Eine Antwort hierauf wäre bedenklich gewesen, daher folgte eine Pause. »Ist sie eine Schottländerin?« hob ich endlich wieder an.
Ein trockenes – »Ja!«
»Sie spricht wohl das Englische mit schottischem Accent?« fragte ich weiter.
»Schwerenot,« rief mein Vater heftig, »glaubst Du, ich kümmere mich um Aussprache? Julie, ich rede im tiefsten Ernst. Du neigst dazu, Dich in Beziehungen einzulassen, die Du Freundschaften nennst« – war das nicht hart, Mathilde? – »Um Dir nun Gelegenheit zum Erwerb wenigstens einer würdigen Freundin zu geben, wünsche ich, daß dieses Mädchen ein paar Monate in meinem Hause lebt, und ich erwarte, Du wirst ihr alle Aufmerksamkeit beweisen, die Unglück und Tugend beanspruchen dürfen.«
»Gewiß, lieber Vater,« erwiderte ich. »Ist meine künftige Freundin rothaarig?«
Mein Vater warf einen strengen Blick auf mich ... Du wirst vielleicht sagen, es sei mir recht geschehen, aber ich weiß nicht, welcher böse Geist mich zuweilen treibt, die Menschen durch Fragen zu peinigen.
»Sie hat eben so viel äußere Vorzüge vor Dir, meine Tochter, als sie Dich in klugem Verhalten gegen Menschen und Freunde übertrifft,« sagte er.
»Aber halten Sie solche Ueberlegenheit für eine Empfehlung? – Doch nein, lieber Vater, ich sehe, Sie gehen darauf aus, alles was ich sage, zu ernst zu nehmen; wer aber auch das Mädchen sein mag, sie soll gewiß nicht Ursache haben, sich über Mangel an Aufmerksamkeit von meiner Seite zu beklagen, da sie mir von Ihnen empfohlen wird. Hat sie einen dienstbaren Geist bei sich?« fuhr ich nach einer Pause fort ... »Ich muß doch für die Bequemlichkeit meiner neuen Freundin sorgen ...«
»Nein, einen dienstbaren Geist eigentlich nicht. Der Kaplan, der bei ihrem Vater lebte, ist ein gutmütiger Mensch, und ich glaube, es wird auch für ihn Platz in unserem Hause sein.«
»Ein Kaplan, Vater? Lieber Himmel!«
»Ja, Julie, ein Kaplan. Warum fällt Dir das Wort so sehr auf? Hatten wir nicht auch einen Kaplan, als wir in Indien waren?«
»Aber damals, lieber Vater, waren Sie doch Armeebefehlshaber –«
»Und jetzt, Julie – bin ich Kommandeur in meinem Hause.«
»Gewiß, mein Vater, Aber wird er uns nach den Gebräuchen der englischen Kirche vorbeten?«
Der scheinbaren Unbefangenheit hielt sein Ernst nicht stand,. »Tu bist ein wunderliches Mädchen, Julie, und es hilft mir nichts, wenn ich Dich schelte. Mir ist es nicht zweifelhaft, daß Du Deine künftige Gesellschafterin lieben wirst, und der Mann, den ich aus Mangel an einem passenden Worte Kaplan genannt habe, ist ein würdiger Mann, der nur ein paar Wunderlichkeiten an sich hat, aber es wohl nie merken wird, wenn Du über ihn lachst, Du müßtest gerade sehr laut lachen.«
»Das gefällt mir an ihm. Aber werden wir dort ebenso schön wohnen wie hier?«
»Vielleicht nicht ganz so nach Deinem Geschmacke. Es ist kein See unter den Fenstern, und Du wirst Dich auf Hausmusik beschränken müssen.«
Dieser letzte Schlag machte dem scharfen Wettkampf unseres Witzes ein Ende, denn Du kannst denken, Mathilde, daß ich allen Mut zu einer Antwort verloren hatte.
Sonst aber sehe ich den Dingen, gleichsam mir selbst zum Trotze, mutiger entgegen denn je. Brown lebt, ist frei, ist in England; Verlegenheit und Kümmernis können und müssen von allen Menschen, auch von mir getragen werden. Uebermorgen reisen wir von hier nach unserm neuen Wohnsitze ab. Ich werde Dir selbstverständlich mitteilen, was ich von meinen schottischen Hausgenossen halte, die mein Vater, wie ich wohl nicht ohne Grund vermute, als ehrsame Spione wird benutzen wollen. O wie verschieden von der Gesellschaft, die ich mir so gern gewählt hätte! Gleich nach meiner Ankunft in meinem künftigen Aufenthalte erhältst Du Nachricht von
Deiner Julie Mannering.«
Neunzehntes Kapitel
Woodbourne, der Landsitz, den Mac Morlan für Mannering gemietet, lag freundlich am Fuße eines waldigen Hügels, der das große, bequeme Haus gegen Mitternacht und Morgen beschirmte. Die Vorderseite war gegen einen kleinen Grasplatz gekehrt, der mit einer Reihe von alten Bäumen eingefaßt war. Rings umher lagen Ackerfelder bis zum Flusse hinab, den man aus den Fenstern des Hauses sah. Ein leidlicher, wiewohl etwas altfränkischer Garten, ein wohlversehener Taubenschlag, und so viel Feld, als für die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bewohner von nöten, machten den Landsitz in allen Hinsichten passend für eine angesehene Familie.
