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»Ihr erweist mir zuviel Ehre,« erwiderte der Baron, »nicht ich, sondern mein Neffe hat den Platz ausgesucht; der Bursche hat eine Phantasie wie ein Minstrel. Dergleichen Dinge auszusinnen, fiele mir zu schwer.«

Rose blickte ihre Gebieterin an, als ob sie ihr in die innerste Seele dringen wollte' aber Eveline antwortete mit größter Unbefangenheit: »Und warum hat der edle Damian nicht auf uns gewartet, um dem Feste mit beizuwohnen, das er uns hergerichtet hat?«

»Er will lieber,« sagte der Baron, »mit ein paar leichten Reitern voraneilen. Denn wenn auch jetzt keine wälschen Buben in Bewegung sind, findet man doch die Grenzen selten frei von Räubern und losem Gesindel; für einen Trupp wie dem unsrigen ist freilich nichts zu fürchten, aber Ihr sollt auch durch die leiseste Spur von Gefahr nicht erschreckt werden.«

»Ich habe in der letzten Zeit freilich zu viel davon verspürt,« sagte Eveline und verfiel wieder in die melancholische Stimmung, von der sie die Neuheit der Szene auf einen Augenblick befreit hatte.

Unterdessen hatte der Connetable mit Hilfe seines Knappen Helm und Handschuhe abgelegt und saß im leichten Panzerhemd, das die Hände frei ließ, in der bei den Rittern unter dem Namen » matier« beliebten Samtmütze, die ihm bequemer saß als der schwere Helm, an der Tafel, Seine Unterhaltung, schlicht, gediegen und männlich, drehte sich um die Zustände im Lande, um die Maßregeln, die zur Verteidigung einer so unruhigen Grenze notwendig waren, und war für Evelinen, deren wärmster Wunsch es war, den Vasallen ihres Vaters wirksamen Schutz zu schaffen, von nicht geringem Interesse. Auch Lach seinerseits schien außerordentlich befriedigt; denn so jung auch Eveline noch war, so zeigte sie doch in Frage und Antwort hohen Verstand, scharfe Fassungskraft und gründliche Orientierung. Kurz, es bildete sich eine so freundliche Stimmung zwischen ihnen, daß der Connetable schließlich nicht anders meinte, als daß sein rechter Platz an Evelinens Seite sei, und wenngleich sie über seine Nachbarschaft eigentlich nicht erfreut war, sondern den jungen Neffen lieber gesehen hätte, doch auch nicht Willens, ihn abzuweisen. Er dagegen war wohl kein heißer Liebhaber, so sehr ihn auch die Schönheit und Liebenswürdigkeit der holden Waise fesselte, aber doch keineswegs unzufrieden damit, als Begleiter zu gelten, und ließ es sich durchaus nicht angelegen sein, die Gelegenheit, die ihm diese Reife bot, zur Weiterführung der Unterredung vom vorigen Tage zu benützen.

Um Mittag wurde wieder in einem kleinen Dorfe Halt gemacht, wo wiederum für alle Bequemlichkeit, namentlich für Evelinen, gesorgt war; aber zu ihrem erneuten Erstaunen blieb Damian auch hier unsichtbar. So interessant und belehrend auch die Unterhaltung des Connetable war, so darf es bei einem Mädchen in Evelinens Alter wohl kaum verwundern, wenn sie sich noch eine kleine Beigabe in der Person eines jüngeren, minder ernsthaften Begleiters wünschte. Und wenn Eveline sich an Damian Lacys bisher erwiesene Aufmerksamkeiten erinnerte, so mußte ihr freilich jetzt seine konsequente Abwesenheit recht auffallen. Doch konnte nur jemand, dem die vorhandene Gesellschaft nicht ganz behagte, vorübergehend auf den Gedanken kommen, daß sie sich nicht angenehm vermehren lassen solle. Sie lauschte geduldig der Schilderung, die ihr der Connetable vom Stammbaum eines edlen Ritters aus dem vornehmen Geschlecht der Herberte gab, auf deren Burg er das Nachtlager bestellt hatte – als einer vom Gefolge einen Botschafter der Lady von Baldringham meldete.

»Meines verehrten Vaters Tante,« sagte Eveline, indem sie sich erhob, zum Zeichen der Achtung vor Alter und Verwandtschaft, die die Sitten der damaligen Zeit forderten.

