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Nichtsdestoweniger hielt sie die Zügel der klösterlichen Zucht nach wie vor straff. Der äußere Hof des Klosters war wohl für diese Zeit dem männlichen Geschlecht geöffnet; aber die jüngern Schwestern und Novizen wurden sorgfältig in die inneren Gemächer des weitläufigen Gebäudes verwiesen, wo sie der Kontrolle einer alten mürrischen Nonne, die Novizenmeisterin genannt, unterstellt waren. Dort war es ihnen nicht vergönnt, sich an dem Anblick wallender Federn oder rauschender Mäntel zu weiden, und nur wenige Schwestern von gleichem Alter mit der Aebtissin waren in Freiheit gelassen, weil sie, um mit dem Ladenkaufmann zu reden, eben nur »Ware« waren, der die Luft keinen Schaden zufügte, und die deshalb unbedeckt auf der Ladentafel liegen bleiben könne. Diese Damen »vom alten Register« stellten sich wohl sehr gleichgiltig, waren aber im Grunde recht neugierig und suchten sich insgeheim über Namen, Kleidung und Putz alle nur mögliche Auskunft zu verschaffen, ohne den Anschein wecken zu wollen, als hätten sie irgendwelches Interesse an derlei Nichtigkeiten.

Eine starke Schar von Lanzenträgern bewachte das Kloster und ließ in die heiligen Mauern nur die wenigen Leute mit ihrem Gefolge hinein, die bei der Feierlichkeit gegenwärtig sein sollten. Während man die erstern unter Beobachtung aller Formalitäten in die zu diesem Zweck dekorierten Gemächer führte, erhielt ihr Gefolge, das in dem äußern Hofe zurückbleiben mußte, die kräftigsten Erfrischungen und erfreute sich dabei noch des besonderen Genusses – der ja der dienenden Klasse so überaus angenehm ist – ihre Gebieter und Gebieterinnen auf dem Gange nach ihren Zimmern zu betrachten und zu bekritteln.

Unter den Dienern, die sich hiermit die Zeit vertrieben, war auch der alte Raoul mit seiner munteren Ehehälfte – er fröhlich und sich brüstend in einem neuen Rock von grünem Sammt – sie anmutig und schmuck in einem Mieder von gelber Seide, mit Grauwerk besetzt, das nicht wenig gekostet hatte – beide betrachteten gleich aufmerksam das fröhliche Schauspiel. Im heftigsten Kriege gibt es von Zeit zu Zeit Waffenstillstand, in der rauhesten und ungestümsten Witterung Stunden von Wärme und Ruhe; so war es auch mit dem Ehestandshimmel dieses liebenswürdigen Paares, der gewöhnlich bewölkt war und nun sich auf eine kurze Zeit aufgeheitert hatte. In dem Glanze ihres neuen Anzuges, bei der Fröhlichkeit des Schauspiels um sie her, vielleicht auch nach dem Genuß eines Bechers Muskatwein, den Raoul hinuntergeschüttet, und eines Bechers Hippokras, den seine Frau genippt hatte, erschienen sie sich gegenseitig viel liebenswürdiger, als es sonst der Fall zu sein pflegte. Ein guter Schluck, ein leckerer Bissen sind in solchen Fällen das, was das Oel in einem rostigen Stoffe ist: ein Mittel, die Federn und Riegel glatt zu machen, die sonst entweder ganz und gar nicht ineinandergreifen oder durch Pfeifen und Knarren ihren Widerwillen, sich vereint zu bewegen, ausdrücken. Das Pärchen hatte sich in eine Art von Nische gedrückt, die, drei oder vier Stufen von der Erde hoch, eine kleine steinerne Bank enthielt, von wo herab ihre neugierigen Augen mit aller Gemächlichkeit jeden eintretenden Gast mustern konnten.

