»Die armen Schelme fürchten sich vor ihres Hauptmanns Strenge,« antwortete Rose, »und trauen sich nicht mit der Wahrheit heraus! – Es wird schon einer zu mir kommen und insgeheim sich seinen Lohn abholen.«
»Ich wollte, dies Vorrecht gehörte mir selbst, Jungfer,« sagte Guarine, »aber meine Burschen sind so zaghaft nicht, wie Ihr denkt, sondern nur allzubereit, sich ihrer Streiche zu rühmen, wenn sie auch wenig Entschuldigung verdienen ... Zudem versprach ich ihnen Straflosigkeit! ... Habt Ihr sonst noch etwas zu befehlen?«
»Nichts, guter Guarine,« sagte Eveline, »nur die kleine Gabe hier zu Wein für Eure Mannschaft, damit sie die nächste Nacht lustiger zubringe als die vergangene ... So! nun ist er weg! und nun, Mädchen, sollst Du merken, daß das, was Du sahst, kein irdisches Wesen war!«
»Ich muß meinen eigenen Augen und Ohren glauben, Herrin,« erwiderte Rose.
»Das tue, erlaube aber mir das gleiche Recht,« sagte Eveline; »mein Retter – denn so muß ich ihn nennen – hatte die Züge eines Mannes, der nie in der Nachbarschaft von Baldringham gewesen oder hat sein können. Sage mir nur noch eins! Was denkst Du von der seltsamen Weissagung:
Verwitwete Gattin, jungfräuliche Ehe,
Verlobt, verratend, verraten, – Wehe!
Du Wirst sagen, es sei nichts als eine Ausgeburt meines Gehirns, – nimm es aber einen Augenblick für den Spruch eines echten Propheten, was würdest Du dann dazu sagen?« »Daß Ihr wohl verraten werden könntet, teuerste Lady, nie aber Verräterin sein könntet,« antwortete Rose lebhaft.
Eveline streckte ihrer Freundin die Hand entgegen, und Rosens Hand herzlich drückend, flüsterte sie ihr mit Wärme zu: »Ich danke Dir für Dein Urteil, das mein Herz bestätigt.«
Eine Staubwolke verkündigte jetzt die Annäherung des Connetable und seines Gefolges, vermehrt durch die Begleitung seines Freundes, Sir William Herbert, und einiger andern, von dessen Nachbarn und Verwandten, die sämtlich erschienen, der Waise von Garde Douloureuse, unter welchem Namen Eveline in den Gegenden, durch die sie reiste, bekannt war, ihre Huldigung darzubringen.«
Evelinen entging es nicht, daß de Lacy, als er sie begrüßte, mit Verdruß auf die Unordnung in ihrer Kleidung und ganzen Ausrüstung sah, die sich infolge ihrer eiligen Abreise von Baldringham notwendig gemacht hatte. Auch sie war durch einen Ausdruck in seinem Gesicht überrascht, der ihr zu sagen schien: »Mich als gewöhnlichen Menschen zu betrachten, den man ungestraft von oben herab behandeln darf, kann ich nicht gelten lassen.« – Zum erstenmale sah sie, daß des Connetables Gesicht, wenn es ihm auch an Anmut und Schönheit fehlte, heftige Leidenschaften recht wohl kraftvoll und lebendig auszudrücken vermochte, und daß, wer teil an seinem Range und Namen haben wolle, auch darauf rechnen müsse, auf allen persönlichen Willen zu verzichten und sich dem seinen als eigenmächtigen Herrn und Gebieter unbedingt unterzuordnen.
Die Wolke verzog sich jedoch bald von der Stirn des Connetables, und Eveline bekam Gelegenheit, in seiner Unterhaltung mit Herbert und den übrigen Rittern und Edlen, die sie auf ihrer Reise teils nur begrüßten, teils eine Strecke weit begleiteten, die Überlegenheit seines Geistes zu bewundern, wie auch die Aufmerksamkeit und Ergebenheit zu bemerken, mit der von Männern, die selbst von hohem Range waren und in ihrem Stolze niemand ein Uebergewicht eingeräumt hätten, das nicht auf tatsächliches Verdienst sich gründete, auf jedes Wort aus seinem Munde gelauscht wurde.
Frauen lassen sich in ihrem Urteil über einen Mann beeinflussen durch den Respekt, den er bei andern Männern genießt, und als Eveline die Reise zum Benediktinerkloster von Gloucester zurückgelegt hatte, konnte sie nicht anders, als voll Ehrerbietung des weitberühmten Kriegeshelden gedenken, dessen Geistesgaben ihn hoch über jeden, der sich ihr näherte, stellten. Als Gattin solches Mannes, dachte Eveline – und an Ehrgeiz mangelte es ihr nicht – müßte sich jede Frau, sofern sie nur auf gewisse Eigenschaften bei ihm verzichten wollte, die freilich im jugendlichen Alter die weibliche Phantasie am meisten fesseln, allzeit hochgeehrt und wertgehalten sehen und ein hohes Maß von Zufriedenheit, wenn auch nicht von romantischer Glückseligkeit, finden.
