»Unter dem Schuh unsrer siegreichen Normänner,« sagte Eveline, »reisen wir sicher: sie beseelt der edle Zorn des reißenden Löwen, und bei aller Romantik, die sie umwebt, sind sie frei von Tücke und Niedertracht; sie kennen die Pflichten des Hauses nicht minder als die der Schlacht, und werden, selbst wenn sie als Krieger unterliegen sollten – was aber nur der Fall sein kann, wenn Plinlimmon von seiner Höhe gestürzt wird – immer durch Großmut und seine Sitte jedes andere Volk übertreffen.«
»Ich kann diese Vorzüge nicht in dem Maße fühlen, als wenn ich von ihrem Blute wäre,« sagte Rose; »immerhin freue ich mich ihrer Anwesenheit in diesen Wäldern, in denen man Gefahren von mancherlei Art begegnen soll. Ja, ich muß gestehen, daß mir das Herz um so leichter ist, als ich nicht die geringste Spur mehr von jenem alten Herrensitze gewahre, in welchem wir eine so schlimme Nacht zubrachten, daß die Erinnerung daran mir ewig verhaßt bleiben wird.«
Eveline sah sie scharf an ... »Sprich die Wahrheit, Rose! Du möchtest Dein bestes Mieder dafür opfern, wenn Dir volle Kenntnis meines grausigen Abenteuers würde?«
»Das hieße nur zugestehen, daß ich Weib bin,« antwortete Rose; »und selbst als Mann, möchte ich behaupten, dürfte ich kaum weniger Neugierde, das zu erfahren, besitzen.«
»Du rückst nicht andere Empfindungen, mein, Schicksal zu erfahren, in den Vordergrund,« sagte Eveline, »und doch, süße Rose, bin ich darum nicht weniger überzeugt, daß auch sie Dir nicht fehlen ... Glaube mir. Du sollst alles wissen, nur jetzt nicht, Kind, nur jetzt nicht!«
»Ganz wie es Euch beliebt,« sagte Rose, »aber ich sollte doch denken, daß, so lange Ihr ein so schweres Geheimnis allein mit Euch herumtragt, die Last schier unerträglich sein müsse. Auf mein Stillschweigen könnt Ihr Euch doch so verlassen, wie wenn Ihr vor einem Heiligenbilde stündet. Zudem wird man um so vertrauter mit Dingen, je öfter man darüber spricht; und was einem vertraut ist, verliert zuletzt seine Schrecken.«
»Du hast recht, meine kluge Rose, und wenn ich auf die stattliche Kriegerschar blicke, in deren Mitte mich, gleich einer Blüte auf dem Busch, mein wackrer Zelter trägt – wenn ich die balsamischen Lüfte atme, die uns umwehen, wenn ich die Blumen sehe, die um mich her sprießen, die Vöglein überall zwitschern höre und Dich an meiner Seite sehe – o Rose, dann sagt auch mir mein Herz, daß es jetzt die schicklichste Zeit ist. Dir anzuvertrauen, was Du so heiß zu wissen begehrst – und – ja, Rose! – Du sollst alles wissen! So sprich denn, Kind! Ist Dir bekannt, was die Sachsen hierzulande unter der Bezeichnung Bahrgeist verstehen?«
»Verzeiht mir, Lady,« antwortete Rose, »mein Vater wollte es nie dulden, daß ich solchen Erzählungen mein Ohr lieh. Er meinte immer, es seien böse Wesen genug zu sehen, daß man sie nicht erst noch in der Phantasie zu sehen brauchte. Vom Bahrgeist habe ich wohl aus Gillians und anderer Sachsen Munde gehört; aber mir schien in dem Worte immer so etwas Unklares von Grausigkeit zu liegen, daß ich nie nach einer Erklärung gefragt, auch nie eine bekommen habe.«
»So wisse, Kind,« sagte Eveline, »es ist ein Gespenst, gemeinhin das Bild eines Verstorbenen, der entweder um eines Unrechts willen, das ihm an einem bestimmten Orte bei Lebzeiten zugefügt worden oder wegen irgendwo verborgener Schätze oder aus irgend einem andern Grunde solcher Art, von Zeit zu Zeit sich eben da blicken läßt, an Menschen, die nach ihm dort wohnen, dauernd Anteil nimmt, bisweilen ihnen zum Segen, bisweilen auch ihnen zum Unsegen. Der Bahrgeist ist also manchmal ein guter Genius, manchmal ein rächender Teufel für alle die, mit denen er in Berührung tritt. Dem edlen Hause Baldringham ist es nun vom Schicksal bestimmt worden, den Heimsuchungen solches Wesens ausgesetzt zu sein.«
»Darf ich nach der Ursache solcher Heimsuchungen fragen, falls sie bekannt ist?« fragte Rose, eifrig bemüht, die Gesprächigkeit ihrer jungen Herrin, die vielleicht nicht lange andauern möchte, wahrzunehmen.
