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Ohne ein Wort zu erwidern, gehorchte der Kriegsmann, und Rose sah ihn in den Graben wieder zurücksteigen. Darauf kehrte sie zu ihrer Gebieterin zurück, die in Gillians Armen lag, leise wimmernd und unverständliche Ausrufungen ausstoßend, was darauf schließen ließ, daß sie, durch irgend eine tief erschütternde Ursache veranlaßt, mit den heftigsten Empfindungen kämpfte.

Kaum hatte Dame Gillian ihre Kräfte wiedergefunden, als auch ihre Neugierde wieder rege wurde. – »Was bedeutet das alles?« fragte sie Rosen, »was ist zwischen Euch vorgegangen?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte Rose.

»Wenn Ihr es nicht wißt,« sagte Gillian, »wer soll es denn wissen? – Soll ich die andern Frauen rufen und das Haus in Alarm setzen?«

»Bei Leibe nicht,« sagte Rose; »tun wir nichts, so lange nicht Mylady imstande ist, selbst Befehl zu geben – und so wahr mir der Himmel helfe, ich will alles daran setzen, die Geheimnisse jenes Zimmers zu erfahren! Unterstützt derweilen meine Gebieterin!«

Mit diesen Worten nahm sie die Lampe in die Hand, schlug ein Kreuz auf der Stirn, überschritt kühn die geheimnisvolle Schwelle und blickte, das Licht hochhaltend, in das Gemach.

Es war ein altes, gewölbtes Zimmer, von mäßigem Umfange. Im Winkel hing ein roh geschnitztes Bild der heiligen Jungfrau über einem sächsischen Wasserbecken von sonderbarer Arbeit. Auch zwei Sitze und ein mit grobem Teppich gedecktes Lager, auf dem Eveline geruht zu haben schien, befanden sich in dem Raume. Scherben von dem zerschmetterten Fenster lagen auf dem Boden; doch rührte diese Oeffnung vom gewaltsamen Eindringen des Soldaten her, und Rose sah keinen andern Eingang, durch den ein Fremder hätte ins Zimmer gelangen können, da die Tür verschlossen und verriegelt gewesen war.

Jetzt empfand Rose selbst den Einfluß jener Schrecken, denen sie bisher stand gehalten hatte; geschwind warf sie ihren Rock über den Kopf, wie wenn sie ihre Augen vor einem schrecklichen Anblick zu bewahren suchte, und rannte ins Kabinett zurück, aber erheblich unsicheren Schrittes, als wie sie es verlassen hatte, und bat Dame Gillian um ihren Beistand, Evelinen in das nächste Zimmer zu führen. Sobald dieses geschehen, schloß sie sorgsam die Zwischentüren ab, um gleichsam eine Scheidewand zwischen sich und jeder drohenden Gefahr zu ziehen.

Lady Eveline hatte sich soweit erholt, daß sie aufrecht sitzen konnte; sie versuchte zu reden, konnte aber kaum lallen: »Rose, ich habe sie gesehen – mein Urteil ist gefällt.«

Rosen kam auf der Stelle der Gedanke, daß es unvorsichtig wäre, Gillian hören zu lassen. was ihre Gebieterin in solchem bangen Augenblicke weiter sagen möchte; schnell ging sie deshalb auf ihren vorhin abgewiesenen Vorschlag ein und bat sie, noch zwei andere Mädchen von der Dienerschaft ihrer Herrin herbeizuholen.

»Und wo soll ich sie finden in einem Hause,« sagte Gillian »in welchem fremde Männer mitternächtlicher Weile umherlaufen, und Teufel oder was weiß ich, ihren Spuk treiben?«

»Findet sie, wo Ihr könnt,« versetzte Rose heftig, »aber macht, daß Ihr wegkommt!«

Gillian ging langsam hinaus, ein paar unverständliche Worte murmelnd. Kaum war sie verschwunden, so ließ Rose ihrer eigenen Liebe zu ihrer Gebieterin die Zügel schießen und bat sie in den zärtlichsten Ausdrücken, die Augen doch aufzuschlagen und ihr ein Wort zu vergönnen, ihrer Rose, die ja, wenn es sein müsse, jederzeit bereit sei, für ihre Gebieterin das Leben zu lassen.

»Morgen, morgen, Rose,« flüsterte Eveline, »– ich kann jetzt nicht sprechen,«

»Erleichtert nur Euer Gemüt durch ein einziges Wort – sagt, was Euch in Schrecken gesetzt hat – was für Gefahren Ihr fürchtet.«

»Ich habe sie gesehen,« antwortete Eveline, »ich habe die Bewohnerin jenes Zimmers gesehen! die Erscheinung, verhängnisvoll für meinen Stamm! Bestürme mich nicht weiter, denn morgen sollst Du alles erfahren!«

Als Gillian mit den beiden andern Dienerinnen eintrat, hieß Rose sie die Herrin in ein entfernteres Zimmer bringen und auf ein Bett legen. Rose entließ hierauf die Dienerinnen wieder und hielt bei Evelinen weiter Wacht. Eine Zeitlang blieb diese noch unruhig und aufgeregt; allmählich aber gewann die Ermüdung ihr Recht, und sie sank in tiefen Schlummer, aus dem sie nicht eher erwachte, als bis die Sonne schon hoch über den fernen Hügeln stand.

