Die sanfte Schönheit und Ruhe dieser lieblichen Szenerie, die Stille ringsumher und die ernsten Gedanken, die durch dies alles geweckt wurden, beschwichtigten die Besorgnisse einigermaßen, die die Ereignisse vom Abend eingeflößt hatten. »Bei alledem,« so überlegte sie, »warum sollte ich wohl für Lady Eveline so besorgt sein? Unter den stolzen Normannen und den mürrischen Sachsen ist kaum eine Familie von Bedeutung, die es nicht für notwendig erachtet, sich von den andern durch einen eigentümlichen Aberglauben zu unterscheiden, als ob sie es für eine Schande vom Himmel hielten, wie eine arme einfältige Flamländerin gleich mir einherzugehen. – Könnte ich nur eine normännische Schildwache gewahr werden, so wollte ich mich wegen der Sicherheit meiner Herrin beruhigen, – Ha dort! da wandert einer im Dunkeln, in seinen langen Weißen Mantel gehüllt, und der Mond versilbert die Spitze seiner Lanze. – Hier! Hei da! Herr Kavalier!«
Der Norman« drehte sich um und näherte sich auf ihren Ruf dem Graben, – »Was ist Euer Begehr, Jungfer?« fragte er.
»Im Zimmer nebenan weilt Eveline Berenger, die Ihr bewachen sollt. Haltet, bitte, diese Seite des Schlosses scharf im Auge!«
»Seht keinen Zweifel in uns, Lady,« antwortete der Kavalier, und sich in seinen langen militärischen Wachmantel, Chappe genannt, wickelnd, zog er sich zu einem großen Eichbaum in einiger Entfernung zurück und stand hier mit ineinandergeschlagenen Armen, auf seine Lanze gelehnt, einer Waffentrophäe ähnlicher als einem lebenden Krieger.
Durch das Bewußtsein, daß im Falle der Not Hilfe nahe zur Hand sei, kühn gemacht, zog sich Rose in ihr kleines Zimmer zurück, und nachdem sie sich durch Lauschen davon überzeugt hatte, daß alles in Evelinens Gemach ruhig sei, begann sie die nötigen Vorkehrungen zur eigenen Nachtruhe zu treffen. Zu diesem Zwecke begab sie sich in das äußere Vorzimmer, wo Dame Gillian von der Furcht vor der einschläfernden Wirkung eines kräftigen Schluckes von Lithe-alos, d. i. Ale von der besten und stärksten Sorte, dadurch erlöst worden war, daß sich ein so tiefer Schlaf auf ihre Lider gesenkt hatte, wie ihn dieses edle sächsische Getränk nur eben hervorbringen konnte.
Ueber solche Trägheit und Gleichgültigkeit ihrem Unwillen Luft machend, trug Rose von dem leeren, für sie bestimmten Lager die obere Decke in das innere Vorzimmer und machte sich daraus und aus den Binsen, mit denen der Estrich bestreut war, ein kümmerliches Lager zurecht, auf dem sie, halb liegend, die Nacht im Wachen über das Wohl ihrer Gebieterin zuzubringen gewillt war, bis die aufsteigende Morgenröte sie von der Sorge um Evelinens Sicherheit befreien würde.
Ihre Gedanken verweilten indessen bei der in Schatten gehüllten Welt jenseits des Grabes und bei der großen, vielleicht noch nicht entschiedenen Frage, ob die Trennung ihrer Bewohner von denen hienieden auch wirklich Gewißheit sei, oder ob sie nicht durch Gründe, in die wir nicht eindringen können, in einer Art von Schattengemeinschaft mit denen, die noch irdisch in Fleisch und Blut wandeln, fortleben. Das zu leugnen, hieß im Zeitalter der Kreuzzüge und Wunder die Schuld der Ketzerei auf sich laden; aber Rosens gesunder Verstand legte ihr wenigstens den Zweifel nahe, ob dergleichen übernatürlicher Verkehr auch wirklich häufig vorkäme; sie fand Trost in der Meinung, mit der sich freilich ihr unwillkürliches Aufschrecken, sobald sich nur ein Blättchen regte, nicht vertrug, daß Eveline sich keiner tatsächlichen Gefahr aussetze dadurch, daß sie sich dem althergebrachten Familien-Brauche unterwerfe.