»Ich kenne die Sage nur obenhin,« sagte Eveline und fuhr, endlich ihrer Seelenangst Herrin geworden, mit Ruhe fort; »für gewöhnlich hört man sie so erzählen: Baldrick, ein sächsischer Held, der erste Herr über diesen Wohnsitz, verliebte sich in eine schöne Britin, die, wie es hieß, von den Druiden herstammte, deren die Walliser so oft erwähnen, und nicht unbekannt mit den Zauberkünsten gewesen sein soll, die hierzulande im Schwange waren zu der Zeit, da noch Menschenopfer dargebracht wurden. Nach etwa zweijähriger Ehe wurde Baldrick seiner Frau überdrüssig, so daß er den grausamen Entschluß, sie umzubringen faßte. Einige sagten, er habe an ihrer Treue gezweifelt, andre, die Kirche hätte darauf gedrungen, weil die Frau sich der Ketzerei verdächtig gemacht, noch andere, er habe sie aus dem Wege geschafft, um für eine reiche Frau Platz zu schaffen – aber in der Sache selbst stimmen alle überein. Er sandte zwei von seinen Leuten nach Baldringham, die unglückliche Wanda zu töten, und befahl ihnen, ihm zum Zeichen, daß sie seine Befehle vollzogen hätten, den Ring zu bringen, den sie am Hochzeitstage getragen. Unbarmherzig vollzogen sie ihren Auftrag und erdrosselten Wanda in jenem Gemache; da aber ihre Hand so geschwollen war, daß sie den Ring mit aller Gewalt nicht abziehen konnten, schnitten sie ihr den Finger ab. Aber lange schon vor der Rückkehr der grausamen Vollstrecker des blutigen Auftrags war der Schatten der Ermordeten ihrem Gemahl erschienen, reckte ihm die blutige Hand entgegen und kündete ihm auf so furchtbare Weise, wie schnell sein barbarischer Befehl erfüllt worden sei. Nachdem sie ihn in Krieg und Frieden, in Einsamkeit, am Hofe, im Lager gespenstisch verfolgt, bis er in Verzweiflung auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande starb, wurde der Bahrgeist, wie hinfort der Geist der ermordeten Wanda hieß, dem Hause Baldringham so furchtbar, daß erst die Hilfe des heiligen Dunstan hinreichte, seinen Heimsuchungen ein Ziel zu setzen. Ja, als endlich dem gepriesenen Heiligen seine Beschwörungen gelangen, legte er zur Strafe für Baldricks Verbrechen allen Frauen seines Hauses bis ins dritte und vierte Glied die harte, ewige Buße auf, einmal in ihrem Leben und vor dem einundzwanzigsten Jahre eine einsame Nacht in dem Zimmer der ermordeten Wanda zuzubringen und dort Gebete sowohl für ihre eigne als für die Ruhe der im Fegfeuer leidenden Seele ihres Mörders zu verrichten. In dieser schreckensvollen Stunde, glaubt man allgemein, erscheint der Geist der Ermordeten derjenigen Frau, die diese fromme Nachtwache hält, und gibt ihr ein Zeichen von ihrem künftigen, ob guten oder bösen Schicksal. Ist es günstig, so erscheint sie mit einem lächelnden Angesicht und bekreuzt sie mit der unblutigen Hand; trauriges Schicksal aber zeigt sie mit der Hand an, der der Ringfinger fehlt, mit strengen Blicken, wenn sie den Nachkommen ihres Mörders seine herzlose Grausamkeit fühlen lassen möchte. Bisweilen soll sie auch sprechen. All diese Umstände erfuhr ich schon vor langer Zeit aus dem Munde einer alten Sächsin, der Mutter unserer Hausmeierin, die im Dienste meiner Großmutter stand und das Haus Baldringham verließ, als jene mit meinem Großvater aus ihm entfloh.« »Hat eure Großmutter je diese Nachtwache verrichtet,« fragte Rose, »die – mit Vergunst des heiligen Dunstan! – den Menschen in allzunahe Berührung mit einem Wesen zweifelhafter Natur zu setzen scheint?«