollte ihm solche Huldigung gefallen, barfuß, und wäre der Weg bestreut mit Kieseln und Dornen.«
»Meinen Oheim wird Euer Entschluß ehren und freuen,« sagte Damian, »aber er wird darauf bedacht sein, Euch alle unnötige Bemühung zu ersparen. In dieser Absicht soll sogleich ein Pavillon vor Eurem Schloßtor errichtet werden, der, sofern Ihr ihn mit Eurer Gegenwart beehren wollt, als Ort für die erwünschte Zusammenkunft gelten wird.«
Eveline ging bereitwillig auf alles ein, was der Connetable als annehmbares Auskunftsmittel vorgeschlagen und durch Damian ausrichten ließ. Aber in der Einfachheit ihres Gemütes sah sie keinen Grund, warum sie nicht unter dem Schutze des letztern augenblicklich, und ohne weitere Umstände, die kleine, wohlbekannte Ebene überschreiten sollte, wo sie als Kind Schmetterlinge jagte und Feldblumen pflückte, und wo sie noch vor kurzem gewohnt war, ihren Zelter zu tummeln; denn das war ja der einzige, noch dazu so kleine Raum, der sie von dem Lager des Connetables trennte.
Der junge Abgesandte, mit dessen Gegenwart sie schon vertraut geworden, zog sich nun zurück, seinen Verwandten und Herrn über den Erfolg seiner Mission zu unterrichten. Eveline empfand jetzt zum erstenmale Kummer und Sorge über ihr eigenes Geschick, seit Gwenwyns Niederlage und Tod es ihr erlaubten, ihre Gedanken dem Gram über den Verlust ihres edlen Vaters zu weihen. Aber jetzt, da dieser Kummer, wenn auch nicht völlig beruhigt, so doch durch das lange Sinnieren in Einsamkeit abgestumpft war – jetzt, da sie vor dem Helden erscheinen sollte, von dessen Ruhm sie so oft gehört, von dessen kräftigem Schutze sie eben erst wieder Beweis erhalten hatte, jetzt wandte sich ihr Geist unvermerkt auf die Natur und die Folgen dieser wichtigen Zusammenkunft. Sie hatte allerdings schon Hugo de Lacy auf dem großen Turnier zu Chester gesehen, wo sein Mut und seine Geschicklichkeit in aller Munde waren, und hatte die ihrer Schönheit erwiesene Huldigung, als er ihr den Preis überreichte, mit allem Frohsinn jugendlicher Eitelkeit entgegengenommen; aber von seiner Person und seiner Gestalt war ihr kein bestimmtes Bild geblieben, als daß er ein Mann von mittlerer Größe sei, eine ganz besonders reiche Rüstung getragen habe und dem Gesicht nach – soviel sie davon unter dem Schatten seines aufgeklappten Visiers sehen konnte – von dem gleichen Alter wie ihr Vater zu sein schien. Dieser Mann nun, dessen sie sich flüchtig erinnerte, war also das erwählte Werkzeug, das ihre Schutzherrin gebraucht hatte, sie von der Sklaverei zu erlösen und den Verlust ihres Vaters zu rächen, und sie war durch ihr Gelübde verpflichtet, ihn als den Gebieter über ihr Schicksal zu betrachten, wenn er es seiner für wert erachtete, das zu werden. Umsonst strengte sie ihr Gedächtnis an, sich seine Züge so weit zu vergegenwärtigen, daß sie sich ein ungefähres Urteil darüber bilden konnte, wie er sich ihr gegenüber benehmen und verhalten würde.
Der vornehme Baron selbst schien ihrer Zusammenkunft einen hohen Grad von Wichtigkeit beizulegen, nach den feierlichen Vorbereitungen zu schließen, die er dazu treffen ließ. Eveline dachte nicht anders, als daß er in Zeit von fünf Minuten zu Pferde vor dem Schloßtor halten, oder, wenn es der Anstand durchaus bedänge, daß ihre Unterredung in einem Zelte stattfände, daß dann ein Zelt aus seinem Lager ans Tor gebracht werde, was doch in zehn Minuten geschehen sein könnte. Aber der Connetable schien mehr Form und Feierlichkeit bei ihrer Zusammenkunft für geboten zu halten, denn Damian de Lacy hatte das Schloß kaum eine halbe Stunde verlassen, so waren schon nicht weniger als zwanzig Soldaten und kunstverständige Leute, unter der Leitung eines Unterherolds, dessen Waffenrock mit den Emblemen des Hauses de Lacy geschmückt war, an der Arbeit, vor dem Tore von Garde Doulourense einen jener prächtigen Pavillons zu errichten, die bei Turnieren und andern öffentlichen Feierlichkeiten üblich waren. Er war von purpurseidner Farbe, die Umhänge mit Gold gestickt, die Stricke aus demselben reichen Stoffe. Der Eingang wurde von sechs Lanzen gebildet, deren Schaft mit Silber belegt und deren Spitzen aus demselben kostbaren Metall bestanden; diese waren paarweise in den Boden gepflanzt und kreuzten sich in der Spitze, so daß sie eine Art von Bogengang bildeten, bedeckt mit einer Draperie von seegrüner Seide, was einen prächtigen Kontrast zu dem Purpur und Gold bildete.
