In dem Verhältnis, wie sich sein Herz für Evelinen in Flammen setzte, wurde ihm die für den Kreuzzug eingegangene Verpflichtung lästig. Die Aebtissin, Evelinens natürlicher Vormund, bestärkte ihn hierin. Obgleich Nonne und von hoher Gottesfurcht beseelt, hielt sie doch den heiligen Stand der Ehe in nicht minder hohen Ehren und stellte nicht in Abrede, daß er dem wichtigen Zweck, zu dem er eingegangen würde, nicht dienen könnte, wenn zwischen dem verehelichten Paare das ganze Festland Europas läge. Bei einer Andeutung des Connetables, daß ihn seine junge Gattin in das sittenlose Lager der Kreuzfahrer begleiten könne, bekreuzte sich die gute Dame mit Abscheu und verbat sich jedes weitere Wort nach dieser Richtung hin auf das nachdrücklichste.
Es war zudem für Könige, Fürsten und andere Personen von hohem Range nichts Ungewöhnliches, von dem Gelübde zur Befreiung Jerusalems entbunden zu werden, sofern man bei der Kirche in Rom nur gebührlich darum nachsuchte. Der Connetable befand sich in dem Vorteil, seines Souveräns Interesse dabei anführen zu können, war er unter dem Adel, dessen Tapferkeit und Klugheit König Heinrich hauptsächlich die Verteidigung der unruhigen Walliser Marken anvertraut hatte, doch keiner der Edelsten, und hatte er doch gewissermaßen ohne Erlaubnis desselben das Kreuz genommen.
Zwischen der Aebtissin und dem Connetable kam es daraufhin zu dem geheimen Abkommen, daß in Rom und beim Päpstlichen Legaten in England ein Aufschub für die Ableistung des Gelübdes auf wenigstens zwei Jahre nachgesucht werden sollte. Daß solche Gunst einem Manne von seinem Stande und Range abgeschlagen werden könnte, ließ sich nicht annehmen, zumal das Gesuch mit den freigebigsten Anerbietungen von Beihilfe zur Befreiung des heiligen Landes unterstützt wurde, wie unter anderm, daß er, wenn ihm die persönliche Teilnahme erlassen würde, hundert Lanzen auf seine Kosten stellen wolle, jede Lanze in Begleitung von zwei Knappen, drei Bogenschützen und einem Stalljungen: die doppelte Geleitschaft also, die er für seine Person in Anspruch genommen hätte; des Weiteren erbot er sich, die Summe von zweitausend Byzantinern zu den allgemeinen Kosten des Zuges beizusteuern und all die Schiffe, die er für seine Ausfahrt instand gesetzt hatte und die zu seiner Einschiffung bereit lagen, dem christlichen Heere zu überlassen.
Immerhin fürchtete der Connetable, daß seine Anerbietungen dem überaus strengen Kirchenfürsten Balduin nicht genügen möchten, der selbst den Kreuzzug gepredigt und den Connetable mit vielen anderen zu der heiligen Unternehmung gewonnen hatte, und nun zu seinem größten Verdruß sehen mußte, daß sein Werk in Gefahr geriete dadurch, daß ein so wichtiger Verbündeter sich von ihm abwendig machen wollte. Diesen Unmut soviel wie möglich zu besänftigen, erklärte sich der Connetable, falls ihm gewährt würde, in Britannien zu bleiben, noch dazu bereit, seinen Neffen Damian de Lucy als Führer seines Korps zu stellen, der schon Ruhm durch seine Rittertaten gewonnen hatte und, wenn dem Connetable Erben versagt blieben, als künftiges Haupt des alten Hauses zu gelten hätte. Freilich mußte er sich auch dann noch auf schwierige Verhandlungen mit dem stolzen und mächtigen Prälaten gefaßt machen, aber ebenfalls stolz und mächtig und von der Gunst seines Souveräns unterstützt, hoffte er auf einen günstigen Ausgang, zum mindesten auf keine Niederlage.
Die Notwendigkeit, diese Angelegenheit vor allem erst zu ordnen, wie auch das kürzlich erfolgte Abscheiden von Evelinens Vater brachten es mit sich, daß der Connetable sich von Turnieren und andern Festlichkeiten fernhielt. Ebenso untersagte die Klosterregel alle weltlichen Unterhaltungen wie Tanz und Musik. Obwohl nun der Connetable durch die prächtigsten Geschenke die Liebe zu seiner Braut zu beweisen suchte, nahm die ganze Sache nach Ansicht der vielerfahrenen Dame Gillian doch mehr das schwerfällige Tempo einer Beerdigungsfeier an, statt das flotte einer bevorstehenden Hochzeit.