Fünfzehntes Kapitel

Als Eveline die Augen aufschlug, schien sie keine Erinnerung mehr an die Ereignisse der vorigen Nacht zu haben. Sie blickte sich in dem Zimmer um, das, für Domestiken bestimmt, gering und armselig möbliert war, und sagte mit Lächeln zu Rosen: »Unsre gute Tante macht sich mit ihrer alten sächsischen Gastfreiheit recht geringe Kosten, was wenigstens das Quartier anbetrifft. Ich hätte ihr gern das zu reichliche Mahl von gestern erlassen, wenn sie mir ein weicheres Bett gegeben hätte. Die Glieder tun mir so weh, als wäre ich auf einer Tenne mit Dreschflegeln geschlagen worden,«

»Ich freue mich, Euch bei so guter Laune zu sehen,« antwortete Rose, mit klugem Bedacht jeden Bezug auf die nächtlichen Ereignisse vermeidend.

Dame Gillian war nicht so bedenklich . . . »Euer Gnaden legten sich, wenn mich nicht alles irrt, zur Nacht auf einem bessern Bett nieder,« sagte sie, »und Rose Flammock, wie auch Ihr selbst, muß doch am besten wissen, warum Ihr es verließet.«

Vermöchten Blicke zu töten, so wäre Dame Gillian in der tödlichsten Gefahr gewesen durch den Blick, den Rose zur Strafe für diese unbedachtsame Mitteilung auf sie schoß, Ihre Rede übte auf der Stelle die befürchtete Wirkung; Lady Eveline schien zwar anfangs nur überrascht und verwirrt; als aber die Erinnerung an das grausige Erlebnis in ihrer Seele wieder deutlicher erwachte, faltete sie die Hände, blickte zur Erde nieder und brach in krampfhaftes Weinen aus.

Rose beschwor sie, sich zu beruhigen, und schlug ihr vor, den sächsischen Kaplan des Hauses herbeizurufen, damit er ihr einigen geistlichen Trost reiche, wenn ihr Gram irdische Hilfe verschmähe.

»Nein, rufe ihn nicht,« sagte Eveline, das Haupt erhebend und ihre Tränen trocknend. »Ich habe übergenug von sächsischer Freundlichkeit. Wie konnte ich so töricht sein, von solch hartem, fühllosem Weibe Mitleid mit meiner Jugend zu erwarten? Rücksicht auf das schwere Herzeleid, das mich betroffen? Rücksicht auf mein Waisentum? Ich will ihr nicht den elenden Triumph über das normannische Blut der Berenger gönnen, daß sie es mir ansieht, wie schwer ich unter ihrer unmenschlichen Züchtigung gelitten habe! Aber fürs erste, Rose,« rief sie, »antworte mir aufrichtig: war irgend ein Hausgenosse von Baldringham Zeuge meiner Not in dieser Nacht?«

Rose versicherte, daß sie nur von ihren eigenen Leuten, von ihr selbst, Gillian, Blanche und Ternotte bedient worden sei, und diese Versicherung schien sie zu beruhigen . . . »Hört mich an, Ihr beiden,« sagte sie, »und wenn Ihr mich liebt, und wenn Ihr mich fürchtet, dann leistet meinem Worte Folge. Laßt keine Silbe von dem, was heute nacht vorgefallen, über Eure Lippen kommen! Sagt's auch den andern Mädchen! Helft mir, Gillian, und auch Du, herzliebe Rose, diese häßliche Kleidung zu wechseln und mein aufgelöstes Haar zu ordnen! Es war eine elende Rache, die sie suchte, und alles nur meiner Abkunft wegen. Aber nicht die leiseste Spur von dem Herzeleid soll sie sehen, das sie mir verursacht hat.«

Bei diesen Worten funkelte ihr Auge zornig, und der Zorn schien die Tränen zu trocknen, die vorher dort standen, Rose sah diese Wandlung in ihrem Benehmen halb mit Freude, halb mit Bangen, sah sie doch ein, daß jetzt bei ihr Stimmungen vorherrschen mußten wie bei einem verwöhnten Kinde, das von seiner Umgebung bisher mit Schonung und Nachsicht behandelt worden und sich auf einmal grob und unwirsch angefaßt sieht.

»Gott weiß es,« sagte das treue Mädchen, »ich wollte lieber meine Hand in geschmolzenes Blei stecken als Tränen aus Euren Augen darauf fühlen. Und doch, meine süße Herrin, möchte ich Euch jetzt lieber traurig als zornig sehen! Diese alte Lady hat sich, allem Anschein nach, nur an einen alten abergläubischen Brauch ihrer Familie, die ja zum Teil auch die Eurige ist, gehalten: ihr Name steht in hoher Achtung um ihrer Lebensführung, wie ihrer Besitzungen willen; und da Ihr von den Normannen so hart bedrängt werdet, mit denen die Euch verwandte Priorin wohl einverstanden sein dürfte, so trug ich mich mit der Hoffnung, daß Ihr Schutz und Stütze bei der Lady von Baldringham finden möchtet.«