»Mir war es nicht bekannt,« sagte der Connetable, »daß mein edler Freund solche Verwandte hatte.«

»Sie ist die Schwester meiner Großmutter,« antwortete Eveline, »eine edle, sächsische Frau; aber ihr mißfiel die Verbindung mit einem normännischen Hause, und sie sah ihre Schwester nach der Hochzeit nie wieder.«

Sie brach ab, da der Bote, der ganz nach einem Haushofmeister eines vornehmen Herrn aussah, zu ihr herantrat und, ehrfurchtsvoll sein Knie beugend, einen Brief in ihre Hand legte, der vom Pater Aldrovand vorgelesen wurde und folgende Einladung, nicht in französischer, – damals der allgemeinen Schriftsprache unter Leute von Stande – sondern in der alten sächsischen Sprache, wenn auch mit manchen französischen Brocken durchsetzt, enthielt:

»Wenn die Großtochter Aalfreids von Baldringham noch so viel altsächsisches Blut in sich hat, um eine greise Verwandte gern bei sich zu sehen, die noch im Hause ihrer Altvordern wohnt und nach deren Sitten lebt, so wird sie hierdurch eingeladen, ihre Nachtruhe zu nehmen in der Wohnung – von Ermengarde von Baldringham.«

»Es wird Euch doch zweifelsohne gefällig sein, die angebotene Bewirtung abzuschlagen,« sagte der Connetable de Lach, »der edle Herbert erwartet uns und hat große Vorbereitungen gemacht.«

»Eure Gegenwart, Mylord,« sagte Eveline, »wird ihn über meine Abwesenheit mehr als zufrieden stellen. Es geziemt sich und schickt sich nicht anders, als daß ich meiner Tante entgegenkommen muß, da sie sich herabgelassen hat, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun.«

De Lachs Stirn umwölkte sich leicht, denn selten kam er in den Fall, daß etwas auch nur den Anschein eines Widerspruchs gegen seinen Willen hatte ... »Ich bitte zu überlegen, Lady Eveline,« sagte er, »daß Eurer Tante Haus wahrscheinlich ohne alle Verteidigung oder wenigstens recht unvollkommen bewacht ist. – Solltet Ihr wirklich nicht wünschen, daß ich meine schuldigen Dienste fortsetze?«

»Darüber, Mylord, kann nur meine Tante in ihrem eigenen Hause urteilen, und da sie, wie mich dünkt, es nicht für nötig erachtet hat, sich die Ehre von Eurer Herrlichkeit Gegenwart zu erbitten, so würde sich für mich nicht die Erlaubnis schicken, Euch mit meinem Schutze zu belästigen. – Ihr habt schon zu viel Plage meinetwegen gehabt.«

»Doch Eurer eigenen Sicherheit wegen, meine Dame!« sagte de Lach, der nicht gern sein Amt niederlegen wollte.

»Meiner Sicherheit, Mylord, kann in dem Hause meiner so nahen Verwandten keine Gefahr drohen. Die Maßregeln, die sie zu ihrer eigenen Sicherheit nimmt, werden zweifelsohne auch vollkommen hinreichend für die meinige sein.«

»Ich hoffe, daß sich das so finden möge,« sagte de Lach. »Ich will wenigstens zur Sicherheit eine Patrouille hinzutun, die während Eures Aufenthaltes daselbst rund um das Schloß herumgeht,« – Er hielt inne, um nach einer Weile, freilich mit einigem Stocken, seiner Hoffnung Ausdruck zu geben, daß Eveline bei dem Besuch einer Verwandten, deren Vorurteile gegen den normannischen Stamm allgemein bekannt wären, es für geraten ansehen werde, einigermaßen gegen die dort herrschenden Ansichten auf ihrer Hut zu sein.

Eveline antwortete mit Würde, daß die Tochter eines Raymond Berenger wohl kaum auf Meinungen achten werde, die sich gegen Nation und Abkunft solch trefflichen Ritters ablehnend verhalten sollten, – Mit dieser Versicherung mußte der Connetable sich genügen, da es ihm nicht gelingen wollte, eine andre Zu erlangen, die ihm selbst und seiner Bitte günstiger gewesen wäre. Er dachte auch daran, daß die Burg Herberts nur knappe zwei Stunden von der Wohnung der Lady von Baldringham gelegen, und daß der Altersunterschied zwischen ihnen zu groß, wie daß es ihm an all jenen Vorzügen mangle, durch die sich ein weibliches Herz am leichtesten, wie man sagt, gewinnen läßt: diese Umstände ließen ihm selbst diese kurze Abwesenheit als eine Sache von höchster Bedenklichkeit erscheinen, so daß er den Nachmittag über fast immer schweigend an Evelinens Seite ritt, mehr darüber sinnend, was sich morgen zutragen würde, als daß er sich bemüht hätte, den Augenblick zu nützen. – In solch ungeselliger Weise wurde die Reise fortgesetzt, bis man den Punkt erreichte, wo man sich für diesen Abend trennen sollte.