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»So dachte auch mein Großvater und erlaubte meiner Großmutter nie, nach der Heirat den Fuß nach Baldringham zu setzen. Daraus entstand die Zwietracht zwischen ihm und seinem Sohne einerseits, den Gliedern jenes Hauses anderseits. Mehrere Unglücksfälle und besonders den Verlust ihrer männlichen Erben, der sie zu dieser Zeit traf, schrieb man meiner Mutter zu, weil sie die übliche Wache beim Bahrgeist des Hauses nicht verrichtet hatte.«

»Aber wie konntet Ihr, teuerste Lady,« sagte Rose, »da Ihr wußtet, daß die Baldringhams unter sich an solch gräßlicher Sitte festhielten, auch nur daran denken, die Einladung der Lady Ermengard anzunehmen? Was konnte Euch hierzu bestimmen?«

»Kaum vermag ich hierauf zu antworten, Teils Entsetzen über meines Vaters unglückliches Geschick, von der Hand seines Todfeindes zu fallen, das ihm, wie ich aus seinem Munde hörte, von seiner Tante prophezeit worden – teils aber die unselige Hoffnung, daß man, wenn mich zu großer Schrecken befallen sollte, menschlich genug empfinden werde, mich nicht weiter in dem grausen Zimmer weilen zu lassen. Ihr habt gesehen, wie fest meine hartherzige Tante an dieser Gelegenheit hielt, und wie sie es mir unmöglich machte – trotzdem ich nicht bloß den Namen Berenger führe, sondern mich vom Geiste der Berengers erfüllt fühle, – aus dem Netze zu entrinnen, in das ich mich selbst verwickelt hatte.«

»Nie hätte Rücksicht auf Stand und Namen mich verpflichtet,« erwiderte Rose, »mich an einen Ort zu begeben, wo schon die Furcht allein, ganz abgesehen von dem Schrecknis einer wirklichen Erscheinung, meine Vermessenheit mit Wahnsinn hätte strafen können. – Aber, im Namen Gottes, was sahet Ihr in jener grausigen Nacht?«

»Ja, das eben ist die Frage,« sagte Eveline, die Hand an ihre Stirn legend, – »wie ich habe sehen können, was ich wirklich so deutlich sah, und doch noch Herr meiner Gedanken und meines Verstandes bleiben konnte! – Ich hatte die vorgeschriebene Andacht für den Mörder und sein Opfer verrichtet, mich auf mein Lager gesetzt und die Kleider abgelegt, die mir zu unbequem im Schlafe waren, – kurz, ich hatte den ersten Eindruck, den mir der Eintritt in das Zimmer machte, überwunden, und hoffte, unschuldigen Sinnes, wie ich war, die Nacht in sanftem Schlummer zu verbringen – sollte aber gräßlich enttäuscht werden. Ich kann nicht sagen, wie lange ich geschlafen hatte, als meine Brust durch eine Last von unheimlicher Schwere gedrückt wurde, die mir die Stimme zu rauben, den Schlag des Herzens zu hemmen und den Atem zu beklemmen schien; und als ich nun mühsam das Auge aufschlug, die Ursache dieses schrecklichen Alpdrucks zu erspähen, da stand die Gestalt der ermordeten Matrone an meinem Lager, in Ueberlebensgröße, gleich einem düstern Schatten, mit einem Gesicht, in welchem Züge von Würde und Schönheit mit dem stolzen Ausdruck der Rachlust sich vermengten. Sie hielt die Hand über mir, die das blutige Zeichen ihrer Ermordung trug und schien, das Kreuz über mich schlagend, dem Untergange mich zu weihen, während sie mit überirdischer Stimme die Worte hervorstieß:

Verwitwete Gattin, jungfräuliche Ehe,

Verlobet, verratend, verraten – Wehe! –

Das Phantom beugte sich über mich, während es also sprach, und senkte seinen blutigen Finger, wie um mein Gesicht zu berühren, als mir Entsetzen die Kraft wieder lieh, die es mir vorher genommen – ich schrie laut auf – das Fenster wurde eingeschlagen – die Scheiben klirrten – doch wozu soll ich Dir das erzählen, Rose, da Deine Augen, das Zucken Deiner Lippen mir deutlich sagen, daß Du mich für eine kindische Träumerin hältst?«

