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»So will ich denn gehen,« sagte Eveline, ergeben in ihr Schicksal, doch tief aufseufzend; »nie soll man sagen, ich hätte, aus Scheu vor gegenwärtigem Schrecken, künftiges Weh veranlaßt.«

»Eure Dienerinnen,« sagte Lady Ermengard, »können im Vorzimmer bleiben, wo Ihr sie immer rufen könnt. Berwine wird Euch das Zimmer zeigen – ich kann nicht; denn wir, die wir einmal hineingegangen sind, kehren nie wieder dorthin zurück. – Lebe Wohl, mein Kind, und möge der Himmel Dich segnen!«

Mit einem größern Maße von Empfindung und Teilnahme, als sie bis jetzt gezeigt, küßte sie Evelinen noch einmal und winkte ihr, Berwinen zu folgen, die mit zwei Dienerinnen, die Fackeln trugen, ihrer wartete, sie in das gefürchtete Zimmer zu führen.

Die Fackeln warfen ihren Schein auf die rohen Wände und die dunklen, gewölbten Decken mehrerer gewundenen langen Gänge, dann auf die Stufen einer Wendeltreppe, die sie hinabstiegen und die durch viele Höcker und rauhe Stellen ihr hohes Alter verriet. Endlich traten sie in ein ziemlich hohes Gemach des Unterstocks, dem ein paar alte Tapeten, ein flackerndes Herdfeuer, das durch ein Gitterfenster sich stehlende Mondlicht und die Zweige einer um das Fenster herum gewachsenen Myrte kein unfreundliches Ansehen gaben.

»Dies,« sagte Berwine, »ist das Schlafgemach Eurer Dienerinnen.« – Dabei zeigte sie auf zwei Lagerstätten, die für Rosa und Frau Gillian bereit standen. – »Wir,« setzte sie hinzu, »gehen weiter.«

Sie nahm der einen der beiden Dienerinnen, die vor Furcht zurückzuschaudern schienen, – worin ihnen Frau Gillian schnell nachahmte, ohne eigentlich zu wissen warum – die Fackel ab; Rose Flammock aber folgte, ohne sich zu bedenken, ihrer Herrin, die von Berwinen durch eine schmale, mit eisernen Nägeln beschlagene Tür am äußersten Ende des Zimmers in ein zweites, aber kleineres Vorgemach geführt wurde, an dessen Ende eine ähnliche Tür sich befand. Auch hier war das Fenster mit Immergrün umrankt, und es wurde, gleich dem ersten, von mildem Mondlicht erhellt.

Hier blieb Berwine stehen und fragte, auf Rose deutend: »Warum folgt sie?«

»Um alle Gefahr mit meiner Herrin zu teilen, komme, was da wolle,« antwortete Rose mit ihrer charakteristischen Freimütigkeit in Wort und Entschluß. – »Sprecht, meine teuerste Lady,« und ergriff Evelinens Hand, »Ihr werdet doch Eure Rose nicht von Euch stoßen? Wenn ich auch nicht so hochsinnig bin wie eine von Eurem vielgerühmten Stamme, so bin ich doch nicht ohne Mut und Geistesgegenwart, so lange es sich um ehrlichen Dienst handelt. – Ihr zittert wie Espenlaub – geht nicht in das Zimmer – laßt Euch nicht durch all diese geheimnisvollen, prunkenden Vorbereitungen täuschen! Trotzet diesem veralteten und, ich sollte denken, halb heidnischen Aberglauben!«

»Lady Eveline muß gehen, Schätzchen,« antwortete Berwine ernsthaft, »und muß gehen ohne solch vorwitzige Ratgeberin oder Gesellschafterin, wie Ihr es zu sein scheint.«

»Muß gehen? muß?« wiederholte Rose; »ist das eine Rede, die sich gegen eine freie, edle Jungfrau geziemt? Süße Lady, gebt mir nur den kleinsten Wink, daß es Euch recht ist, und ich will's drauf ankommen lassen, ob Ihr »muß gehen« die Probe besteht. Aus dem Fenster will ich den normännischen Reitern zurufen und ihnen erzählen, daß wir in eine Höhle von Hexen geraten sind, statt in ein gastliches Haus.«

»Schweigt, Rasende,« sagte Berwine, und ihre Stimme bebte vor Aerger und Furcht, »Ihr wißt nicht, wer in dem nächsten Zimmer wohnt.«

»Ich will mir schon jemand rufen, der das ermitteln soll,« sagte Rose und flog zum Fenster, als Eveline sie beim Arm ergriff und zurückhielt.