Sechzehntes Kapitel
Fast vier Monate verweilte Lady Eveline bei ihrer Tante, der Aebtissin des Benediktinerinnen-Klosters, unter deren Einfluß der Connetable seine Bewerbung gute Fortschritte machen sah, wie es wohl auch nicht anders der Fall gewesen wäre, wenn Raymond Berenger, Evelinens Vater, noch gelebt hätte. Freilich wohl läßt sich annehmen, daß, ohne den Glauben an jene Vision der heiligen Jungfrau und ohne das bei dieser Gelegenheit geleistete Gelübde, die bei einer so jugendlichen Person nur natürliche Abneigung gegen einen an Jahren ihr so ungleichen Mann ein schärferes Wort mitgesprochen hatte. In der Tat konnte sich auch Eveline, soviel Gerechtigkeit sie den Charaktereigenschaften und Fähigkeiten des Connetable widerfahren ließ, einer geheimen Scheu vor ihm nicht erwehren, und wenn sie seiner Bewerbung auch kein unbedingtes Nein entgegensetzte, empfand sie doch ein gewisses Gruseln bei dem Gedanken, daß ihm dieselbe schließlich doch noch glücken könnte.
Die vorbedeutenden Worte »verratend und verraten« traten ihr dann vor die Seele, und als nun ihre Tante – sobald die eigentliche Trauerzeit vorüber war – einen Termin für ihre Verlobung festsetzte, schaute sie ihm mit einem geheimen Grauen entgegen, von dem sie sich selbst keine Rechenschaft abzulegen wußte, aber auch nicht, wie von dem schrecklichen Traume zu Baldringham, dem Pater Aldrovand in der Beichte etwas offenbarte. Es beruhte nicht auf Widerwillen gegen den Connetable, noch weniger darauf, daß sie einem andern Bewerber den Vorzug vor ihm gegeben hätte, sondern vielmehr auf einer jener instinktmäßigen Regungen und Empfindungen, durch die uns die Natur vor naher Gefahr zu warnen scheint, obwohl sie uns weder über ihre Natur noch die Mittel, ihr zu begegnen, Aufklärung gibt. Diese Anfälle von Scheu und Bange waren zuweilen so stark, daß, wären sie durch Rosens Vorstellungen wie vordem unterstützt worden, Eveline vielleicht noch jetzt zu einem dem Connetable ungünstigen Entschluß gelangt wäre. Aber eifriger für ihrer Lady Ehre als Glück besorgt, wehrte Rose sich streng gegen jeden Versuch, sie in ihrem Vorhaben zu erschüttern, nachdem sie einmal zu de Lacys Bewerbung sich beifällig ausgesprochen hatte; und was sie auch dachte und vorher über diese Heirat gesagt hatte, so schien sie doch jetzt auf diese Verbindung wie auf ein Ereignis zu blicken, gegen dessen notwendigen Vollzug sich nichts mehr tun lasse und niemand mehr etwas tun dürfe.
De Lacy selbst, als er den hohen Wert des Preises, nach dem er strebte, kennen lernte, sah dieser Verbindung mit andern Empfindungen entgegen, als ihn Raymond Berengers Antrag gegenüber erfüllt hatten. Damals war es ihm nur ein Ehebund aus Interesse und Konvenienz, der einem stolzen, klugen Lehnsherrn als bestes Mittel zur Befestigung seiner Hausmacht und zur Fortpflanzung seines Geschlechts erschien. Selbst Evelinens strahlende Schönheit machte auf de Lacy nicht den Eindruck, wie auf den feurigen, leidenschaftlichen Geist der Ritter ihrer Zeit. Er war über das Alter hinweg, in welchem auch der weisere Mann sich durch die äußere Gestalt berücken läßt, und hätte nicht angestanden, der Wahrheit, daß er sich seine Braut, so schön sie sei, doch um einige Jahre älter, also zu seinem Wesen und seiner Denkweise passender, wünsche, die Ehre zu geben. Diese Anschauung änderte sich aber, als er beim wiederholten Beisammensein mit der ihm bestimmten Braut erkannte, wie fremd sie dem Leben sei und wie sehr sie sich sehnte, durch eine ihr überlegene Kraft geleitet zu werden; wie sie, obwohl begabt mit hohem Verstande, wie mit einem Gemüt, das allmählich seine natürliche Fröhlichkeit wiederfand, doch sanft und willig, dabei aber von festen Grundsätzen war, die dafür bürgten, daß sie den schlüpfrigen Pfad der Jugend, vornehmen Geburt und körperlichen Schönheit festen Schrittes und untadelhaft wandeln werde.