»Zürnet nicht, meine teure Lady,« sagte Rose, »ich glaube wirklich, daß die Hexe, die wir Nachtmahr nennen, Euch heimgesucht hat; aber sie wird von den Aerzten nicht für ein Phantom gehalten, das existiert, sondern für ein Gebilde unserer durch irgend ein leibliches Unwohlsein gestörten Phantasie.« »Du bist ein kluges Mädchen, Rose,« antwortete Eveline verdrießlich, »aber wenn ich Dir sage, daß mir mein guter Engel in menschlicher Gestalt zu Hilfe kam – daß infolge seines Erscheinens der böse Geist verschwand – und daß mein guter Engel mich auf den Armen aus dem Schreckenszimmer trug, dann, denke ich, mußt Du, als gute Christin mehr Glauben an meine Rede gewinnen.«

»Gewiß, gewiß – meine liebe, liebe Herrin! aber,« erwiderte Rose, »ich kann's darum erst recht nicht! Gerade der Umstand mit dem Schutzengel bestimmt mich, das Ganze für einen Traum anzusehen. – Eine normannische Schildwacht, die ich selbst von ihrem Posten rief, um über Euch zu wachen, war es, die zu Eurem Beistande in Euer Zimmer brach und Euch im leblosen Zustande auf seinen Armen hinaustrug.«

»Ein normännischer Soldat? Ha!« rief Eveline, blutrot werdend, »und wer war es, Mädchen, dem Du Auftrag zu geben wagtest, in mein Schlafzimmer einzubrechen?«

»Eure Augen blitzen vor Zorn, meine Dame, aber tun sie auch recht? – Drang nicht Euer Todesgeschrei mir zu Ohren? Und sollte ich in solchem Augenblick von Rücksichten mich im Banne halten lassen? – So wenig, als wenn das Haus in Flammen gestanden hätte!«

»Ich frage Dich noch einmal, Rose,« sagte ihre Gebieterin, noch immer ungehalten, wenn auch nicht mehr zornig, »wen Du zu mir ins Zimmer dringen hießest?«

»Ich weiß es wirklich nicht, Lady,« antwortete Rose beklommen, »war er doch dicht in seinen Mantel gehüllt und war doch gar keine Zeit, ihm ins Gesicht zu sehen, selbst wenn es sich hätte ansehen lassen! Aber ich werde ihn bald entdecken und werde um so mehr bedacht sein, ihn zu finden, damit ihm die Belohnung zuteil werde, die ich ihm versprach – damit ich ihn warne, bescheiden zu schweigen.«

»Das tue,« sagte Eveline, »und wenn Du ihn unter denen findest, die uns begleiten, so will ich mich an Deine Meinung halten und glauben, daß an dem Weh, das ich in dieser Nacht erduldete, meine Phantasie den größten Anteil hatte.«

Rose gab ihrem Pferde einen leichten Hieb, und von ihrer Gebieterin begleitet, ritt sie zu Philipp Guarine, dem Squire des Connetable, der zurzeit das Kommando über die kleine Schar führte ... »Lieber Guarine,« sagte sie, »ich habe mit einem der heut nacht ausgestellten Posten von meinem Fenster aus gesprochen; er hat mir einen Dienst geleistet, für den ich ihm Belohnung versprach – wollt Ihr mir den Gefallen tun, Nachfrage unter Euren Reitern zu halten, damit ich meine Schuld entrichten kann?«

»O gewiß, mein schönes Kind,« antwortete der Squire, »bin ich doch auch ihm eine Erkenntlichkeit dafür schuldig, daß er sich auf Lanzenweite dem Fenster näherte, Zwiesprach zu halten und den ihm erteilten gemessenen Befehl zu übertreten!«

»Still! still! Ihr müßt's ihm mir zuliebe nachsehen!« rief Rose, »hätte ich doch beinah Euch selbst gerufen, wackerer Guarine, und es – ich stehe dafür – auch über Euch vermocht, unter mein Kammerfenster zu treten.«

Guarine lachte und zuckte die Achseln ... »Freilich ist's wahr,« sagte er, »wo Weiber im Spiel sind, ist Kriegszucht in Gefahr.«

Er hielt sogleich Nachfrage unter seiner Schar, kehrte aber mit der Beteuerung zurück, daß keiner derselben es wahr wissen sollte – obgleich er jeden einzelnen ins Verhör genommen – sich dem Schlosse Baldringham in der vergangenen Nacht auf Rufweite genähert zu haben.

»Da siehst Du!« sagte Eveline zu ihrer Dienerin mit bedeutsamen Blicken.