Die Braut selbst hatte ähnliche Empfindungen, und wohl nicht ganz zufällig bloß geschah es, daß ihr Gedanken kamen, als könne alles einen fröhlichern Anstrich bekommen, wenn der junge Damian zur Stelle sei, dessen Alter zu dem ihrigen passe, dessen Temperament von dem seines ernsten Oheims so glücklich abstäche. Aber Damian kam nicht, und nach des Connetables Reden über ihn mußte sie glauben, daß die beiden nahverwandten Männer wenigstens auf gewisse Zeit Beschäftigung und Charakter vertauscht hätten. Der ältere de Lacy hielt zwar, wenn auch nur nominell, sein Gelübde weiter und wohnte in einem Pavillon vor den Toren von Gloucester; aber nur selten trug er jetzt seine Rüstung, und sein gemsledernes Kriegswams hatte köstlichem Damast und Seide weichen müssen; auch zeigte er in seinen vorgerückten Jahren größere Vorliebe für Prunk, als seine Altersgenossen selbst in der Jugend an ihm wahrgenommen hatten. Sein Neffe dagegen hielt sich fast immer an den Walliser Grenzen auf, die mannigfaltigen Wirren dort entweder gütlich oder mit bewaffneter Hand beizulegen, Eveline vernahm zu ihrer nicht geringen Verwunderung, daß sein Oheim ihn nur schwer dazu bestimmt hatte, bei ihrer Verlobung als Zeuge gewärtig zu sein.
Der Connetable bemerkte wiederholt nicht ohne Besorgnis, daß Damian sich selbst für seine Jahre zu wenig Ruhe gönne, zu wenig schlafe und sich viel zu sehr anstrenge – daß seine Gesundheit darunter leide– ja daß ein gelehrter jüdischer Arzt, über ihn zu Rate gezogen, die Meinung geäußert habe, dem jungen Ritter dürfte ein südlicheres Klima zuträglicher sein, die alten Kräfte wiederzugewinnen, als der neblige Norden.
Eveline vernahm diese Nachricht mit lebhaftem Bedauern, denn sie erinnerte sich Damians als des heilverkündenden Engels, der ihr die erste Nachricht von ihrer Errettung aus der Gewalt der Walliser brachte. Die Gelegenheit, bei der sie sich späterhin sahen, so traurig sie auch war, gewährte ihr doch in der Erinnerung Freude, denn der Jüngling hatte ein so vornehmes Benehmen, und hatte sie so warm zu trösten verstanden, daß sie ihn gern wiedergesehen hätte, um sich über die Natur seiner Krankheit selbst ein Urteil zu bilden, denn gleich andern Frauen jener Zeit war sie in der Heilkunst nicht ganz unerfahren und hatte vom Pater Aldrovand, der selbst kein unbedeutender Arzt war, aus Pflanzen und Kräutern die Heilkräfte für allerhand Krankheit zu gewinnen gelernt.
So vernahm sie mit recht großer Freude, in die sich wohl auch einige Verlegenheit mischte, daß sie bei einem so jungen Kranken ärztliche Ratgeberin sein solle, die Nachricht aus Fran Gillians Munde, daß sie Lord Connetables Verwandter zu sprechen verlange. Schnell nahm sie den Schleier um, den sie, um sich in die Gebräuche des Hauses zu fügen, zu tragen pflegte, und begab sich mit eiligen Schritten in das Sprechzimmer, befahl zwar ihrer Gillian, sie zu begleiten, fand aber diesmal keine willige Dienerin in dieser sonst so treuen Seele.
Als sie in das Zimmer trat, näherte sich ihr ein Mann, den sie vorher nie gesehen, ließ sich auf ein Knie nieder, und den Saum ihres Schleiers ergreifend, küßte er ihn mit dem Anschein tiefster Ehrfurcht. Erstaunt und beunruhigt trat sie zurück, obgleich der Fremde nichts an sich hatte, was Furcht rechtfertigen konnte. Er schien etwa dreißig Jahre alt zu sein, war groß, von edler, obwohl etwas verfallener Gestalt, und zeigte ein Gesicht, das die Spuren von Krankheit, wenn nicht Befriedigung frühzeitiger Leidenschaft trug. Sein Benehmen schien fast bis zum Uebermaße höflich. Evelinens Erstaunen entging ihm nicht: in stolzem Tone, doch mit innerer Bewegung sprach er: »Ich fürchte, mich geirrt zu haben, ist es mir doch, als ob mein Besuch als unwillkommene Zudringlichkeit angesehen werde.« »Steht auf, Sir,« antwortete Eveline, »und sagt mir Euren Namen und Euer Begehren. Man hatte mir einen Verwandten des Connetable von Ehester gemeldet.«
»Und Ihr habt das Jüngelchen, den Damian, erwartet?« erwiderte der Fremde. »Aber die Vermählung, deren Ruf durch ganz England ertönt, wird Euch mit andern Gliedern dieses Hauses in Beziehung setzen, und unter diesen mit dem Unglücklichen – Randal de Lacy. Vielleicht,« fuhr er fort, »hat die schöne Eveline Berenger diesen Namen von den Lippen seines glücklicheren Verwandten noch nicht vernommen – glücklicher in jeder Rücksicht, aber am glücklichsten ob der herrlichen Aussichten, die sich ihm jetzt eröffnen.«