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»Du bist eine Närrin, Berwine,« sprach die Lady bitterernst: »meinst Du, ich solle Zorn und Unheil über mein Haus bringen dadurch, daß ich dem Mädchen gestatte, mein Haus zu verlassen, ohne dem roten Finger die übliche Huldigung darzubringen? – Nur zu! – Mach das Zimmer fertig! – Es wird weniges zur Herrichtung genügen, sofern sie nicht zu viel an normannischen Bequemlichkeiten hängt. – Keine Gegenrede, Berwine, sondern tue, was ich befehle! – Und Ihr, Eveline, seid Ihr des kühnen Geistes Eurer Vorfahren so entwöhnt, daß Ihr Euch nicht getraut, ein paar Stündchen in einem alten Zimmer zuzubringen?«

»Ihr seid meine Wirtin, gnädige Frau,« versetzte Eveline, »und seid berechtigt, mir ein Zimmer anzuweisen, wie Ihr es schicklich für mich findet. – Mein Mut entspricht meiner Unschuld, wie meinem Stolz auf Blut und Geburt und ist in diesen letzten Tagen wohl zur Genüge auf die Probe gestellt worden. Doch da es Euch gefällt, und es in diesem Hause also Brauch ist, sollt Ihr mein Herz stark genug finden, allem zu trotzen, dem Ihr mich unterwerfen wollt.« Unmutig schwieg sie; denn sie konnte nicht anders, als empfindlich über solch unfreundliches und ungastliches Benehmen ihrer Tante sein. Und doch mußte sie, wenn sie über den Ursprung der Legende jenes Zimmers nachsann, sich eingestehen, daß die greise Lady von Baldringham allerdings hinlängliche Ursache zu ihrem Verlangen habe, das mit der Familientradition und dem Glauben jener Zeit, dem Eveline selbst anhing, in voller Übereinstimmung stand.

Vierzehntes Kapitel

Der Abend zu Baldringham wäre von unerträglicher Länge gewesen, wenn nicht eine drohende Gefahr die Zeit wesentlich abgekürzt hätte. Wenn auch Eveline wenig erbaut war von der Unterhaltung ihrer Tante mit Berwinen, die sich nur in langen Erörterungen über ihre Abkunft vom kriegerischen Horsa und Schilderungen der Großtaten sächsischer Kriegshelden, wie auch der Wundertaten sächsischer Mönche drehte, so war es ihr noch immer lieber, diesen Legenden ihr Ohr zu leihen, als sich im Geiste schon vorher mit ihrem Aufenthalt in jenem gefürchteten Zimmer, wo sie die Nacht zubringen sollte, zu quälen. Doch fehlte es keineswegs an lustiger Unterhaltung für den Abend, soweit sie das Haus von Baldringham darbieten konnte. Von einem ernsten alten sächsischen Mönche, dem Kaplan des Hauses, eingesegnet, wurde ein prächtiges Gastmahl, das ein Dutzend Hungrige hätte sättigen können, vor Ermengard und ihrer Nichte aufgetragen, an dem außer dem hochwürdigen Herrn auch Berwine und Rose Flammock teilnahmen. Eveline fühlte sich um so weniger geneigt, von dieser übertriebenen Gastfreiheit Gebrauch zu machen, als die Gerichte durchweg von jener groben, kräftigen Gattung waren, die die Sachsen bewunderten, die aber nicht zu ihrem Vorteil gegen die verfeinerte Kochkunst der Normannen abstachen, gleichwie der blinkende Becher leichten, blumigen, obendrein mit Wasser vermischten Gascogners nicht gegen das kräftige Bier, den würzigen Hippokras und andere starke Getränke, die nacheinander Hundwolf, der Haushofmeister, zu Ehren der Gäste von Baldringham auftischte, aufkommen konnte.

Ebensowenig wie das überreiche, derbe Gastmahl, war auch die Abendunterhaltung mit der greisen Tante nach Evelinens Geschmack. Als die Gestelle und Tische, auf denen die Gerichte aufgetragen gewesen, aus dem Zimmer geschafft waren, begannen die Diener unter Anleitung des Haushofmeisters große Wachskerzen anzuzünden, deren Zahl ebenso viele Zeitabschnitte anzeigten, und zwar wurden dieselben angekündigt durch eherne Kugeln, die von der Kerze hinunter an Fäden hingen, wobei man genau berechnet hatte, wieviel Zeit der zwischen ihnen befindliche Raum zum Brennen brauche; so daß, wenn die Flamme den Faden erreichte, die Kugeln, der Reihe nach in ein darunter gestelltes ehernes Becken fallend, gewissermaßen das Amt der viel später erfundenen Schlaguhren verrichteten. [Eine Erfindung Alfreds des Großen (seit 801), also echt angelsächsischen Ursprungs.] Bei dieser Beleuchtung begann die Abendunterhaltung.

