Ende des ersten Teiles.
Zweiter Teil
Dreizehntes Kapitel
Früh des andern Morgens verließ eine stattliche Gesellschaft, die aber durch die tiefe Trauer der Hauptpersonen einigermaßen trüb gefärbt war, die wohlverteidigte Burg von Garde Douloureuse, die vor kurzem der Schauplatz so merkwürdiger Ereignisse war.
Eben begann die Sonne den Tau aufzusaugen, der während der Nacht gefallen war, und den dünnen grauen Nebel zu zerstreuen, der noch um die Türme und Zinnen schwebte, als Wilkin Flammock, mit sechs Bogenschützen zur Seite zu Pferde und ebenso viel Lanzenknechten zu Fuß, durch das gotische Tor hervor, über die dröhnende Zugbrücke sprengte. Nach diesem Vortrabe kamen vier wohlberittene Diener vom Hausgesinde, und nach ihnen ebenso viele von den niedrigen Dienerinnen, alle in Trauer, Darauf ritt die junge Lady Eveline selbst vor, die den Mittelpunkt des kleinen Zuges einnahm, und ihre langen schwarzen Gewänder bildeten einen auffallenden Kontrast gegen die Farbe ihres milchweißen Zelters. Ihr zur Seite auf einem Spanier, einem Geschenk ihres Vaters, – der ihn, seiner Tochter eine Freude zu machen, zu hohem Preise gekauft hatte – saß Rose Flammock, mit all dem jugendlich-schüchternen Wesen, das ihr Benehmen auszeichnete, und all dem tiefen Gefühl und scharfen Urteil in ihrem Denken und Handeln. Frau Margery folgte mit dem Zuge, in welchem sich Pater Aldrovand befand, dessen Gesellschaft sie offen aussuchte, gab sie sich doch gern den Schein einer Frommen, und war doch ihr Ansehen in der Familie als Evelinens Amme groß genug, sie zu einer nicht unschicklichen Gesellschaft für den Kaplan zu machen, sofern ihre Gebieterin nicht für sich selbst ihre Aufwartung forderte. Dann folgte der alte Raoul, der Jäger, dessen Frau und ein paar andere Hausoffizianten Raymond Berengers. Der Haushofmeister mit seiner goldenen Kette, seinem samtnen Leibrock und weißen Stabe, führte den Nachtrab an, den ein kleinerer Trupp Armbrustschützen und vier Reisige beschlossen. Die Bedeckung und selbst der größte Teil des Gefolges waren nur Zur Ehrenbegleitung ihrer jungen Gebieterin auf eine kurze Strecke vom Schlosse bestimmt, bis sie mit dem Connetable von Chester zusammenträfen, der sich vorgenommen hatte, mit einem Gefolge von dreißig Lanzen Evelinen bis Gloucester, dem Orte ihrer Bestimmung, zu begleiten. Unter seinem Schutze war keine Gefahr zu fürchten, auch wenn nicht schon die harte Niederlage, die die Walliser kürzlich erlitten, an und für sich hingereicht hatte, jedem Versuch dieser feindlichen Bergbewohner, die Ruhe der Marken zu stören, auf lange Zeit vorzubeugen.
In Gemäßheit dieser Anordnung, die dem bewaffneten Teile von Evelinens Gefolge die Rückkehr zur Burg und zur Wiederherstellung der Ruhe im Gebiete derselben gestattete, hielt der Connetable bei der verhängnisvollen Brücke an der Spitze einer stattlichen Schar von auserwählten Reitern. Die beiden Züge machten, um sich gegenseitig zu begrüßen, Halt; da aber der Connetable bemerkte, daß Eveline ihren Schleier dichter zusammenzog, und sich hierbei des Verlustes erinnerte, den sie vor kurzem an dieser unglückseligen Stelle erlitten, bedünkte es ihm als richtiger, seinen Gruß auf eine bloße Verbeugung zu beschränken, die aber so tief ausfiel, daß die hohe Feder seines Helmes – denn er war in voller Rüstung – sich in die Mähne seines mutigen Rosses verirrte, Wilkin Flammock nahte jetzt der Lady mit der Frage, ob sie weitere Befehle für ihn hätte.
