Выбрать главу

»Niemals, Rose, niemals,« entgegnete Eveline, »Ihr wißt es ja nicht, und könnt es auch nicht ahnen, was sie mich hat leiden lassen – wie sie mich bösem Zauberwerk, ja dem bösen Feinde preisgegeben hat! Du selbst sagtest es, und Deine Worte waren wahr, Kind! daß die Sachsen noch immer halbe Heiden seien und weder christlichen Sinn, noch Bildung, noch Menschlichkeit besäßen.«

»Ja, aber,« erwiderte Rose, »damals sagte ich es, um Euch vor Gefahr zu warnen – nun aber, da die Gefahr vorbei ist, urteile ich anders,«

»Sprich nicht zu ihren Gunsten, Rose,« rief Eveline zornig, »noch nie ist ein unschuldigeres Opfer mit solcher Lieblosigkeit zum Altar eines Dämons hingezerrt worden, wie meines Vaters Verwandte mich hinzerrte – mich, eine Waise – die ihres natürlichen, mächtigen Schutzes beraubt ist! Mir ist ihre Grausamkeit verhaßt – mir ist ihr Haus verhaßt – ich hasse den Gedanken an alles, was hier vorgefallen ist – an alles, Rose, Deine beispiellose Treue und Anhänglichkeit ausgenommen. – Geh, Rose! Befiehl unserm Gefolge, auf der Stelle zu satteln. – Ich will auf der Stelle von hinnen – nein! ich mag mich nicht putzen,« rief sie und wies den Beistand, den sie eben erst verlangt hatte, von sich – »ich will kein Gepränge weiter – will mich mit keinem Abschied mehr aufhalten!«

In dieser heftigen, erregten Weise ihrer Herrin erkannte Rose mit lebhafter Sorge eine andere Phase jener reizbaren, erregten Stimmung, die sich zuvor in Tränen und Ohnmächten kund getan hatte. Doch da sie zugleich merkte, daß Vorstellungen vergeblich sein mochten, erteilte sie dem Gefolge die nötigen Befehle zum Satteln und zur Herrichtung zur Abreise, in der Hoffnung, daß, wenn ihre Gebieterin erst von dem Schauplatze fern sein würde, wo ihr Gemüt solch starke Erschütterung erhalten, auch ihre Fassung sich nach und nach wieder einfinden werde.

Frau Gillian war demzufolge eben damit befaßt, das Gepäck zu ordnen, und die übrige Dienerschaft war bei den Vorbereitungen zur schleunigen Abreise, als unter Vorantritt ihres Haushofmeisters, der zugleich eine Art von Hofmarschall abgab, auf ihre Vertraute Berwine gestützt und gefolgt von einigen ihrer Hausbeamten, mit dem Ausdruck des Unmuts auf ihrer greisen, doch hohen Stirn, Lady Ermengard ins Zimmer trat.

Eveline war mit zitternden Händen und brennenden Wangen, und unter andern Zeichen innerer Erregung, selbst beim Packen mit tätig, als ihre Verwandte erschien; da zeigte sie plötzlich, zu Roses lebhaftem Erstaunen, die größte Selbstbeherrschung, unterdrückte jeden äußern Anschein von Verwirrung und trat ihrer Verwandten mit ruhigem, aber stolzem Wesen, gleich dem ihrigen, entgegen.

»Ich will Euch, Nichte, nur einen guten Morgen sagen,« sprach Ermengard, zwar mit hartem Tone, aber doch, durch Evelinens Verhalten gezwungen, mit größerer Rücksicht, als sie erst willens sein mochte; »ich sehe, daß es Euch beliebt hat, das Zimmer, das wir Euch nach alter Sitte unseres Hauses anwiesen, zu verlassen, um Euch in das Zimmer eines Dienstboten zu begeben.«

»Staunet Ihr darüber, Lady?« fragte Eveline ihrerseits, »oder seid Ihr unzufrieden, daß Ihr mich nicht als Leiche in jenem Zimmer wiederfindet, das Eure Gastfreiheit und liebevolle Rücksicht mir zuwiesen?«

»So ist Euer Schlummer gestört worden?« fragte Ermengard und blickte Evelinen scharf an.

»Da ich mich nicht beklage, Tante, kann die Unannehmlichkeit nicht übergroß gewesen sein. Was geschehen ist, ist vorbei, und Euch mit Worten darüber zu belästigen, ist nicht meine Absicht,«

»Die mit dem roten Finger,« erwiderte Ermengard triumphierend, »liebt kein fremdes Blut.« »Noch weniger Ursache hatte sie bei Lebzeiten, Sachsenblut zu lieben,« versetzte Eveline, »sofern nicht die Legende falsch berichtet oder, wie ich argwöhne, Euer Haus, statt von der Seele der Toten, die in seinen Mauern litt, von bösen Geistern, die ja die Abkömmlinge von Hengist und Horsa noch insgeheim verehren sollen, besucht wird.«

»Ihr beliebt zu scherzen, meine Tochter,« rief die alte Lady im hellen Zorn, »oder falls Eure Worte ernstlich gemeint sind, dann hat der Pfeil Eures Vorwurfs sein Ziel verfehlt. Ein Haus, gesegnet durch den heiligen Dunstan und den heiligen Bekenner, [Eduard der Bekenner, letzter angelsächsischer König, starb 1066 und wurde wegen seiner Frömmigkeit unter die Heiligen versetzt; den Namen Bekenner führte er, weil er ein großer Verehrer des Sakraments der Beichte war.] ist keine Wohnung für böse Geister.«