Hier wollte Mannering, eine Zeitlang wenigstens, seinen Wanderstab niederlegen. Er war, obgleich er aus Indien kam, nichts weniger als von der Sucht besessen, mit Reichtum zu prahlen, wollte vielmehr, zu stolz um Geck zu sein, nur wie ein wohlsituierter Landedelmann leben, ohne in seinem Haushalte jenen Prunk zu zeigen, den man in jener Zeit für das eigentliche Merkmal eines Nabobs hielt. Er hatte die Herrschaft Ellangowan noch immer im Auge; Mac Morlan vermutete, Glossin werde die Besitzung bald wieder aufgeben müssen, da einige Gläubige ihm das Recht streitig machten, einen so beträchtlichen Teil des Kaufschillings in Händen zu behalten, und seine Zahlungsfähigkeit vielfachen Zweifeln begegnete. Darum meinte Mac Morlan, daß Glossin, wenn ihm etwas über den Preis, den er zu zahlen versprochen, geboten würde, wohl von dem Kaufe zurückzutreten geneigt sein möchte. Daß Mannering sich zu einem Orte, den er nur einmal, in seinen Jugendjahren und nur auf kurze Zeit gesehen, so kräftig hingezogen fühlte, könnte seltsam erscheinen; aber was da vorgegangen war, hatte seine Phantasie lebhaft ergriffen. Es schien hier ein Verhängnis zu walten, das die merkwürdigsten Begebenheiten in seinem eigenen Hause mit den Schicksalen der Bewohner von Ellangowan verknüpfte, und eine geheimnisvolle Sehnsucht nach jenem Erdhügel, wo er in den Sternen ein Ereignis gelesen, das an dem Erben des unglücklichen Hauses so wunderbar erfüllt worden und mit einem Unfall in seinem eigenen Hause so merkwürdig zusammentraf, verließ ihn nicht. Daß es ihm empfindlich war, seine Absicht durch einen Menschen wie Glossin vereitelt zu sehen, daß sich sein Stolz mit der Phantasie zusammentat und beides ihn in dem Entschlusse, das Landgut noch an sich zu bringen, befestigte, wird niemand wundern.
Man wäre jedoch ungerecht, wenn man dem Wunsche, der unglücklichen Lucy nützlich zu werden, keinen Teil an seinem Entschlusse zubilligte. Die Vorteile, die seiner Tochter aus dem Umgange mit ihr erwachsen konnten, waren ihm nicht entgangen, traute er ihr doch Klugheit und Verstand zu, und seine Achtung vor ihr war, seit ihm Mac Morlan unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hatte, wie sie sich gegen Hazlewood benommen, bedeutend gestiegen.
Hätte sie sich von der Heimat und den wenigen Menschen, die sie Freunde nannte, auf immer trennen sollen, wäre ihr der Entschluß vielleicht weniger leicht gefallen; aber in Woodbourne nur eine Zeitlang als Gast in Juliens Gesellschaft zu leben, nahm sie gern an, zumal ihr feines Empfinden ihr sagte, daß Mannering, so zart er es auch verschleiern wollte, sich doch vor allem durch seine Großmut, ihr zu helfen, zu dem Vorschlage leiten ließ. Dazu kam noch, daß sie von jener Verwandten, an die sie sich gewandt hatte, einen sehr kaltherzigen Brief bekam. Es war zwar eine kleine Summe beigefügt, aber mit dem ernsten Rate, recht sparsam zu leben und bei ruhigen Leuten in Kippletringan, oder in der Nachbarschaft, Unterkunft zu suchen. Dabei hatte die Verwandte zu Lebzeiten von Lucys Mutter fast drei Jahre in Ellangowan gelebt und erst, als ihr ein jährliches Einkommen von 100 Pfund Sterling durch Erbschaft zugefallen war, das gastfreundliche Haus verlassen, wo sie sonst bis zum Tode des Eigentümers ein Obdach gefunden hätte; aber nach ruhiger Ueberlegung begnügte sich Lucy mit der Antwort, sie wolle die paar Pfund nur als Darlehen annehmen und so bald wie möglich zurückerstatten, ersuchte aber ihre Verwandte um Rat, wie sie sich der Einladung des Obersten Mannering gegenüber verhalten sollte. Auf diese Frage kam die Antwort mit umgehender Post, so ängstlich war es der alten Dame darum zu tun, die Base versorgt und sich aller weitern Verbindlichkeiten enthoben zu sehen. Wollte also Lucy nicht ihrem bisherigen Beschützer, der zu freigebig war, als daß er hätte reich sein können, noch länger beschwerlich fallen, so blieb ihr keine andere Wahl als den Vorschlag des Obersten anzunehmen, denn so, wie die eine ihrer Verwandten, verhielten sich alle.