»Ich danke Dir für Deine Liebe, mein Kind,« sagte sie, »aber sie kann mir hier nichts helfen, wer zu dieser Tür tritt, muß allein eintreten.«

»Dann will ich an Eurer Stelle hineingehen, teuerste Lady,« sagte Rosa, »Ihr seid blaß, seid kalt – Ihr sterbt vor Schrecken, wenn Ihrs weiter treibt! Es mag hier eine übernatürliche Kraft, wenn nicht ein Betrug im Spiele sein – mich sollen sie nicht betrügen – oder verlangt irgend ein finsterer Geist ein Opfer – besser dann Rose als ihre Gebieterin.«

»Laß das, laß das!« sagte Eveline und sprach sich selbst Mut zu. »Du machst, daß ich über mich selbst erröte. Das ist ein altes Gottesurteil, das die Frauen aus dem Hause Baldringham bis im dritten Gliede, und nur diese allein angeht. In meiner jetzigen Lage erwarte ich freilich nicht, mich ihm unterwerfen zu müssen; aber da die Stunde es fordert, will ich ihm so frei entgegentreten, wie jede andere meiner Vorfahren.«

So sprach sie und nahm die Fackel aus Berwinens Hand, und ihr und Rosen gute Nacht wünschend, machte sie sich sanft von der letztern los und trat in das geheimnisvolle Zimmer. Rose drängte sich ihr so weit nach, um zu sehen, daß es ein Zimmer von mäßiger Größe war, ähnlich dem, durch welches sie gegangen waren, gleichfalls durch den Mond erleuchtet, der durch ein Fenster, in gleicher Reihe mit denen der Vorzimmer gelegen, hereinschien. Mehr konnte sie nicht sehen, denn auf der Schwelle drehte Eveline sich um und schob sie mit einem Kusse sanft in das kleine Zimmer zurück und den Riegel vor die Tür.

Berwine forderte nun Rose auf, wenn ihr am Leben liege, sich in das erste Vorzimmer zurückzuziehen, wo die Betten bereit standen, und sich, wenn auch nicht dem Schlafe, so doch der Ruhe und dem Gebete zu überlassen; aber das treue flamländische Mädchen wies standhaft alle Vorstellungen zurück und widersetzte sich allen Befehlen.

»Sprecht mir nicht von Gefahr,« sagte sie. »Hier bleibe ich, damit ich wenigstens hören kann, wenn meine Gebieterin in Gefahr ist – und wehe über die, die ihr Leid zufügen wollen! – Merkt's Euch – zwanzig normännische Speere umgeben diese ungastliche Wohnung, bereit, jede Beleidigung zu rächen, die der Tochter Raymond Berengers zugefügt wird.«

»Spart Eure Drohungen für diejenigen auf, die sterblich sind,« flüsterte Berwine leise, aber eindringlich. »Der in jenem Zimmer dort haust, fürchtet sie nicht. – Lebe wohl! Bringst Du Gefahr über Dich, so komme sie über Dein Haupt!«

Sie ging davon und ließ Rose, seltsam ergriffen durch alles, was vorgegangen war, und von ihren letzten Worten mit Entsetzen erfüllt, zurück. »Diese Sachsen,« sagte das Mädchen zu sich selbst, »sind eigentlich nur halbbekehrte Christen und halten noch an vielen ihrer höllischen Gebräuche fest, besonders in der Anbetung der Elementargeister. Ihre Heiligen selbst sind ganz ungleich den Heiligen in jedem andern Lande, und ihre Blicke haben gleichsam etwas Wildes und Teuflisches an sich. – Es ist ängstlich hier, allein zu sein– und still wie der Tod ist alles hier in dem Zimmer, wohin meine Gebieterin so seltsamerart gezwungen wird. – Ob ich die Gillian herbeirufe? Doch nein, sie hat weder Sinn, noch Mut, noch Vernunft, mir bei solchem Anlasse beizustehen – besser allein, als mit einem falschen Freunde zur Seite! – Ich will sehen, ob die Normänner auf ihren Posten sind, denn auf sie muß ich mich im Fall der Not verlassen.«

Mit diesem Gedanken trat Rose an das Fenster des kleinen Zimmers, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen und über die Aufstellung der Wache zu unterrichten. Der Vollmond ermöglichte ihr, die Beschaffenheit der Gegend zu unterscheiden. Zuerst fand sie sich nicht wenig enttäuscht, als sie entdeckte, daß die Fensterreihe, statt dem Erdboden gleich zu sein, wie sie vermutet hatte, auf einen alten Graben hinaus führte, der sie von der drüber liegenden Ebene schied. Als Verteidigungsmittel mochte dieser Graben längst außer Gebrauch gesetzt sein; denn der Boden war ganz trocken und an vielen Stellen mit Gesträuch und Unterholz bedeckt, die sich an den Mauern des Schlosses emporrankten, und an denen man sich, wie es Rose vorkam, leicht bis zu den Fenstern heraufhelfen und in das Haus gelangen konnte. Von der jenseitigen Ebene war zunächst der Raum am Schlosse erhellt! das Mondlicht beschien den dichten Rasen, nur unterbrochen durch den langen Schatten der Türme und Bäume. Weiterhin schloß sich an diese Ebene waldiger Boden, wo ein paar riesenhafte Eichen längs dem Rande des breiten, finstern Waldes standen, gleich den einzelnen Kriegern, die vor der Front einer Schlachtlinie den Feind herausfordernd halten.