»Nein, guter Wilkin, außer mir, wie immer, treu und wachsam zu sein.«
»Die Eigenschaften eines guten Kettenhundes,« sagte Flammock, »roher Scharfblick und starke Hand statt eines Mauls voll starker Zähne: das ist alles, was ich noch dazu tun kann. – Ich werde mein Bestes versuchen. – Lebe wohl, mein Röschen! Du gehst unter Freunde – verlerne dort die Eigenschaften nicht, die Dich zu Hause als liebe Tochter erscheinen ließen. – Die Heiligen segnen Dich! – Lebe wohl!«
Der Haushofmeister folgte ihm zunächst, um Abschied zu nehmen; doch wäre er beinahe recht übel dabei gefahren, Raoul, von Natur störrisch und dabei von Reißen geplagt, war auf den Einfall gekommen, sich ein altes arabisches Pferd auszusuchen, einst zur Zucht gebraucht, jetzt mager und lahm, wie er selbst, aber boshaft wie der Satanas, Zwischen Roß und Reiter herrschte dauernd Zwiespalt, für dessen Verschärfung Raoul durch Flüche, Reißen am Gebiß und grimme Sporenstöße, Mahound aber – (dies war des Pferdes Name) – durch Bocken, Bäumen und allerhand andre Anstrengung, den Reiter abzusatteln, oder Hufschläge gegen jeden, der ihm in die Nähe kam, eifrig sorgte. Viele von der Dienerschaft meinten, daß Raoul sich das boshafte, querköpfige Tier immer, wenn er in Gesellschaft seines Ehegesponses reisen mußte, darum mitnahm, um sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, daß es einmal diesem beschert sein möchte, mit seinen Hufen in Berührung zu kommen. Und nun, als der Haushofmeister seinem Klepper die Sporen gab, um seiner jungen Lady die Hand zu küssen und sich bei ihr zu beurlauben, kam es den Anwesenden so vor, als ob Raoul Zaum und Sporen absichtlich so anwandte, daß Mahound in dem Augenblicke wild ausschlug und sein Huf mit des Haushofmeisters Schenkel so zusammentraf, daß er ihn wie ein trocknes Rohr zersplittert hätte, wären sie ein paar Zoll näher aneinander gewesen. Aber auch so, wie es war, trug der Haushofmeister einen bedeutenden Schaden davon, und wer von den Anwesenden das Grinsen auf Raouls Essiggesichte bemerkte, hatte keinen Zweifel, daß Mahound mit seinem Hufe ein verdächtiges Nicken, Winken und Lächeln rächen sollte, das zwischen dem goldstrotzenden Offizianten und der kokettierenden Kammerfrau nach dem Ausritt vom Schlosse gewechselt worden war.
Dieser Umstand verkürzte die peinliche Abschiedszeremonie zwischen Lady Evelinen und ihren Untergebenen und nahm zugleich ihrer Zusammenkunft mit dem Connetable, die eigentlich nichts anders war, als eine Flucht unter seinem Schuh, den allzu förmlichen Charakter.
Hugo de Lacy, nachdem er sechs seiner Reisigen als Vortrab vorausgeschickt hatte, verweilte so lange, bis er den Haushofmeister auf einer Sänfte gebettet sah, und folgte dann mit seinen übrigen Begleitern in militärischer Ordnung, ungefähr dreihundert Fuß entfernt, Evelinen und ihrem Gefolge, ängstlich besorgt, nicht den Eindruck zu wecken, als ob er sich ihrer Gesellschaft aufdrängen wollte, so lange sie im Gebete lag, wozu der Ort ihres Zusammentreffens sie begreiflicherweise anregen mußte, vielmehr geduldig wartend, bis ihr jugendlicher Sinn sie zu einer Ablenkung der trüben Gedanken, mit denen sie der Ort erfüllte, bestimmen werde.
Demgemäß näherte sich der Connetable nicht eher den Frauen, als bis der vorgerückte Morgen zu der Anzeige drängte, daß in der Nachbarschaft ein freundlicher Platz sich befände, wo er Vorbereitungen zum Ausgehen und zu Erfrischungen getroffen hätte. Sobald Lady Eveline einwilligte, von dieser Artigkeit Gebrauch zu machen, erschien auch schon der Platz in der Nähe einer alten Eiche, die ihre gewaltigen Zweige weithin ausdehnte, den Wanderer an den Baum zu Mamre erinnernd, unter der sich himmlische Wesen von dem frommen Patriarchen bewirten ließen, Ueber zwei weithervorragende Aeste war wie ein Baldachin eine Decke von rosafarbenem Taffet gezogen, die Strahlen der schon hochstehenden Morgensonne abzuhalten. Seidne Kissen, abwechselnd mit andern, die mit Jagdtier-Pelzen bedeckt waren, lagen auf dem Boden als Sitze ausgebreitet. Auf langen Tafeln hatte man ein Mahl hergerichtet, zu dem ein normannischer Koch das Aeußerste seiner Kunst aufgeboten hatte. Eine Quelle, die unfern unter einem breiten, mit Moos bedecktem Steine hervorsprudelte, erfrischte das Ohr mit ihrem Geriesel, die Zunge mit ihrem flüssigen Kristall, während sie gleichzeitig als Zisterne diente, die verschiedenen Flaschen Gascogner und Hippokras, damals ein notwendiges Erfordernis zu jedem Morgenimbiß, kühl zu halten.
Als Eveline mit Rose, dem Beichtiger und – in schicklichem Abstande – der treuen Amme bei diesem schattigen Mahle saßen, dieweil die Blätter von leichtem Hauche säuselten, das Wasser im Hintergrunde sprudelte, die Vögel ringsumher zwitscherten und gedämpftes Plaudern und Lachen die Nähe ihrer Begleitung kündeten, konnte sie nicht umhin, dem Connetable einige verbindliche Worte über die glückliche Wahl dieses Ruheplatzes zu sagen.