Auf diesem Platze und in diesem Augenblick ihrer vorübergehenden Eintracht, stellte Raoul mit seinem frostigen Gesicht nicht ungeschickt den Januar oder, wie man hierzulande sagt, den Jänner vor, den rauhen Vater des Jahres, und wenn auch bei Gillian die Zarte Blüte des jugendlichen Mai vorüber war, so machte doch das schmelzende Feuer eines großen schwarzen Auges, die kräftige Glut der vollen roten Wange sie zu einem lebendigen Bilde des fruchtreichen, fröhlichen August. Dame Gillian pflegte sich dessen zu rühmen, daß sie jedermann von Ramyond Berenger an bis zu Robin, dem Stalljungen, mit ihrem Plaudern gefalle; wie nun eine gute Hausfrau, um ihre Hand in Uebung zu erhalten, sich zuweilen herabläßt, selbst eine Schüssel für den lieben Mann zuzubereiten, so fand sie es jetzt für gut, ihre Macht, zu gefallen, an dem alten Raoul auszuüben, und gar schön gelang es ihr, durch ihre treffenden, lustigen und satirischen Ausfälle nicht allein seinen etwas zynischen Murrsinn gegen alle Menschen, sondern auch sein besonders eigentümliches und abstoßendes Wesen gegen seine Gattin zu überwinden. Ihre Scherze, die ja auch danach waren, und die Koketterie, mit der sie sie vorbrachte, hatten eine solche Wirkung auf diesen Timon der Wälder, daß er seine zynische Nase rümpfte, seine wenigen, einzeln stehenden Zähne zeigte wie ein Kettenhund, der beißen will, und in ein so bellendes Gelächter ausbrach, daß man glaubte, einen seiner Hunde zu hören. Doch er hielt plötzlich inne, als wenn er sich erinnerte, daß er aus seiner Rolle falle; ja ehe er noch seine barsche Ernsthaftigkeit wieder annahm, warf er noch einen solchen Blick auf Gillian, daß seine Nußknackerkinnlade, seine gekniffenen Augen und seine zusammengezogene Nase keine geringe Aehnlichkeit mit einer jener phantastischen Fratzen hatten, wie sie das obere Ende einer alten Baßgeige zieren.

»Ist das nicht besser, als Euer liebendes Weib die Peitsche fühlen zu lassen, als gehörte sie zu Eurem Hundestall?« sagte August zu Jänner.

»Wohl ist es das,« antwortete Jänner in einem eiskalten Tone, »aber so ist es auch besser, als wenn sie sich solche hundsmäßigen Streiche herausnimmt, die eben bloß mit der Peitsche bestraft werden können.«

»Hem!« sagte Gillian in einem Tone, als dächte sie, ihres Mannes Bemerkung lasse sich leicht bestreiten, doch plötzlich den Ton zärtlicher Klage anschlagend, fuhr sie fort: »Ach, Raoul, erinnert Ihr Euch wohl, wie Ihr mich einmal schlugt, weil unser verstorbener Herr – Unsere Frau sei seiner Seele gnädig! – meine karmoisinrote Brustschleife für eine Päonie ansah,« – »Ja, ja,« sagte der Jäger. »Ich erinnere mich wohl, unser guter, alter Herr tat zuweilen solche Mißgriffe.« – Aber wie konntest Du nur, teuerster Raoul, das Weib Deines Herzens so lange ohne Mieder lassen?« sagte seine Ehehälfte. – »Wie Du hast ja eins von unserer jungen Lady erhalten, das eine Gräfin tragen könnte?« sagte Raoul. »Wie viele Mieder willst Du denn haben? Nun gut! es ist hart, daß ein Mann nicht ein einzigesmal bei guter Laune sein kann, ohne gleich dafür zahlen zu müssen. Doch Du sollst ein neues Mieder zu Michaelis haben, wenn ich die Wildbeute dieses Jahres verkaufe. Schon das Gehörn soll heuer ein gutes Stück Geld einbringen.« – »Ja, ja,« sagte Gillian, »auf einem guten Markt sind die Hörner immer soviel wert wie die Haut.«

Raoul drehte sich schnell herum, als hätte ihn eine Wespe gestochen. Man weiß nicht, was seine Antwort auf diese scheinbar unschuldige Bemerkung gewesen wäre, wenn nicht in eben dem Augenblick ein stattlicher Reiter in den Hof gesprengt wäre, der abstieg und sein Pferd einem Stallmeister übergab. Sein Anzug blitzte von Stickerei. –