Es war eine Anhöhe, von der rechter Hand die Burg Amelot Herberts mit ihren gotischen Zinnen und Türmen auf der Höhe eines Hügels in Sicht trat, zur Linken, dicht umschattet von Eichwäldern, die rauhe, einsame Wohnstätte der Lady von Baldringham, wo noch immer die Sitte der Angelsachsen herrschte und Verachtung und Haß alle Neuerungen traf, die seit der Schlacht von Hastings [Im Jahre 1066 wurde Wilhelm der Eroberer Herr über England. Mit ihm beginnt die normannische Dynastie und zogen normannische Sitten im Lande ein.] aufgekommen waren.
Nachdem der Connetable einem Teil seiner Leute Befehl gegeben, Evelinen bis zum Hause ihrer Tante das Geleit zu geben danach um das Haus herum, doch in solcher Entfernung, daß es der Familie weder anstößig werden, noch Unannehmlichkeiten verursachen können, auf Posten zu ziehen, drückte er auf Evelinens Hand einen respektvollen Abschiedskuß und zog sich dann mit Widerstreben zurück.
Eveline verfolgte den wenig betretenen Pfad, der zu der dürftigen Wohnung führte. Auf den üppigen Weiden rings herum graste kräftiges Vieh von vorzüglicher Rasse. Hin und wieder sah man Damwild, das alle Scheu verloren zu haben schien, durch die Waldlichtung kreuzen, oder in kleinen Rudeln unter einer großen Eiche stehen oder liegen. Das Wohlbehagen, das sonst solches Bild ländlicher Ruhe bei Vorübergehenden weckt, wandelte sich bei Evelinen bald in ernstere Empfindungen, als eine plötzliche Wegbiegung sie mit einemmal vor die Front des Herrenhauses führte, von dem sie, seit sie es von jenem Platz erblickte, wo sie sich von dem Connetable trennte, nichts weiter gesehen hatte, und das sie mit einer gewissen Besorgnis zu betrachten jetzt mehr als einen Grund hatte.
Das Haus, denn ein Schloß konnte man es nicht nennen, war nur zwei Stockwerke hoch, niedrig und massiv; Türen und Fenster zeigten den dicken Rundbogen, gewöhnlich »der sächsische« genannt – die Mauern überdeckten verschiedene Schlingpflanzen, die sich ungestört daran hinaufgerankt hatten, – selbst bis über die Schwelle, an der ein Büffelhorn an eherner Kette hing, wuchs Gras. Eine dicke Tür von Eichenholz schloß einen Torweg, der ganz wie das Portal eines verfallenen Grabgewölbes aussah. Keine Seele erschien, ihre Ankunft zu melden oder sie zu begrüßen.
»Wäre ich an Eurer Stelle, Mylady Eveline,« sagte die zudringliche Dame Gillian, »so lenkte ich noch um, denn dieses alte Loch scheint nicht dazu geschaffen, Christenleuten Obdach oder Nahrung zu geben.«
Eveline gebot ihrer unbescheidenen Dienerin Schweigen, obwohl sie selbst mit Rosen Blicke wechselte, die einige Zaghaftigkeit ausdrückten. Indessen winkte sie Raoul mit der Hand, in sein Horn am Tor zu stoßen ... »Ich habe gehört,« sagte sie, »meine Tante hinge den alten Sitten noch so an, daß es ihr zuwider sei, Dingen in ihrer Halle Aufnahme zu gewähren, die nicht aus den Zeiten Eduards des Bekenners [Der letzte angelsächsische König starb 1066 im Januar, falls nicht Harold, der bei Hastings am 14. Oktober gegen Wilhelm den Eroberer blieb, als der letzte angesehen werden soll.] herstammen.«
Raoul verwünschte indes das rohe Instrument, das all seine Kunst zu schanden machte und keine regelrechte Aufforderung, sondern nur ein zitterndes, mißtönendes Gelärm von sich gab, das die alten Mauern, so dick sie waren, zu erschüttern schien. Er wiederholte seine Aufforderung dreimal, ehe sich das Tor öffnete, Eine zahlreiche Dienerschaft beiderlei Geschlechts erschien in der engen und finstern Halle, an deren oberem Ende ein mächtiges Holzfeuer seine Glut zu einem altertümlichen Kamin hinaufsandte, dessen Front, so breit wie jetzt eine Küche, reich mit Stukkatur verziert war, oben mit einer langen Reihe von Nischen, aus deren jeder das Bild eines sächsischen Heiligen hervorgrinste, dessen barbarischer Name im römischen Kalender kaum zu finden sein dürfte.
