Eine tiefe Verbeugung begleitete dies Kompliment, und Eveline stand da, fast außer sich vor Verlegenheit, was sie auf solche Höflichkeit erwidern sollte. Denn obgleich sie sich recht Wohl erinnerte, daß der Connetable eines Verwandten mit Namen Randal erwähnt hatte, als er von seiner Familie sprach, mit dem Bemerken, daß kein gutes Vernehmen unter ihnen herrschte, erwiderte sie jetzt doch seine Höflichkeit nur mit ein paar allgemeinen Dankworten für die Ehre seines Besuchs. In der Annahme aber, er werde sich nun entfernen, sollte sie sich doch getäuscht sehen, denn das war nicht seine Absicht.
»Die Kälte,« sagte er, »mit der mich Lady, Eveline empfängt, ist mir ein Zeichen dafür, daß, was mein Verwandter auch von mir gesagt hat – wenn er mich überhaupt einer Erwähnung gewürdigt hat, nicht günstig für mich gewesen ist. Dennoch stand mein Name einst im Felde und an den Höfen so hoch wie der des Connetable. Oder ist es etwas Schimpflicheres noch, wiewohl kaum etwas anderes als größerer Schimpf gilt denn Armut, die mich jetzt hindert, auf Ehrenstellen und Ruhm Anspruch zu machen? Sind's vielleicht die Tollheiten meiner Jugend? Nun, so zahlreich sie gewesen, so habe ich dafür gebüßt mit dem Verlust meines Vermögens und meiner äußern Ehre! Hierin hätte nur mein glücklicher Verwandter, wenn es ihm gefiele, mir beistehen können – ich meine nicht, mit seiner Börse oder seinem Ansehen; denn so arm ich bin, so möchte ich doch nicht von Almosen leben, die ich aus widerstrebender Hand eines mir entfremdeten Freundes herauswinken müßte! Nein, seine Hilfe soll ihn nichts kosten, und insofern könnte ich Wohl eine Gunst von ihm erwarten.«
»Darüber muß der Lord Connetable selbst urteilen,« sagte Eveline; »ich habe – bis jetzt wenigstens – kein Recht, mich in seine Familienangelegenheiten zu mischen, und wenn ich je ein solches Recht erlangen sollte, so wird es mir geziemen, mich seiner mit größter Vorsicht zu bedienen,«
»Das heißt klug geantwortet,« erwiderte Randal. »Aber was ich von Euch erbitte, ist weiter nichts als, daß es Euch bei Eurer Güte belieben möchte, meinem Vetter ein Gesuch vorzutragen, wozu ich meine rauhe Zunge nicht zwingen kann, es mit hinlänglicher Unterwürfigkeit auszusprechen. Die Wucherer, deren Forderungen in meinem Vermögen wie ein Krebs um sich gefressen haben, bedrohen mich jetzt mit dem Kerker: eine Drohung, die sie nicht einmal munkeln, viel weniger auszuführen versuchen dürfen, sähen sie mich nicht als einen Ausgestoßenen an, dem aller Schutz versagt ist, als einen Vagabunden, ohne Freund und Verwandten, statt eines Abkömmlings aus dem mächtigen Hause de Lacy.«
»Es sind das traurige Umstände,« erwiderte Eveline; »nur sehe ich nicht, wie ich Euch in dieser Not helfen kann.«
»Sehr leicht,« sagte Randal de Lacy. »Wie ich höre, ist der Tag Eurer Verlobung festgesetzt, und Ihr habt das Recht, die Zeugen zu dieser Festlichkeit, die alle Heiligen segnen mögen, zu wählen! Jedem andern außer mir ist An- oder Abwesenheit dabei eine bloße Sache der Zeremonie; für mich bedeutet es Leben oder Tod. In meiner Lage würde ein so auffallender Beweis von Nichtachtung oder Geringschätzung, wie es meine Ausschließung von dieser Familien-Zusammenkunft wäre, als das Zeichen meiner gänzlichen Verstoßung aus dem Hause der de Lacy erscheinen. Tausende von Bluthunden werden dann ohne Gnade und Schonung über mich herfallen, die, Memmen wie sie sind, auch nicht der geringste Beweis von Rücksicht meines mächtigen Vetters gegen mich zwingen möchte, es auch nur beim Bellen zu lassen. – Doch warum soll ich durch dergleichen Reden Euch Eure Zeit rauben? – Lebt wohl, meine Dame! – Seid glücklich, und denkt nicht darum strenger von mir, weil ich auf einige Minuten Eure angenehmen Gedanken durch die aufgedrungene Schilderung meines Unglücks unterbrochen habe.«
»Verweilt, Sir!« sagte Eveline, durch den Ton und die Weise des Bittstellers ergriffen, »Ihr sollt nicht sagen können, daß Ihr Evelinen Berenger Euer Leid geklagt habt, ohne all die Hilfe erlangt zu haben, die in ihrer Gewalt stand. Ich werde dem Connetable Euer Gesuch vortragen.« »Ihr müßt mehr tun, wenn Ihr wirklich mir beizustehen geneigt seid,« sagte Randal de Lacy, »Ihr müßt es zu Eurem eigenen Gesuch machen ... Ihr wißt nicht,« fuhr er fort mit festem, bedeutsamem Blicke, »wie schwer es ist, den Willen eines de Lacy zu ändern. – Ein Jährchen später werdet Ihr wahrscheinlich bessere Bekanntschaft mit der Unerschütterlichkeit unserer Entschließungen gemacht haben. Aber jetzt – was kann Euren Wünschen widerstehen, sobald Ihr sie auszusprechen geruht?«
»Euer Gesuch, Sir, soll nicht aus Mangel meiner Empfehlung durch gute Worte und gute Wünsche fehlschlagen,« entgegnete Eveline; »aber Ihr dürft nicht vergessen, daß Gelingen oder Fehlschlagen einzig vom Connetable abhängt.«
Randal de Lacy beurlaubte sich mit demselben Anschein tiefer Ehrerbietung, mit dem er eingetreten war; nur daß er, statt wie zuvor den Saum von Evelinens Gewand zu küssen, nun ihre Hand mit seinen Lippen berührte. Mit gemischten Empfindungen, in denen jedoch das Mitleid vorherrschte, sah sie ihn gehen, obwohl in seinen Klagen über des Connetables Unfreundlichkeit etwas Beleidigendes lag und das Geständnis seiner Torheiten mehr verwundeten Stolz als Reue auszudrücken schien.
