»Der heilige Dunstan schütze uns vor Eitelkeit,« sagte sie, »das also ist die neue Mode? und ehrsame Mädchen tragen solche Tunika wie diese hier? so offen, daß ihre ganze Gestalt zu erkennen? – Heilige Maria! beschütze uns! – Da sieht ja ein Mensch aus, als hätte er ganz und gar nichts auf dem Leibe! – Ach, und sieh nur, Berwine, diese Flitter um den Nacken, und den Nacken bloß bis zur Schulter – das sind die Moden, die die Fremden in das fröhliche England brachten! – Und diese Tasche, die mit dem Schurz eines Possenreißers auffallende Ähnlichkeit hat, wird, möchte ich wetten, in der Hauswirtschaft wohl nicht viel am Platze sein – und der Dolch da gemahnt an das Weib eines lustigen Spielmanns, das, in Manneskleider vermummt, um die Wette mit ihm reitet. Ziehst Du immer mit in den Krieg, Mädchen, daß Du solchen Stahl am Gürtel trägst?«
Eveline, durch diese verächtliche Aufzählung ihres Anzuges überrascht und gekränkt, antwortete auf die letzte Frage nicht ohne Empfindlichkeit: »Die Mode mag sich geändert haben, Madame; ich trage nur die Kleidung, die jetzt von allen meinen Alters- und Standesschwestern getragen wird. Und was den Dolch anbetrifft, so ist es noch nicht viele Tage her, daß ich ihn als letzte Zuflucht vor Schande betrachten mußte.«
»Das Mädchen redet wacker und kühn, Berwine,« sprach Dame Ermengard, »und trägt sich, wenn man diesen eitlen Trödelkram übersieht, wirklich noch recht anständig ... Dein Vater, hörte ich, fiel wie ein Ritter auf dem Blachfelde?«
»So war es,« antwortete Eveline, und ob dieser Erinnerung an ihren schweren Verlust traten ihr Tränen in die Augen.
»Ich habe ihn nie gesehen,« fuhr Dame Ermengard fort; »in seinem Herzen wohnte die alte normännische Verachtung unsers sächsischen Stammes, mit dem sie sich bloß vermählen, wenn sie Vorteil ziehen können, wie sich der Brombeerstrauch um die Ulme schlingt ... Nein, nein, sage nichts zu seiner Rechtfertigung,« fuhr sie fort, als sie merkte, daß Eveline sprechen wollte; »ich habe den normännischen Geist kennen gelernt, manches Jahr, früher, als Du geboren wurdest.«
In diesem Augenblick trat der Haushofmeister ins Zimmer und erbat sich, nach einer tiefen Kniebeuge, Verhaltungsmaßregeln betreffs der normannischen Krieger, die sich außerhalb des Hauses aufhielten.
»Normannische Krieger im Hause von Baldringham!« rief die alte Lady stolz; »wer führte sie hierher, und zu welcher Absicht?«
»Sie kommen, wie ich glaube,« sagte er, »als Wache und Schutz für diese gnädige junge Lady.«
»Wie, meine Tochter?« fragte Ermengard mit trübem Stimmklange, »getraust Du Dich nicht eine Nacht ohne Bedeckung im Schlosse Deiner Ahnen zuzubringen?«
»Behüte Gott,« sagte Eveline, »aber diese Leute gehören mir nicht an und stehen nicht unter meinem Befehl. Sie bilden einen Teil vom Gefolge des Connetable de Lacy, der sie aus Furcht vor Räubern zur Bewachung des Schlosses zurückließ.«
»Räuber,« sagte Ermengard, »haben dem Hause Baldringham nie geschadet, seit ein normannischer Räuber aus ihm den besten Schatz stahl, Deine Großmutter! – So bist Du also, armes Vögelchen, schon gefangen? – Ach! wie Du kläglich flatterst! – Doch das ist Dein Los; warum sollte ich mich darüber wundern oder es beklagen? Wo gab es jemals ein schönes Mädchen mit einem reichen Erbe, das nicht schon vor der Reife bestimmt ward, die Sklavin einer dieser kleinen Könige zu sein, die uns nichts als Eigentum vergönnen, was ihrer Leidenschaft gelüstet? – Ich kann Dir nicht helfen, Kind, denn ich bin nur ein armes, vernachlässigtes Weib, schwach durch Geschlecht und Alter. – Und welchem von diesen de Lacys bist Du bestimmt zum Hauspacktier?«
Solche Frage aus dem Munde einer Frau, deren Vorurteile solch entschiedenen Charakter hatten, war nicht geeignet, Evelinen zum Eingeständnis ihrer wirklichen Lage zu bestimmen, da es ihr klar war, daß diese sächsische Verwandte ihr weder gesunden Rat noch nützlichen Beistand gewähren würde. Sie erwiderte daher nur kurz, daß, da die de Lacys, wie die Normänner überhaupt, in Baldringham unwillkommen wären, sie den Befehlshaber der Patrouille ersuchen wolle, sich aus der Nachbarschaft des Schlosses zu entfernen.