Derselbe Bediente, der Evelinen die Einladung gebracht hatte, trat jetzt vor, ihr, wie sie wähnte, beim Absteigen vom Pferde behilflich zu sein; aber er kam nur, um es am Zügel zu nehmen und in die gepflasterte Halle, auf den »Dais«, wie die darin befindliche Rampe hieß, zu führen. An dessen äußerm Ende wurde ihr endlich gestattet, abzusteigen. Zwei betagte Matronen und vier junge Mädchen von guter Abkunft, durch Ermengard erzogen, erwarteten ehrerbietig die Ankunft ihrer Base. Eveline wollte nach ihrer Großtante fragen, aber die Matronen legten ehrfurchtsvoll ihren Finger auf den Mund, ihr dadurch Schweigen empfehlend: eine Gebärde, die, im Verein mit der Seltsamkeit ihres Empfanges, ihre Neugierde, die ehrwürdige Tante zu sehen, noch mehr erregte.
Sie wurde bald befriedigt; denn durch ein paar Flügeltüren, die sich nicht weit von der Erhöhung auftaten, auf der sie stand, wurde sie in ein weites, niedriges Gemach geführt, mit Tapeten behangen, an dessen oberstem Ende unter einer Art Baldachin die alte Lady von Baldringham saß. Achtzig Jahre hatten den Glanz ihrer Augen noch nicht verlöscht, ihre stattliche Größe noch um keinen Zoll gebeugt! ihr graues Haar hatte noch immer eine solche Fülle, daß es, zusammengenommen, für einen Kranz von Efeublättern einen recht stattlichen Knoten bildete. Ihr langes, dunkles Gewand fiel in weiten Falten zur Erde, und der gestickte Gürtel, der es um ihren Leib zusammenfaßte, war mit einer goldenen, mit kostbaren Steinen besetzten Schnalle befestigt. Ihre Gesichtszüge, die einst schön oder vielmehr majestätisch gewesen sein mochten, trugen noch jetzt, wenn auch verwelkt und mit Runzeln bedeckt, das Gepräge melancholischer Erhabenheit, die mit ihrer Kleidung und Haltung in vorzüglichem Einklange stand. Sie hielt einen Stab von Ebenholz in der Hand; zu ihren Füßen ruhte ein großer, betagter Wolfshund, der die Ohren spitzte und den Hals in die Höhe streckte, als der Schritt einer fremden Person, – ein Ton, der so selten in diesen Hallen gehört wurde – dem Stuhle sich nahte, in dem seine Herrin bewegungslos saß.
»Ruhig, Thryve,« sagte die ehrwürdige Frau, »und Du, Tochter des Hauses Baldringham, tritt näher und fürchte nicht seinen alten Diener!«
Der Hund sank, als sie sprach, in seine liegende Stellung zurück und, den roten Glanz seiner Augen ausgenommen, hätte er ein hieroglyphisches Emblem darstellen können, liegend zu den Füßen einer alten Priesterin des Wodan oder der Freya; so ganz entsprach die Erscheinung Ermengards mit ihrem Stabe und Kranze den Gestalten des Heidentums. Aber mit solchem Vergleich hätte man eine große Ungerechtigkeit gegen die ehrwürdige christliche Matrone verübt, die so manche Hufe Landes der heiligen Kirche zu Ehren Gottes und des heiligen Dunstan geschenkt hatte.
Der Empfang, den Ermengard Evelinen bereitete, war von derselben altertümlichen und feierlichen Art, wie ihr Wohnsitz und ihr Aeußeres. Sie erhob sich nicht gleich anfangs von ihrem Sitze, als das edle Fräulein sich ihr nahte, ja sie ließ sich nicht einmal zu dem Kusse herbei, den sie ihr reichen wollte, sondern legte ihre Hand auf Evelinens Arm, hielt sie zurück, als sie vortrat, und betrachtete ihr Gesicht ernst, ohne Schonung, mit peinlichster Aufmerksamkeit.
»Berwine,« sprach sie zu ihrem Liebling unter den beiden Dienerinnen, »unsere Nichte hat Haut und Augen von sächsischer Farbe, aber Augenbrauen und Haare sind von der andern, der fremden, – sei demungeachtet in meinem Hause willkommen, Mädchen,« fügte sie hinzu, sich an Evelinen wendend, »besonders, wenn Du es anhören kannst, daß Du kein so unbedingt vollkommenes Geschöpf bist, wie zweifelsohne Deine Schmeichler Dich glauben lehrten.« Mit diesen Worten stand sie endlich auf und drückte ihrer Nichte zum Gruß einen Kuß auf die Stirn. Doch ließ sie ihren Arm noch nicht los, sondern übertrug nun die Aufmerksamkeit, die sie auf ihre Gesichtszüge verwandt hatte, auf ihre Kleidung.