Ermengards hoher, weiter Armstuhl wurde, alter Gewohnheit getreu, aus der Mitte des Zimmers auf die wärmste Seite eines breiten, mit Holzkohlen gefüllten Kamins gerückt, und ihr Gast erhielt ihr zur Rechten als Ehrenplatz seinen Sitz. Berwine stellte nun die weibliche Dienerschaft in gehörige Ordnung, und nachdem sie darauf gesehen, daß jede die ihr übertragene Arbeit vornahm, setzte sie sich selbst an die Spindel. In einem etwas entfernteren Kreise begannen die Männer, das Wirtschaftsgerät und die Werkzeuge auszubessern oder das Jagdgerät zu polieren, an ihrer Spitze Haushofmeister Hundwolf. Zur Aufheiterung der versammelten Familie sang ein alter Spielmann zu einer Harfe, die nur vier Saiten hatte, eine lange Legende religiösen Inhalts, die allem Anschein nach zu keinem Ende kommen konnte. Evelinen blieb der Gesang fast unverständlich durch die vom Dichter überreich gebrauchten Alliterationen, die für einen besonderen Schmuck der sächsischen Poesie gehalten wurden, aber nur auf Kosten der Musik gebraucht werden konnten. Dazu kam all die Dunkelheit, die durch Auslassungen, Abkürzungen und übertriebene Hyperbeln geschaffen wurde. Eveline war gut bekannt mit der sächsischen Sprache, lieh bald dem Sänger keine Aufmerksamkeit mehr, sondern dachte an die muntern Fabliaux und phantasiereichen Lais der normannischen Minstrels; dabei schweifte aber ihr Sinn mit banger Vorempfindung zu dem geheimnisvollen Zimmer hinüber, wo sie die Nacht zubringen sollte, und malte ihr die Erscheinung aus, die sie dort zu gewärtigen haben würde.

Endlich nahte die Stunde der Trennung. Kurz vor Mitternacht fiel die Kugel, den Zeitpunkt, den die hinuntergebrannte Wachskerze angab, kündend, mit Geklirr in das eherne Becken. Der alte Spielmann hielt in seinem Gesang inne, und die Dienerschaft war im Nu auf das Signal hin auf den Beinen, mit Fackeln oder Lampen die Gäste in die ihnen zuerteilten Schlafzimmer zu geleiten. Mehreren Kammerfrauen fiel es zu, Evelinen zu bedienen, von der sich die Tante feierlich verabschiedete, ihr die Stirn bekreuzend und küssend, mit den ihr ins Ohr geflüsterten Worten: »Sei mutig und werde glücklich!«

»Kann nicht meine Zofe Rose oder Raoul, meine Kammerfrau, die Nacht über bei mir mit im Zimmer bleiben?« fragte Eveline.

»Rose-Raoul!« wiederholte Ermengard verächtlich; »ist Dein Haushalt so zusammengesetzt? Die Holländer bilden für Britannien das Lähmungs-, die Normannen das Jähzorns-Ferment!«

»Und die armen Wälschen würden hinzusetzen,« sagte Rosa, deren Unwille die Achtung vor der alten Sächsin zu verscheuchen begann, »daß die Angelsachsen das Urübel seien und einer verheerenden Pestilenz gleichen.«

»Sehr keck, mein Kind, sehr keck,« sagte Lady Ermengard, unter ihren schwarzen Brauen hervor Blitze auf das flämische Mädchen schleudernd; »und doch liegt Witz in Deinen Worten! Sachsen, Dänen, Normannen sind, jagenden Wogen gleich, über unser Land dahin gerollt; die Kraft, es sich zu unterjochen, hatte jeder, den Verstand, es zu bewahren, keiner! – Wann wird das anders sein?«

»Wenn Sachse, Brite, Normann und Vlame,« antwortete Rosa, »lernen werden, sich mit gleichem Namen zu nennen und sich als gleiche Kinder des Landes zu fühlen, in welchem sie geboren wurden.«

»Ha!« rief die greise Lady, halb erstaunt, halb zufrieden; dann sich zu ihrer Verwandten wendend, sagte sie: »Du hast Wort und Witz an dem Mädchen; gib acht, daß sie es brauche, aber nicht mißbrauche.«

»Sie ist ebenso freundlich und treu, wie ehrlich und mit ihrem Witze fertig,« sagte Eveline. »Ich bitte Euch, teuerste Tante, vergönnt mir in dieser Nacht ihre Gesellschaft,«

»Es kann nicht sein, es wäre gefährlich für beide. Allein müßt Ihr Euer Geschick erfahren, wie alle Frauen unsres Geschlechts, Deine Großmutter ausgenommen. Und was ist die Folge davon gewesen, daß sie die Gesetze ihres Hauses vernachlässigt hat? Da! Ihre Enkelin steht vor mir, eine Waise, in der Blüte ihrer Jugend!«