Sobald Eveline den Connetable wiedersah, erzählte sie ihm von Randals Besuch und von seiner Bitte; sie gab dabei auf seine Miene genau acht und bemerkte, daß bei der ersten Erwähnung des Namens seines Vetters Zornesglut sein Gesicht überflog. Doch unterdrückte er den Zorn bald, richtete den Blick auf den Boden, horchte genau auf den umständlichen Bericht Evelinens von diesem Besuch und auf ihre Bitte, daß Randal einer von den zu ihrem Verlöbnis eingeladenen Gästen sein möchte.
Der Connetable schwieg einen Augenblick, als ob er überlegte, wie er diese Bitte abweisen sollte. Endlich antwortete er: »Ihr kennt den nicht, für den Ihr Euch verwendet, sonst würdet Ihr Eure Fürbitte unterlassen haben; ebensowenig ist Euch das volle Gewicht der Gunst selbst bekannt, aber mein verschmitzter Vetter weiß es sehr wohl, daß, wenn ich sie ihm gewähre, ich mich gleichsam noch einmal vor den Augen der Welt verpflichte – und das ist dann schon zum drittenmal, daß ich mich seiner Angelegenheiten annehme und sie so regle, daß er Mittel hat, sein gefallenes Ansehen wieder herzustellen und seine zahllosen Verirrungen wieder gut zu machen.« »Und warum nicht, Mylord?« sagte die großmütige Eveline. »Hat er sich nur durch Torheiten ins Unglück gebracht, so ist er ja jetzt in dem Alter, wo diese ihm nicht mehr Fallen legen werden. Wenn daher nur Herz und Hand gut sind, so kann er doch noch dem Hause de Lacy Ehre machen.«
Der Connetable schüttelte den Kopf und sagte: »Wohl besitzt er Herz und Hand, aber Gott mag wissen, ob zum Guten oder zum Bösen. Doch nie soll es heißen, daß Ihr, meine schöne Eveline, irgend etwas von Hugo de Lacy begehrt hättet, was er nicht auf das möglichste zu erfüllen gesucht hätte. Randal soll bei unseren fiançailles [Verlöbnis] zugegen sein. Zu seiner Gegenwart ist um so mehr Grund, da ich fast fürchte, wir werden die unsers werten Neffen Damian entbehren müssen, dessen Krankheit mehr zu- als abnimmt und, wie ich höre, mit sonderbaren Symptomen ungewohnter Geisteszerrüttungen und heftiger Anwandlungen, denen nie ein Jüngling weniger als er unterworfen war, verbunden sein soll.
Ende des ersten Bandes.
Zweiter Band
Erstes Kapitel
Der Tag der Verlobung nahte nun heran, und es schien, daß weder ihr Stand noch ihre bisherige Lebensweise die Aebtissin davon abhalten konnten, das große Sprechzimmer des Klosters zu dieser Feierlichkeit zu erwählen, obwohl sie natürlich viele männliche Gäste in diesen jungfräulichen Bezirk einführen mußte, ja die Feierlichkeit an sich selbst einem Stande zustrebte, dem die Klosterdamen auf immer entsagt hatten. Der Aebtissin normännischer Stolz auf ihre Geburt und der wahre Anteil, den sie an der Standeserhöhung ihrer Nichte nahm, überwanden aber alle Bedenklichkeiten. Man konnte jetzt die hochwürdige Mutter bei ganz ungewohnten Beschäftigungen erblicken, z. B. wie sie dem Gärtner Befehle erteilte, das Zimmer mit Blumen auszuschmücken, oder der Kellermeisterin, der Vorlegerin und der Laienschwester in der Küche, ein glänzendes Mahl zuzubereiten; doch mischten sich in ihre Befehle über diese weltlichen Dinge gelegentlich Bemerkungen über deren Eitelkeit und Nichtsnutzigkeit; und dann und wann verwandelte sich die sorgenvoll geschäftige Miene, mit der sie diese Vorbereitungen betrachtete, in einen feierlichen Aufblick zum Himmel, wie wenn sie über den eitlen Erdenprunk, mit dessen Veranstaltung sie sich so viel Unruhe schuf, aus tiefstem Herzen seufzen müßte. Zu anderer Zeit wiederum konnte man die würdige Dame in eifriger Beratung mit dem Pater Aldroband finden über das bürgerliche, sowohl wie religiöse Zeremoniell, das bei einem für ihre Familie so wichtigen Feste beobachtet werden mußte.