»Das Haus von Baldringham,« erwiderte Eveline, »ist keine Wohnung für Menschen, die solche Geister fürchten, und da ich in aller Demut mich zur Zahl derselben bekenne, will ich es eben jetzt der Obhut des heiligen Dunstan überlassen.«

»Doch nicht, bis Ihr das Frühstück eingenommen, will ich meinen,« sagte Lady von Baldringham; »solche Schmach werdet Ihr hoffentlich nicht meinen Jahren und unserer Verwandtschaft antun.«

»Verzeiht mir, Madame,« erwiderte Lady Eveline, »wer Eure Gastfreiheit erlitt, hat wenig Grund, sich nach dem Frühstück zu sehnen ... Rose, sind denn die trägen Burschen noch immer nicht unten im Hofe? Liegen sie gar noch im Bette, den Schlaf nachzuholen, aus dem sie durch mitternächtlichen Lärm aufgeschreckt wurden?«

Rose meldete gleich darauf, das Gefolge halte bereits im Hofe, worauf Eveline mit einer flüchtigen Verneigung an ihrer Verwandten vorbei aus dem Zimmer eilen wollte, Ermengard aber trat ihr mit grimmigen Blicken in den Weg, die auf ein wilderes Maß von Zorn schließen ließen, als sich mit dem dünnern Blut ihres hohen Alters vertragen mochte, ja sie erhob ihren Stab von Ebenholz, als wollte sie zu persönlicher Züchtigung greifen; aber sie änderte ihren Vorsatz und machte plötzlich Evelinen Platz, die nun, ohne weiter ein Wort zu verlieren, ging; wahrend sie über die Treppe hinunterstieg, die zur Haustür führte, hörte sie die Stimme ihrer Tante hinter sich her, gleich der Stimme einer betagten und beleidigten Sibylle, die Dünkel und Vermessenheit, Ach und Wehe prophezeite.

»Stolz,« rief sie, »schreitet der Vernichtung vorher, und Hochmut kommt vor dem Falle. Die das Haus ihrer Altvordern verhöhnt, sollen nie des Alters hehre Silberlocken schmücken! Die einen Mann des Krieges und Blutes heiratet, soll weder in Frieden noch ohne Blut ihr Leben beschließen!«

Um diesen und weitern Verwünschungen zu entgehen, flog Eveline aus dem Hause, schwang sich eilig auf ihr Roß und sprengte, umgeben von ihrem Gefolge, das, ohne Grund und Ursache zu erraten, mit unter den Bann des Schreckens geriet, in den Wald hinein, sich auf den mit der Gegend wohlbekannten Raoul als Führer verlassend.

Tief erschüttert, daß sie das Haus einer so nahen Verwandten, statt mit ihrem Segen, mit ihrem Fluch beladen – verlassen mußte, galoppierte Eveline rastlos vorwärts, bis die hohen Eichen mit ihrem Geäst die unselige Behausung vor ihren Blicken verbargen.

Bald hörte man Pferdegalopp. Es war die Patrouille, die der Connetable zur Bedeckung des Hauses zurückgelassen und die von ihren verschiedenen Posten herbeieilte, Lady Eveline auf ihrem eiligen Ritte nach Gloucester zu begleiten. Der gewöhnliche Weg dorthin führte durch den großen Wald von Darne, damals noch fast ein Urwald zu nennen, den die Eisenhütten der spätern Jahre freilich stark gelichtet haben. Die Reiter schlossen sich an Evelinens Gefolge; ihre Rüstungen blinkten in der Morgensonne, ihre Trompeten schmetterten lustig, ihre Rosse bäumten sich unter lautem Gewieher; auf ihren Lanzen flatterten die langen Fähnlein, luftig kündend von dem kecken Mute, der ihre Träger beseelte. Dieser kriegerische Charakter ihrer normannischen Landsleute erweckte in Evelinens Brust ein gewisses Gefühl der Sicherheit und des Triumphes, das dazu beitrug, ihre düstern Gedanken zu verjagen und die fieberhafte Erschütterung ihrer Nerven zu mildern. Auch die höher steigende Sonne – der Gesang der Vögel im Laube – das Blöken der Herden auf den Weiden, der Anblick der mit ihren Kälbchen durch die Lichtungen streifenden Rehe: dies alles trug das seinige bei, den Schrecken über die nächtliche Erscheinung, die sie erschaut, zu zerstreuen und den heftigen Zorn zu beschwichtigen, der ihren Busen beim Wegritt von Baldringham bewegte. Sie ließ ihr Pferd nun langsamer laufen und widmete ihrem Reitkleid und Kopfputz, die infolge der eiligen Abreise gar manches zu wünschen ließen, einige notwendige Aufmerksamkeit. Rose sah, wie von ihrer Wange die fliegende Zornesröte wich und einer auf Ruhe deutenden Blässe das Feld räumte – wie ihr Auge nicht länger mehr unstet, sondern fest und sicher auf ihren kriegerischen Begleitern ruhte, und hielt ihr – was bei andern Gelegenheiten kaum der Fall gewesen wäre – die lauten Lobreden auf ihre Heimat und Landsleute zugute.