»Nicht doch, meine Nichte!« rief die alte Lady. »Da wir der Nachbarschaft der Normänner nicht entgehen, auch nicht aus dem Bereich ihrer Abendglocke [Von Wilhelm dem Eroberer zum Zeichen dafür, daß Feuer und Licht auszulöschen sei, eingesetzt und an manchen Orten Englands um die Schlafenszeit bis vor 50 Jahren noch im Gebrauch.] kommen können, ist es gleichgültig, ob sie näher oder ferner unsern Mauern sind, sofern sie nur nicht hereinkommen. – Und, Bermine, laß Hundwolf diese Normänner in Getränken baden und mit Speisen vollstopfen – mit den besten Speisen und den stärksten Getränken! Es soll keiner von ihnen sagen, die alte sächsische Hexe sei wohl gastfreundlich, aber filzig ... Stecht ein frisches Faß Wein an, denn ihr vornehmer Magen, glaubt mir, verträgt kein Bier.«
Berwine, mit dem klingenden gewaltigen Schlüsselbund an der Seite, ging hinaus, das Nötige anzuordnen, und kam alsobald wieder. Inzwischen fuhr Ermengard fort, ihre Nichte noch schärfer auszufragen. – »Willst Du mir nicht sagen, oder kannst Du es nicht, bei welchem de Lacy Du Leibeigene werden sollst? – Bei dem eingebildeten Connetable, der, in eine undurchdringliche Rüstung geschnürt, auf schnellem und starkem Pferde so unverwundbar, wie er sich damit bläht, nach Herzenslust und in voller Sicherheit den nackten, unberittenen Wälschen niederzureiten und niederzustoßen? – Oder ist es sein Neffe, der bartlose Damian? – Oder sollen Deine Besitzungen hingehen, den Riß im Vermögen des andern Vetters zu flicken – des verlumpten Schwärmers, der aus Mangel an Mitteln unter den liederlichen Kreuzfahrern nichts mehr durchdringen kann?«
»Meine verehrte Tante,« entgegnete Eveline, über solche Reden begreiflicherweise unwillig, »bei keinem de Lacy und, ich versichere, bei keinem andern Sachsen oder Normann wird Eure Nichte Haussklavin sein. Vorm Tode meines verehrten Vaters ist zwischen ihm und dem Connetable eine Vereinbarung getroffen worden, die mich hindert, seine Aufmerksamkeiten rundweg abzuweisen; was aber das Ende davon sein wird, muß das Schicksal entscheiden.«
»Aber, Nichte, schon heute kann ich Dir sagen, wohin des Schicksals Wage sich neigen wird,« sagte Ermengard mit leiser, geheimnisvoller Stimme; »wer mit uns durch das Blut verbunden ist, besitzt gewissermaßen das Vorrecht, über die Gegenwart hinauszuschauen und schon in der Knospe die Dornen oder Blumen zu erkennen, die einst das Haupt umwinden sollen.«
»Was mich anbetrifft, edle Tante,« sagte Eveline, »so möchte ich solches Vorrecht ablehnen, selbst wenn es sich erlangen ließe, ohne die Gesetze der Kirche zu übertreten. Hätte ich vorhersehen können, was mir in diesen letzten unglücklichen Tagen begegnet ist, so wäre mir jeder frohe Augenblick in meinem Leben vergällt worden.«
»Dessenungeachtet, meine Tochter,« sagte Lady von Baldringham, »mußt Du wie jede andere Deines Stammes Dich in diesem Hause nach dem Gesetze richten, eine Nacht im Zimmer des roten Fingers zuzubringen. – Berwine, laß es zum Empfange meiner jungen Nichte bereiten!«
»Ich – ich habe wohl von diesem Zimmer gehört, gnädige Tante,« sagte Eveline ängstlich; »und wenn es Euch gefällig wäre, möchte ich eben jetzt nicht wünschen, dort die Nacht zu verbringen. Meine Gesundheit hat durch die Gefahren und Anstrengungen der letzten Tage sehr gelitten, und mit Eurem Verlaub will ich ein andermal dem Brauche gehorsamen, dem, wie ich höre, die Töchter aus dem Hause Baldringham sich unterwerfen müssen.«
»Und dem Ihr, trotz allem, Euch gern entziehen möchtet,« sprach die alte Lady, unwillig ihre Stirn runzelnd, »Hat nicht solcher Ungehorsam Eurem Hause bereits Leid in Menge bereitet?«–
»Verehrte, gnädige Frau!« sagte Berwine, die sich der Einmischung nicht länger enthalten konnte, trotzdem sie den harten Sinn ihrer Herrin sattsam kannte, »das Zimmer läßt sich kaum für Lady Eveline instand setzen; zudem sieht das edle Fräulein so blaß aus und hat doch eben erst so schwer gelitten, daß ich mit gütigem Verlaub den Rat geben möchte, die Ausführung dieser Absicht aufzuschieben.«