In dem Verhältnis, wie diese Ueberzeugung ihr Gemüt stärkte, verlor ihr Vorsatz, zu wachen, an Stärke – ihre Gedanken schweiften auf Dinge, auf die sie nicht eigentlich gerichtet waren, ähnlich wie Schafe sich der Aufsicht ihres Hirten entziehen – ihre Augen führten ihr kein deutliches Bild mehr von der großen runden silbernen Scheibe vor, auf die sie doch unaufhörlich hinblickten. Zuletzt schlossen sie sich, und sitzend auf der um sie geschlagenen Decke, mit dem Rücken an die Zimmerwand lehnend, die weißen Arme über die Brust zusammengeschlagen, sank Rose Flammock in einen festen Schlaf, der aber urplötzlich durch einen scharfen, durchdringenden Schrei aus Evelinens Zimmer unterbrochen wurde. Aufspringen und zur Tür fliegen, war das Werk eines einzigen Augenblicks für das edle Mädchen, das keine Furcht kannte, wenn es sich um Liebe und Pflicht handelte. Die Tür aber war verschlossen und verriegelt, und ein anderer schwächerer Schrei oder vielmehr ein Stöhnen schien zu sagen, daß nur schnelle Hilfe noch nützen könne. Rose flog zum Fenster und rief oder schrie vielmehr dem normännischen Krieger zu, der, durch den Weißen Wachmantel kenntlich, noch immer unter dem alten Eichbaume stand.
Auf den Ruf »Hilfe! Hilfe! Lady Eveline wird ermordet!« bekam die scheinbare Bildsäule plötzlich Leben, eilte mit der Geschwindigkeit eines Wettrenners zum Grabenrande und war im Begriff, da in den Graben zu springen, wo Rose am offnen Fenster stand und ihn mit Worten und Gebärden zur äußersten Eile anspornte.
»Nicht hier! Nicht hier!« rief sie atemlos, als sie sah, daß er zu ihr wollte. – »Das Fenster zur Rechten – erklimmt es um Gotteswillen und öffnet die Zwischentür!«
Der Soldat schien sie zu verstehen. Ohne Zögern sprang er in den Graben und hielt sich an den Zweigen der Bäume, um nicht abzustürzen. Im einen Augenblick verschwand er in dem Gesträuch, im andern sah ihn Rose, wie er, sich an den Zweigen einer Eiche haltend, ihr schon zur Rechten war, in unmittelbarer Nähe von dem Fenster des unseligen Zimmers. Eine Furcht blieb noch: Das Fenster konnte gegen das Eindringen von außen her sicher sein; doch nein! es wich den Stößen des Normannen, und da Angeln und Klammern durch die Zeit verdorben waren, fiel es mit einem Gerassel ins Zimmer hinein, dem selbst der Dame Gillians Schlaf nicht zu widerstehen vermochte.
Schrei auf Schrei ausstoßend, wie Narren und Memmen zu tun pflegen, stürzte sie aus dem Vorzimmer in das Kabinett, eben als die Tür von Evelinens Zimmer aufging und der Krieger sich zeigte, in seinen Armen die halb entkleidete leblose Gestalt des normannischen Fräuleins. Ohne ein Wort zu sprechen, legte er sie in Rosens Arme, und mit derselben Schnelligkeit, mit der er hereingekommen war, schwang er sich aus dem noch offenstehenden Fenster, aus welchem Rose ihn herbeigerufen hatte.
Gillian, von Furcht und Schrecken halb verwirrt, häufte Ausrufungen auf Fragen, und Fragen mischte sie wieder mit Hilfsgeschrei, bis Rose sie ernstlich zurechtwies. Es gelang ihr, ihre zerstreuten Sinne wieder zu sammeln, und sie fand endlich Besonnenheit genug, eine brennende Lampe aus dem Zimmer herbeizuholen, aus dem sie eben getreten war, und alles zu tun, was irgend nützen könnte, der Ohnmächtigen das Bewußtsein wiederzugeben. Zuletzt gelang dies den vereinten Bemühungen beider Personen. Eveline schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf, schloß sie jedoch auf der Stelle wieder, ließ ihr Haupt an Rosens Brust sinken und verfiel in ein krampfhaftes Frösteln, bis die treue Dienerin unter vielen Liebkosungen ihr nun Hände und Schläfen rieb und endlich ausrief: »Sie lebt! – Sie erholt sich – Gelobt sei Gott!«
Das: »Gelobt sei Gott!« hallte in feierlichem Tone von dem Fenster des Zimmers wieder. Rose wandte sich erschrocken dahin um und erblickte, starr vor Staunen, das bewaffnete Haupt des Kriegsmannes, der in so gelegenem Augenblick ihr zu Hilfe gekommen war und sich, auf seinen Arm gestützt, zu dem Fenster emporgeholfen hatte, um in das Innere des Kabinetts sehen zu können.
Rose eilte sogleich auf ihn zu: »Geht! – geht, guter Freund,« sagte sie, »der Lohn soll Euch zu anderer Zeit werden. – Geht! – Entfernt Euch! – Doch wartet! – Bleibt auf Eurem Posten, daß ich Euch rufen kann, falls es noch einmal not tut. – Und nun geht und seid treu und verschwiegen!«