Das Innere des Zeltes stand, nach der Meinung aller, die es besichtigten, seinem Aeußern an Pracht nicht nach. Orientalische Teppiche und Tapeten, von Gent und Brügge, schmückten Estrich und Wände, während der obere Teil des Pavillons von himmelblauer Seide das Firmament darstellte und reich mit Sonne, Mond und Sternen aus gediegenem Silber verziert war. Dieser berühmte Pavillon war für den weitgepriesenen Wilhelm von Ypern gebaut worden, der sich große Reichtümer als Söldner-Hauptmann des Königs Stephan erwarb und von ihm zum Grafen von Albemarle erhoben wurde. Aber nach einem jener furchtbaren Gefechte, deren so viele in dem Bürgerkriege zwischen Stephan von Blois und der Kaiserin Maude oder Mathilde vorfielen, hatte das Kriegsglück ihn in die Hände de Lacys gebracht. Nie erfuhr man, daß der Connetable davon Gebrauch gemacht hatte, denn Hugo de Lacy, obgleich reich und mächtig, trat bei den meisten Gelegenheiten sehr einfach und ohne Prunk auf, daher denen, die ihn kannten, sein gegenwärtiges Benehmen um so auffallender erscheinen mußte. – Um die Mittagszeit kam er auf einem edlen Roß vor das Tor der Burg, begleitet von einer kleinen Anzahl Diener, Pagen und Stallmeister in ihren reichsten Livreen; er hielt vor dem Pavillon und gab nun seinem Neffen den Auftrag, der Lady von Garde Douloureuse zu berichten, daß der demütigste ihrer Diener vor dem Tore auf die Ehre ihrer Gegenwart harrte.
Bei manchen Zuschauern herrschte die Meinung, ein Teil der Pracht und des Glanzes, die den Pavillon und das Gefolge zierten, hätte sich besser auf die Person des Connetables selbst verwenden lassen, da seine Kleidung schlicht, wenn nicht gar schlecht, und seine Figur an sich durchaus nicht so stattlich war, daß sie es entbehren konnte, durch Kleidung und Schmuck gehoben zu werden. Diese Meinung nahm noch mehr zu, als er vom Pferde stieg, da bis dahin seine meisterhafte Behandlung des edlen Rosses seiner Person und Gestalt eine Würde gab, die er gleich verlor, sowie er aus dem Sattel stieg. Kaum erreichte der berühmte Connetable die mittlere Größe, und seinen Gliedern, so stark gebaut und gedrungen sie waren, fehlte es an Anmut und Leichtigkeit der Bewegung. Seine Beine waren ein wenig auswärts gekrümmt, was ihm als Reiter wohl einen Vorteil gewährte, zu Fuß aber nichts weniger als gut stand. Er hinkte, wiewohl nur schwach, als Folge eines schlecht ausgeheilten Beinbruchs beim Sturz eines Pferdes, und auch das war seiner äußern Erscheinung nicht von Vorteil. Wenn auch seine breiten Schultern, seine nervigen Arme und seine ausgedehnte Brust sattsam für die Stärke, die er oft bewiesen, Zeugnis ablegten, so hatte doch auch die Stärke etwas Plumpes und Ungefälliges. Sprache und Gebärde verkündeten einen Mann, der selten gewohnt war, sich mit seinesgleichen, noch seltner mit höher gestellten Personen zu unterhalten; er war kurz, schroff, hart. Nach dem Urteile der Leute, die sich in des Connetable beständigem Umgang befanden, paarten sich in seinem feurigen Auge und auf seiner breiten Stirn Würde und Milde: aber wer ihn zum erstenmale sah, urteilte weniger günstig und wollte eher einen grimmen, leidenschaftlichen Ausdruck dort entdecken, wiewohl sich nicht in Abrede stellen ließ, daß sein Gesicht im großen und ganzen einen kühnen, kriegerischen Zug verriet. Er war wirklich nicht älter als fünfundvierzig Jahre; aber Mühseligkeiten im Kriege und Wind und Wetter schienen noch zehn Jahre zugelegt zu haben. Bei weitem am einfachsten gekleidet im ganzen Zuge, trug er nun einen kurzen, normännischen Mantel über seinem engen Kleide von Gemsleder, das, wenn es auch die Rüstung fast überall bedeckte, doch mancherlei schadhafte Stellen aufwies. Ein brauner Hut, auf dem er ein Rosmarinreis als Abzeichen seines Gelübdes trug, war seine Kopfbedeckung. Sein gutes Schwert und ein Dolch hingen an seinem Gürtel aus Seekalbsfell.